Mercedes sieben Zehntel vorn

Hamilton demütigt Ferrari und Red Bull

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Australien 2018 - Melbourne - Qualifying Foto: sutton-images.com 41 Bilder

Die erste Qualifikation des Jahres geht an Lewis Hamilton. Und an Mercedes. Der Vorsprung des Weltmeisters auf Ferrari und Red Bull war so groß, wie man befürchtet hat. Es gibt aber unterschiedliche Interpretationen, wie Hamilton in seinem letzten Quali-Versuch plötzlich sieben Zehntel aus dem Hut zauberte.

Das war die befürchtete Ohrfeige für die Konkurrenz. Zwei Tage lang lebte die Formel 1-Welt in der Hoffnung, dass es an der Spitze zu einem spannenden Dreikampf zwischen Mercedes, Ferrari und Red Bull kommen könnte. Und dass die Hochrechnungen nach den Testfahrten von Barcelona vielleicht doch nur eine Momentaufnahme für eine ganz bestimmte Strecke mit einem neuen, einzigartigen Asphalt gewesen sein mögen. Es gab in den drei freien Trainingssitzungen genügend Anzeichen dafür, dass das Feld enger zusammenrückt ist, als es uns Barcelona glauben ließ. Ja sogar fünf Sechstel der Qualifikation haben diesen Eindruck erweckt.

Q1 ging mit 0,272 Sekunden Vorsprung auf Kimi Räikkönen an Hamilton. Kein Weltuntergang. Im Q2 hatte Sebastian Vettel die Nase vorn. Sein Vorsprung auf die Mercedes: 0,106 Sekunden. Und auch im ersten Versuch im Q3 deutete nichts auf einen Spaziergang für Hamilton hin. Der Engländer hatte mit 1.22,051 Minuten zwar die Führung übernommen, doch Sebastian Vettel lag nur 34 Tausendstel zurück, und auch Max Verstappen war mit einem Rückstand von 0,061 Sekunden in Reichweite.

Doch dann wurde der GP-Gemeinde um 18:10 Uhr Ortszeit jede Illusion genommen, Mercedes könnte ernsthafte Konkurrenz bekommen. Lewis Hamilton unterbot mit einer Traumzeit von 1.21,164 Minuten seine letztjährige Pole Position um eine Sekunde und ließ die direkten Gegner wie Statisten aussehen. Räikkönen fehlten 0,664 Sekunden auf den Mercedes, bei Verstappen waren es 0,715 Sekunden. Auch wenn man bei dem Holländer noch zwei Zehntel für einen Fehler in Kurve 13 abzieht, sieht das Bild nur unwesentlich freundlicher aus. Vettel ließ ebenfalls eineinhalb Zehntelsekunden in der mittelschnellen Rechtskurve liegen. Das hätte seinen Rückstand auf eine halbe Sekunde reduziert „Wir fahren in der normalen Formel 1. Mercedes ist in einer anderen Welt“, urteilte Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko frustriert. Vettel sieht es nicht ganz so dramatisch: „Ich sehe den Unterschied bei vier Zehnteln.“

Gibt es den ominösen Party-Modus?

Es kursieren verschiedene Versionen darüber, wie Hamilton eine Sekunde zu seinem ersten Versuch einfach so aus dem Hut zaubern konnte. Red Bull schob ihn voll auf den Motorfaktor, der nach ihrer Meinung mindestens eine halbe Sekunde mobilisiert. Auch Vettel sprach den „Party-Modus“ an, den sich Hamilton schon am Freitag am Funk gewünscht hatte. Nach der Qualifikation wollte Hamilton nichts von dem mysteriösen Power-Knopf wissen. „Es gibt keinen Party-Modus“, sagte der Champion an Vettel gerichtet. „Ich bin ab dem Q2 bis zum Q3 den gleichen Modus gefahren.“ Intern wird der „Strat 3“ genannt.

