Mercedes schlägt Ferrari

Reifen-Vorteil für die Silberpfeile?

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Spanien - Barcelona - 12. Mai 2018 Foto: Wilhelm 68 Bilder

Nach drei Trainingsniederlagen in Folge brachte Mercedes zwei Autos in die erste Startreihe. Zum ersten Mal in diesem Jahr. Die Konkurrenz schob es auf die dünneren Reifen von Pirelli. Das ist aber nur ein kleiner Puzzlestein.

Die ersten zwei K.O.-Runden in der Qualifikation zum GP Spanien liefen wie immer ab. Ferrari dominierte die wilde Jagd um die Bestzeit. Doch dann zauberten die Mercedes-Piloten plötzlich zwei Rundenzeiten auf die Bahn, an denen sich Ferrari die Zähne ausbiss. Der runderneuerte Red Bull erst recht. Lewis Hamilton und Valtteri Bottas fuhren ihre schnellsten Trainingsrunden auf Supersoft-Reifen. Sebastian Vettel, Kimi Räikkönen und Max Verstappen wählten den Soft-Reifen. Unterschied: 0,132 Sekunden. Alles klar, werden Sie sagen. Supersoft gegen Soft, da konnten Ferrari und Red Bull keine Chancen haben.

Gar nichts ist klar. Die drei Reifenmischungen im Angebot lagen so eng zusammen wie noch nie. Einige Autos waren auf den härteren Reifen schneller als auf den weichen. Was auch eine Folge davon war, dass Pirelli die Lauffläche um 0,4 Millimeter abgeschrubbt hat. „Weniger Gummi, weniger Bewegung, damit kühlere Reifentemperaturen. Deshalb sind die Reifen härter, obwohl sie eigentlich weicher sein sollten“, erklärte Sebastian Vettel.

Alles verstanden? Pirellis dünnere Sohlen stellten die Teams vor eine Aufgabe, die kaum einer zufriedenstellend lösen konnte. Die Reifentemperaturen sanken um 7 bis 8 Grad, es tritt kaum noch Reifenabnutzung auf, das Arbeitsfenster schrumpfte zu einem winzigen Spalt. „Kleiner als je zuvor“, maulte Lewis Hamilton. Die Chance, drunter oder drüber zu liegen, war riesengroß.

Soft-Reifen hilft Ferrari und Red Bull in Sektor 3

Lewis Hamilton - GP Spanien 2018 Ergebnis GP Spanien (Rennen) Mercedes feiert Doppelsieg

Die Reifenmodifikation stellte alles auf den Kopf. Am Freitag bei Asphalttemperaturen von 36 Grad kamen die Red Bull am besten mit den Supersoft-Reifen zurecht. Dann Ferrari, dann Mercedes. Einen Tag später, bei nur noch 27 Grad auf dem Asphalt, war es umgekehrt. Plötzlich traf Mercedes punktgenau das Reifenfenster der heiklen Supersoft-Gummis, und die Konkurrenz musste auf die härtere Reifenmischung ausweichen.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff erklärte, welche Überlegungen in die Wahl auf Supersoft einbezogen wurden. „Wir wussten, dass uns der Supersoft-Reifen im letzten Sektor überhitzen würde. Deshalb mussten wir abwägen, ob wir in den ersten zwei Sektoren genug von der weicheren Mischung profitieren. Für uns ist es aufgegangen. Die anderen Teams kamen offenbar mit dem Soft-Reifen besser zurecht.“

Die Sektorzeiten zeigen, was Wolff meint. Hier ein Vergleich der sechs schnellsten Autos. Im ersten Abschnitt sind die Mercedes und Ferrari praktisch gleich schnell. Im zweiten mit sechs Kurven nimmt Hamilton dem Ferrari von Vettel 2 Zehntel ab. Dafür verliert der Trainingsschnellste in Sektor 3 mit seinen engen Kurven 0,127 Sekunden auf seinen WM-Kontrahenten.

