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Mercedes-Problem: Warum schwach auf Stadtkursen?

Mercedes schwächelt auf Stadtkursen Anstellwinkel ist nicht schuld

GP Monaco

Mercedes ist überzeugt, dass der W12 in Frankreich wieder zu alter Stärke zurückfindet. Trotzdem würde man in Brackley gerne wissen, warum die Silberpfeile auf den Stadtkursen von Monte Carlo und Baku so gestrauchelt sind. Der Weltmeister begibt sich auf Fehlersuche.

Das kam in den 144 Rennen der Hybrid-Ära noch nie vor. Die dritte Doppelnull für Mercedes nach Spanien 2016 und Österreich 2018, aber die erste mit beiden Autos im Ziel. Das zweite Rennen hintereinander, in dem nur ein Auto auf Speed kam, in Summe aber langsamer war als die schnellste Kombination im Feld. Und einigermaßen ratlose Ingenieure und Fahrer, die sich diese Diskrepanz und die Probleme, die dazu führten, nicht erklären konnten.

Es war ja nicht alles schlecht in Monte Carlo und Baku. Valtteri Bottas hätte im Fürstentum auf die Pole Position fahren können, und er wäre sicherer Zweiter geworden, hätte sich beim Boxenstopp das rechte Vorderrad in normaler Geschwindigkeit wechseln lassen können.

Lewis Hamilton stand in Baku auf dem zweiten Startplatz vor seinem WM-Gegner Max Verstappen, und er hätte das Rennen vermutlich gewonnen, wäre ihm im Kampfgetümmel des Re-Starts nicht die Hand über den "Brake Magic"-Knopf gerutscht, der ihm vorher noch geholfen hatte, die Vorderreifen auf Temperatur zu bringen.

Warum war nur ein Fahrer schnell?

Für ein Team wie Mercedes war das aber nicht genug. Bei Licht betrachtet hatte Red Bull auf beiden Stadtkursen auf eine Runde und über die Renndistanz das schnellere Auto. Und in Monte Carlo war Mercedes sogar nur dritte Kraft hinter Ferrari. Obwohl beide Strecken vom Layout total verschieden sind, stolperte Mercedes über die gleichen Probleme. Am Samstag wollten die Vorderreifen nicht schnell genug auf Temperatur kommen, und am Sonntag bauten sie zu schnell ab.

Beide Male investierten Ingenieure und Fahrer drei Trainingssitzungen, um sich aus dem Nirgendwo doch noch in die Lage zu versetzen, in die vorderen Startreihen zu fahren. Nach dem jeweils ersten Trainingstag schien selbst das unmöglich. Der Groschen fiel immer erst kurz vor Ende des dritten Trainings. Plötzlich meldete einer der beiden Fahrer am Funk: "Ich spüre Grip." Der andere blieb in seinem Teufelskreis gefangen: Kein Grip, kein Vertrauen, keine Rundenzeit. Trotz nahezu ähnlicher Fahrzeugabstimmung.

Warum in Monte Carlo ausgerechnet Bottas die Wende schaffte und in Baku Hamilton gehört zu den vielen Rätseln, die man in Brackley bis zum GP Frankreich lösen will. Klar ist nur, was passiert, wenn ein Fahrer nicht aus diesem Irrgarten findet. Technikchef Mike Elliott erklärt: "Wenn du die nötige Temperatur in die Reifen bekommst, kannst du ein kleines bisschen schneller in die Kurve fahren, was wieder mehr Hitze generiert und dich wieder schneller macht. Es ist eine positive Spirale."

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Freitag - 4.6.2021
Wilhelm
Valtteri Bottas war in Baku mit einem größeren Heckflügel als Hamilton unterwegs, brachte aber auch mit mehr Abtrieb die Reifen nicht auf Temperatur.

Grip bedeutet auch Vertrauen, was auf einem Stadtkurs wichtiger ist als anderswo. Bottas erzählte, dass er in seinen Qualifikationsrunden am absoluten Limit war und jeder Versuch ein bisschen schneller zu fahren in der Mauer geendet hätte, wie bei so vielen anderen.

Deshalb ließ ihn Mercedes auch mit dem Flügel für mehr Abtrieb fahren, obwohl der in den Simulationen auf den Geraden 4,5 km/h und in der Rundenzeit ein Zehntel gekostet hat. "Wenn es einem Fahrer schon so schlecht geht, dann gibst du ihm das Setup, das ihm noch am meisten Vertrauen einflößt. Auch wenn es auf dem Papier langsamer ist", begründet Elliott den Schritt.

Daten erklären nicht die Wirklichkeit

Hamiltons Auferstehung zehn Minuten vor Ende des dritten Trainings hatte jedenfalls nichts mit dem kleineren Heckflügel zu tun. "Wir wissen bis heute nicht, warum es plötzlich im letzten FP3-Versuch besser ging. Wir haben ungefähr 52 Dinge am Auto geändert. Alle haben irgendwie zusammengespielt, dass es dazu kam, dass Lewis plötzlich Vertrauen in sein Auto hatte. Die Tatsache, dass wir nur ein Auto so hingekriegt haben zeigt, dass wir nicht wissen, was wir richtig gemacht haben", gaben die Ingenieure vor Ort nach dem Rennen zu.

