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Renault im Technik-Dilemma

2019er Entwicklung vorziehen?

Jack Aitken - Renault - F1-Test - GP Spanien - Barcelona - Tag 2 - 16. Mai 2018 Foto: sutton-images.com 19 Bilder

Bei Renault wird aktuell darüber diskutiert, den Übergang zum 2019er Auto in der Entwicklungsabteilung vorzuziehen. Aber können sich die Franzosen leisten, die aktuelle Saison zu opfern?

18.05.2018 Tobias Grüner

Nico Hülkenberg ist ein echter Teamplayer. Die Laufzeit seines Dreijahres-Vertrag bei Renault steht aktuell erst kurz vor der Halbzeit. Sein Engagement beim Werksteam ist langfristig angelegt. Als er darauf angesprochen wird, dass seine Chefs darüber diskutieren, mit der Entwicklung des 2019er Autos früher Vollgas zu geben als ursprünglich geplant, zögert der Rheinländer keine Sekunde: „Für mich wäre das kein Problem. Auch wenn das die Chancen in dieser Saison etwas schmälern sollte.“

Der Grund für die vorzeitige Ressourcen-Verschiebung vom R.S.18 zum R.S.19 liegt in der kurzfristig beschlossenen Regeländerung. Ein einfacherer Frontflügel und ein größerer Heckflügel sollen das Überholen erleichtern. Die Maßnahmen sorgen für fundamentale Änderungen im Aerodynamik-Konzept des ganzen Autos und verlangen einen entsprechend hohen Entwicklungsaufwand. Bei beschränkten Ressourcen droht kommende Saison ein Fehlstart, wenn nicht rechtzeitig Kapazitäten freigemacht werden.

Wann wird der Renault R.S.18 zum Auslaufmodell?

Bob Bell - Renault - Formel 1 - 2018 Foto: xpb
Technikdirektor Bob Bell stimmte mit seinem Team gegen die Regeländerungen für 2019.

„Wir stecken gerade mitten in den Diskussionen, wann wir die Entwicklung des diesjährigen Autos zurückfahren sollen“, erklärte Technikdirektor Bob Bell. „Noch haben wir aber keine Entscheidung getroffen. Wir befinden uns in einem engen Kampf um die Spitzenplätze im Mittelfeld. Da können wir es uns momentan nicht leisten, bei der Entwicklung zurückzustecken. Aber wir müssen jetzt noch einmal darüber nachdenken.“

In der Fabrik in Enstone sind aktuell 650 Mitarbeiter angestellt. Bis zum Saisonende soll die Zahl auf 700 steigen. Für die rasante Aufstockung seit der Übernahme des alten Lotus-Rennstalls mussten immer wieder die Strukturen neu organisiert werden. Das wirkte sich nicht gerade positiv auf das Entwicklungstempo aus. Die Verantwortlichen bei Renault hätten deshalb gerne etwas mehr Konstanz im Reglement gesehen, um die Leistungsfähigkeit der Fabrik langsam hochzufahren.

Beim Voting über die neuen Regeln wurde das französische Werksteam jedoch überstimmt. „Meiner Meinung nach wurde nicht ausreichend untersucht, dass diese Änderungen überhaupt das Überholproblem verbessern wird“, kritisierte Bell. „Ich hätte es lieber gesehen, wenn wir noch gewartet hätten. Ich hätte lieber den ganzen Aufwand in die neuen Autos für 2021 gesteckt. Und nicht jetzt etwas hastig eingeführt, das nicht ganz durchdacht ist.“

Renault kann 2018er Saison nicht opfern

sutton-images.com 2019er Autos 1,5s langsamer Bis zu 30 Prozent mehr DRS-Effekt

Die Aussage von FIA-Aerodynamiker Nikolas Tombazis, nach der sich der Rückstand des Mittelfelds auf die Spitze mit den neuen Autos theoretisch verkleinern sollte, wollte Bell nicht unterschreiben. „Ich bin nicht sicher, ob es für ausgeglichenere Verhältnisse sorgt. Die großen Teams mit ihren Möglichkeiten haben immer noch einen Vorteil. Für sie ist die Entscheidung leichter, den Zeitpunkt vom Übergang vom alten zum neuen Auto zu bestimmen.“

Die Renault-Teambosse befinden sich aber nicht nur wegen des engen Kampfes im Mittelfeld im Dilemma. Um größere Budgets für die Attacke auf die Top-Teams freizumachen, muss Renault dieses Jahr beweisen, dass man auf der Strecke echte Fortschritte macht. Das heißt: Neben dem Spitzenplatz im Mittelfeld sollte am Ende des Jahres auch eine Reduzierung des Rückstands auf die ersten Drei erreicht werden. Erklärt man den R.S.18 zu früh zum Auslaufmodell, droht man die vorgegebenen Ziele zu verfehlen. Und dann könnte auch die Aufstockung der Mittel verweigert werden.

Neuester Kommentar

@Innenbeleuchtung: Wobei die Frage ist wie ein Businessplan eines F1-Werksteams aussieht. Bei einem Planungshorizont von 3 bis 5 Jahren wird wohl kaum die Realisierung von Gewinn im Fokus stehen. Wahrscheinlich noch nicht einmal die schwarze Null. Viel wahrscheinlicher ist, dass es darum geht die positive Marketing-Wirkung zu maximieren. Hierzu sind sicherlich sportliche Ergebnisse eine tragende Säule. Wenn das F1-Engagement eines Werksteams als Marketing-Kampagne betrachtet wird, ist die Frage wie viel % des weltweiten Marketing-Budgets von Renault für die F1 geopfert wird und welche Wirkung sich der Konzern hiervon verspricht. Sponsoren und andere Einnahmen helfen sicherlich die Entscheidung zu vereinfachen, aber jedes Werksteam wird aus diversen Marketing-Budgets bezuschusst.

Man sieht ja wo man in der Formel 1 als Privatteam landet. Bei diesen Teams muss über einen längeren Zeitraum betrachtet im Schnitt mindestens die schwarze 0 stehen. Ansonsten wären sie pleite. Das heißt Teams wie Williams brauchen einen Businessplan, der aufgeht. Und dann schaust du Dir die Budgets und Ergebnisse der Privatteams an. Das kannst du ungefähr erahnen wie viel Geld seitens der Konzerne aus den Marketing-Töpfen an die jeweiligen Werksteams fließen. 100 bis 120 Mio. Budget haben die Privatteams und 250 bis 300 Mio. die Top3-Werksteams. Also kannst du grob damit rechnen, dass z.B. Mercedes und Ferrari ihre F1-Teams mit jeweils ca. 100 Mio. EUR bezuschussen. Die restliche Differenz wird u.a. durch höhere Sponsoren- und sonstige Einnahmen gedeckt.

Wie bei jedem Marketingprojekt ist natürlich die große Frage welche Wirkung möchte ich in welchem Ausmaß realisieren und wie kann ich das Ergebnis messen. Und da diese Konstellation nie mit 100 %iger Gewissheit beantwortet werden kann, wird ein Werksteam immer solange in der F1 bleiben bis es dem Konzern wirtschaftlich schlechter geht oder der Vorstand keine Lust mehr hat.

PeterSchlosser 23. Mai 2018, 08:02 Uhr
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