Pierre Gasly - Alpha Tauri - GP Italien 2020 - Monza - Rennen xpb
Stroll - Sainz - Gasly - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
Sebastian Vettel - Ferrari - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
Pierre Gasly - Alpha Tauri - GP Italien 2020 - Monza - Rennen 51 Bilder

Rennanalyse GP Italien 2020: Gasly und die Formel 1 gewinnen

Rennanalyse GP Italien 2020 Gasly und die Formel 1 gewinnen

Bei diesem Ergebnis muss man sich selbst kneifen. Pierre Gasly gewinnt vor Carlos Sainz und Lance Stroll. Lewis Hamilton wird nur Siebter. Wie konnte es dazu kommen? Wir nehmen den verrücktesten Grand Prix des Jahres auseinander.

Mercedes dominierte den Samstag und wurde am Sonntag gestürzt. Nicht von Max Verstappen und Red Bull, sondern von den Mittelfeldteams. Pierre Gasly fuhr das Rennen seines Lebens. Carlos Sainz und Lance Stroll stiegen mit ihm auf das Podest. Die Zweit- und Drittplatzierten ärgerten sich trotzdem. Wir klären auf.

Wie konnte Gasly in Monza gewinnen?

In der Qualifikation hatte Alpha Tauri das sechstschnellste Auto im Feld. Bis zur 18. Rennrunde belegte Pierre Gasly den zehnten Platz – sieben Zehntel vor Teamkollege Daniil Kvyat. Dann trafen die Strategen die richtige Entscheidung, ohne es selbst erahnen zu können. Sie holten Gasly zum Reifenwechsel.

Der Franzose profitierte wie Kimi Räikkönen, Charles Leclerc und Nicholas Latifi von einem frühen Service, weil die Rennleitung in der 19. Runde das Safety Car auf die Bahn schickte und – das ist der entscheidende Punkt – gleichzeitig die Boxengasse sperrte. Ansonsten wäre Gasly einer der Verlierer gewesen, weil die anderen Fahrer einen sofortigen Gratisstopp hätten einlegen dürfen. Konnten sie aber nicht. Elf Fahrer bogen erst in Runde 22 nacheinander zum Reifenwechsel ab. Lewis Hamilton und Antonio Giovinazzi tauchten verbotenerweise bereits vorher in der Boxengasse auf und bezahlten es mit Strafen. Beide mussten nach dem Neustart ihre Autos für zehn Sekunden vor der Garage parken, während das restliche Feld im Renntempo durchschoss.

Gasly kletterte zunächst dank der glücklichen Fügung auf den dritten Platz. Die Möglichkeit, sich noch weiter zu verbessern, bot sich ihm beim Neustart des Rennens. Ausgerechnet Kumpel Charles Leclerc hatte seinen Ferrari weggeworfen und so ein weiteres Puzzleteil zu Gaslys Siegesfahrt beigesteuert. Alpha Tauri wählte für den Mini-Grand-Prix von Runde 27 bis 53 den Mediumreifen. Wieder eine goldrichtige Entscheidung. Die mittelharte Mischung erlaubte es, durchzufahren und brachte ausreichend Haftung am Start. So schoss Gasly an Stroll vorbei und erbte in der 28. Runde die Führung, die er bis ins Ziel verteidigte. Einziger Gegner war Carlos Sainz. Die letzten Runden wurden zur Zitterpartie. "Meine Reifen waren hinüber, weil ich in den Kurven stark attackieren musste. Sainz profitierte hinter mir vom Windschatten. Ich musste in den Kurven Zeit gewinnen", berichtete der Sieger. Nur in der vorletzten Runde hatte der Franzose einen kleinen Wackler. Doch er rettete den Sieg 0,4 Sekunden vor Sainz.

Carlos Sainz - McLaren - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
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Carlos Sainz sah den zweiten Platz mit gemischten Gefühlen. Der Sieg war zum Greifen nah.

Warum war Sainz nach Platz zwei zunächst traurig?

