Otmar Szafnauer - Racing Point - Formel 1 Motorsport Images
Racing Point RP20 - F1-Auto - Formel 1 - Barcelona-Test - 2020
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Racing Point RP20 - F1-Auto - Formel 1 - Barcelona-Test - 2020 18 Bilder

Otmar Szafnauer im Interview

„Force India hätte nicht überlebt“

Über Racing Point diskutiert momentan die ganze Formel 1: Kopier-Streit, Token-Kontroverse, Sebastian Vettel. Wir haben bei Teamchef Otmar Szafnauer nachgefragt. Im Fall von Vettel bekamen wir aber nur eine zweideutige Antwort.

Wo steht Racing Point im Kampf um den dritten Platz?

Szafnauer: Wir stecken da mittendrin. Einige Strecken haben andere die Nase leicht vorne, andere wir. Wir haben zwei gute Fahrer, ein Team mit Racern und guten Entscheidungen. Wir können um den dritten Platz fahren.

Wo verliert Racing Point auf die Konkurrenz, wo gewinnen Sie? Gibt es da ein Muster?

Szafnauer: Das ist nicht so einfach zu erklären. Es variiert von Kurve zu Kurve, kommt auch auf bestimmte Kurvenkombinationen an. In Spa hatten wir Schwierigkeiten. Da waren wir früher immer stark. Dafür lag uns Barcelona besser, und das war früher nicht unsere stärkste Strecke. Das Auto dieses Jahr ist so anders, dass wir unsere Stärken erst suchen müssen. Die Parameter, um aus diesem Auto das Maximum rauszuholen, sind andere als früher. Wir hatten diesen Winter nur sechs Testtage und wurden dann mit neun Rennen in elf Wochen ins kalte Wasser geschmissen. Das bedeutet, dass uns weniger Zeit zur Analyse geblieben ist, weil ein Rennen dem anderen folgt. Wir lernen noch, wie wir das Auto auf allen Arten von Rennstrecken einstellen müssen.

Wie genau kennen Sie Ihr Auto nach acht Rennen?

Szafnauer: Zu 70 bis 80 Prozent.

Sie haben dieses Jahr schon einige Punkte mit falschen Strategien hergeschenkt. Was ist so anders, wenn man um den dritten, vierten oder fünften Platz kämpft als um den siebten, achten oder neunten?

Szafnauer: Du musst eine andere Art von Entscheidung treffen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn du um den siebten, achten oder neunten Platz fährst, hast du in der Theorie zwischen einem oder zwei Stopps einen großen Unterschied, weil du in meistens ins Feld hineinfällst. Bei zwei Stopps musst du also jedes Mal wieder einen Zug von Autos überholen. Deshalb haben wir meistens versucht, ein Einstopp-Rennen hinzukriegen, weil die Position auf der Strecke wichtiger war als ein theoretischer Zeitgewinn durch einen zusätzlichen Stopp. Dort, wo wir jetzt fahren sind die Lücken zum hinteren Teil des Feldes größer. Dadurch ergibt sich hin und wieder ein Gratis-Boxenstopp, der dir frische Reifen bringt. Oder du musst vielleicht ein Auto überholen, um auf deine alte Position zu kommen, hast dann aber das Reifen-Delta auf deiner Seite. Das musst du gegeneinander abwägen, ob es sich lohnt. Es sind also ganz andere Entscheidungen, die wir heute treffen müssen. Deshalb befinden wir uns auch da in einem Lernprozess. Und das geht nicht über Nacht.

Andreas Seidl & Otmar Szafnauer - F1 2020
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Racing Point liegt beim Budget immer noch hinter den anderen Mittelfeldteams.

Wie weit weg sind sie von Red Bull entfernt?

Szafnauer: Das hängt von der Strecke ab. In Monza haben wir sie geschlagen. Auf anderen Strecken hinken wir noch hinterher.

Wann kommt das große Upgrade?

Szafnauer: Wir starten damit in Mugello.

