Racing Point - Barcelona 2020 xpb
Vergleich Racing Point RP20 vs. Mercedes W10 - F1 2020
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Vergleich Racing Point RP20 vs. Mercedes W10 - F1 2020 27 Bilder

Wende im Racing-Point-Streit

Bremsbelüftungen auf dem Tisch

Das Urteil im Streit um die Bremsbelüftungen zwischen Racing Point und Renault wird diese Woche erwartet. Wie inzwischen bekannt wurde, hatte Racing Point die Bremshutzen des 2019er Mercedes als Vorlage im Haus. Und die FIA wusste davon.

Die Formel 1 erwartet mit Spannung das Urteil der Sportkommissare in der Causa Renault gegen Racing Point. Renault hatte bei den letzten drei Rennen einen Protest gegen die Bremsbelüftungen an den beiden Racing Point RP20 eingelegt. Nach Meinung von Renault wurden die besagten Komponenten mit unerlaubter fremder Hilfe kopiert.

Vorbild war der Mercedes W10 aus dem Vorjahr. Das war nicht die einzige Ähnlichkeit zwischen dem aktuellen Racing Point und dem alten Mercedes. Das ganze Auto sieht aus wie eine pink lackierte Kopie des 2019er-Weltmeisterautos.

Renault pickte sich die Bremsbelüftungen aus zwei Gründen heraus. Erstens glauben die Franzosen, dass an diesem Detail der Vorwurf fremder Hilfe am leichtesten nachzuweisen ist. Zweitens eignen sich die Bremsschächte am besten dazu, ein Thema anzuschieben, das nach Meinung von Renault die ganze Formel 1 bedroht.

Weil es das Feld in einige wenige große Konstrukteure und ihre Kopien einteilen könnte. Egal wie der Streit ausgeht. Der Fall wird nach dem ersten Urteil vermutlich noch vor dem Berufungsgericht der FIA landen. Und dann wird es um die generelle Frage gehen, wie viel Kopie erlaubt ist und wie viel nicht.

Mercedes vs. Racing Point - Formel 1 - GP Ungarn - Budapest - 18. Juli 2020
xpb
Die Beziehung zwischen Mercedes und seinem Kundenteam Racing Point ist eng.

Bei Mercedes eingekauft

Die Anhörung vor den Sportkommissaren ist für diese Woche terminiert. Racing Point hatte drei Wochen Zeit, den Gegenbeweis anzutreten. Technikchef Andy Green bestätigte, dass die FIA die Dokumentation eine Woche vor dem GP England erhalten hat, die Sportkommissare dann am Donnerstag vor dem ersten Silverstone-Rennen.

Der langjährige Formel 1-Ingenieur gibt sich siegessicher: "Der Protest sollte abgewiesen werden. Wir haben uns an die Regeln gehalten und anhand von Zeichnungen und Daten gezeigt, warum die Bremsbelüftungen der beiden Autos so ähnlich sind."

Green erwähnt dabei, dass man die Bremsschächte des 2019er Mercedes im vergangenen Jahr ganz legal erworben habe. Sie zählten zu dem Zeitpunkt noch nicht zu den so genannten "listed parts", also jenen Komponenten, die zwingend selbst konstruiert werden mussten.

Damit hat man eingeräumt, dass die Luftschächte, die weit mehr sind als nur ein Hilfsmittel zum Kühlen der Bremsen, sehr wohl als Vorlage für die 886 Einzelzeichnungen gedient haben, die im Designbüro in Silverstone entstanden sind.

Der 55-jährige Engländer verrät auch, dass die FIA-Inspektoren bei ihrer Untersuchung des RP20 im Februar sehr wohl auch die Bremsbelüftungen begutachtet und dabei auch die geforderten Details zur Konstruktion der Teile erhalten habe. "Das muss Nikolas vergessen haben", meinte Green und sprach dabei FIA-Technikdirektor Nikolas Tombazis an, der selbst nicht bei der Überprüfung in der Fabrik anwesend war.

Vergleich Racing Point RP20 vs. Mercedes W10 - F1 2020
ams
Original und Fälschung: Verstößt die detaillierte Kopie gegen die Regeln?

Warnung an Haas

Das hört sich zunächst einmal an, als würde damit Renaults Verdacht bestätigt. Die Racing Point-Ingenieure haben die Bremsbelüftungen des Mercedes W10 nicht nur anhand von Fotos kopiert. Es lagen ganz offiziell die Originalteile auf dem Tisch.

Der Knackpunkt ist, dass die Bremsbelüftungen erst am 1. Januar 2020 ihren Status in der Einstufung der Komponenten geändert haben. Die Teams wussten seit Juli 2019 davon. Es ist mehr eine juristische als eine sportpolitische Frage, wie dieser Spezialfall zu bewerten ist.

Racing Point verwendete Wissen eines Details für sein 2020er Auto, das bis zum 31. Dezember 2019 noch legal verfügbar war. In Theorie hätte Mercedes seine Bremsbelüftungen bis zu diesem Zeitpunkt an alle verkaufen können. Da es sich um eine 2019er Komponente handelt, sollte dafür auch das 2019er Reglement gelten.

Außerdem wurden die Konstruktionspläne der entsprechenden Teile bereits im letzten Jahr zu Papier gebracht. Nikolas Tombazis warf den Punkt in die Runde: "Selbst wenn Racing Point Ende Dezember alle Zeichnungen oder Daten in den Papierkorb geworfen hätte, wäre das vorher erworbene Wissen weiter in den Köpfen der Ingenieure."

Racing Point - Vergleich 2019 / 2020 - Anstellung
Stefan Baldauf
Racing Point hat im Vergleich zum Vorjahr einen radikalen Konzeptwechsel hinter sich. War das nur durch Fotos möglich?

Die Praxis erregt Unmut bei der Konkurrenz. Haas-Teamchef Guenther Steiner erzählt, dass er nach der Statusänderungen der Bremsbelüftungen von der FIA die Warnung erhalten hatte, sich auf keinen Fall Informationen von Ferrari darüber einzuholen. Selbst 2019 wäre eine Hilfestellung verboten gewesen.

"Ich habe extra drei Ingenieure angestellt und Werkzeuge bauen lassen, um unsere eigenen Bremsbelüftungen zu entwickeln und zu bauen", erklärt Steiner. Der Unterschied zu Racing Point liegt darin, dass Haas seine Teile vom aktuellen Ferrari einkauft. Hätte er 2019 Unterlagen über die Bremshutzen des 2020er Ferrari erhalten, wäre das eindeutig illegal gewesen.

Während es für die Bremsbelüftungen eine plausible Erklärung geben mag, zweifeln immer mehr Ingenieure an, dass Racing Point ausschließlich anhand von Fotos das komplette Auto so detailgetreu nachbauen konnte. Auch McLaren-Teamchef Andreas Seidl wundert sich: "Das ist mit Fotos, die in der Boxengasse oder im Parc Fermé geschossen werden, nicht möglich. Da brauchst du schon einen Scan."

Im Fahrerlager erzählt man sich, dass Renault einen Tipp von Ex-Racing-Point-Mitarbeitern bekommen haben soll. Die haben im Winter das Lager gewechselt. Wenn es sie gibt, werden sie wahrscheinlich erst vor einem Berufungsgericht mit Zivilrichtern den Kronzeugen spielen.

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