Kevin Magnussen - Haas - 70 Jahre F1 Grand Prix - Silverstone Wilhelm
Nico Hülkenberg - Racing Point - Formel 1 - GP 70 Jahre F1 - England - Silverstone - 7. August 2020
Lando Norris - McLaren - Formel 1 - GP 70 Jahre F1 - England - Silverstone - 7. August 2020
Carlos Sainz - McLaren - Formel 1 - GP 70 Jahre F1 - England - Silverstone - 7. August 2020
Daniel Ricciardo - Renault - Formel 1 - GP 70 Jahre F1 - England - Silverstone - 7. August 2020 50 Bilder

Die Reifenfrage von Silverstone: Welcher Reifen ist der schnellste?

Die Reifenfrage von Silverstone Welcher Reifen ist der schnellste?

Pirelli hat für das zweite Rennen in England weichere Reifen geliefert. Es wird dazu führen, dass die Teams mindestens zweimal stoppen. Nach dem Trainingsfreitag ist unklar, welcher Reifen tatsächlich der schnellste ist.

Eigentlich sollten die Reifensorten schon in den beiden Rennen in Österreich variieren. Doch aufgrund der kurzen Vorlaufzeit war es Pirelli nicht möglich, der Bitte der FIA und Liberty Media nachzukommen, für den zweiten Grand Prix in der Steiermark weichere Reifenmischungen vom Typ C3 bis C5 auszuliefern.

Für den zweiten Grand Prix in England, der wegen des runden Geburtstages der Formel 1 als "70th Anniversary Grand Prix" firmiert, war der Vorlauf lange genug. Deshalb brachte Pirelli weichere Sorten mit. Statt C1, C2, C3 wie am ersten Wochenende von Silverstone müssen sich die zehn Teams nun auf die Mischungen C2, C3 und C4 einstellen. Heißt: Der Medium der Vorwoche ist dieses Mal der harte Reifen und der Soft der Medium. Auf die weichste Mischung C4 mussten sich die Fahrer am Trainingsfreitag einschießen.

McLaren und Renault scheren aus

Sie machten es geschlossen in den ersten 90 Minuten. Da rührte kein Pilot einen anderen Reifentyp an als die weichste Mischung. In der zweiten Übungseinheit nutzten sie vorwiegend den C3 und C4. Einzig Renault scherte aus der Reihe und testete den harten C2 im zweiten Training. Jetzt haben Daniel Ricciardo und Esteban Ocon vom eigentlich besten Rennreifen nur noch je einen Satz übrig. Das Vorgehen verwunderte die Konkurrenz und könnte für eine Alternativ-Strategie sprechen.

McLaren war der andere Ausreißer am Trainingsfreitag. Der Traditionsrennstall aus Woking spulte sein Programm vollständig auf der weichsten Reifenmischung ab. Deshalb haben Carlos Sainz und Lando Norris für Samstag und Sonntag noch alle drei Sätze des Mediums und die zwei harten Garnituren auf Lager. Ausreichend Daten über diese Mischungen hat McLaren in der Vorwoche gesammelt. Es spricht vieles dafür, dass Woking ab dem zweiten Qualifying-Durchgang nur noch mit C2 und C3 fährt.

Carlo Sainz erklärte die Herangehensweise: "Unser Auto kämpft, je weicher die Mischungen. Reifenmanagement ist eine Schwäche unseres Autos im Vergleich zur Konkurrenz. Deshalb haben wir das Training genutzt, um zu lernen und uns auf weichen Reifen zu verbessern. Gleichzeitig haben wir uns die härteren Reifen aufgespart."

Charles Leclerc - Ferrari - 70 Jahre F1 Grand Prix - Silverstone
F1/FIA
Die weichen Reifen gehen bereits nach ein paar Runden in die Knie.

Graining und Blasen

McLaren erging es am Trainingsfreitag wie allen anderen Teams auch. Die weichste Sorte ist besonders anfällig für das Körnen – im Fachjargon Graining – und Blasenbildung. Lando Norris sprach nach seinem Longrun von einer "schrecklichen Renn-Pace auf dem weichsten Reifentyp". Pirelli-Reifenchef Mario Isola gab zu: "Der C4 ist kein Reifen fürs Rennen. Die Teams werden sich auf C2 und C3 beschränken." Spätestens nach fünf Runden am Stück mit vollen Tanks bricht der rotmarkierte C4-Reifen massiv ein. Sainz stellte fest: "Überall Graining, überall Blasen, auf allen vier Reifen der weichsten Mischung."

