Kimi Räikkönen - GP Australien 2019 Motorsport Images

Rennanalyse GP Australien 2019

Alfa-Bremsklotz nach Kimi-Fauxpas

Warum kam Kimi Räikkönen so früh an die Box? Warum verordnete Ferrari eine Stallregie? Und warum konnte Lewis Hamilton die Pace von Teamkollege Bottas nicht mitgehen? Wir haben die Antworten in der Rennanalyse.

Warum war Bottas schneller als Hamilton?

Valtteri Bottas schien in Melbourne in einer eigenen Liga zu fahren. Nach dem gewonnen Start gegen Lewis Hamilton geriet der Sieg nie mehr in Gefahr. Der Gewinner sprach anschließend vom besten Rennen seiner Karriere. Toto Wolff erinnerte die Gala-Vorstellung an den Bottas, der 2008 in der Formel Renault alles in Grund und Boden fuhr. „Vielleicht musste er die Williams-Jahre und die Schock-Beförderung zu Mercedes erst einmal verdauen“, grübelte der Teamchef. In der Auslaufrunde schickte Bottas noch ein herzliches „Fuck You“ über Funk an alle seine Kritiker. Der sonst so nüchterne Finne hat sich in der Winterpause offenbar ganz neu erfunden.

Doch überbewerten sollte man die Leistung des 29-Jährigen auch nicht. Der Vorsprung von mehr als 20 Sekunden auf Teamkollege Lewis Hamilton war nicht repräsentativ. Der Weltmeister wurde vom frühen Vettel-Boxenstopp in Runde 14 in einen Konter getrieben. „Wir hätten uns mit der Antwort noch eine Runde länger Zeit lassen sollen“, gaben die Mercedes-Strategen später zu. Bei 3,8 Sekunden Vorsprung vor dem Reifenwechsel bestand eigentlich kein Grund, den Undercut-Versuch mit einer Panik-Reaktion abzuwehren.

Hätten die schlauen Köpfe am Kommandostand gewartet, dann hätten sie gesehen, dass Hamilton mit seinen alten Sohlen immer noch schneller als der Ferrari mit frischen Reifen gewesen wäre – genau wie Bottas an der Spitze. „Durch die höheren Temperaturen und den vielen Gummi auf der Strecke zeigte sich die weichste Mischung deutlich konstanter als noch im Training. Der Verschleiß-Vorteil des Mediums schrumpfte, was für viele unerwartet kam“, erklärte Pirelli-Sportchef Mario Isola. Durch den frühen Stopp sicherte Hamilton zwar Rang zwei, verlor aber alle Chancen auf den Sieg. „Um die Reifen über die Distanz zu bringen, musste ich meine Pace drosseln“, klagte der Weltmeister.

Lewis Hamilton - GP Australien 2019
xpb
Hamilton inspizierte nach dem Rennen den beschädigten Unterboden.

Gewonnen hätte Hamilton das Rennen aber wohl auch mit einer perfekten Strategie nicht. Wie eine Inspektion des Piloten direkt nach der Zieldurchfahrt ergab, war ein Stück vom Unterboden herausgerissen. „Bis zur vierten Runde konnte ich das Tempo von Valtteri noch mitgehen. Dann hat sich plötzlich die Balance verschoben, das Heck begann zu rutschen“, erklärte Hamilton das veränderte Fahrverhalten. Wie viel der Defekt genau gekostet hat und wodurch er verursacht wurde, konnte Mercedes nach dem Rennen nicht sagen. Der waidwunde Silberpfeil war aber immerhin noch schnell genug, um die Attacke von Max Verstappen abzuwehren.

Warum kam Ferrari nicht in Schwung?

Die Ferrari-Pleite kam nach den starken Testfahrten für alle Experten überraschend. Hatte das Setup in Barcelona noch vom ersten Tag an gepasst, kämpften die Ingenieure in Melbourne verzweifelt mit den Einstellungen. Die Piloten klagten über eine schlechte Balance und mangelnden Grip. Vor allem in engen Kurven verloren die roten Raketen aus Maranello viel Zeit auf die Silberpfeile. Weil das Auto früh ins Rutschen geriet, blieb man auch in puncto Reifenverschleiß hinter der Konkurrenz zurück, was Vettel im Duell mit Verstappen das Podium kostete. Der Niederländer rollte in Runde 30 einfach vorbei am Heppenheimer.

