Niki Lauda - 1979 Motorsport Images

Aus dem Archiv: Lauda-Interview von 1979

„Bernie, ich muss mit Dir reden!“

Zum Tod von Niki Lauda haben wir noch einmal tief im auto motor und sport-Archiv gewühlt und ein bemerkenswertes Interview aus dem Jahr 1979 gefunden. Darin befragt die österreichische Reporter-Legende Heinz Prüller den damals 30-jährigen Piloten zu den Gründen für den ersten Rücktritt aus der Formel 1, während des Freien Trainings zum GP Kanada. Die Antworten spiegeln den einmaligen Charakter von Niki Lauda wider.

Herr Lauda, was waren die wirklichen Gründe für Ihren persönlichen Rücktritt?

Lauda: Ganz einfach: Ich bin plötzlich draufgekommen, dass mir das Rennfahren keine Freude mehr macht, dass mich andere Dinge im Leben mehr interessieren, als mit dem Rennauto im Kreis herumzufahren.

Wie plötzlich ist Ihnen das klargeworden?

Lauda: Ich hab schon in den letzten Monaten gespürt, dass dieser Tag bald einmal kommen wird. Rennautos fahren, das kann man nur mit Herz und Hirn. Herz ist das Allerwichtigste, denn mit der Freude am Fahren überwindet man das Risiko. Aber wenn diese Freude nicht mehr da ist, wozu dann? Man muss sich auf jedes Rennen, jedes Training echt freuen können. Und ich hab dieses Jahr schon manchmal gespürt: Es lässt nach. Da waren die vielen Probleme mit dem Brabham-Alfa: nur zweimal im Ziel, das war nicht lustig, wurde richtig fad. Aber ich war immer noch mit Herz und Kopf dabei – bis Montreal.

Was ist dort in Ihrem Inneren genau vorgegangen?

Lauda: Wenn man heute analysiert, was in Kanada passiert ist: Ich hatte ein nagelneues Auto, den BT49, der gut ging, einen sehr gut dotierten Vertrag für 1980 – aber wenn das alles nicht mehr genug Motivation ist, mich das alles nicht mehr überzeugen kann, richtig Vollgas zu geben, dann ist es soweit, dass man sagen muss: Jetzt hör‘ ich auf.

Wie waren diese Empfindungen im Rennwagen, das Gefühl der verlorenen Freude für den Rennsport?

Lauda: Ich bin eingestiegen, ganz normal weggefahren, und plötzlich dachte ich mir: Was machst Du eigentlich da, wieso fährst Du hier mit allen im Kreis herum? Oder besser: Wenn alle im Kreis fahren, was hast du dabei zu tun? Ich hab plötzlich die Sinnlosigkeit des Rennsports erkannt – bitte, ausschließlich für mich rein persönlich, ich will den Rennsport weder anzweifeln noch verdammen. Nur: Mir reicht’s, ich hab genug.

Lauda-Interview - ams 22/1979
ams
Niki Lauda nahm schon damals kein Blatt vor den Mund. Das Interview führte der Österreicher Heinz Prüller.

So plötzlich, nach zwölf Jahren Rennsport, davon acht Jahre in der Formel 1, 113 Grand-Prix-Starts und 17 Grand-Prix-Siegen?

Lauda: Ich glaube, ein solcher Entschluss kann nur plötzlich kommen. Wenn man plötzlich keine Freude, keinen Spaß mehr hat, wenn man das Rennfahren nur noch als Arbeit empfindet, dann muss man aufhören.

Sie haben nie begriffen, wie Jackie Stewart seinen Rücktritt fast ein volles Jahr vorprogrammieren konnte? Und Sie begriffen auch James Hunt nicht, der gleichfalls seine letzte Saison angekündigt hat?

Lauda: Das Blödeste wäre zu sagen: Ich fahr noch bis zum Ende des Jahres oder noch ein Rennen – weil vielleicht das Geld wichtiger ist oder die Statistik. Wenn die Entscheidung kommt, muss man sie treffen, und bei mir kam sie eben zwischen zwei Trainingssitzungen. Rein theoretisch: Wenn ich in Montreal oder Watkins Glen mit einer Minute im Rennen geführt hätte, und plötzlich schießt’s mir in den Kopf: Wozu machst Du das alles? Dann wäre ich sofort an die Box gefahren und hätte aufgegeben.

Als einer von ganz wenigen Champions haben Sie Ihre Karriere mit einem Sieg beendet – im nicht zur WM zählenden Imola?

Lauda: Ob ich als Weltmeister aufhöre oder als Hausmeister, ist mir egal…

Einige englische Insider vermuten, Sie hätten aufgehört, um sich Vertragsschwierigkeiten zu entziehen, weil Sie für 1980 zwei Teams, Brabham und McLaren, verpflichtet hätten?

Lauda: Das stimmt nicht. Ich war nur mit einem Team einig, mit Brabham. Dieser Vertrag war fix und fertig abgesprochen, nur noch nicht unterschrieben.

Niki Lauda - GP Kanada 1979
Motorsport Images
Im Freien Training von Kanada war Niki Lauda mit seinem Brabham noch dabei. Vor dem Rennen verabschiedete er sich überraschend aus der Formel 1.