McLaren hatte nach Mercedes das zweitschnellste Auto, weil Red Bull außer Form war. Bis zum Chaos waren Sainz und Teamkollege Lando Norris auf Kurs für ein Doppelpodest hinter Hamilton. Für einen Umlauf führte Sainz hinter dem Safety Car sogar das Rennen an. Als der Dominator aus dem Weg war, wollte man natürlich den Grand-Prix-Sieg. Doch den musste man an Gasly abtreten. "Ich habe das Mittelfeld mit Leichtigkeit dominiert. Deshalb ist es ärgerlich, den Sieg verpasst zu haben. Ich hätte nur eine Runde mehr gebraucht, um Pierre noch abzufangen", urteilte Sainz.

Die McLaren warf das Safety Car und der Boxenstopp auf die Positionen acht und neun zurück. Zwei Plätze gewann man noch vor dem Abbruch durch Leclercs Unfall und Manöver an Latifi. Der Rennabbruch schwächte die Ausgangsposition ein weiteres Mal. Weil alle Fahrer in der Pause die Reifen wechseln durften. So auch Gasly, der von der harten auf die mittelharte Mischung umsteckte. Das war auch noch ein brandneuer Satz, während die McLaren-Fahrer einen vier Runden alten Medium weiterverwendeten. Stroll wurde den weichen Reifen los für einen neuen Medium.

Zwei Plätze bekam Sainz durch die Strafen gegen Hamilton und Giovinazzi geschenkt. Stroll und Kimi Räikkönen rang er auf der Strecke nieder. Als er die Verfolgung aufnahm, lag er jedoch bereits 4,3 Sekunden hinter Gasly. Zu viel, wie sich später herausstellte. "Ich konnte mich zwar heranarbeiten. Aber als ich zu dicht war, hat das Auto verstärkt an Abtrieb verloren. Ich wollte Pierre dazu zwingen, seine Batteriereserven aufzubrauchen." Gasly sparte sich die Batterie-Power für die Verteidigung im letzten Umlauf.

Lance Stroll - Racing Point - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
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Lance Stroll hätte mit besserer Reifentaktik siegen können.

Hätte Lance Stroll gewinnen können?

Ja, hätte er. Stroll nahm das Rennen nach dem Abbruch hinter Hamilton und vor Gasly auf. Also aus der ersten Reihe. Pech für Stroll, dass nicht fliegend, sondern stehend gestartet wurde. Eigentlich ist der Kanadier ein guter Starter. Doch diesmal kam er auf den Mediumreifen einfach nicht vom Fleck. "Ich fand keinen Grip und hatte stattdessen durchdrehende Hinterreifen", unkte Stroll, der zurückrutschte und in die Fänge von Sainz geriet. Der Schlussspurt brachte wenigstens das zweite Karriere-Podest – eine Gemeinsamkeit, die er sich mit Gasly und Sainz teilt. "Es fühlt sich trotzdem ein bisschen an, als hätte ich die Niete gezogen. Dieses Rennen hätten wir gewinnen müssen."

Wie stolperte Mercedes?

Hamilton musste niemanden fürchten. Und trotzdem verlor er das Rennen. Das entscheidende Malheur passierte Mercedes in der 20. Runde. Da übersah der Weltmeister die beiden LED-Tafeln mit dem Kreuz an den Posten 16 und 17 – der Hinweis, dass die Boxengasse geschlossen ist. "In der Parabolica schaust du nicht auf die Außenseite. Du hast maximal die weiße Fahrbahnmarkierung im Augenwinkel. Du konzentrierst dich auf die Rennlinie. Und in diesem Fall auf die Streckenposten, die sich auf der Innenseite um Magnussens Auto kümmerten", entschuldigte der WM-Führende.

Die Boxengasse wurde um 15:41:47 Uhr gesperrt. Um 15:41:59 Uhr fuhr Hamilton ein. Weder Kommandostand noch Garage verhinderten es. "Aus unserer Position konnte man die Signale nicht sehen. Und wir haben leider auch die Meldung der Rennleitung auf der dritten Seite der Zeitnahme übersehen", erklärte Teamchef Toto Wolff. Die Warnung aus dem Race Support im heimischen Brackley erreichte die Ingenieure an der Rennstrecke zu spät. Die Stewards sprachen eine Stop-and-Go-Strafe aus.

