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Problem mit der Aero-Anpassung für F1-Saison 2021

Problem mit der Aero-Anpassung für 2021 Welcher Trumpf sticht?

Es ist eine kleine Änderung mit großer Wirkung. 2021 wird der Unterboden in vier Punkten beschnitten. Welchem Konzept hilft der Einschnitt? Wenig oder viel Anstellung? Und warum hat das auch für 2022 Auswirkungen?

Die Formel 1 ist in diesem Jahr noch einmal schneller geworden. Im Schnitt um 0,429 Sekunden. Aus Angst, dass die Autos bei ungebremster Entwicklung 2021 zu schnell für die Reifen sein würden, verordnete die FIA den Ingenieuren eine Abrüstung in vier Punkten. Wenn man das Maßnahmenpaket liest, sieht es nach wenig aus. Aus Sicht eines Aerodynamikers ist es ein Erdrutsch.

Der Unterboden wird vor den Hinterrädern angeschrägt, so dass damit ein größerer Ausschnitt um die Räder herum entsteht. An den Kanten des Bodens entfallen über weite Strecke die Slots, die gezielt Turbulenzen produzieren, um die Luftwirbel von den Hinterreifen abzuwehren. Die vertikalen Bleche im Diffusor werden um fünf Zentimeter in der Höhe gekappt, die hinteren Bremsbelüftungsschächte um vier Zentimeter in der Breite. Das ergibt auf dem Papier einen Abtriebsverlust von zehn Prozent.

Mercedes-Technikchef James Allison veranschaulicht, wie drastisch die vermeintlich kleinen Eingriffe sind: "Wenn wir unser aktuelles Auto in allen geforderten Punkten ohne Gegenmaßnahmen ändern würden, würden wir von der Pole Position auf den letzten Startplatz zurückfallen." Weil die Teams zuversichtlich sind, den Verlust dennoch zu kompensieren, bringt Pirelli trotzdem noch neue Reifen mit einer steiferen Konstruktion. Ein Reifensatz wiegt dann 2,5 Kilogramm mehr.

Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Abu Dhabi - Freitag - 11.12.2020
Motorsport Images
In Abu Dhabi testeten im Training mehrere Teams den neuen Unterboden.

Ein Jahr im Konzept gefangen

So stehen die Teams gleich vor mehreren Zielkonflikten. Entwicklung am 2020er Auto machte nur bedingt Sinn, weil sich nicht jeder Schritt wegen der geänderten Unterboden-Regel auf 2021 übertragen ließ. Andererseits wollten die Aerodynamiker schon 2020 so viel wie möglich Windkanalzeit in das 2021er Projekt packen, um wenig nachbessern zu müssen. Ab dem 1. Januar dürfen die Teams am 2022er Fahrzeug arbeiten, das alle bisherigen Regeln auf den Kopf stellen wird. Für den Start bei Null will man sich möglichst viel Zeit für die große Aufgabe reservieren.

Weil 2021 ein Übergangsjahr mit geänderten Rahmenbedingungen ist, ergeben sich weitere Probleme. Es könnte ja sein, dass der Eingriff am Unterboden ein bestimmtes Konzept favorisiert. Den langen oder den kurzen Radstand. Die starke oder die weniger starke Anstellung. Sollte das Pendel in eine der beiden Richtungen ausschlagen, ist eine Korrektur unmöglich. Kein Mensch stellt wegen einer Saison radikal seine Philosophie um. Vor allem, weil die 2022er Autos sowieso alles auf den Kopf stellen. Die Benachteiligten sind also ein Jahr lang in ihrem Unglück gefangen.

Mercedes nicht ganz sorgenfrei

Deshalb geht James Allison nicht ganz sorgenfrei in die neue Saison. Seiner Meinung nach ist der Mercedes nicht automatisch der Favorit: "Wir waren uns alle einig, dass wir den Reifen zuliebe den Abtrieb reduzieren müssen. Und wir haben uns auch alle über den Weg verständigt, wie das getan werden soll. Wir haben als Mercedes bei allen vier Punkten zugestimmt. Dabei haben wir uns immer zwei Fragen gestellt. Hilft es dem Ziel, den Abtrieb zu verringern? Betrifft es jedes Team, jedes Konzept gleich stark oder tut uns die Änderung mehr weh als anderen?"

Und genau da liegen die Fallen verborgen, die dem einen oder dem anderen im nächsten Jahr eine böse Überraschung bescheren könnten. Allison erklärt: "Als es um Zustimmung oder Ablehnung ging, war viel Schätzung nötig, weil du nicht schnell genug eine Analyse machen kannst. Natürlich schwingt die Angst mit, dass ein Wettbewerber sagen wird: Uns hat das kaum geschadet. Es war ähnlich bei den Änderungen am Frontflügel vor 2019. Wir werden erst bei den Wintertests herausfinden, ob unsere Paranoia gerechtfertigt war."

Esteban Ocon - Renault - GP Abu Dhabi 2020
xpb
Auf diesem Foto sieht man gut, wie groß der Ausschnitt am Unterboden vor den Hinterrädern ausfällt.

Kein radikaler Konzeptwechsel

Auch Allisons Kollegen tappen im Dunkel. Andy Green von Racing Point zweifelt. "Die 2021er Regeln werden ihren Zweck erfüllen und Abtrieb kosten. Wir sind aber noch nicht sicher, welches Konzept davon mehr profitiert. Es könnte uns mehr bestrafen als die Autos, die im Heck hoch stehen." Sicher ist, dass 2022 die Zeit der stark angestellten Autos abgelaufen sein wird. "Da erwarten uns Groundeffect-Autos, die nach völlig neuen Regeln funktionieren."

Renault-Technikkoordinator Marcin Budkowski traut sich auch keine Prognose zu. "Der Unterboden bekommt eine kleinere Fläche, was dir mathematisch weniger Abtrieb bringt, auch wenn vielleicht dadurch die Interaktion mit anderen Teilen am Auto besser funktioniert. Die aktuellen Regeln favorisieren eher den geringeren Anstellwinkel. Wir beobachten jedenfalls, dass der Trend nach mehr und mehr Fahrzeughöhe hinten gestoppt wurde, und dass jetzt viele wieder den anderen Weg gehen. Diese Philosophie änderst du nicht radikal über einen Winter. Egal, wohin das Pendel ausschlägt: Wir werden nächstes Jahr gezwungen sein, in einem ähnlichen Anstellwinkel zu fahren wie jetzt. Nicht so hoch wie Red Bull, aber auch nicht so niedrig wie Mercedes."

Auch McLaren bleibt notgedrungen seiner Linie treu. Näher daran an Mercedes als an Red Bull. Die neue Nase verrät es. Da stand Mercedes Pate. Immerhin hat man im Heck mechanisch mehr Freiheiten als Racing Point. McLaren baut Getriebe und Hinterachse noch selbst. Technikdirektor James Key ist froh, dass 2022 die Verhältnisse klarer sein werden: "Dann werden die Autos sicher nicht mehr so stark angestellt wie heute. Die Tunnel unter dem Auto sind ein mächtiges Werkzeug, Abtrieb zu generieren. Es ist aber noch zu früh zu sagen, wie wir die Autos im Vergleich zu heute abstimmen werden. Da wird man auch wieder mit der Fahrzeughöhe herumspielen, aber in einem viel kleineren Fenster als heute. Es wird auch beim Setup ein Neustart werden. Wir werden uns da erst einmal hin tasten müssen."