Sergio Perez - Lance Stroll - Racing Point - GP Steiermark 2020 xpb
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Steiermark 2020 - Spielberg - Rennen
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Racing Point verschenkt WM-Punkte

Wie gut ist Racing Point wirklich?

Racing Point ist die neue Macht im Mittelfeld. In Spielberg hätte Sergio Perez mit einem Startplatz im Vorderfeld die Spitze aufgemischt. Selbst Red Bull macht sich Sorgen.

Noch drückt es der WM-Stand nicht aus. Racing Point ist Vierter, doch das Auto gibt mehr her. So wie es nach zwei Rennen in Österreich aussieht, fahren die pinken Vorjahres-Mercedes, wie sie von der Konkurrenz genannt werden, in ihrer eigenen Liga. Hinter Mercedes und Red Bull, aber vor dem starken Mittelfeld um McLaren, Renault und Ferrari.

McLaren-Teamchef Andreas Seidl bemerkt: "Am zweiten Rennwochenende haben wir das Bild gesehen, dass wir schon nach den Barcelona-Tests hatten. Racing Point ist schneller als wir." Die pfeilschnellen RP20 hätten an einem gewöhnlichen Rennwochenende sogar die Spitze aufmischen können. Zumindest mit Sergio Perez im Cockpit. Der Mexikaner war zeitweise sogar schneller als die Mercedes. Was die Frage aufwirft: Wie gut sind diese Racing Point wirklich?

Racing Point besser als Ergebnisse

Sicher besser als die bisherigen Ergebnisse. Bislang sprang nicht mehr heraus als zwei sechste und ein siebter Platz. Im ersten Rennen hakte es an der Zuverlässigkeit. Lance Stroll musste sein Auto nach einem Leistungsverlust abstellen. 22 WM-Punkte sind für die Qualität des Autos eigentlich zu wenig. Hier ist McLaren die Referenz mit 39 Zählern. Racing Point muss erst noch lernen, ein Spitzenteam zu sein. "Wir müssen noch viel lernen. Wie macht man das? Indem man Experimente mit dem Auto durchführt und seine Erfahrungen macht", sagt Teamchef Otmar Szafnauer.

Racing Point verfolgt in dieser Saison ein ganz anderes Konzept. Das alte Auto war hinten hoch angestellt, das neue liegt mit dem Unterboden fast parallel zur Straße – wie der Mercedes. Am ersten Rennwochenende des Jahres musste das Team aus Silverstone erst sein Upgrade verstehen. Es benötigte Feintuning. Es reicht nicht einfach, neue Teile ans Auto zu schrauben. Das Setup muss daraufhin ausgerichtet werden, mögliche Balance-Verschiebungen arretiert. Und Racing Point konnte beim GP Österreich den Mercedes-V6-Turbo noch nicht in den schärfsten Power-Modi betreiben.

Beides änderte sich eine Woche später. Ein besseres Verständnis plus mehr Leistung. Am Trainingsfreitag machte sich Racing Point auf, Mercedes und Red Bull zu ärgern. "Es hätte sein können, dass die Trainingszeiten die Startaufstellung bestimmen. Deshalb haben wir das zweite Training wie eine Qualifikation genommen. Wir fuhren aber noch nicht mit den stärksten Leistungsstufen. Wenn die anderen das gleiche Programm hatten, hat der Freitag die wahre Pace der Autos gezeigt", meint Szafnauer.

Vergleich Racing Point RP20 vs. Mercedes W10 - F1 2020
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Die Angst vor Racing Point

Perez war mit einer Rundenzeit von 1:03.877 Minuten bereits im zweiten Training etwa eine Zehntel schneller als am Samstag zuvor in der Qualifikation. Was zeigt, dass die Ingenieure ihr Auto besser auf das Upgrade eingestellt haben. Und mit mehr Power des Mercedes-V6 wäre sicher auch noch mehr gegangen. Im Nachhinein dürfte Racing Point den Regen verfluchen, der das Team in der Qualifikation auf die Startpositionen 12 und 17 verbannte.

Stichwort: Lernen. Racing Point verstand es am verregneten Qualifikationssamstag nicht, den RP20 auf die Verhältnisse einzustellen. Die Fahrer bekamen die Reifen nicht ins Arbeitsfenster. Und beklagten folglich fehlenden Grip. Einen Tag später war alles vergessen. Perez pflügte von hinten durchs Mittelfeld bis auf den zwischenzeitlichen fünften Platz. Und auch Stroll machte eine gute Figur. "Wir hatten eine sehr starke Pace im Rennen", befand Szafnauer.

Racing Point war teilweise so schnell, dass die Konkurrenz aufschreckte. "Perez war im zweiten Rennteil ein paar Zehntel schneller als die Mercedes", staunte Red Bulls Teamchef Christian Horner. "Wenn die diese Leistung auch auf anderen Rennstrecken reproduzieren, muss selbst uns bange werden", urteilt Red Bull-Sportchef Helmut Marko.