Hamilton betrieb fast maximale Schadensbegrenzung von Platz 17. Das Strategie-Programm hatte den fünften Rang als höchstes der Gefühle ausgegeben. Der Computer kalkulierte nicht mit ein, dass Hamilton lange hinter Albon hängen blieb. Überholen ist in Monza trotz der langen Geraden schwierig. Weil die Autos mit den Low-Downforce-Paketen ohnehin mehr in Bewegung sind als sonst. Und weil der DRS-Effekt wegen der kleinen Flügel geringer ausfällt. Hamilton vermisste auch den Power-Knopf. Seit Monza ist es den Teams nicht mehr erlaubt, in Quali und Rennen zwischen die Motoreinstellungen zu wechseln. Unter dem Überholknopf kommt jetzt nur noch der volle Elektroschub von 163 PS. Vom Motor selbst nichts mehr. Damit kann man weniger Unterschied zum Vordermann schaffen.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Italien 2020 - Monza - Rennen
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Ferrari produzierte beim Heimspiel Kleinholz - mehr nicht.

Wieso sperrte die Rennleitung die Box überhaupt?

Mercedes verstand die Rennleitung nicht. "Normalerweise sperrst du die Box nur, wenn davor ein Auto in 1000 Teile zerfetzt liegt", beschwerte sich Wolff. Die Rennleitung um Michael Masi sah sich zu dem Schritt gezwungen, nachdem der havarierte Haas nicht durch die Lücke in der Leitplanke passte. Die Marshalls mussten es zurück in die Box schieben. Die Streckenposten schwenkten die gelben Flaggen. Doch die Rennleitung verpasste es, die Ampel an der Einfahrt auf Rot zu schalten. Die Mercedes-Ingenieure nahmen die Schuld trotz allem auf sich: "Wir hatten acht Sekunden Zeit, Lewis doch auf der Strecke zu halten. Wir müssen für das nächste Rennen die Prozesse verbessern." Wolff nahm es sportlich: Wir haben heute verloren, Gasly und die Formel 1 aber gewonnen."

Was ging bei Ferrari schief?

Sebastian Vettel brachte es auf den Punkt. "In dieser Saison geht es immer noch ein bisschen schlimmer." Ferrari blamierte sich beim Heimspiel bis auf die Knochen. Das Auto besticht durch Ineffizienz, der Motor durch akuten Leistungsmangel. Daran hat auch die Technische Direktive nichts geändert, die nur noch einen Motormodus im Rennen erlaubt. Dazu ist der SF1000 unzuverlässig. Vettel erlitt einen Bremsdefekt, der in einem großen Unfall hätte enden können. Das darf einem Team wie Ferrari eigentlich nicht passieren. Glück für ihn, dass die hintere linke Bremsleitung auf dem Weg in Kurve eins versagte. Dort ist die Auslaufzone groß genug, und man kann geradeaus durchschießen.

Charles Leclerc balancierte den SF1000 in diesem Jahr oft am Limit. In Monza entglitt ihm der sehr schwer zu fahrende Ferrari in der Parabolica. "Mein Fehler. Ich habe das Heck verloren." Teamchef Mattia Binotto meinte: "Hoffentlich waren Spa und Monza die schlimmsten Wochenenden des Jahres. Wir müssen nach vorne blicken, und alles besser machen."

GP Italien 2020: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit / Rückstand
1. Pierre Gasly Alpha Tauri 36:39.174 h
2. Carlos Sainz McLaren +0.415s
3. Lance Stroll Racing Point +3.358s
4. Lando Norris McLaren +6.000s
5. Valtteri Bottas Mercedes +7.108s
6. Daniel Ricciardo Renault +8.391s
7. Lewis Hamilton Mercedes +17.245s
8. Esteban Ocon Renault +18.691s
9. Daniil Kvyat Alpha Tauri +22.208s
10. Sergio Perez Racing Point +23.224s
11. Nicholas Latifi Williams +32.876s
12. Romain Grosjean Haas +35.164s
13. Kimi Räikkönen Alfa Romeo +36.312s
14. George Russell Williams +36.593s
15. Alexander Albon Red Bull +37.533s
16. Antonio Giovinazzi Alfa Romeo +55.199s
17. Max Verstappen Red Bull Ausfall
18. Charles Leclerc Ferrari Ausfall
19. Kevin Magnussen Haas Ausfall
20. Sebastian Vettel Ferrari Ausfall
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