Romain Grosjean - Haas - GP Sakhir 2020 - Bahrain xpb
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Romain Grosjean - Haas - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen 60 Bilder

Romain Grosjean schildert seinen Feuer-Unfall

Grosjeans Nahtoderfahrung „Der Körper entspannt. Ich finde Frieden“

Romain Grosjean sprach am Freitag ausführlich über seinen Horror-Unfall. Wir haben Protokoll geführt. Der Franzose schildert mit ruhiger Stimme und detailliert den Unfallhergang und seine 28 Sekunden in der Feuerhölle.

Grosjean über den Unfallhergang …

"Ich bin kein Bruchpilot. Dieses Image wurde mir 2012 verpasst. Ich weiß, ich hatte damals einige schwere Unfälle, und ein paar später noch. Aber ich bin keiner, der in jeder Startrunde den Frontflügel verliert. Ich hatte einen super Ausgang aus Kurve eins und zwei. Das Momentum war auf meiner Seite. Links von mir sehe ich Funken und Splitter, deshalb orientiere ich mich nach rechts. Ich laufe rasend schnell auf die Autos vor mir auf. In meinem rechten Spiegel sehe ich niemanden. Da schien mir eine Lücke, in die ich ziemlich aggressiv hineingestochen bin. Das muss ich zugeben. Wenn man dort jemanden von der Strecke drückt, kann der andere auf dem lackierten Teil weiterfahren. Wenn man alle Elemente zusammen nimmt, habe ich nichts Verrücktes angestellt. Mein Problem war, dass Daniil Kvyat ab Kurve zwei in meinem toten Winkel war. Und in einem Nachtrennen kannst du jemanden in diesen kleinen Spiegeln sowieso schwerer sehen.

über die 28 Sekunden im Feuer ...

"Es hat sich wie eineinhalb Minuten angefühlt. Ich öffne meine Augen und schnalle mich aus. Das Lenkrad sei zwischen meine Beine gefallen, weil die Lenksäule durch den Aufschlag zerbröselte, hat mir das Team gesagt. Ich meine, dass mir jemand den Kopf berührt. Zunächst war ich ganz ruhig. Es gab keinen Stress. Ich dachte, es wird mich schon einer bergen. Mir war nicht bewusst, dass es brennt."

"Dann schaue ich nach rechts, nach links und sehe auf einmal das Feuer. Ich wusste, ich muss hier schnell raus. Ich versuche, erst etwas weiter rechts, dann links auszusteigen. Beides funktioniert nicht. Dann rutsche ich wieder runter in den Sitz. Plötzlich kommt mir Niki Lauda in den Sinn. Sein Unfall. Ich dachte, so darf es nicht enden. Ich versuche es wieder, bleibe aber hängen. Dann kommt der schlimmste Moment. Mein Körper entspannt sich, ich empfinde Frieden mit mir selbst. Ich werde sterben. Ich stelle mir die Frage, wo ich zuerst verbrenne. Mein Schuh, meine Hände? Wird es schmerzhaft? Das waren wahrscheinlich Millisekunden. Dann denke ich an meine Kinder. Sie können ihren Papa heute nicht verlieren."

Romain Grosjean - Haas - Bahrain 2020 - Sakhir
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Romain Grosjean überstand den Unfall mit verhältnismäßig leichten Verletzungen. Hier ist er mit seiner Frau Marion im Fahrerlager von Bahrain.

"Ich weiß nicht, warum ich so gehandelt habe. Ich habe meinen Kopf nach links bewegt, um hochzukommen, drehte meine Schulter. Das klappt, aber mein Fuß steckt in den Pedalen. Ich setze mich also wieder, ziehe so hart wie möglich mit meinem linken Bein, und der Fuß rutscht aus dem Schuh. Dann wiederhole ich den Vorgang. Als meine Schulter durch die Öffnung war, konnte ich rausklettern. Ich habe beide Hände im Feuer. Meine Handschuhe sind rot. Doch mein linker Handschuh war auf einmal schwarz. Er schmolz. Ich spüre den Schmerz und gleichzeitig die Erleichterung, aus dem Auto zu sein. Als ich auf der Leitplanke bin, packt mich Ian am Overall. Ich weiß, dass jetzt jemand bei mir ist. Als er mir an den Rücken langt, denke ich, ich sei ein rennender Feuerball. Ich habe die Bilder vor Augen, wie uns die FIA mal zeigte, dass der Anzug brennen kann, aber der Person nichts passiert. Ich schüttele meine Hände, weil sie schmerzen.

