Nur Regen kann Ferrari stoppen

Start und Reifenwahl als Trumpfkarte

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Ungarn - Budapest - Qualifying Foto: Wilhelm 42 Bilder

Die erste Startreihe schien für Ferrari nur Formsache. Die roten Autos zogen wieder einmal auf den Geraden allen den Zahn. Doch dann kam der Regen und baute Mercedes eine Brücke. Mercedes zerstörte die Gegner in den Kurven. Ferrari glaubt, das Ergebnis im Rennen noch drehen zu können. Beim Start und bei der Reifenwahl.

Der GP Ungarn könnte wieder zu einem Rennen werden, bei dem Ferrari im Rückblick sagt: Hier haben wir Punkte liegen lassen. Dabei sind die 70 Runden auf dem Hungaroring noch nicht einmal gestartet. Doch die Ausgangsposition spricht zunächst einmal für Mercedes. Zwei Silberpfeile starten aus der ersten Reihe. Und wenn man weiß, dass der Hungaroring die Strecke mit den drittwenigsten Überholmanövern im Kalender ist, dann ahnt man schon, wie schwer die Aufgabe von Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen am Sonntag wird. Wer überholen will, muss mindestens 1,5 Sekunden schneller sein.

Die erste Startreihe schien eigentlich für Ferrari reserviert. Man hatte den Eindruck, als würden Vettel und Räikkönen auf trockener Piste mit der Konkurrenz nur spielen. Obwohl die Geraden auf dem Hungaroring nicht besonders lang sind, gewann Ferrari auf Mercedes vier und auf Red Bull sieben Zehntel in den Vollgaspassagen. Das war in den Kurven nicht aufzuholen. Die Gegner klammerten sich nur an eine Hoffnung. Dass die große dunkle Wolke, die sich ab dem Mittag über der Strecke auftürmte, sich möglichst in der Qualifikation entlädt.

Das tat sie dann auch, perfiderweise mit unterschiedlicher Intensität. Im Q1 waren Ultrasoft-Reifen die beste Wahl, im Q2 Intermediates, im Q3 Regenreifen. Und in diesem Chaos wurden alle Erkenntnisse der ersten drei Trainingssitzungen über den Haufen geworfen. Mercedes-Teamchef Toto Wolff bilanzierte: „Ferrari war auf den Ultrasoft-Reifen besser, auf Intermediates stand es unentschieden, auf den Regenreifen hatten wir die Oberhand.“

Räikkönen glaubte an Pole Position

Die Dramaturgie der Qualifikation wollte es, dass der letzte Schuss im Q3 der entscheidende war. Als Carlos Sainz für die letzten Runden einen frischen Satz Regenreifen aufziehen ließ, war jedem klar, dass man noch einmal für neue Reifen an die Box kommen musste. Sebastian Vettel machte den Schritt von den vier Top-Piloten als erster und hatte damit auch als einziger zwei Versuche. Bei Kimi Räikkönen und den beiden Mercedes-Piloten musste die allerletzte Runde sitzen.

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Lewis Hamilton balancierte erneut sein Auto traumwandlerisch sicher über die patschnasse Strecke. Er fuhr der Konkurrenz vor allem im dritten Sektor auf und davon. Auch den Ferrari. Kimi Räikkönen glaubte dennoch, dass für ihn die Pole Position möglich gewesen wäre. Der Finne hatte im ersten Teil von Q3 die Bestzeit gesetzt. „Eine ziemlich ordentliche Runde“, stapelte der Finne tief. Sie musste auch den Rest des Trainings überleben. Räikkönens Pech war Romain Grosjean. „Ich habe schon in der Runde aus der Box raus gespürt, dass der frische Satz Regenreifen viel mehr Grip bietet. Dann bin ich leider auf Grosjean aufgelaufen und konnte in seiner Gischt nichts mehr sehen. Ich konnte die frischen Reifen nicht mehr nutzen.“

Fuhr bei Vettel die Vorsicht mit?