Über die Gründe rätselt man bei Ferrari selbst noch. Die Verantwortlichen hoffen, dass der Kurs im Albert Park von der Charakteristik her so speziell ist, dass es sich nur um einen Ausrutscher handelte. Die Strecken von Melbourne und Barcelona sind zwei unterschiedliche paar Schuhe. Die eine glatt, die andere wellig. Die eine flüssig, die andere mit viel Stop-and-go. Bei den Testfahrten lag die Asphalttemperatur bei 28 Grad. In Melbourne waren es bis zu 44 Grad. „Wir wissen, dass unser Auto besser ist als wir es an diesem Wochenende erlebt haben“, machte sich Vettel Mut.

Charles Leclerc - GP Australien 2019
Motorsport Images
Ferrari kämpfte mit mangelndem Grip und hohem Reifenverschleiß.

Wieso kam Räikkönen so früh an die Box?

Als sich die Mechaniker von Alfa-Romeo-Sauber in Runde 12 zum Boxenstopp aufstellten, traute die Konkurrenz ihren Augen nicht. Der Finne schien auf eine ganz aggressive Strategie zu setzen. Und wie in diesen Fällen üblich, zog der erste Stopp gleich eine ganze Welle an Nachahmern nach sich, die entweder auf den Zug aufspringen oder Angriffe abwehren wollten. Acht Autos bogen in den folgenden zwei Runden ebenfalls zum ersten Reifenwechsel ab. In einigen Fällen stellte sich das als Fehler heraus.

Das Problem hatte einen Namen: Antonio Giovinazzi. Nur Kevin Magnussen, Nico Hülkenberg und Räikkönen kamen nach ihren Stopps direkt am Italiener vorbei, der auf Medium-Reifen einen langen ersten Stint eingeplant hatte. Lando Norris, Romain Grosjean, Alexander Albon und Sergio Perez wurden dagegen effektiv von dem Alfa-Bremsklotz eingebremst. Der Kommandostand forderte Giovinazzi zur Verteidigung auf, um Räikkönen den Rücken freizuhalten. Erst nach zehn Runden fand Norris endlich einen Weg vorbei. Da hatte der ganze Zug aber schon so viel Zeit verloren, dass Lance Stroll, Daniil Kvyat und Pierre Gasly mit späten Stopps vorbeiziehen konnten und die Punkteränge unter sich ausmachten.

Noch mehr ärgern dürften sich die Opfer der Alfa-Romeo-Strategie, als nach dem Rennen der Grund für den frühen ersten Räikkönen-Boxenstopp bekannt wurde. Ein Abreißvisier des Finnen hatte sich in einer Bremshutze verfangen. „Er konnte sich nicht herausreden, dass es sich um ein anderes Visier handelte“, scherzte ein Teammitglied. „Es war sein persönlicher Sponsor aufgedruckt.“ Weil die Bremstemperaturen rapide anstiegen, musste der Iceman früher als geplant an die Box.

Sind die neuen Aero-Regeln ein Erfolg?

In der Winterpause mussten alle Teams auf die neuen Aerodynamik-Regeln reagieren. Breitere und einfachere Frontflügel sollten das Hinterherfahren und damit auch das Überholen erleichtern. In Melbourne kam es nun zum ersten Praxistest, der zeigen sollte, ob die Maßnahmen erfolgreich waren. Doch ein Überholfestival konnten die Fans an der Strecke nicht beobachten. Statistiker zählten nach der Startrunde gerade einmal elf Platzwechsel im Feld.

Doch zu Früh sollte man keine Schlüsse ziehen. Melbourne ist nicht repräsentativ. Im Vorjahr gab es sogar nur fünf Überholmanöver im Albert Park. Mercedes rechnete vor, dass immer noch ein Pace-Unterschied von 1,8 Sekunden vorhanden sein musste, um erfolgreich einen Angriff zu starten. „Das Hinterherfahren hinter anderen Autos ist zumindest nicht schwieriger geworden“, bemerkte Sieger Bottas zufrieden. Der Finne hatte ab Platz sieben alle Konkurrenten überrundet. „Ich glaube aber, dass der größere DRS-Effekt durch die neuen Heckflügel mehr beim Überholen hilft als die Frontflügel.“

Vettel vs. Verstappen - GP Australien 2019
Motorsport Images
Überholen ist in Melbourne traditionell schwierig. Es wurde aber immerhin nicht schlimmer.

