F1-Könige im Regen

Die großen Regenschlachten

 Ayrton Senna - McLaren MP4/6 - GP Australien 1991 - Adelaide Foto: sutton-images.com
1000. GP

Regen ist ein Spannungsmacher. Weil er die Unterschiede der Autos nivelliert, Fahrgefühl belohnt und alle normalen Gesetze über den Haufen wirft. An die großen Regenrennen der Formel 1 erinnert man sich. Und an die Regenmeister.

Der Wettergott meinte es gut mit den Schönwetter-Piloten. Nur 139 der bislang 997 Grand Prix fanden ganz oder teilweise bei Regen statt. Und viele Rennen davon blieben uns in Erinnerung. Die der Neuzeit mehr als die der Vergangenheit. Das hat weniger mit einem nachlassenden Gedächtnis zu tun als mit der Tatsache, dass einem Regenrennen in einer durch und durch simulierten und vorauskalkulierten Welt mehr auffallen. Weil sie das normale Kräfteverhältnis oft außer Kraft setzen, Platz für Überraschungen und Fehler und mehr als nur eine Ideallinie lassen. Daraus entstehen Sternstunden.

So wie die von Wolfgang Graf Berghe von Trips 1961 in Aintree, als er mit seinem Ferrari nicht nur Teamkollege Phil Hill davonschwamm, sondern auch dem großen Regenmeister Stirling Moss. Am 5. August 1962 meldete der Nürburgring Land unter. Graham Hill gewann vor John Surtees und Dan Gurney. Der Amerikaner im Porsche war der Star des Rennens. Er fuhr mit einer losen Batterie im Cockpit auf den dritten Platz. 13 mal 73 Kurven musste Gurney sie mit dem Bein an der Cockpitwand festklemmen.

Stewarts legendärer Sieg im Nebel

Spa 1966 ging in die Geschichte ein, weil ein Kamera-Auto für den Kinofilm „Grand Prix“ die dramatischen Ereignisse der 1. Runde aus dem Feld heraus filmte. Nach fünf Kilometern begann es im Streckenabschnitt Burnenville plötzlich zu schütten. Die Regenwand bewegte sich mit rasender Geschwindigkeit auf das Feld zu. Für sieben Fahrer war das Rennen zwischen Burnenville und Masta zu Ende. Sie kamen bei hoher Geschwindigkeit auf der überfluteten Piste ab. Jackie Stewart aquaplante in eine Böschung und erlitt beim Aufprall einen Schlüsselbeinbruch. John Surtees kehrte mit 11 Sekunden Vorsprung auf Jack Brabham aus der Startrunde zurück. Der Ferrari-Pilot gewann auch das Rennen.

Der GP Deutschland 1968 ging als das größte Nebelrennen in die Geschichte ein. „Der Grand Prix hätte nie gestartet werden dürfen“, schimpfte Sieger Jackie Stewart hinterher. Er gewann mit dem sagenhaften Vorsprung von 4.03 Minuten auf Graham Hill. Das größte Wunder des Tages war, dass der Blindflug keine Opfer forderte. Nur Vic Elford, Jean-Pierre Beltoise und Chris Amon rutschten von der Strecke, blieben aber unverletzt.

Jean-Pierre Beltoise machte sich mit einem Start/Ziel-Sieg beim denkwürdigen Monte Carlo-Rennen 1972 unsterblich. Der Franzose machte 2.26 Stunden lang keinen einzigen Fehler. Die Regenschlacht von 1984 im Fürstentum dauerte nur 61 Minuten. Dann brach Rennleiter Jacky Ickx ab. Das rettete Alain Prost den Sieg vor dem anstürmenden Ayrton Senna und Stefan Bellof. Es gab halbe Punkte wie 1975 am Österreichring. Vittorio Brambilla verlor im Jubel über seinen Sieg seinen March und donnerte hinter der Ziellinie in die Leitplanken. Zuvor hatten Bernie Ecclestone und March-Teamchef Max Mosley ausgemacht: Lass uns abbrechen.

