Alexander Albon - Red Bull - Formel 1 - GP Eifel - Nürburgring - Samstag - 10.10.2020 xpb
Red Bull 2004
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Noch ein Upgrade bei Red Bull

Eigener „Honda-Motor“ erste Wahl

Die Weltmeisterschaft ist verloren. Red Bull arbeitet bereits voll auf 2021 hin. Der Ansatz ist dabei ein anderer als bei Mercedes. Nach dem Honda-Schock musste sich Red Bull erst einmal schütteln. Die präferierte Option ist es, den japanischen Sechszylinder ab 2022 in Eigenregie weiterzubetreiben.

Es war der fünfte zweite Platz für Max Verstappen in dieser Saison. Der Niederländer ist der einzige Fahrer im Feld, der vorne zur Stelle ist, wenn Mercedes mal schwächelt. So wie im zweiten Silverstone-Rennen, als Mercedes mit den Reifen zu kämpfen hatte und Verstappen für Red Bulls bislang einzigen Saisonerfolg sorgte.

Oder wie am Nürburgring. Da war der WM-Dritte auch ohne den Ausfall von Valtteri Bottas auf Kurs zu einem zweiten Platz. Und Verstappen ließ Lewis Hamilton zumindest nicht hoffnungslos enteilen. Auch wenn der Mercedes selbst im Renntrimm drei bis fünf Zehntel schneller war als sein einziger Verfolger.

Alexander Albon hält bei den Ergebnissen nicht mit. Im Qualifying-Duell steht es 11:0 für Verstappen. Nach Podestplätzen 8:1. Nach WM-Punkten 147 zu 64. Trotzdem sitzt Albon weiter fest im Cockpit, weil die Verantwortlichen bei Red Bull Fortschritte ausmachen, die von außen allerdings nicht immer zu erkennen sind.

Hamilton, Verstappen – dann Leclerc

In der Qualifikation trennten Verstappen und Albon zwei Plätze oder fast eine halbe Sekunde. Genug für Red Bull, um dem jungen Thailänder ein gutes Zeugnis auszustellen. Auch die 23 Rennrunden bis zum Ausfall seien ansprechend gewesen. "Albon kommt näher heran. Seine Leistung am Nürburgring hat gestimmt. Der Bremsplatten und der fällige Boxenstopp haben ihn leider in den Verkehr getrieben", sagt Red Bulls Sportchef Helmut Marko. Ein kaputter ERS-Kühler wegen eines Fremdkörpers zwang ihn später zur Aufgabe.

Während die Stimmen immer lauter werden, die Red Bull ein Umdenken in der Fahrerfrage nahelegen, wollen die Verantwortlichen nichts von einem Austausch Albons wissen. "Die anderen beiden Kandidaten, die ihr ins zweite Cockpit schreibt, sind auch mindestens drei Zehntel langsamer als Verstappen", sagt der 77-jährige Grazer.

Gemeint sind Nico Hülkenberg und Sergio Perez, die auf dem Markt sind. "Es gilt auch nach dem Nürburgring der alte Stand. Wenn es Albon schafft, sich weiterzuentwickeln und er den Abstand zu Verstappen weiter verkürzt, sitzt er 2021 im Red Bull."

Albon wird sich dennoch steigern müssen. Auch ein Max Verstappen braucht Unterstützung gegen zwei Mercedes. Allein schon der Taktik wegen. Zwei gegen einen funktioniert auf Dauer im Kampf um eine Weltmeisterschaft nicht. Und darum geht es Red Bull. Man will mit aller Macht den ersten Titelgewinn seit 2013. Die Teamführung räumt dem 24-Jährigen, der seit knapp mehr als einem Jahr im dunkelblauen Auto der Mannschaft aus Milton Keynes sitzt, Zeit für die Entwicklung ein.

Red Bull hat seine Politik geändert. Es gibt Druck für den zweiten Fahrer, ja, aber auch öffentliche Rückendeckung. Nach dem Motto: Wir sehen alle Daten. Wir kennen die Problemstellen unseres Autos, die Verstappen mit seiner Gabe umfahren kann. Wir sehen, wie sich Albon entwickelt. Die Messlatte ist hoch. "Verstappen und Hamilton fahren einsam auf ihrem Niveau. Dann kommt der Leclerc. Und der fährt schon richtig gut in diesem Ferrari. Das ist beeindruckend", urteilt Marko.

Alexander Albon - Nürburgring - Eifel Grand Prix - 2020
Wilhelm
Alexander Albon fehlt eine halbe Sekunde auf den Teamkapitän.

Verstappen fordert mehr Grip

Red Bull war in der Eifel nicht nur mit seinen Fahrern, sondern auch mit dem Auto zufrieden. Der Rückstand in der Qualifikation auf Mercedes war so gering wie nie in dieser Saison. Die Updates haben den RB16 schneller und vorhersehbarer gemacht.

Verstappen drückt es so aus: "Front und Heck sind besser miteinander verbunden." Marko ergänzt: "Die Nervosität im Heck war so gering wie nie in diesem Jahr. Wir können mehr Druck ausüben. Den braucht es, damit Mercedes nicht das sonstige Bummeltempo fahren kann. Leider hat es diesmal nur bei Bottas funktioniert."