Schneller als Bottas

Bis zum Boxenstopp steckte Perez überwiegend im Verkehr fest und musste überholen. Erst in Runde 29 schaffte der Mexikaner erstmals eine Rundenzeit von 1:08 Minuten. In den letzten vier Umläufen vor seinem einzigen Reifenwechsel deutete Perez erstmals das Potential des RP20 an. Hier die Rundenzeiten auf abgefahrenen Softreifen: 1:08.664, 1:08.610, 1:08.733 und 1:08.662 Minuten.

Nach dem Wechsel auf Mediumreifen kehrt Perez 49,3 Sekunden hinter Hamilton auf die Strecke zurück. Der Rückstand wächst bis zur 50. Runde auf 50,4 Sekunden, weil der achtmalige Podest-Kletterer erst an Teamkollege Stroll und Renault-Pilot Daniel Ricciardo vorbeimuss, ehe er sich auf die Jagd nach Alexander Albon im Red Bull macht.

Ab dann wird es interessant. Von Runde 50 bis 68, bis zu seinem Frontflügelschaden, fährt Perez 1:07er Zeiten am Fließband. Bis auf zwei Ausnahmen. Hier mal exemplarisch die Runden 50 bis 53: 1:07.578, 1:07.513, 1:07.542, 1:07.547 Minuten. Und hier der Vergleich zu Bottas, der erst Daniil Kvyat überrunden muss, dann aber freie Fahrt hat: 1:08.119 (hinter Kvyat), 1:07.618, 1:07.849, 1:07.716 Minuten.

Perez holt rasend schnell auf Albon auf. "Der hat seine Reifen geschont und den Motor runtergedreht. Deshalb ging es so schnell", erzählt Racing Point-Teamchef Szafnauer. Aus 5,5 Sekunden werden in sieben Runden sechs Zehntel. Dann muss der Thailänder selbst den Nachbrenner anzünden.

Racing Point - GP Steiermark - Österreich - 2020
Racing Point
Im Regen hatte Racing Point große Probleme. Die Ingenieure müssen ihr Auto noch besser kennenlernen.

Perez sieht noch Schwachstellen

Von Runde 50 bis 68, bis er sich den Frontflügel an Albon abfährt, holt Perez über fünf Sekunden auf die beiden Mercedes auf. Das ist eine Hausnummer. Lewis Hamilton an der Spitze musste zu diesem Zeitpunkt zwar nur noch verwalten, und nicht seine wahre Geschwindigkeit zeigen. Doch der Teamkollege musste alles geben, um Max Verstappen auf dem zweiten Platz einzuholen. Der Niederländer taugt nicht für einen Vergleich. Sein Red Bull war angeschlagen: demolierter Front- und Heckflügel. Auch Bottas‘ Mercedes war offenbar nicht ganz in Takt.

Trotzdem: Perez legte ein starkes Tempo hin. Es darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass auch Albon vor ihm sehr schnell war – angestachelt durch den pinken Rennwagen in seinem Rückspiegel. Ansonsten hätte Red Bulls Nummer zwei den Mexikaner nicht aufhalten können. Albons Problem ist der erste Rennteil. Je leerer die Tanks, desto besser findet sich der Thailänder zurecht. Perez war jedoch der schnellere Mann. Wer sich dauerhaft im Bereich von einer Sekunde hält, in den Turbulenzen des Vordermannes Abtrieb an der Vorderachse verliert, und trotzdem die Reifen konserviert, hat ein starkes Rennauto.

Sowohl Mercedes als auch Red Bull werden ein Auge auf Racing Point haben müssen. Das Team wächst mit der Aufgabe. Teamchef Szafnauer warnt die Konkurrenz bereits, dass der RP20 noch stärker werden wird, obwohl das Team nur mit einem echten Upgrade für die Saison plant. "Ich habe es in meiner Zeit bei Honda schon erlebt. Da haben wir in der zweiten Saisonhälfte kein Update mehr ans Auto gebracht, wurden aber immer besser. Wir haben einfach immer mehr über das Auto gelernt, uns selbst nicht verwirrt, weil wir immer mit derselben Basis weitergearbeitet haben."

Der Red Bull-Ring lag Racing Point zweifellos. Perez sieht aber noch Schwachstellen. "Wir müssen in den langsamen und mittelschnellen Kurven besser werden." Der Hungaroring könnte wieder eine Piste für den RP20 sein. Zwar sind die Geraden kürzer, weshalb der Vorteil des Mercedes-V6 kleiner ausfallen dürfte.

Auf der anderen Seite wird die Strecke vor den Toren Budapests immer schneller. Weil die Autos immer mehr Anpressdruck generieren. Aus langsamen Kurven wurden mittelschnelle. Aus mittelschnellen schnelle. Die klassische Sprechart, der Hungaroring sei wie Monaco, nur mit Leitplanken, trifft nicht mehr unbedingt zu. Und die Hitze macht Racing Point offenbar weit weniger zu schaffen als dem Werksteam. Da könnte eine Überraschung auf die Formel 1 warten.

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