Warum haben Sie sich für ein großes Upgrade und gegen viele kleine entschieden?

Szafnauer: Unser Auto war schon sehr gut vom Start weg. Dann wollten wir uns die Zeit nehmen, es erst einmal zu verstehen. Wenn du das tun willst, was McLaren macht, brauchst du ein größeres Produktionsteam. Das können wir nicht. Nach Haas sind wir immer noch das kleinste Team, sowohl vom Budget als auch von den Leuten her. Ich schätze mal, McLaren hat 200 bis 300 Leute mehr als wir, und viele davon in der Fabrikation. Sie haben die Kapazitäten, jedes Rennen was Neues zu bringen.

Reden wir über das Kopieren von Autos. Als das Team noch Force India hieß, habt Ihr gegen die B-Autos der Hersteller scharf geschossen. Jetzt ist Racing Point selbst eines. Woher der Sinneswandel?

Szafnauer: Ich glaube nicht, dass wir unsere Meinung geändert haben. Seit den Force India-Tagen haben wir unser Team um 20 Prozent vergrößert, die meisten davon in der Entwicklungsabteilung und im Design. Der Unterschied zu früher ist, dass wir heute mehr Teile von Mercedes als vorher kaufen können, weil wir mehr Geld haben. Ich meine Teile, die wir vom Reglement her kaufen dürfen, speziell die Aufhängungen. Diese Teile verlangen einen massiven Einsatz an Entwicklung und Fabrikation, wenn du sie selbst machst. Es sind Teile mit dem langem Produktionsvorlauf. Deshalb macht es für uns heute Sinn, alle diese Teile zu kaufen und uns darauf zu konzentrieren, die Sachen zu entwickeln, die unser Auto schneller machen.

Wenn Haas 100 Prozent der Teile einkauft, die das Reglement erlaubt, wie groß ist der Prozentsatz bei Racing Point?

Szafnauer: 30 bis 40 Prozent.

Haben Sie so einen Aufschrei der Konkurrenz erwartet, als die Ihr Auto zum ersten Mal gesehen haben?

Szafnauer: Nein, habe ich nicht. Ich glaube, das hat mit dem Umstand zu tun, dass wir damit erfolgreich sind. Das war bei Haas genauso, als sie in die Formel 1 kamen. Sie hatten null Erfahrung und waren sofort konkurrenzfähig. Da haben sich die Leute aufgeregt, auch wir. Aber Haas hat gemacht, was das Reglement hergab.

Renault vs. Racing Point - GP Ungarn 2020
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Der Kopier-Streit mit Renault wurde nach monatelangen Diskussionen endlich beigelegt.

Wird die Regeländerung zum Schutz vor 1:1 Kopien das verhindern, was Teams wie Renault und McLaren verhindern wollen und werden die neuen Regeln Racing Point in Zukunft weiter erlauben, das zu tun, was sie dieses Jahr getan haben?

Szafnauer: Die Regeln definieren jetzt besser, was erlaubt ist und was nicht. Wir werden uns danach richten. Es gibt jetzt keine offenen Fragen mehr. Das Problem, das wir hatten, ist ja auch durch die fehlende Klarheit im Reglement entstanden. So wie es jetzt ist, herrscht Klarheit. Wir sind happy damit. Wir waren immer ein Konstrukteur und wollen das auch weiter sein. Sonst würden wir nicht neue Leute in der Entwicklungsabteilung anheuern.

Ist der Streit um dieses Thema nicht auch das Resultat viel zu komplizierter Regeln?

Szafnauer: Die Formel 1 hat schon immer komplizierte Regeln gehabt. Ein Weg, sich einen strategischen Vorteil zu erarbeiten ist, die Regeln anders zu deuten als der Rest. Das war schon immer das Spiel in diesem Sport. Die neue Regeländerung hat eigentlich nichts an der Sache geändert, sie hat gewisse Punkte nur klarer definiert.