Mit jeder Neuentwicklung und mit einem besserem Verständnis für die Fahrzeugabstimmung löst Red Bull das Problem der Instabilität. Der Windkanal hatte die Ingenieure im Winter genarrt. Jetzt stimmen die Daten aus dem Labor mit der Wirklichkeit überein. "Die Entwicklungen haben uns den erwarteten Schritt vorwärts gebracht."

Wo hapert es im Chassis-Bereich noch gegenüber Mercedes? "In schnellen Richtungswechseln wie in Schikanen sind sie besser." Auf der Motorenseite fehlen je nach Sichtweise zwischen 15 und 30 PS. Die will Honda mit einem neuen Sechszylinder-Turbo im nächsten Jahr wettmachen.

Interessant ist nicht nur der Vergleich auf der Rennstrecke, sondern auch in der Fabrik. Mercedes hat sein Entwicklungsprogramm für 2020 bereits eingestellt. "Schon vor langer Zeit", wie Teamchef Toto Wolff bestätigt. Die letzten Neuteile gab es beim Dreierschlag Spa-Monza-Mugello. Red Bull hingegen arbeitet mit Nachdruck am RB16, um das Auto berechenbarer zu machen und mehr Anpressdruck zu generieren. "Wir brauchen noch mehr Grip", fordert Verstappen.

Ein letztes Upgrade

Marko erklärt die Hintergedanken. "Das nächstjährige Auto ist nicht viel anders als das diesjährige. Wir entwickeln voll weiter, weil wir einen Großteil 2021 übernehmen können." Man könnte 2021 von einer B-Version sprechen, weil viele Teile laut Reglement eingefroren werden.

Die Aerodynamikentwicklung bleibt frei. Bis auf drei Ausnahmen. Im Bereich des Unterbodens an der seitlichen Kante und vor den Hinterrädern, der hinteren Bremsbelüftungen und des zentralen Teils des Diffusors müssen die Ingenieure mit Abstrichen leben. Die Einschnitte sind größer, als sie klingen mögen. Der Abtriebsverlust beläuft sich laut Berechnungen der FIA auf zehn Prozent. Davon wollen die Ingenieure so viel wie möglich bis zum Saisonstart 2021 zurückholen. Red Bull arbeitet parallel an dieser Aufgabe und am 2020er Auto, während Mercedes sich voll auf das kommende Jahr stürzt. Wir werden erst 2021 erfahren, wessen Strategie die bessere ist.

In dieser Saison will Red Bull noch einmal größer aufschlagen. "Es wird noch ein Upgrade geben. Wir verarbeiten aber erst die Erkenntnisse vom Nürburgring. Es fehlt uns ja ein kompletter Trainingsfreitag für die Analyse", sagt Marko. Heißt: Es gibt weniger Datensätze. Trotzdem urteilt der Doktor der Rechtswissenschaften über das unfreiwillige Zwei-Tages-Event am Nürburgring: "Es hat alles tadellos funktioniert. Man sollte sich Gedanken machen, ob es in Zukunft noch einen Freitag braucht."

Alexander Albon - Nürburgring - Eifel Grand Prix - 2020
Wilhelm
Alexander Albon fehlt eine halbe Sekunde auf den Teamkapitän.

Entwicklungsstopp für Motor

Wie lässt sich der straffe Entwicklungsfahrplan für das restliche Jahr mit den Umstrukturierungsmaßnahmen vereinbaren, die gleichzeitig angeschoben werden müssen? Die großen Teams müssen für 2021 schrumpfen, um die Budgetobergrenze einzuhalten. "Es ist ein sehr diffiziles Programm, das wir fertig ausgearbeitet haben mit genauen Zeitpunkten für die einzelnen Einschnitte. Es ist schwierig für uns, geht Mercedes oder Ferrari aber genauso."

Und dann gibt es ja noch eine weitere Baustelle bei Red Bull. Nach Hondas Abschiedsankündigung ist das Team auf Motorensuche. Bis November soll eine Entscheidung stehen, wie es weitergeht. Mercedes hat für 2022 bereits abgesagt. Renault und Ferrari sind offen für Gespräche. Red Bull sondiert und hält sich alle Türen offen.

Es gibt aber eine bevorzugte Option. "Unsere erste Wahl ist es, den Honda-Motor zu übernehmen und in Eigenregie zu betreiben. Wir müssen aber erst einmal alles im Detail durchrechnen", sagt Marko. Red Bull würde in diesem Fall die Honda-Fabrik in Milton Keynes übernehmen.

Dafür muss das Reglement allerdings die Motorenentwicklung untersagen. Red Bull hat weder die Kapazitäten noch das zusätzliche Budget, um mit den anderen Herstellern Schritt zu halten. "Wir bräuchten einen Entwicklungsstopp auf der Motorenseite Ende 2021. Ansonsten wäre das Vorhaben nicht möglich. Es dürfte danach nicht mal mehr ein Upgrade erlaubt sein. Dafür musst du schon wieder über das ganze Jahr Entwicklungsarbeit leisten und einen neuen Motor bauen. Das wäre mit unseren Strukturen nicht möglich."

Einen neuen Zylinderkopf bräuchte ein verkappter Red Bull-Honda-Motor ab 2022 so oder so, weil dann entweder synthetischer Kraftstoff oder Bio-Sprit dem Benzin beigemischt wird. Diese Entwicklung müsste wohl entweder noch Honda für Red Bull übernehmen oder an einen unabhängigen Motorenbauer wie Ilmor ausgelagert werden.

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