Beste Pressekonferenz des Jahres

Kein Fairplay-Preis für Vettel

Vettel, Hamilton & Ricciardo - GP Abu Dhabi 2017 Foto: sutton-images.com 111 Bilder

Die letzte Donnerstags-Pressekonferenz des Jahres war die beste. Kurz vor der Winterpause gingen die Fahrer endlich mal aus sich heraus. Hamilton kritisiert den Halo, Vettel lacht über seinen Baku-Blackout, und Alonso straft die Austin-Show ab.

Die Saison ist gelaufen, alle Titel vergeben. Die Formel 1 hat ihr Pflichtprogramm abgespult. Was bleibt, ist die Kür. Vorbei die Diplomatie, vergessen die Politik, zwecklos jedes Taktieren. Am Ende einer langen Saison darf gesagt werden, was man denkt. Lewis Hamilton, Sebastian Vettel, Daniel Ricciardo, Max Verstappen, Valtteri Bottas und Fernando Alonso nahmen endlich mal kein Blatt vor den Mund. Noch nie in dieser Saison fand die Presserunde zum Auftakt des Wochenendes in so lockerer Atmosphäre statt.

Der Kehraus der Saison ist der ideale Zeitpunkt Bilanz zu ziehen, sich und sein Tun kritisch zu hinterfragen und über seine Saison zu reflektieren. Am Ende hat man einen besseren Überblick als mittendrin.

Vettel hofft 2018 auf Spaziergang zum Titel

Fangen wir mit dem seriösen Part an. Warum hat Mercedes wieder den WM-Titel gewonnen, Lewis? „Wir hatten weniger Ausfälle, haben weniger Fehler gemacht als die anderen. Diese Truppe ist in den fünf Jahren, in denen ich da bin, unheimlich gewachsen. Unsere Jungs erlauben sich nie, satt zu sein, wollen immer noch einen Schritt weiter.“

Auch Vettel lobt seine Mannschaft: „Wir haben uns in allen Bereichen verbessert und waren mit wenigen Ausnahmen immer nah dran an Mercedes. Wenn wir nächstes Jahr einen ähnlichen Schritt schaffen, dann wird das fast ein Spaziergang für uns.“ Und als hätte ihn seine forsche Ansage selbst überrascht, wirft Vettel einen Rettungsanker hinterher: „Wie wir alle wissen. Der letzte Schritt ist der schwerste.“

Ricciardo spricht von einer guten Saison, die aber verbesserungswürdig ist: „Ich hatte nicht 20 großartige Rennen. Das muss aber das Ziel sein.“ Dann blickte er nach rechts auf die beiden vierfachen Champions Vettel und Hamilton und grinste breit: „Es ist tröstlich, dass wir drei hier auf dem Podium zusammen acht WM-Titel haben.“ Hamilton verpasste die nächste Frage, weil er noch über die Pointe nachdachte.

Verstappen beklagt müffelnden Teamkollegen

Verstappen tröstete sich mit den letzten fünf Rennen über den verkorksten Saisonstart hinweg: „Ich habe zwei Rennen gewonnen, aber nicht den Titel. Das Jahr hat mir weitere Erfahrung gebracht. Da ich in den Juniorformeln nicht so wahnsinnig viele Rennen gefahren bin, muss ich das jetzt in der Formel 1 nachholen.“

Dann wurde der Holländer noch auf seinen Teamkollegen Ricciardo angesprochen: „Er macht ständig Party. Deshalb müffelt es bei uns im Motorhome immer wie die Hölle“, scherzte der Youngster, um dann etwas ernsthafter nach zu schieben: „Nein, es ist schön, dass man so locker mit seinem Teamkollegen umgehen kann. Wenn wir erst um den Titel kämpfen, könnte es aber etwas angespannter werden.“

Valtteri Bottas ging beim Saisonfazit mit sich selbst hart ins Gericht: „Ich hatte Höhen und Tiefen, Erfolge und Enttäuschungen. Wir hatten ein Auto, mit dem man den WM-Titel gewinnen konnte. Lewis hat es geschafft, ich nicht. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.“

Fernando Alonso fand nette Worte nach drei Jahren Frust mit McLaren-Honda. „Das Beste, was ich aus dieser Zeit mitnehme, ist unser Teamgeist. Egal, wie schlecht die Resultate auch waren, keiner bei McLaren hat je aufgegeben.“

2016er Autos waren Spielzeug

Beim Thema neue Autos beginnen alle zu schwärmen. „Die Autos 2016 waren Spielzeug. Jetzt haben wir wieder echte Rennautos“, fasst Verstappen zusammen. Mit Einschränkungen, wie Ricciardo einwirft: „Je breiter die Autos, umso weniger Platz rechts und links davon für saubere Luft. Nie war es schwierig, anderen Autos hinterherzufahren.“