Wie gewann Bottas den Extrapunkt für die schnellste Runde?

Vor dem Rennen bezweifelten viele Experten, dass der neu eingeführte Extrapunkt für die schnellste Rennrunde einen spürbaren Effekt haben würde. Doch dann kam es in den Schlussrunden des Melbourne-Rennens tatsächlich zu einer unterhaltsamen Zeitenjagd. Vier Umläufe vor der Zielflagge zog Max Verstappen als Erster das Tempo an. Zwei Runden später legten auch die beiden Mercedes nach. Den Extrapunkt sicherte sich am Ende Valtteri Bottas. Im vorletzten Umlauf flog der Finne in 1:25.580 Minuten um den Kurs – fast eine halbe Sekunde schneller als Hamilton und knapp sieben Zehntel schneller als Verstappen.

Toto Wolff traute seinen Augen kaum: „Wir haben im Strategie-Meeting vor dem Rennen eigentlich ausgemacht, dass wir kein Risiko eingehen werden und die schnellste Runde nicht attackieren werden. Aber offenbar gab es eine Verschwörung der Fahrer und der Strategen gegen mich.“ Bottas selbst hatte rechtzeitig am Kommandostand nachgefragt, ob er sich für den Angriff frische Reifen holen oder es ohne Boxenstopp versuchen soll. „Die Lücke nach hinten war ja groß genug. Ich bin etwas im Verkehr festgesteckt und musste mich absichtlich etwas zurückfallen lassen. Dann habe ich die Motoreinstellungen zwei Stufen hochgedreht und Gas gegeben. Jetzt bin ich froh, dass ich einen Punkt mehr habe.“

Manch einer wunderte sich, dass sich Ferrari nicht auf die Jagd nach dem Extra-Punkt machte. Die beiden roten Autos hatten eigentlich genug Luft nach hinten, um gefahrlos noch einmal zu stoppen. Doch erstens hatten Vettel und Leclerc keine frischen weichen Reifen mehr übrig und zweitens gab die Teamleitung die Parole aus, nichts mehr zu riskieren. „Wir wollten kein Risiko eingehen“, winkte der neue Teamchef Mattia Binotto ab. „Du musst auch an deinen schlechten Tagen maximal Punkte nach Hause bringen.“ Statt Attacke gab es Stallregie. Leclerc wurde zehn Runden vor Schluss befohlen, sich hinter dem Schwesterauto zu halten.

In der Galerie zeigen wir noch einmal die Highlights des Rennens.

Fotos GP Australien 2019: Die besten Bilder vom Saisonstart

Daniel Ricciardo - GP Australien 2019
Daniel Ricciardo - GP Australien 2019 Charles Leclerc - GP Australien 2019 Daniel Ricciardo - GP Australien 2019 Robert Kubica - GP Australien 2019 58 Bilder

GP Australien 2019: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit / Rückstand
1 Valtteri Bottas Mercedes 1:25:27.325
2 Lewis Hamilton Mercedes +20.886s
3 Max Verstappen Red Bull +22.520s
4 Sebastian Vettel Ferrari +57.109s
5 Charles Leclerc Ferrari +58.230s
6 Kevin Magnussen Haas Ferrari +87.156s
7 Nico Hülkenberg Renault +1 Runde
8 Kimi Räikkönen Alfa Romeo +1 Runde
9 Lance Stroll Racing Point +1 Runde
10 Daniil Kvyat Toro Rosso +1 Runde
11 Pierre Gasly Red Bull +1 Runde
12 Lando Norris McLaren +1 Runde
13 Sergio Perez Racing Point +1 Runde
14 Alexander Albon Toro Rosso +1 Runde
15 Antonio Giovinazzi Alfa Romeo +1 Runde
16 George Russell Williams +2 Runden
17 Robert Kubica Williams +3 Runden
18 Romain Grosjean Haas Ausfall
19 Daniel Ricciardo Renault Ausfall
20 Carlos Sainz McLaren Ausfall
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