Sebastian Vettel hatte zwei Chancen. Keine Abkühlphase dazwischen. Trotzdem fehlten ihm am Ende 24 Tausendstel auf den Teamkollegen, drei Zehntel auf Valtteri Bottas und eine halbe Sekunde auf Lewis Hamilton. Eine Erklärung hatte Vettel auch nicht parat. „Die Runde fühlte sich gar nicht so schlecht an, und der Rückstand ist ja jetzt auch nicht dramatisch. Aber irgendwie war das Gefühl in den Kurven nicht so da.“ Vettel ließ auch keine Ausreden zu. Zum Beispiel zu niedrige Reifentemperaturen wie bei Red Bull. „Ich kann nicht mal sagen, ob sie zu niedrig waren. Wir sind mit diesem Auto bislang so selten im Regen gefahren, dass uns da die Erfahrung fehlt.“

Auch die Mutmaßung, dass in der zweiten der beiden Quali-Runden nicht mehr genug elektrische Energie vorhanden gewesen sein könnte, wischte Vettel vom Tisch: „Es gab mit dem Energie-Management kein Problem. Im Regen ist es ja relativ einfach die Batterie zu laden, weil du ja oft im Halbgasbereich fährst.“ Auch an der generellen Strategie hatte der WM-Zweite nichts auszusetzen. „Das Timing der Reifenwechsel hat gepasst. Wir hatten von Anfang an den Plan, mit zwei Satz Regenreifen im Q3 zu fahren.“ Fuhr nach dem Unfall in Hockenheim vielleicht ein bisschen die Vorsicht mit? „Ganz im Gegenteil“, widersprach Vettel. „Ich habe alles versucht, voll attackiert, vielleicht sogar zu viel.“

Auch im Regen fährt Ferrari auf der Gerade allen davon

Die GPS-Daten zeigen genau, wo Ferrari seine Zeit im Regen verliert. Wer glaubt, der Power-Vorteil der roten Raketen sei auf nassem Untergrund geschrumpft, der irrt. Vettel nahm den Mercedes-Piloten auch im Regen auf den Geraden 0,4 Sekunden ab. Räikkönen machte drei Zehntel auf Hamilton und Bottas gut. Doch die Silberpfeile waren in den Kurven unschlagbar. Sie hatten die Reifentemperaturen perfekt im Fenster und sie profitieren vom größeren Durchmesser und dem anderen Walkverhalten der Regengummis. Weil Ferrari und Red Bull aerodynamisch mehr darunter leiden, dass sich die Regenreifen beim Bremsen und in Kurvenfahrt anders verformen als die Slicks. Diese Beobachtung konnte man in den vergangenen Jahren immer wieder machen. Dazu kommt, dass der Mercedes-Motor in den kritischen Bedingungen eine Spur elastischer ist als die Konkurrenzmotoren. Hamilton hat nicht umsonst die letzten neun Regenrennen gewonnen.

In der Qualifikation zum GP Ungarn war der Engländer in den Kurven eine Klasse für sich. Er gewann gegen Ferrari vor allem in den Kurven unterhalb von 150 km/h. Hamilton stand später auf der Bremse und früher auf dem Gas. Am Scheitelpunkt von Kurve 2 machte er 5 km/h auf die beiden Ferrari-Fahrer gut. In den Kurven 12, 13 und 14 nahm er Vettel und Räikkönen über eine halbe Sekunde ab.

Vettel hat die Hoffnung auf einen Sieg noch nicht aufgegeben. Ferrari hatte zuletzt immer die besseren Starts, und der Anlauf in die erste Kurve ist mit 618 Metern relativ lang. „Wir haben die konstanteren Starts“, verbessert Vettel und warnt: „Wir dürfen nicht automatisch davon ausgehen, dass sie besser sind. Aber es gibt ja danach noch 70 Runden, in denen wir das Resultat umdrehen können.“ Zum Beispiel die Reifenwahl, die wegen des Regentrainings für alle frei ist. Mercedes wird wegen des Startvorteils von Ferrari auf den ungeliebten Ultrasoft-Reifen starten müssen, um keinen Meter herzuschenken. In den Longruns auf Pirellis weichster Mischung zeigte Ferrari deutlich weniger Abnutzungserscheinungen. Das Timing des ersten Boxenstopps könnte zur zweiten Trumpfkarte der Roten werden.

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