"Ich ziehe mir die Handschuhe aus, weil ich nicht will, dass sie mit den Händen verschmelzen. Ian schreit mich an: Setz dich hin. Ich sage ihm, rede normal mit mir. Ich höre, wie die Feuerwehrmänner schreien, dass die Batterie brennt, und man mehr Feuerlöscher brauche. Im Medical Car haben sie mir kalte Kompressen auf die Hände gelegt. Ich habe ihnen gesagt, dass meine Hände verbrannt seien und mein linker Fuß gebrochen. Der Schmerz wurde immer größer. Vor allem im linken Fuß. Ian erklärte mir, der Krankenwagen sei da. Sie kommen mit einer Trage. Ich sage, nein, wir laufen. Das war medizinisch nicht perfekt. Aber sehr wichtig für mich, dass ich aus dem Feuer komme und bis zum Krankenwagen laufe. Das ist eine weitere starke Botschaft an die Zuschauer."

über die Sicht …

"Visier und Helm waren ganz. Die Abreißvisiere sind geschmolzen. Ich konnte trotzdem sehen. Den Knopf für den Feuerlöscher im Cockpit habe ich nicht gesehen. Aber 1,5 Kilogramm Löschschaum hätten wohl nicht viel geholfen."

über seine Verletzungen …

"Meiner rechten Hand geht es gut. Sie ist funktionsfähig. In meiner linken Hand fühle ich bereits wieder Kraft. Aber sie ist noch stark geschwollen. Ich werde die Bewegungsfreiheit nicht riskieren. Da geht es um den linken Zeigefinger und Daumen. Sie müssen vollständig wieder hergestellt sein. Sonst fahre ich nicht. Ich bin da aber guter Dinge. Ich habe mir die rechte Hand im Winter gebrochen, weil ich in der Küche gestürzt bin. Das habe ich euch nie gesagt. Es war ein offener Bruch. Zwei Knochen habe ich selbst gerade gerückt. Mit solchen Geschichten weiß ich also umzugehen. Fieber wäre schlimmer. Bei 39 Grad meine ich zu sterben."

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Der Franzose bedankt sich bei seinen Helfern. Hier zwei Feuerwehrmännern.

über einen möglichen Start in Abu Dhabi …

"Mein Körper regeneriert sich so schnell wie möglich. Verbrennungen sind keine leichte Wissenschaft. Ich kenne mich jetzt jedenfalls damit aus. Als sie mir den Verband aufschnitten, habe ich Dinge gesehen, die man eigentlich nicht sehen will. Ich hoffe jeden Tag, dass es besser aussieht als am Vortag. Wann werde ich eine finale Antwort haben? Das weiß ich noch nicht. Ich brauche die linke Hand noch für 60 weitere Lebensjahre. Mir ist ein normales Leben ohne Einschränkungen wichtiger als ein Rennen. Den ersten Video-Anruf hatte ich am Sonntag mit meiner Frau, meinen Kindern und meinem Vater. Ich habe ihnen gesagt, dass ich fahren will. Sie fanden das natürlich nicht lustig. Ich weiß, es wäre egoistisch. Schauen wir mal. Wichtig ist, dass ich lebe. Es wird sicher genug Möglichkeiten für mich in Zukunft geben, wieder Rennen zu fahren. Wenn ich nicht in Abu Dhabi starten kann, wäre es auch in Ordnung."

über Anrufe bei Teamchefs …

"Ich habe eine Superlizenz für 2021. Vor Corona ist niemand sicher. Da kann man schneller wieder im Auto sein als man denkt. Sollte ich in Abu Dhabi nicht fahren können, werde ich jeden Teamchef anrufen, um zu fragen, ob sie mir ein Auto geben können. Ich würde gern im Januar fahren, auch wenn es nur zehn bis 15 Runden wären."