GP Europa 1993 - Donington - Startrunde Foto: sutton-images.com
Die berühmte erste Runde im Wetterchaos von Donington 1993. Alain Prost führt vor Damon Hill und Ayrton Senna. Der Brasilianer hat bereits Michael Andretti und Michael Schumacher überholt. Die Williams-Piloten schnappt er sich noch vor Ende der ersten Runde.

Das kürzeste und das längste Rennen

Adelaide erlebte zum Saisonschluss gleich zwei Regenrennen. Das erste 1989 gewann Thierry Boutsen. Die Favoriten kreiselten von der Bahn oder fuhren sich in der Gischt ins Auto, inklusive Regengott Ayrton Senna. Boutsen hielt seinen Williams auf der Bahn. Zwei Jahre später beendete Dauerregen den GP Australien schon nach 14 Runden. Es war mit 24 Minuten und 34 Sekunden das kürzeste Rennen aller Zeiten. Der GP Kanada 2011 war das längste. Er dauerte einschließlich Pause vier Stunden, vier Minuten und 39 Sekunden. Sieger Jenson Button war zwischenzeitlich Letzter. Er musste sechs Mal durch die Boxengasse.

Ayrton Senna legte im Regen von Donington 1993 die unglaublichste 1. Runde aller Zeiten auf die Bahn. Er ging als Fünfter in die erste Kurve und kam als Erster zu Start und Ziel zurück. Senna gewann ein Rennen mit insgesamt 69 Boxenstopps. Der Brasilianer konnte über Wasser gehen. 13 seiner 41 Siege fanden im Regen statt. Nur übertroffen von Michael Schumacher mit 17 Regensiegen, dicht gefolgt von Lewis Hamilton mit zwölf. Doch Senna fuhr auch nur halb so viele Rennen wie seine Konkurrenten.

Nicht nur die üblichen Verdächtigen waren gute Regenpiloten. Damon Hill gewann vier Mal im nassen Element. Sein größter Triumph war der Sieg über Michael Schumacher 1994 in Suzuka. Schumacher kam im Parc fermé spontan zu Hill ans Auto und gratulierte ihm. Diese Leistung nötigte auch dem Rekordsieger Respekt ab. Jenson Button war vielleicht der Fahrer, der sich am besten auf wechselnde Bedingungen, auf diesem Eiertanz zwischen Regen und trocken einstellen konnte. Der Weltmeister von 2009 reüssierte bei sechs dieser Chaos-Rennen: 2006 und 2011 in Budapest, 2010 in Melbourne und Shanghai, 2011 in Montreal und 2012 in Interlagos.

Lewis Hamilton - GP Brasilien 2016 Foto: xpb
Lewis Hamilton ist einer der größten Regenmeister der Formel-1-Geschichte. Hier gewinnt er souverän den GP Brasilien 2016. In diesem Rennen konnte auch Max Verstappen sein Talent auf feuchtem Asphalt zeigen.

Seit 2014: nur Hamilton gewinnt im Regen

In Magny-Cours 1999 sorgte Regen für eine faustdicke Überraschung. Jordans Coup war ein Sieg der Taktik. Und einer großartigen Fahrt von Heinz-Harald Frentzen mit einem angebrochenen Schienbein. Der Jordan-Pilot hatte Schmerzen beim Gasgeben. Auf der regennassen Bahn war das fast ein Vorteil. „Ich hatte Mühe beim Durchtreten des Gaspedals. Es war wie eine künstliche Traktionskontrolle.“ Einsetzender Regen in Runde 21 zwang allen Teilnehmern den Zeitpunkt des ersten Boxenstopps auf. Frentzens Jordan wurde in der 22. von 72 Runden voll getankt. Es reichte, weil der Jordan 199 den größten Tank aller Spitzenautos hatte. Alle anderen mussten noch ein Mal an die Tankstelle.