Sektorvergleich Qualifikation GP Spanien

Fahrer Sektor 1 Sektor 2 Sektor 3
Hamilton 21,525 s (P1) 28,216 s (P1) 26,326 s (P5)
Bottas 21,528 s (P2) 28,366 s (P2) 26,319 s (P4)
Vettel 21,551 s (P3) 28,555 s (P3) 26,199 s (P2)
Räikkönen 21,697 s (P4) 28,561 s (P4) 26,340 s (P6)
Verstappen 21,900 s (P8) 28,609 s (P5) 26,307 s (P3)
Ricciardo 21,819 s (P5) 28,687 s (P6) 26,159 s (P1)

Dünnere Reifen – eine Lex Mercedes?

Vettel führte das Trainingsergebnis hauptsächlich auf die große Reifenlotterie zurück. „Das Auto ging gut. Im ersten Versuch im Q3 haben in Kurve 1 beim Bremsen die Räder blockiert. Ich hatte aber auf den Supersoft-Reifen auch kein besonders gutes Gefühl. Deshalb sind wir im zweiten Anlauf auf die Soft-Reifen gegangen. Da ging das Auto viel besser. Erklären können wir es uns jedoch nicht.“

Den WM-Zweiten nervt die Abhängigkeit von Pirellis launischen Gummiwalzen: „Wenn du bedenkst, wie viel Arbeit in das Auto gesteckt wird, um es schneller zu machen, und dann entscheidet doch nur, ob du den Reifen zum Arbeiten bringst oder nicht, dann ist das schwer zu verstehen. Mercedes hatte seine Probleme damit in China. Wir haben sie hier.“ Hamilton assistierte: „Irgendwie fühlen sich die Reifen hier härter an. Aber fragen sie mich nicht, warum die Reifen für uns in Melbourne und hier gearbeitet haben und in den Rennen dazwischen nicht.“

Bei so vielen Fragezeichen zählt jede Runde, die Fahrern und Ingenieuren ein Gefühl dafür gibt, wie die Reifen reagieren. Kimi Räikkönen und Max Verstappen verloren wegen Motorproblemen viel Zeit. Und damit auch die ein oder andere Information beim Feintuning ihrer Autos. „Ich hätte mehr Runden gebraucht, um aus den Reifen mehr rauszuholen. Weil ich am Freitag keinen Longrun gefahren bin, wird das Rennen für mich eine Fahrt ins Ungewisse“, fürchtet Räikkönen.

Landsmann Valtteri Bottas dagegen war trotz Platz 2 zufrieden. Ihm fehlten nur vier Hundertstel auf Teamkapitän Hamilton. Damit setzt sich die gute Serie für den Finnen fort. „Valtteri war wieder extrem stark“, nickte Hamilton anerkennend.

Unterschwellig ließen die Gegner von Mercedes durchblicken, Pirellis Maßnahme die Lauffläche in Barcelona, Paul Ricard und Silverstone zu reduzieren, sei eine Lex Mercedes. Wolff ärgert das: „Das ist mit Verlaub gesagt Blödsinn. Alle Teams haben bei den Wintertestfahrten Erfahrungen mit Blasenbildung gemacht. So hätte keiner das Rennen zu Ende fahren können. Damals herrschten im Vergleich zu heute arktische Temperaturen. Aus diesem Grund hat Pirelli die Lauffläche dünner gemacht. Mit Erfolg. Ich habe hier keine Blasenbildung beobachtet.“ Und dann feuert der Österreicher noch eine Breitseite in Richtung der Unruhestifter ab: „Wenn es bei uns mal nicht läuft, fassen wir uns an unserer eigenen Nase und suchen nicht die Fehler bei anderen.“

Der Vorteil der Pole Position

Daniel Ricciardo - Red Bull - Formel 1 - GP Spanien - Barcelona - 11. Mai 2018 Trainingsanalyse GP Spanien Red Bull-Upgrade bringt halbe Sekunde

