Regen stürzt Ferrari ins Chaos

Leere Batterie und Kratzer am Diffusor

Sebastian Vettel - GP Belgien 2018 Foto: sutton-images.com 53 Bilder

In Spa-Franchorchamps war Ferrari wieder einmal Favorit für die Pole Position. Und wieder reichte der Regen Lewis Hamilton eine Hand. Doch Ferrari half auch selbst kräftig mit. Wir haben nachgefragt, wie es zu dem Chaos bei den Italienern kam.

Schlechte Stimmung bei Ferrari. In der Qualifikation schien alles für eine erste Startreihe in Rot gerichtet, doch am Ende hatte wieder Lewis Hamilton im Mercedes die Nase vorn. Kimi Räikkönen gewann das Q1. Sebastian Vettel die zweite K.O.-Runde. Und dann kam wie in Budapest der Regen. Erst spärlich, dann heftig, dann gar nicht mehr. Fünf Minuten vor der Zielflagge schloss der Himmel seine Schleusen. Damit war klar: Wer in die erste Startreihe fahren wollte, musste so spät wie möglich in seine letzte fliegende Runde gehen.

Kimi Räikkönen stand im entscheidenden Moment in der Garage. Sein Team hatte zu wenig getankt, als die Autos nach einer Proberunde auf Slicks an die Boxen zurückkehrten, um auf Intermediates zu wechseln. Es war genug Zeit beide Autos so zu betanken, dass die Fahrer ohne weiteren Boxenstopp bis zur Zielflagge würden durchfahren können. Während Vettels Auto zum Reifenwechsel und Nachtanken in die Garage gerollt wurde, bekam sein finnischer Kollege auf dem Boxenvorplatz nur frische Intermediates verpasst. „Wenn sie das andere Auto betanken konnten, warum nicht meines?“, maulte Räikkönen.

Ferrari wollte zwei Strategien spielen

Zur Ehrenrettung von Ferrari muss man sagen, dass die Ingenieure vermutlich zwei unterschiedliche Strategien fahren wollten, für den Fall, dass der Regen am Ende stärker wird. In dem Fall hätte die schnelle Abwicklung Räikkönen geholfen. Das Nachtanken dauert ungefähr zwei Minuten. Trotzdem hatte der Kommandostand noch die Chance zu korrigieren, vor allem nachdem Räikkönens Renningenieur Carlo Santi kurz darauf seinen Fahrer informierte, dass der schlimmste Regen vorbei sei.

Da hätte der WM-Dritte seine Aufwärmrunde noch abbrechen und sich an der Box mehr Benzin abholen können. „Wir hätten merken müssen, dass die Strecke wieder schneller wurde. Bei solchen Bedingungen sollte das Timing so sein, dass man ganz zum Schluss auf der Strecke bleiben kann“, nuschelte ein maßlos enttäuschter Räikkönen.

Der Finne startet jetzt von Platz 6. „Das wird meinen Sonntag schwieriger machen“, fürchtet der Iceman. „Am Freitag habe ich festgestellt, dass Überholen schwieriger ist als gedacht.“ Der vierfache Spa-Sieger fürchtet vor allem die Startphase. „Das Layout der Strecke ist so, dass von meinem Startplatz leichter etwas passieren kann.“ In Spa dauern die Positionskämpfe nach dem Start nicht nur bis zur ersten Kurve, sondern setzen sich bis zum Ende der Kemmel-Geraden fort. Also mehr Gelegenheiten in einen Unfall verwickelt zu werden.

Vettel in der Zwickmühle

Sebastian Vettel - GP Belgien 2018 Foto: sutton-images.com
Beim Versuch das Vettel-Auto nach dem Weg zu räumen, schleifte der Unterboden über den Asphalt. Nach dem Qualifying schaute Vettel selber nach, wie groß der Schaden war.