Den letzten seiner 91 Siege feierte Michael Schumacher im Regen. Es war ein großes Duell mit Fernando Alonso in Shanghai, in dem die Intensität des Regens entschied, wer schneller war. Alonso bei viel Regen, Schumacher bei wenig. Die Entscheidung fiel am Kommandostand. Renault wechselte bei einem Stopp nur die Vorderreifen. In der Phase verlor Alonso drei Sekunden pro Runde auf seinen Kontrahenten.

Beim GP Japan 2007 zeigte Lewis Hamilton zum ersten Mal seine Regenqualitäten. Rund um ihn herum kreiselten die Kollegen von der Strecke. Hamilton blieb auf der Bahn. Beim GP England 2008 nahm der Engländer im überfluteten Silverstone dem zweitplatzierten Nick Heidfeld 1.08 Minuten ab. Seit dem GP Japan 2014 hat nur noch Hamilton im Regen gewonnen. Neun Rennen am Stück. In Brasilien 2016 redete aber keiner über den Sieger im Silberpfeil. Die Welt staunte über Max Verstappen, der nach zwei überflüssigen Boxenstopps plötzlich auf Platz 14 lag. Innerhalb von 16 Runden überholte der Holländer elf Konkurrenten und wurde noch Dritter.

Sebastian Vettel gewann seinen ersten Grand Prix auf nasser Piste. Ohne Regen 2008 in Monza hätte er in einem Toro Rosso keine Chance gegen das Establishment gehabt. Doch Vettel und Toro Rosso machten alles richtig. Sie stimmten schon am Freitag das Auto auf Regen ab, eroberten die Pole Position und kontrollierten das Rennen von der Spitze weg. Der Rest des Feldes taumelte halbblind durch die Gischt. Zehn Jahre später sind selbst solche Sensationen nicht mehr möglich. Weltmeister Mercedes hat auch noch das beste Regenauto gebaut.

GP Deutschland 1962 - Nürburgring F1 - Rennwagen John Surtees - Ferrari 312 - GP Belgien 1966 - Spa Jackie Stewart - Matra MS10 - GP Deutschland 1968 - Nürburgring Jochen Rindt - Jackie Stewart - Graham Hill - GP Deutschland 1968 - Nürburgring Jean-Pierre Beltoise - BRM P160B - GP Monaco 1972 Ayrton Senna - McLaren MP4/6 - GP Australien 1991 - Adelaide GP Europa 1993 - Donington - Startrunde Karl Wendlinger - Sauber - Michael Andretti - Mclaren - Donington 1993 Ayrton Senna - McLaren - Donington 1993 Johnny Herbert - Benetton B194 Ford - GP Japan 1994 - Suzuka Damon Hill - Williams FW16 - GP Japan 1994 - Suzuka Heinz-Harald Frentzen - Jordan-HondaFormel 1 - GP Frankreich 1999 - Magny-Cours Häkkinen - Frentzen - Barrichello - GP Frankreich 1999 - Magny-Cours Michael Schumacher - Ferrari 248 F1 - Pedro de la Rosa - McLaren-Mercedes MP4-21 - GP China 2006 Michael Schumacher - Ferrari - GP China 2006 Lewis Hamilton - McLaren - GP Japan 2007 - Fuji Impressionen - GP Japan 2007 - Fuji Kimi Räikkönen - Ferrari F2008 - GP England 2008 - Silverstone Lewis Hamilton -McLaren MP4-23 - GP England 2008 - Silverstone Lewis Hamilton -McLaren - GP England 2008 - Silverstone Sebastian Vettel - Toro Rosso STR3 - GP Italien 2008 - Monza Sebastian Vettel - Toro Rosso - GP Italien 2008 - Monza Jenson Button - Lewis Hamilton - McLaren - GP China 2010 Jenson Button - McLaren - GP China 2010

auto motor und sport feiert das 1.000. Formel-1-Rennen in dieser Saison mit einer großen Serie in 100 Teilen. Wir liefern Ihnen im täglichen Countdown spannende Geschichte und interessante Video-Features aus der Historie der Königsklasse. Alle bisherigen Artikel finden Sie auf unserer >> Übersichtsseite zum großen Jubiläums-Grand-Prix.

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