Spionage in Mercedes-Motorenabteilung?

Keine Vorwürfe an Ferrari

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Abu Dhabi 2015 Foto: Reinhard 28 Bilder

Mercedes strebt vor einem englischen Gericht ein Arbeitsverbot für einen seiner Motoreningenieure an. Der Mitarbeiter soll unerlaubt sensible Motorendaten entwendet haben und auf dem Sprung zu Ferrari gewesen sein. In einem Statement, das Mercedes am 15.12.2015 veröffentlichte, nimmt das Team Ferrari in Schutz: "Die Untersuchung hat keinen Grund geliefert, zu glauben, dass Informationen an Ferrari gelangt sind."

Der Fall wurde erst am Montag (8.12.2015) bekannt: Mercedes AMG High Performance Powertrains, die F1-Motorenschmiede von Mercedes, hat am 19. Oktober vor dem Obersten Zivilgericht in London Klage gegen einen scheidenden Mitarbeiter eingereicht. Der Grund: Ingenieur Benjamin Hoyle soll vertrauliche Dokumente entwendet haben. Womöglich mit der Absicht, diese zu Ferrari mitzunehmen, wie Mercedes fürchtete.

Mercedes will "geistiges Eigentum" schützen

"Es wird ein Gerichtsverfahren zwischen Mercedes AMG High Performance Powertrains und einem Mitarbeiter geführt", bestätigte Mercedes gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Das Unternehmen hat diese angebrachten Schritte unternommen, um sein geistiges Eigentum zu schützen."

Konkret wirft Mercedes Hoyle vor, dass er nach Dokumenten gesucht und diese gespeichert habe - darunter ein Rennbericht vom GP Ungarn 2015 sowie Laufleistungs- und Schadensaufzeichnungen von Mercedes-F1-Motoren. Darüber hinaus soll der Ingenieur Dokumente in seinen Besitz gebracht haben, die einen Code enthalten, um weitere Dateien zu entschlüsseln. Hoyle habe kalkuliert gehandelt, um die Vertrauensbeziehung zwischen ihm und Mercedes zu zerstören oder ernsthaft zu schädigen, heißt es in den von Mercedes eingereichten Gerichtspapieren. Die betroffenen Dateien habe der Ingenieur mittlerweile gelöscht, um sein Handeln zu vertuschen.

Gemäß der Gerichtsdokumente arbeitet Hoyle seit 2012 als einer von vier Teamführern in der Mercedes-Performance-Sparte. Bereits im Mai 2014 soll er dem Team mitgeteilt haben, dass er seinen Vertrag, der im Dezember diesen Jahres ausläuft, nicht verlängern werde. Schon kurz nach der Ankündigung will Mercedes davon erfahren haben, dass Hoyle einen Wechsel zu Ferrari anstrebe.

Angestrebtes Arbeitsverbot für Hoyle

Daraufhin habe man ihn von seinen Tätigkeiten abgezogen und ihm andere Aufgaben aufgetragen, die nichts mit der Formel 1 zu tun hätten. Außerdem ließ Mercedes die Daten von Hoyles Arbeitsrechner entfernen und gab ihm eine neue E-Mail-Adresse. Trotz aller Maßnahmen habe sich der Ingenieur unerlaubt Zugang zu den pikanten Dokumenten verschafft. “Herr Hoyle und möglicherweise auch Ferrari haben einen unrechtmäßigen Vorteil erlangt“, fürchtet Mercedes.

Ein Ferrari-Sprecher gab gegenüber Bloomberg zu, dass es Gespräche mit Hoyle über eine Beschäftigung gegeben, er jedoch keinen Vertrag unterschrieben habe. In absehbarer Zukunft werde Hoyle auch nicht zu den Italienern stoßen. Mit seiner Klage strebt Mercedes jedenfalls ein Arbeitsverbot für den Ingenieur an. Hoyle soll nicht vor Ende 2016 für ein anderes F1-Team arbeiten dürfen.

Kein Vorwurf an Ferrari

Am Dienstag, 15.12.2015, veröffentlichte das Mercedes F1 Team auf seiner Internetseite eine Klarstellung. Darin geht hervor, dass der Weltmeister seinem Konkurrenten Ferrari kein Vergehen vorwirft: "Mercedes wird die Untersuchungen weiter fortführen, bis festgestellt werden kann, dass alle vertraulichen Informationen wiedererlangt wurden. Es wird angenommen, dass dies weitere zwei bis vier Monate in Anspruch nehmen wird. Die Untersuchung hat keinen Grund geliefert, zu glauben, dass Informationen an Ferrari gelangt sind. Die Gerichtsdokumente beinhalten keinerlei Vorwürfe eines unangemessenen Verhaltens seitens Ferrari."

Abschließend heißt es in dem Statement: "Mercedes wird weiterhin seine Interessen schützen, dazu zählt auch die Fortführung der rechtlichen Schritte gegen Herrn Hoyle, sowie der Schutz gegen potentielle unangemessene Weitergabe von vertraulichen Informationen innerhalb der Motorsport-Industrie."

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