Niki Lauda bezeichnet die Angaben der Konkurrenz über das Ausmaß des Nachbrenners als stark überzogen. „Wir gewinnen ein Zehntel, mehr nicht.“ Das läge im gleichen Bereich wie Ferraris Quali-Modus. Auf die Frage, wie viel Extraleistung Renault in der höchsten Power-Stufe mobilisiert, heißt es bei Red Bull: „Zwei Hundertstel.“ Marko unterstellt Mercedes, mit den Gegnern nur gespielt zu haben: „Die haben in der letzten Runde demonstriert, dass sie uns alle in den letzten Wochen nur auf den Arm genommen haben. Wenn Herr Wolff sagt, dass Ferrari den stärksten Motor hat, kann ich nur lachen. Ferrari ist heute hoffentlich auf die Welt gekommen. Mercedes hat endlich mal die Hosen runtergelassen. Wahrscheinlich aus Versehen.“

Lewis Hamilton - Mercedes - Qualifying - GP Australien 2018 - Melbourne Foto: sutton-images.com
Lewis Hamilton war im Qualifying zum GP Australien deutlich überlegen.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff schreibt die Explosion am Ende des Trainings hauptsächlich seinem Fahrer zu: „Wenn wir alle Rundenzeiten über das Wochenende vergleichen, dann waren Ferrari und Red Bull immer nah dran. Es sticht nur diese eine Runde heraus. Lewis hat sie perfekt hingebracht. Er hatte die Reifen genau auf dem Punkt im Fenster. Wir haben ein Gripniveau gesehen, das wir nie für möglich gehalten hätten.“ Vettel hält diese Theorie für realistisch: „Es gibt solche Runden, wo du die Reifen so im Fenster hast, dass sie überall optimal Grip haben.“ Red Bull-Technikchef Adrian Newey schüttelt den Kopf: „Wir sind in den Kurven so schnell wie Mercedes. Obwohl die mit Schaufeln im Heck fahren. Trotzdem verlieren wir durchgehend 8 km/h auf den Geraden.“ Nach Neweys Theorie müsste sich Ferrari echt Sorgen machen. Die roten Autos waren auf den Geraden so schnell wie Mercedes. Das heißt, sie verlieren alle Zeit in den Kurven.

Hamilton Geheimnis der Aufwärmrunde

Ein Punkt wurde von den Analysten vergessen, wenn sie Hamiltons Steigerung in seiner letzten Runde erklären sollen. Der Engländer musste den ersten Versuch im Q3 mit einem stark angefahrenen Reifensatz bestreiten. Hamilton war schon im zweiten Sektor, als er wegen des Unfalls von Teamkollege Valtteri Bottas zurückgepfiffen wurde. Alle anderen konnten viel früher Tempo rausnehmen und hatten deshalb im ersten Q3-Versuch vergleichsweise intaktere Reifen am Auto. Hamilton ließ sich nach dem Crash von Bottas in Kurve 2 beim ersten Mal an dieser Stelle etwas mehr Luft nach oben. Auch das mag ein Grund gewesen sein, warum er im ersten Anlauf unter seinem Möglichkeiten blieb, trotzdem aber Bestzeit markierte.

Der Zustand der Reifen spielte laut Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin eine ganz entscheidende Rolle für die Rundenzeit. „Das Arbeitsfenster ist in diesem Jahr wieder kleiner geworden. Es ist schwieriger, die Reifen ins Fenster zu bringen, und sie fallen oben schneller wieder raus. Hier in Melbourne speziell die Hinterreifen. Tendenziell sind die Reifen im ersten Sektor zu kalt und im letzten zu heiß. Lewis hat sie so gut vorbereitet, dass er in allen drei Sektoren gut im Fenster war.“