Die Datenanalyse daheim in der Fabrik muss nun ausfiltern, ob es nicht doch noch den entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Autos gab. Positive Erkenntnis "In gewisser Weise hilft es uns, dass ein Auto gut und das andere schlecht war. Wir haben etwas zu vergleichen."

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Aserbaidschan 2021
Mercedes
Hamilton fand erst im dritten Training etwas Grip, das ihm dann im Qualifying in Startreihe 1 brachte.

Ärgerlich war, dass man an beiden Rennwochenenden nicht früher diesen Moment der Erleuchtung hatte. "Wäre uns das schon am Ende von FP1 passiert, hätte wir am Sonntag zwei bessere Autos gehabt", räumen die Ingenieure ein.

Der Hauptgrund für die Schwierigkeiten war bei beiden Rennen ganz offensichtlich das Problem, die Vorderreifen schnell genug in ihr Fenster zu bringen. Für Verwirrung sorgte, dass die Daten die enttäuschen Rundenzeiten nicht so wirklich erklären konnten. "Wir waren von den Temperaturen nicht meilenweit weg. Eine Sekunde Rückstand lässt das vermuten, aber das gaben die Daten nicht her."

Notlösung am Samstag kostet am Sonntag

In Baku wollten die Ingenieure nicht den gleichen Fehler machen wie in Monte Carlo. Da wurde das Auto am Ende so radikal eingestellt, dass es Reifentemperaturen erzeugen musste. Es war klar, dass man am Sonntag mit höherem Reifenverschleiß dafür bezahlen würde.

Doch auf einer Strecke, auf der man nicht überholen kann, kann man damit leben, solange der Fahrer vorne startet. Für Hamilton auf dem 7. Platz war der hohe Reifenverschleiß am Sonntag ein Klotz am Bein, weil er taktisch zum Undercut gezwungen wurde, der in Monte Carlo die schlechtere Option war.

In Baku mit seiner 1,9 Kilometer langen Zielgerade konnte Mercedes dieses Spiel nicht spielen. Wären die Reifen derart eingebrochen wie in Monte Carlo, wären die Fahrer Freiwild gewesen. Und trotzdem hat sich die zum Schluss gewählte Abstimmung im Rennen ausgewirkt. Am Mercedes von Hamilton bauten die Reifen schneller ab als am Red Bull.

Das war in den ersten vier Rennen noch umgekehrt. "Der frühere Boxenstopp hat sich für uns nicht ausgezahlt, weil wir zu langsam waren", gibt Elliott zu. "Der weiche Reifen hat sich zu stark abgenutzt und auf dem harten hat es zu lange gedauert, bis wir auf Speed kamen.”

Lewis Hamilton - GP Monaco 2021
Wilhelm
Schon in Monaco strauchelte Mercedes mit zu niedrigen Reifentemperaturen.

Kein Auto für Stadtkurse?

Man könnte sich die Aufgabe einfach machen und die These aufstellen, dass der Mercedes W12 mit seinem langen Radstand und seiner moderaten Anstellung für Stadtkurse einfach nicht geeignet ist. Aber Mercedes hat diese beiden Rennen auch schon gewonnen, und da war das Auto auch lang und die Bodenfreiheit hinten auch niedrig.

Der lange Radstand ist in engen Kurven sicher nicht sonderlich hilfreich, doch mit genug Temperatur in allen vier Reifen hätte es trotzdem gereicht. Die flache Anstellung des Autos ist jedenfalls keine gute Ausrede, meinen die Ingenieure: "Aston Martin fährt mit dem gleichen Konzept und war zwei Mal gut, sogar deutlich besser als sonst. Wir sind das einzige Team, das sich rückwärts bewegt hat. Was uns auch wieder bei der Analyse helfen sollte."

Generell lässt sich sagen, dass der Mercedes W12 ein Auto ist, das in einem kleineren Abstimmungsfenster funktioniert als seine Vorgänger. Und sicher auch kleiner als das des Red Bull. Das hatte sich bereits bei den Testfahrten gezeigt. Schuld daran ist vermutlich eine Kombination aus den Auswirkungen der 2021er Aerodynamikregeln und der neuen Konstruktion der Reifen.

Auf einer normalen Rennstrecke fällt es Mercedes leichter, das magische Fenster zu treffen. Da gibt es genug Kurven mit längeren Radien, um auf natürlichem Weg innen wie außen Hitze in die Reifen zu bekommen. Auf Stadtkursen mit hauptsächlich eckigen Kurven muss man mit dem Setup nachhelfen. Und da hat der mehr Probleme, der ein kleineres Fenster treffen muss.

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