Pirelli hat auf die Reifenschäden der Vorwoche reagiert, und die Luftdrücke in die Höhe geschraubt. An der Vorderachse von 25 auf 27 PSI. An der Hinterachse von 21 auf 22 PSI. Das entlastet die Reifenflanken, weil die Lauffläche weniger walkt, führt auf der anderen Seite aber dazu, dass die Reifen schneller überhitzen und schneller Blasen werfen. Dann bildet sich eine Spur in der Reifenmitte, die zu Vibrationen führt.

Es gibt deshalb nach dem Trainingsfreitag viele Fragezeichen zu den Reifen. Nicht nur zur Haltbarkeit über die Distanz, sondern auch zur Schnelligkeit auf eine Runde. Normalerweise garantieren weichere Reifen schnellere Rundenzeiten. Weil der weichere Gummis mehr haftet. Doch in Silverstone könnte es anders laufen. Pirelli errechnete zwar für C3 und C4 einen Unterschied von einer halben Sekunde. Doch die Teams stimmten nicht zu. "Die große Frage bleibt, ob der C4 auf eine Runde tatsächlich schneller ist als der C3", berichtete Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin.

Q2 besonders spannend

Es ist ein Kunststück, den Softreifen überhaupt über die 5,891 Kilometer in Schuss zu halten. Die Highspeedkurven Abbey, Farm, Woodcote, Copse, Maggotts, Becketts, Chapel und Stowe heizen ihnen ein und saugen den Reifen das Leben aus. Max Verstappen sprach davon, dass der Unterschied maximal eine Zehntelsekunde betrage. Für die Mercedes-Piloten herrschte Gleichstand. "Im ersten Sektor spielt der weiche Reifen seinen Extra-Grip aus. Hinten heraus fällt er mehr ab", urteilte Valtteri Bottas. Der Trainingsschnellste Lewis Hamilton bestätigte: "Die Reifen fühlen sich alle allgemein sehr weich an für diese Strecke. Soft und Medium fühlen sich im Cockpit fast identisch an. Bis zum letzten Abschnitt. In den letzten Kurven überhitzt die weichste Mischung, während der Medium stabil bleibt." Red Bulls Alexander Albon schimpfte: "Ich mag die Reifenwahl nicht. Diese Reifen sind zu weich für eine Strecke wie Silverstone."

Der zweite Qualifikationsteil wird dieses Mal besonders spannend. Die Mehrzahl dürfte versuchen, mit dem Medium in Q3 einzuziehen, und dann darauf zu starten. Der harte Reifen scheint keine Option für Q2, da der Gripnachteil am Rennstart zu groß wäre. Manch einer könnte es aber mit dem C4 probieren – und im Rennen auf ein frühes Safety Car spekulieren. Alpha Tauri zum Beispiel, denen ein, zwei Zehntel zu fehlen scheinen. Am ersten Silverstone-Wochenende gab es gleich zwei Safety Cars.

Die Pole-Position wird wegen der weicheren Reifen noch wichtiger. Wer in freier Luft vorneweg blasen kann, kann die Reifen einfacher managen als der Hintermann, den Turbulenzen stören. Stand Freitag ist ein Einstopprennen ausgeschlossen. Zu groß ist die Abnutzung auf Soft und Medium. Zwei Reifenwechsel lassen auch Pirelli ruhiger schlafen, weil damit automatisch die Stints verkürzt werden.

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP 70 Jahre F1 - England - Silverstone - 7. August 2020
xpb
Ein Einstopprennen schließt Reifenlieferant Pirelli aus.

Selbst drei Stopps?

Die Italiener schränken die Teams nicht ein, sondern geben nur Empfehlungen zu den Laufzeiten. "Wir wollen den Teams keine Vorschriften machen, wie lange sie maximal auf einem Reifensatz fahren dürfen. Jedes Auto und jeder Fahrer sind anders. Manche gehen pfleglicher mit den Reifen um. Deshalb wäre es unfair, ihnen diesen Vorteil zu nehmen. Maximallaufzeiten wären schlecht für die Show. Das wollen wir nicht." Da kann man Pirelli nur loben.

Es dürfte ein Taktikpoker werden am Rennsonntag. Die Piloten werden mit den Reifen haushalten müssen und entsprechend das Tempo anpassen. Viel wird vom Timing der Boxenstopps abhängen. Der Undercut wird mit den weicheren Reifen eine noch größere Strategie-Waffe. Frische, neue Reifen bringen gleich mal ein paar Sekunden gegenüber abgefahrenen Walzen. So lassen sich in der Box Positionen gewinnen.

Isola schließt selbst ein Dreistopprennen nicht aus – für diejenigen, die lieber Tempo machen wollen, statt permanent Reifen zu schonen. Auch wenn es auf dem Papier langsamer ist als ein Zweistopprennen. Der Verlust in der Boxenstraße beträgt über 25 Sekunden. Die muss man auf der Strecke erst einmal gutmachen.

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