Sergio Perez - Racing Point - Formel 1 - GP Eifel - Nürburgring - Samstag - 10.10.2020 xpb
Racing Point - Technik-Upgrade GP Toskana Mugello - 2020
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Racing Point - Technik-Upgrade GP Toskana Mugello - 2020 11 Bilder

Racing Points Kritik an Kopier-Regeln

Verbot von Konzept-Klau ist Stagnation

Racing Point stand schwer unter Beschuss. Die Gegner forderten strengere Kopier-Regeln und eine Neubewertung der Token-Vergabe. Technikchef Andy Green wehrt sich gegen die Vorwürfe und erklärt, wie es jetzt in eine gefährliche Richtung abdriftet.

Sie sind die Outlaws der Formel 1. Racing Point hat das Establishment aufgeweckt und gegen sich aufgebracht. Die Kopie des Vorjahres-Mercedes ging vielen im Zirkus einen Schritt zu weit. Besonders der direkten Konkurrenz. Sie sahen sich im Kampf hinter dem Spitzenduo plötzlich mit einem Gegner konfrontiert, mit dem man nicht gerechnet hatte. Es gab einen Protest, Beschwerden, viele böse Worte und als Konsequenz neue Regeln. Bei einigen musste Racing Point nachgeben, bei anderen setzte sich der Rennstall aus Silverstone durch.

Das Team ist schon immer seinen eigenen Weg gegangen, war von Anfang an unbequem und undiplomatisch, hat sich nie etwas gefallen lassen, das war schon so, als der Rennstall noch Force India hieß. Es ist eine Truppe von Racern durch und durch. Eine, die aus wenig viel macht, und oft einen anderen Weg wählt als der Rest.

RP20-Experiment für Zukunft

So sehr der Rennstall früher auf die DNA der Formel 1 geschworen und Eigenständigkeit eingefordert hat, so sehr hat er sich jetzt scheinbar dem Gegenteil verschrieben. Doch der Schritt, sich so viele Anleihen wie möglich von Mercedes zu holen, war laut Technikchef Andy Green notwendig, nicht nur weil der Motorenpartner auch das Getriebe und die Aufhängungen liefert.

Die Designer in Silverstone waren zu der Erkenntnis gekommen, dass ihr Konzept des stark angestellten Autos an einer Grenze angelangt war. Ein Umstieg auf ein Auto, das im Heck tiefer steht, war aber ein gefährliches Spiel. Selbst die großen Teams wagen das nicht von einem Jahr aufs nächste.

Green beteuert: "Für uns hat es sich als ein großer Unterschied dargestellt, wie das Auto funktioniert, wenn wir den Anstellwinkel verringern. Solange wir nur kleine Experimente damit gemacht hatten, waren wir nie ganz überzeugt davon. Aber jetzt sehen wir die Vorteile. Weil wir voll eingetaucht sind. Unserer Ansatz war der, dass wir es eine Saison lang versuchen. Für uns war dieses Auto ja ohnehin nur eine Zwischenlösung vor dem komplett neuen 2021er Auto, das jetzt auf 2022 verschoben wurde. Mit diesem Experiment wollten wir lernen, wo wir in Zukunft hingehen wollten."

Lance Stroll - Racing Point - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
Motorsport Images
Seit Sotschi fährt Racing Point mit den 2020er Komponenten der Mercedes-Hinterradaufhängung.

Lärm um Token-Vorteil

Die Zwischenlösung war auch ein Neustart: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir die Konzepte des 2019er Mercedes nur als Ausgangsbasis nutzen. Es ging in der Kürze der Zeit gar nichts anders bei einem so großen Philosophiewechsel. Von diesem Punkt an betreiben wir unsere eigene Entwicklung. Wir folgen den Windkanaldaten. Die zukünftigen Formen des Autos sind nicht von Mercedes bestimmt, sondern von unseren Daten. Deshalb sieht unser Aero-Upgrade, das wir in Mugello gebracht haben, auch anders als ein Mercedes aus, weil wir glauben, dass diese Geometrie besser ist."

Zum Grand Prix Russland schob Racing Point noch die Hinterradaufhängung des 2020er Mercedes nach. Es war ein Schritt, der so im März noch nicht geplant war, den aber die Token-Regeln erfordert haben. "Wir mussten dieses Upgrade zu dem Zeitpunkt bringen, um der Token-Regel zu genügen, die im Mai beschlossen wurde. Die neue Hinterradaufhängung musste jetzt ins Auto, um in der Saison 2021 das 2020er Getriebe von Mercedes einsetzen zu können", erklärt Green. Die Änderung gibt den Ingenieuren mehr Freiheit beim Setup, um die Traktion aus langsamen Kurven zu verbessern und einfacher die Balance zwischen langsamen und schnellen Kurven zu finden.