Es wird jetzt viele Menschen geben die fragen: Wieso hört der Lauda jetzt auf, wenn er so viel Geld bekommt und ein Auto hat, mit dem er wieder gewinnen kann?

Lauda: Kann schon sein, dass das viele nicht begreifen. Aber für mich gibt es eben andere Dinge im Leben, die wichtiger sind als Rennsport, andere Dimensionen.

Wie hat eigentlich Ihr Chef, Bernie Ecclestone, auf Ihre plötzliche Kündigung reagiert?

Lauda: Ich bin zwei Minuten nach dem Training zu ihm gegangen und hab ihm gesagt: Bernie, ich muss mit dir reden, hast du Zeit? Im Wohnmobil sagte ich ihm dann: Bernie, ich fahr nicht mehr, was können wir tun? Ecclestone ist ein sehr gescheiter Mann. Wie alle, die im Rennsport verstrickt sind, weiß er: Eine solche Entscheidung ist eine tragende. Man kann niemanden umstimmen, weil es kein Argument mehr gibt. Freude und Spaß sind nicht mehr da – die kann kein Mensch erzwingen. Einen Maler kann man auch nicht zwingen: Du muss noch zwei Bilder malen.

Ecclestone hat Ihren Rückzug voll gedeckt?

Lauda: Für mich war das Wichtigste, dass ich zunächst meine Ruh‘ hab. Drum sagte Ecclestone: Pass auf, wir sagen einfach, du hast eine Magenverstimmung. Fahr ins Hotel, pack Deine Sachen, flieg wohin Du willst. So bin ich nach Kalifornien geflogen, um für ein österreichisches Unternehmen ein Flugzeug zu kaufen – was ich zwischen den zwei Grand-Prix-Rennen ohnehin getan hätte.

Niki Lauda - Bernie Ecclestone 1979
Motorsport Images
Niki Lauda mit dem damaligen Brabham-Teamchef Bernie Ecclestone. Beide prägten das Bild der Formel 1 noch viele Jahre wie kaum jemand anderes.

Bekommen Sie Schwierigkeiten, weil Sie Ihre Verträge bis Saisonende nicht erfüllen?

Lauda: Ich glaube nicht, dass mich mein Entschluss Geld kostet. Und wenn, ist Geld sekundär. Wenn Konsequenzen zu tragen sind, werde ich sie schon tragen. Parmalat-Chef Tanzi, den ich noch von der Rennstrecke aus anrief, hat sofort begriffen. Nur sein Mann auf den Rennstrecken, Sante Ghedini, war völlig gebrochen. Als ich zu ihm sagte: Wir müssen Tanzi anrufen, ich hör auf, war er total durcheinander.

Rückblickend: Was haben Ihnen zwölf Jahre Rennsport, davon acht in der Formel 1, gegeben?

Lauda: Sehr viel, weil es immer das war, was ich tun wollte, und somit ein Teil meines Lebens, der mir sehr viel Freude gegeben hat. Ich glaube, ich hab sehr viel dabei gelernt, weniger, was das Rennfahren selbst betrifft, sondern: Umgang mit Menschen, Entscheidungen treffen usw. Ich glaub, dass ich durch die Rennfahrerei im Kopf etwas älter bin als körperlich. Körperlich 30, geistig vielleicht 80, nur könnte man jetzt fragen: So weise wie 80 oder so verkalkt wie 80? Aber das werden wir ja in den nächsten Jahren sehen. Im Ernst: In einer Grand-Prix-Saison durchlebt man zehn Jahre.

Leiden Sie jetzt unter Entziehungserscheinungen?

Lauda: Nein, ich hab Bernie Ecclestone von Los Angeles angerufen, mir vom Montreal-Training berichten lassen, und ich rief einen Sonntag später beim Fernsehen an, wer in Watkins Glen gewonnen hat. Sicher, der Rennsport war drei Viertel meines Lebens, und der ist plötzlich weg. Aber Entziehungserscheinungen, nein, vielleicht sogar eine Bereicherung, weil ich jetzt mehr Zeit habe für andere Dinge. Und da ist natürlich die Fliegerei, die mich voll auslastet.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, würden Sie das alles nochmal machen, Entbehrungen, Stürze, Krankenhaus, Siege, Weltmeistertitel?

Lauda: Wenn ich nochmals vor der Situation stünde wie 1968 und das wüsste, was ich heute weiß: nein. Die Risiken, beziehungsweise die Möglichkeiten, Erfolg zu haben, sind mit fast keinem Beruf zu vergleichen. Die Chancen, das zu erreichen, was ich erreicht habe, sind sehr gering. Dazu gehört harte Arbeit und sehr viel Glück – und von diesem Glück möchte ich nicht mehr abhängig sein.

Das Interview erschien in auto motor uns sport, Ausgabe 22/1979. Niki Lauda kehrte nach einer dreijährigen Pause 1982 mit McLaren in die Formel 1 zurück, weil die Autos in der Zwischenzeit deutlich sicherer wurden. Der Wiener fuhr weitere 58 Grand-Prix-Rennen, feierte acht Siege und den WM-Titel in der Saison 1984, bevor er 1985 den Helm endgültig an den Nagel hängte.

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