über 2021 …

"Wenn ich keinen Platz in einem Rennteam finde, IndyCar zum Beispiel, mache ich Pause. Dann werde ich Zeit mit meiner Familie verbringen, Rad fahren, Kitesurfen."

über seine Rückkehr an die Rennstrecke …

"Es war gut, am Donnerstag zurück an der Strecke zu sein. Ich habe mir zuerst das Auto angeschaut, das Cockpit, den Halo. Ich hatte kein seltsames Gefühl dabei oder eine Panikattacke. Das ist ein positiver Schritt."

über die Frage, ob er ein Held sei …

"Es ist mein Job. Ich bin Rennfahrer. Ich fühle mich nicht als Held. Ich hatte im Auto keine Panik. Jeder Schritt war rational. Mein ältester Sohn Sascha dachte erst, ich sei jetzt komplett schwarz und verkokelt. Simon, der fünf Jahre alt ist, meint, ich sei aus dem Auto geflogen, weil ich Superkräfte habe. Meine dreijährige Tochter malt mir jeden Tag ein Bild. Für meine Frau war es am wichtigsten, nach Bahrain zu fliegen, und mich in den Arm zu nehmen. Sie wollte sehen, ob ich noch ganz bin. Das schlimmste waren für mich nicht die Schmerzen, sondern das Gefühl, meinen wichtigsten Menschen, meinen Kindern, meiner Frau, meinen Eltern einen so großen Schrecken eingejagt zu haben. Das brachte mich zum Weinen."

über Besuche anderer Fahrer ...

"Kevin, Sebastian und Louis Deletraz waren am Sonntag bei mir. Esteban Ocon und Alex Albon einen Tag später."

über die Arbeit mit Psychologen …

"Ich arbeite seit acht Jahren mit ihnen. Wir hatten am Dienstag eine Sitzung und heute eine weitere. Bis jetzt hatte ich keine Albträume oder Panikattacken. Ich kann ruhig über den Unfall sprechen."

Romain Grosjean - Haas - Bahrain 2020 - Sakhir
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Grosjean würde gerne in Abu Dhabi wieder in den Haas klettern, aber nicht zu jedem Preis.

über den Halo …

"Ich habe mit Jean Todt am Sonntag gesprochen. Er hat mich daran erinnert, dass ich bei der Einführung des Halo gesagt hatte, dass sei ein schlechter Tag für die Formel 1. Im Krankenbett habe ich erwidert, dass nur dumme Menschen ihre Meinung nicht ändern."

über den Lerneffekt …

"Wenn mein Unfall dazu beiträgt, in Zukunft ein Leben zu retten, wäre es mein größtes Vermächtnis. Die FIA wird sich ein paar Sachen anschauen, und lernen, was zu verbessern ist. Zum Beispiel die Handschuhe. Du benutzt deine Hände als erstes, um aus dem Auto zu kommen. Das Feuer ist unser größter Feind. Der Einschlag an sich war zwar hart, aber ohne Feuer hätte ich einfach gewartet, bis mich jemand aus dem Auto holt."

über die vielen Wiederholungen im TV …

"Ich habe die Onboard-Aufnahmen noch nicht gesehen, will es aber. Du kannst immer etwas lernen. Deshalb bin ich auch nicht dagegen, dass die Videos ausgestrahlt wurden. Wir lernen daraus, wie sich ein Fahrer in so einem Moment verhält. Ich habe mit unserem Chefingenieur schon gefrotzelt. Wenn ich je wieder Formel 1 fahren sollte, brauche ich den Aussteigetest nicht zu machen. Ich bin der König darin. Ich verstehe natürlich die Fahrer, die sich an den TV-Aufnahmen gestört haben. Kevin zum Beispiel hatte Sorge, dass ich zwar auf den Füßen bin, aber ich vielleicht innere Verletzungen habe. Selbst heute sieht der Unfall einfach nur verrückt aus. Hätte ich ihn im TV gesehen, hätte ich gedacht, der Typ sei tot. Aber den Leuten am Fernseher helfen die Bilder, es zu verstehen. Zu verstehen, was da passiert ist. Dass es kein Traum ist. Sie sehen, dass da einer brennt, aber den Unfall übersteht."

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