Bei Sebastian Vettel brach ebenfalls Chaos aus. Als der Heppenheimer nach dem ersten kurzen Run im Regen an die Box kam, um sich Slicks abzuholen, versuchten seine Mechaniker das Auto für den von hinten aufschließenden Räikkönen wegzubugsieren. Der Ferrari wurde dabei aber nur vorne aufgebockt, wodurch der Diffusor auf dem Heck schleifte. Vettel schimpfte im Cockpit: „Was macht Ihr denn für einen Scheiß. Ihr verkratzt den Unterboden.“

Als Vettel dann endlich nachgetankt mit Intermediates zum Angriff auf Hamilton blies, passte das Timing nicht. Der WM-Zweite kam als Letzter über die Ziellinie, fuhr also die entscheidende Runde unter bestmöglichen Streckenbedingungen. Doch als Vettel in seine letzte Runde ging, war die Batterie platt. „Ich habe schon den Berg rauf gemerkt, dass mir Batterie-Power fehlt. Das hat drei Zehntel gekostet.“ Vettel wollte nach Durchsicht der Daten nicht dem Batterie-Problem die Schuld für die Trainingsniederlage geben: „Ich habe auf Lewis zu viel Zeit im zweiten Sektor und in der letzten Kurve verloren.Meine Intermediates waren schon ziemlich am Ende.“

GPS-Messungen zeigen, dass der Antrieb danach wieder ins De-Rating ging, um wenigstens ein bisschen Energie zu rekuperieren. Vettel war insgesamt für drei fliegende Runden am Stück auf der Strecke. Im Regen schalten die Fahrer auf einen Motor-Modus, bei dem sich die Batterie über den Zeitraum von zwei Runden entlädt. Auf trockener Straße wird die gesamte Energie in einer Runde abgerufen, ohne dass die Batterie zwischendurch geladen wird.

Hamilton-Fehler erweist sich als Glücksfall

Lewis Hamilton & Sebastian Vettel - GP Belgien 2018 Foto: xpb
Kann Sebastian Vettel den Spieß im Rennen umdrehen?

In der zweiten der drei Runden steckte Vettel in der Zwickmühle. Sollte er die Runde zum Teil opfern und versuchen die Batterie für den allerletzten Umlauf zu laden oder darauf hoffen, dass die Zeit in der vorletzten Runde reicht? „Normalerweise brauchst du für das Aufladen der Batterie eine halbe Runde. Das geht nicht in zwei Kurven“, verrät der Deutsche. Doch dann wäre ihm nur die erste Runde mit 2.02,446 Minuten zu Buche gestanden. „Wenn es dann zum Schluss einen Abbruch oder irgendeine gelbe Flagge gibt, habe ich zwar eine volle Batterie, kann sie aber nicht nutzen. Und ich hätte die Runde davor verschenkt.“ Mit seiner ersten gezeiteten Runde wäre Vettel nur auf Platz 5 gestanden.

Hamilton hatte es einfacher. Sein Ausrutscher in Kurve 12 nahm ihm die Qual der Wahl ab. Die Runde konnte er nicht mehr retten. Der Mercedes-Pilot hatte eine halbe Runde Zeit seine Batterie wieder aufzuladen und seine Intermediates für den letzten Schuss zu schonen. Vettel war trotzdem überrascht, dass ihn die Elektrokraft so plötzlich verließ. „Es lag vermutlich daran, dass die Strecke immer schneller wurde und sich die Batterie deshalb schneller als üblich entladen hat.“

Zu dem Zeitpunkt hatte Vettel noch nicht die Analyse gesehen, wie viel Zeit ihn die leere Batterie gekostet hatte. „Wenn es die acht Zehntel sind, die mir auf Lewis fehlen, dann bin ich echt sauer.“ Trotzdem gibt der Ferrari-Pilot das Rennen nicht verloren. „Wir haben ein schnelles Auto, mit dem wir am Sonntag immer noch gewinnen können.“

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