Lotus-Technikchef Mike Gascoyne

"Wir sind im Mittelfeld angekommen"

F1-Test Barcelona 2011 Foto: xpb 4 Bilder

Lotus will aus den Niederungen des Feldes nach vorne kommen. Technikchef Mike Gascoyne liest anhand der Testzeiten, dass der Sprung ins Mittelfeld gelungen ist. Jetzt muss das Auto nur noch standfest gemacht werden

Lotus-Technikchef Mike Gascoyne ist ein Mann klarer Worte. Die Marschroute für die zweite Saison des kleinen Teams steht für den Engländer fest: "Wir müssen im Mittelfeld ankommen." Die Testzeiten zeigen ihm, dass der neue Lotus T128 das Zeug dazu hat.

Rückstand zum Mittelfeld aufgeholt

Der Engländer verweist auf die Rundenzeiten bei den Barcelona-Testfahrten. "Die anderen Teams sind im Vergleich zum Vorjahr um zwei Sekunden langsamer geworden. Wir wurden schneller. Der Abstand zum Mittelfeld beträgt nicht mehr zwei Sekunden. Ich traue mir anhand der Rundenzeiten zu sagen: Wir sind dran."

Das grün-gelbe Autos ist im Vergleich zu seinem Vorgänger nicht wiederzuerkennen. "Letztes Jahr hatten wir ein Auto mit einer Technik, die drei Jahre alt war. Jetzt hinken wir vielleicht drei Monate hinterher. Das neue Auto ist moderner, kompakter, leichter, schneller."

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Mehr Zeit, eingespielte Strukturen, ein Designteam, das sich kennt. "Im letzten Jahr mussten wir noch viel Arbeit an freie Mitarbeiter in Köln auslagern. Jetzt kommt alles aus unserem Haus", sagt Gascoyne. Er lobt, dass man sich immer realistische Ziele gesetzt habe. "2010 war das erste Ziel, Platz zehn zu erreichen. Sobald wir den sicher hatten, haben wir uns auf das 2011er Auto konzentriert."

Im Laufe der Saison weiter angreifen

Diesen Weg will Lotus weitergehen. "Das logische Ziel ist für den Beginn der Saison Rang neun. Später in der Saison attackieren wir vielleicht Platz sieben oder acht." Lotus hat im Verlauf der Barcelona-Testfahrten schrittweise sein neues Technikpaket ans Auto geschraubt. Unterboden, Leitbleche, eine längere Nase, ein neuer Frontflügel. "Der Computer sagt, dass es eine halbe Sekunde bringt."

Bei Lotus kehrt langsam Normalität ein. Nach den ersten drei Testwochen lag die Truppe von Tony Fernandes mit 2.039 Testkilometern auf dem letzten Platz. Zum Vergleich: Ferrari führte vor dem Abschlusstest in Barcelona die Rangliste mit 5.220 Kilometern an.

Kein Team hatte so lange Standzeiten wie Lotus. Es gab Ärger mit der Servolenkung, dem Getriebe, dem Wassersystem. "Das schlimmste war der Mangel an Ersatzteilen", blickt Technikchef Mike Gascoyne zurück. "Es gibt zur Zeit einen unglaublichen Engpass bei den Lieferanten. Alle stehen bei den gleichen Firmen an und so kurz vor der Saison herrscht Hochbetrieb."

Mit dem neuen Wassersystem des Renault V8 hatten auch der Werksrennstall und Red Bull Probleme. "Wenn wir das eine Leck gekittet hatten, trat an anderer Stelle ein neues Leck auf. Nichts fundamentales, aber frustrierend, weil du rumstehst und auf Ersatzteile wartest."

138 Runden geben Anlass zur Hoffnung

Die größte Hürde für Lotus war der Wechsel von Cosworth- auf Renault-Motoren, vom X-Trac- auf das Red Bull-Getriebe. Andere Temperaturen, andere Vibrationen. Darauf muss das Umfeld abgestimmt werden. "Beides sind eingespielte Größen", erklärt Gascoyne, "aber bei uns laufen sie unter anderen Einsatzparametern. Deshalb traten bei uns Probleme auf, die es bei Renault und Red Bull nie gab."

Zum Beispiel die Getriebemalaise vom Donnerstag in Barcelona. Zu hoher Öldruck warnte die Lotus-Truppe vor. Besser tauschen, als einen Schaden riskieren. Standzeit war angesagt. Zum Testabschluss gab es allerdings einen Hoffnungsschimmer. Kovalainen fuhr am Freitag 138 Runden - nur Alonso schaffte mehr an einem Tag.

KERS-Entscheidung steht noch aus

Kritische Dinge wie KERS oder den angeblasenen Diffusor geht Lotus vorsichtig an. "Der angeblasene Diffusor war für uns Neuland. Wir konnten uns eine lange Lernphase nicht leisten. Deshalb haben wir mit einer konventionellen Lösung begonnen, bei der der Auspuff auf den Diffusor bläst. Das wird sich im Verlauf der Saison ändern. Dann werden wir aggressiver."

Ob KERS jemals in den Lotus eingebaut wird, ist noch nicht entschieden. "Wir werden das mit Renault besprechen, sollte es akut werden. KERS ist für ein kleines Team wie uns eine große Nummer. Der Alptraum wäre natürlich, wenn wir uns im Mittelfeld vor einigen unserer direkten Gegner qualifizieren und dann auf dem Weg in die erste Kurve drei oder vier Plätze verlieren, die wir dann nicht mehr gutmachen können, weil uns auf der Geraden die Extraleistung fehlt."

Für Lotus wäre der nachträgliche Einbau von KERS auch eine teure Übung. "Wir müssten das Chassis signifikant ändern. Im Moment ist kein Platz für KERS", bedauert Gascoyne.

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