Die Konkurrenz rümpft immer noch die Nase darüber, dass Racing Point für den Einbau der 2020er Komponenten von Mercedes keine Token nehmen muss, auch wenn man sich dabei an den gleichen Zeitrahmen hielt wie McLaren mit der Einführung der neuen Nase. Und Andy Green regt sich darüber auf, dass sich andere aufregen. "Alles was wir tun, ist ein 2019er Auto auf den Stand von 2020 zu bringen. Das haben alle anderen schon zu Beginn dieser Saison gemacht. Unsere Gegner wollten, dass wir weiter 2019er Teile fahren, während sie eine 2020er Aufhängung einsetzen dürfen. Ist das fair?"

Außerdem bringe die Token-Regel Racing Point eher Nachteile als Vorteile. Die Techniker sind wegen der Architektur des 2020er Getriebes von Mercedes gezwungen, ihren Rest-Token für Komponenten an Nebenaggregaten des Getriebes einzusetzen. "Dieser Token in der Peripherie wurde uns quasi aufgezwungen", erklärt der Technikdirektor. "Da wurde viel Lärm um nichts gemacht. Ich finde das enttäuschend."

Andy Green - Racing Point
Racing Point
Racing Point-Technikchef Andy Green kann die scharfe Kritik der Konkurrenz nicht nachvollziehen.

Racing Point stimmt Friedensvertrag zu

Noch mehr ärgert sich Andy Green über die Vorwürfe der Konkurrenz, Racing Point würde nur bei Mercedes abkupfern, während man selbst alles in Eigenregie baut. "Wir werden uns weiter die anderen Autos anschauen und nach neuen Ideen oder Inspirationen suchen. Wenn andere Teams behaupten, sie würden das nicht machen und alle ihre Ideen würden in den eigenen vier Wänden geboren, dann träumen sie. McLaren ist kürzlich mit einer neuen Nase und einem neuen Frontflügel aufgetaucht, die ganz klar den Mercedes als Vorlage nehmen. Hat sich irgendeiner beschwert, dass sie das kopiert haben? Nur Racing Point darf das nicht. Bei Renault das gleiche Spiel. Der ganze vordere Teil des Autos ist Copy und Paste des Mercedes-Konzepts. Die Teams, die am lautesten schreien, kopieren am meisten."

Trotzdem unterschrieb Racing Point die Anti-Kopier-Regeln der FIA. "Wir haben den neuen Regeln zugestimmt, um Ruhe zu haben", räumt Green ein. "Das ist eine Art Friedensvertrag. Was wir getan haben, hat einige Leute aufgeregt. Obwohl wir nie etwas Illegales gemacht haben. Aber da es vielen nicht gefallen hat, waren wir bereit, die neuen Regeln zu unterschreiben. Die sagen im Wesentlichen aus, dass du dieses Maß an Reproduktion mit diesen und jenen Techniken nicht mehr haben kannst."

"Wir sind einverstanden, obwohl es uns vor große Aufgaben stellt, weil wir jetzt einige Dinge am Auto für 2021 ändern und neu konstruieren müssen. Wir halten den Schmerz im Interesse des Sports aus. Jetzt aber sind Direktiven im Umlauf, die im Widerspruch zu dem stehen, worüber wir abgestimmt haben. Wären die Regeln von vorherein so geschrieben worden, wie sie jetzt in diesen Klarstellungen rüberkommen, hätten wir nie zugestimmt."

Der erste Mann im Technikbüro von Racing Point erklärt, wo der Unterschied zwischen Reglement und Klarstellung liegt. "In den Klarstellungen heißt es, dass du nicht nur einzelne Komponenten nicht rekonstruieren darfst, sondern dass es auch verboten ist, Konzepte zu übernehmen. So steht es nicht in den Regeln. Das ist eine unzulässige Interpretation."

"Wie will man beweisen, dass man nicht das Konzept eines anderen Autos übernommen hat? Wo fängt das an, wo hört das auf? Dann dürfte McLaren seine neue Nase und seinen neuen Frontflügel nicht mehr fahren. Da reden wir über fundamentale Konzepte. Red Bull müsste auf ewig ein Auto mit viel Anstellung einsetzen, weil eine geringere Anstellung bedeuten würde, das Konzept eines anderen Autos zu übernehmen."

Andy Green fürchtet: "Wenn es verboten wäre, andere Konzepte zu übernehmen, würden alle nur stagnieren. Das gute Konzept wäre den anderen immer überlegen. Das würde im Konflikt zu dem stehen, was der Sport mit dem 2022er Reglement will. Das Ziel von uns allen ist ein engeres Feld."

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