Gibt es schon eine Entscheidung im Token-Streit?

Szafnauer: Über die Token-Regelung wurde im Mai in Verbindung mit vielen Sparmaßnahmen abgestimmt. Es gibt da Kompromisse auf beiden Seiten des Zaunes. Jeder musste etwas hergeben. Es ist nicht möglich, dass sich jetzt jeder die Rosinen herauspickt.

Könnten Sie reagieren, wenn die Token-Regel noch einmal zu Ihren Ungunsten geändert würde?

Szafnauer: Nein. Wir sind schon lange mit dem nächstjährigen Auto im Windkanal. Jetzt kommt unser einziges Upgrade ans Auto. Es dauert über acht Wochen, diese Teile herzustellen. Die letzte Spezifikation des RP20 hat den Windkanal also vor zweieinhalb Monaten verlassen. Seitdem entwickeln wir ausschließlich das 2021er Auto. Für uns ist es unmöglich, noch einmal umzukehren.

Sie kaufen immer die Teile des Vorjahres-Mercedes. Was machen sie eigentlich 2022, wenn alle völlig neue Autos bauen müssen?

Szafnauer: 2022 entwickeln wir unser eigenes Auto. Aber lasst uns erst einmal das 2021er Auto bauen.

Sergio Perez & Sebastian Vettel - F1 - 2020
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Wer fährt 2021 bei Racing Point? Die Gerüchte um eine Verpflichtung von Sebastian Vettel für Sergio Perez reißen nicht ab.

Hätte Force India die Corona-Krise überlebt?

Szafnauer: Ich glaube nicht. Die Einnahmen werden dieses Jahr nur die Hälfte betragen. So hätten wir als Force India nicht überleben können.

Mit dem neuen Concorde Abkommen bekommen sie auf den Plätzen drei bis fünf so viel Geld, dass Sie mit einem vernünftigen Sponsor-Paket locker den Budgetdeckel erreichen müssten. Warum werden Sie trotzdem drunter bleiben?

Szafnauer: Weil es so viel Ausnahmen gibt. Und die sind weitere 100 Millionen wert.

Sie haben aber keinen Lewis Hamilton an Bord?

Szafnauer: Haben wir nicht. Aber die Fahrer sind ja nur ein Teil. Es gibt noch andere Ausnahmen, die dich richtig viel Geld kosten und die du dir leisten musst.

Haben Sie dann trotzdem bessere Chancen als davor?

Szafnauer: Ja, weil sich die großen Teams trotzdem stark einschränken müssen.

Eine der Qualitäten des Teams war seine Effizienz. Jetzt müssen per Reglement alle effizient sein. Geht Ihnen da nicht ein Vorteil verloren?

Szafnauer: Nein, weil wir schon effizient sind. Die anderen müssen es erst lernen. Wenn du die Ressourcen gehabt hast, in alle Richtungen mit hoher Qualität zu entwickeln, wirst du jetzt lernen müssen, wo du den Schnitt machen musst, um weiter erfolgreich zu sein. Wie viel Quantität gibst du für Qualität auf? Das Geld ist nicht mehr da, beides zu machen. Wir kennen diesen Prozess, weil wir uns schon immer entscheiden mussten. Die anderen Teams werden da auch hinkommen, weil viele schlaue Leute dort arbeiten. Aber es wird Zeit in Anspruch nehmen.

Was werden sich Budgetdeckelung und die gerechtete Geldausschüttung zum ersten Mal bemerkbar machen?

Szafnauer: Ich glaube schon ab 2022.

Wann werden Sie Ihre Fahrer bestätigen?

Szafnauer: Das haben wir schon vor zwei Jahren getan. Es gibt nichts mehr zu bestätigen.

Mit anderen Worten: Sebastian Vettel ist raus?

Szafnauer: Er war nie drin.

Was heißt das für nächstes Jahr?

Szafnauer: Lassen wir das Interview mit den letzten beiden Fragen enden.

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