Beim Vergleich der Aufwärmrunde fällt auf, dass Vettel sie um sieben Sekunden schneller fuhr als Hamilton. Und im ersten Sektor gleich einmal drei Zehntel auf den Engländer verlor. Den Großteil davon holte Hamilton schon in der ersten Kurve. Keiner war dort schneller als er. „Wir dachten Lewis kriegt die Kurve nie, so schnell wie er da reingefahren ist“, wunderte sich Wolff. Niki Lauda schob das Geheimnis der Hamilton-Runde sogar hauptsächlich der Reifen-Präparation für die entscheidende Runde zu: „Unglaublich, wie der Lewis die Reifen ins Fenster gebracht und dann dort drin gehalten hat.“

Weil die Argumente hin und herflogen, machen wir uns mal die Mühe, die Topspeeds und Sektorzeiten zu analysieren. Zur Erinnerung Sektor 1 ist der Power-Abschnitt. Er besteht aus den beiden DRS-Geraden, der Schikane nach Start und Ziel und zwei langsamen Kurven. Über die Qualität des Chassis sagt am meisten der letzte Abschnitt mit sechs Kurven aller Radien aus. Hier der Vergleich:

Vergleich zwischen Hamilton, Vettel & Verstappen

Fahrer Topspeed Speed Zielstrich S1 S2 S3
Hamilton 318,7 km/h 305,1 km/h 26,698 s 22,066 s 32,400 s
Vettel 320,5 km/h 307,5 km/h 27,018 s 22,129 s 32,691 s
Verstappen 312,5 km/h 301,0 km/h 26,971 s 22,241 s 32,563 s

Die Geschwindigkeiten auf der Gerade zeigen, dass sich Ferrari vor Mercedes nicht fürchten muss. Red Bull hinkt weit zurück, was Mercedes auf den hohen Luftwiderstand wegen des starken Anstellwinkels der RB14 schiebt. Die klare Bestzeit in Sektor 1 ist ein Mix aus gutem Topspeed und Hamiltons Gottvertrauen in sein Auto und den Grip der Reifen zu Beginn der Runde. Im dritten Sektor liegen Mercedes und Red Bull gleichauf, wenn wir bei Verstappen die zwei Zehntel für den Fehler mal abziehen. Ferrari fehlen dort drei Zehntel, und das geht entweder auf das Konto der Aerodynamik oder zu heißer Reifen.

Die Ferrari-Piloten saßen trotz der Startplätze 2 und 3 mit langen Gesichtern bei der Pressekonferenz. Sie wissen, dass der Vorsprung von Mercedes eigentlich schon wieder zu groß ist, und dass Red Bull genauso gut vor ihnen hätte stehen können. „Der Abstand ist zu groß. Wir müssen noch ein paar Hausaufgaben machen“, gab Vettel zu. Seine Hoffnungen liegt auf dem Rennen. „Wir haben es in den letzten drei Jahren gesehen, dass wir am Sonntag immer näher an Mercedes dran sind als am Samstag.“

Ist diese Hoffnung auch diesmal berechtigt? „Bei den Rennsimulationen am Samstag lagen wir eng zusammen“, rechnet Vettel vor. Mercedes erkannte auf seinem GPS jedoch, dass Ferrari in seinen Logruns viel weniger Benzinsparen simuliert hat als man selbst. Die Erfahrung zeigt, dass es normalerweise eher umgekehrt sein müsste. Ein solches Bild würde auch den Rennsimulationen bei den Barcelona-Tests widersprechen. „Wenn die im Rennen genauso fahren, hätten wir ein Problem“, räumt Shovlin ein. So recht daran glauben wollte der Mercedes-Ingenieur nicht. Anders bei der alternativen Reifentaktik von Red Bull: „Die sind mit einem Start auf Supersoft-Reifen flexibler als wir, weil sie es sich aussuchen können, ob sie den zweiten Stint mit Ultrasoft oder Soft fahren. Ferrari und wir sind bei normalem Rennverlauf fast dazu gezwungen, auf Soft-Reifen zu wechseln. Es wird für uns schwer, den ersten Stint lang genug auszudehnen, um dann einen Ultrasoft zu riskieren.“ Die Frage ist, ob so ein Reifenvorteil hilft. Überholen ist in Melbourne fast unmöglich.

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