Alle sprachen das Überholproblem an, und Verstappen meinte sogar, dass keines seiner Manöver ihm eine ähnliche Befriedigung verschafft habe, wie im letzten Jahr. Hamilton tat sich schwer, einen überragenden Zweikampf herauszupicken. „Du hast ja auch nicht viel überholt“, stichelte Vettel. Hamilton konterte schlagfertig: „Aber an Dir bin ich ein paar Mal vorbeigefahren.“

Vettel weiß genauer Bescheid: „Ich würde meinen Zweikampf mit Ricciardo in China und Bottas in Spanien als beste Überholmanöver nehmen.“ Ricciardo erinnert sich besonders gerne an Monza. „Als ich an Kimi in Kurve 1 vorbei bin. Da kam ich von Mailand Stadtmitte angeflogen.“ Dann fiel Hamilton doch noch eine Szene ein. Die geniale Verteidigungsschlacht von Spa gegen Vettel. „Ich durfte das ganze Rennen lang nicht den geringsten Fehler machen.“

An diesem Duell der beiden erfolgreichsten Fahrer der Saison knüpft auch Vettel an. Er nimmt die Fans in die Pflicht, die von jedem Rennen neue Überholrekorde erwarten: „Was ist schon dabei, wenn ein Rennen mal langweilig ist, oder wenn ich ein ganzes Rennen lang gegen Lewis anrenne? Das kann auch spannend sein. Wenn es dir dann doch gelingt, vorbeizufahren, dann ist das Manöver eine echte Belohnung.“

Hamilton hat in diesem Jahr wie Vettel schon 2013 die vier WM-Titel von Alain Prost egalisiert. Das nächste Ziel ist logischerweise Juan-Manuel Fangio, der in seiner kurzen Karriere zwischen 1950 und 1958 fünf WM-Pokale und 24 Siege bei nur 51 Starts abgeräumt hat.

Was bedeutet der Name Fangio seinen Nachfolgern? Vettel punktet mit historischem Wissen: „Wir werden nie seine Effizienz erreichen, so wenig Siege mit so wenig Rennen. Ich habe mich einmal mit Stirling Moss über Fangio unterhalten, und wenn du siehst, mit welcher Ehrfurcht er über ihn spricht, wie er als Rennfahrer anerkennt, dass es da noch einen besseren gab, dann kannst du dir ungefähr ausmalen, wie groß Fangio gewesen sein muss.“ Hamilton bezeichnet den Maestro aus Argentinien als „die Ikone des Sports. Er hat all diese Erfolge erreicht zu einer Zeit, als der Sport am gefährlichsten war.“

Mit Halo geht es nur noch bergab

Von der Vergangenheit in die Zukunft. Abu Dhabi ist der letzte Grand Prix ohne Halo. „Das letzte Rennen, bei dem wir schöne Autos sehen. Danach geht es nur noch bergab“, stichelt Hamilton. „Wir werden uns daran gewöhnen“, hofft Vettel. Und Ricciardo glaubt gar: „Es wird vielleicht nicht so dramatisch kommen, wie wir alle glauben.“

Wenn Die FIA im Dezember die WM-Pokale verteilt, dann wird es da auch Preise für diverse Höchstleistungen geben. „Ich habe den Preis für die Persönlichkeit des Jahres und das beste Manöver des Jahres verdient“, spottet Vettel über sich selbst und denkt dabei an seine Kollision mit Hamilton in Baku. Dann schickt er hinterher: „Welchen Preis gibt es noch? Den Fairplay-Preis? Für den wird es wohl eher nicht reichen.“

Hamilton nebenan biegt sich vor Lachen. Die Formel 1-Helden vereint die Meinung, dass es schon genug Preise gibt. „Es zählt sowieso nur einer. Und das ist die WM-Trophäe. Auf den Rest kann ich verzichten“, winkt Verstappen ab.

Generell begrüßte das Fahrer-Plenum die Bemühungen der neuen Besitzer aus Amerika, den Sport zu vermarkten, wenn sie auch im Detail nicht immer begeistert waren. Besonders in der Kritik stand die Fahrer-Präsentation in Austin im Stile eines Boxkampfes. „Das war ein übler Scherz, eine schlechte Kopie von Indy“, poltert Alonso. „Es wurden nur zwei Fahrer groß gewürdigt. Außen rum standen 18 Bodyguards.“

Bottas bemängelte die Ablenkung vor dem Rennen: „Es ist ja nicht so, als wäre der Sonntag ein einfacher Tag für uns. Da gibt es genug Termine. Das hat den Stress vor dem Start nur erhöht.“ Verstappen glaubt „So etwas funktioniert nur in Amerika.“

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