Zu sagen, die dünneren Reifen würden Mercedes schneller machen, geht natürlich einen Schritt zu weit. Aber man muss auch zugeben, dass die Maßnahme Mercedes eher hilft. Im Rennen mehr als im Training. Weil die Reifen generell weniger Tendenz zum Überhitzen zeigen. Und das kann unter bestimmten Umständen ein Problem für die Silberpfeile werden. Je dicker die Lauffläche, desto mehr. Die starke Form der Mercedes in Barcelona hat viele Gründe. Nicht nur das beste Reifenmanagement.

Die aerodynamische Effizienz des F1W09 ist für diesen Typ Strecke ideal. Auf dieser Strecke haben die Ingenieure nach acht Tagen Wintertest genügend Daten gesammelt, um die Autos abzustimmen. Zum ersten Mal seit Melbourne waren Hamilton und Bottas wieder von der ersten Runde an schnell. Das Aero-Paket hat rund ein Zehntel gebracht. Das von Ferrari auch. „Da haben wir uns neutralisiert“, geben die Ingenieure zu. Red Bull hat aufgeholt, aber nicht genug. „Ein Fortschritt von einer halben Sekunde ist in der heutigen Formel 1 utopisch“, winkt Wolff ab.

Die 74. Pole Position von Lewis Hamilton war eine seiner wichtigsten. Weil die Reifensituation im Rennen wenig Spielraum zu Taktikspielchen gibt. Neun Fahrer aus den Top Ten starten mit den Soft-Reifen und werden den zweiten Stint auf Medium-Gummis abspulen. Da kommt nur bei einem unverhofften Safety-Car Bewegung ins Spiel.

Vettel ist trotzdem zuversichtlich: „Der dritte Startplatz ist bei dem langen Anlauf in die erste Kurve nicht so schlecht. Wenn beim Start nichts geht, spielen später vielleicht die Reifen eine entscheidende Rolle. Es ist ein anspruchsvolles Rennen für die Reifen.“

Erinnerungen ans letzte Jahr werden wach. Da hat Vettel den 740 Meter langen Spurt dazu genutzt, von Platz 2 aus an Hamilton vorbeizuziehen. Danach wiederum hat Mercedes mit einer antizyklischen Reifenwahl das Ruder noch herumgerissen. Überholen ist in Barcelona nicht mehr unmöglich, seit es eine längere DRS-Zone gibt. 2017 wurden immerhin 18 Überholmanöver gezählt. Darunter auch das entscheidende um den Sieg.

Neues Heft
Top Aktuell Chase Carey - Toto Wolff - Lewis Hamilton - Jean Todt - FIA - Preisverleihung - St. Petersburg FIA-Preisverleihungsgala WM-Pokale für die Sieger
Beliebte Artikel Ferrari-Spiegel - GP Monaco 2018 Ferrari-Umbau für Monaco Halo-Spiegel jetzt ohne Finne Lewis Hamilton - GP Spanien 2018 Ergebnis GP Spanien (Rennen) Mercedes feiert Doppelsieg
Anzeige
Sportwagen Lexus RC F Track Edition Lexus RC F Track Edition (2019) Mit 500 PS auf die Piste McLaren 720S Spider McLaren 720S Spider Supersportwagen als Cabrio
Allrad Audi SQ5 3.0 TFSI Quattro, Exterieur, Heck SUV Neuzulassungen November 2018 Audi und Porsche unter Druck Erlkönig Land Rover Defender 110 Erlkönig Land Rover Defender (2020) Der Landy kehrt zurück!
Oldtimer & Youngtimer Aston Martin Heritage EV Concept Aston Martin Heritage EV Concept Elektroantrieb für Klassiker BMW 507 Graf Goertz Die teuersten Promi-Autos 2018 2,6 Millionen für Goertz-507