Romain Grosjean - Haas - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen xpb
Sergio Perez - Racing Point - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen
Romain Grosjean - Haas - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen
Romain Grosjean - Haas - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen
Romain Grosjean - Haas - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen 60 Bilder

Romain Grosjean überlebt Horrorunfall in Bahrain

Romain Grosjean überlebt Horrorunfall Sechs Schutzengel für Grosjean

So einen Unfall hat die Formel 1 schon lange nicht mehr erlebt. Romain Grosjean stand 15 Sekunden nach dem Start im Mittelpunkt einer Horrorshow, die Elemente früherer Unfälle von Peter Revson, Gerhard Berger oder Martin Donnelly in sich trug. Sechs Schutzengel retteten den Franzosen.

Das Rennen war gerade mal 15 Sekunden alt, da hielt die Formel 1-Welt den Atem an. Im hinteren Feld war ein Auto ausgangs Kurve 3 scheinbar rechtwinkelig zur Innenseite hin abgebogen und ungebremst in eine dreistöckige Leitplanke abgebogen. Was folgte, waren Bilder, wie wir sie in den schlimmen Tagen des Motorsport aus den 60er und 70er Jahren und zuletzt noch von Gerhard Bergers Unfall 1989 in Imola in Erinnerung haben. Kaum war Romain Grosjeans Haas in die Absperrung eingeschlagen, breitete sich explosionsartig ein riesiger Feuerball aus.

Es dauerte qualvolle 27 Sekunden, bis inmitten der Flammen, der Rauchschwaden und verbogener Leitplanken zu erkennen war, dass der Fahrer aus einem Torso von Kohlefaser kletterte, der einmal ein Rennauto war. FIA-Arzt Ian Roberts half dem Franzosen auf seinem letzten Sprung aus dem Inferno. Grosjean fehlte der linke Schuh, als er Richtung Arztauto lief, das direkt am Unfallort geparkt hatte. Seine Handbewegungen deuteten auf seine Verletzungen hin. Der 34-jährige Haas-Pilot hatte sich auf beiden Handrücken Verbrennungen zweiten Grades zugezogen. Der zunächst vermutete Bruch zweier Zehen bestätigte sich bei einer Untersuchung nicht. Grosjean verbrachte als Vorsichtsmaßnahme die Nacht im Krankenhaus.

Romain Grosjean - Haas - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen
Motorsport Images
Wie durch ein Wunder entkam Grosjean dem Flammen-Horror.

Das Wunder von Bahrain

Teamkollege Kevin Magnussen drückte aus, was alle dachten. "Für mich ist es ein Wunder, dass Romain noch unter uns ist. Ich bin so glücklich, dass ein Halo auf diesem Auto war. Ohne ihn wäre der Unfall anders ausgegangen." Für Christian Horner war klar: "Der Halo hat sein Leben gerettet. Vor fünf Jahren hätte Grosjean diesen Unfall nicht überlebt, und er wäre sicher nicht selbst aus dem Auto ausgestiegen." Ob der Halo allein ausschlaggebend für die glimpflichen Folgen war und welche anderen Faktoren noch das Wunder von Bahrain beeinflusst haben, wird in allen Details erst eine eingehende Untersuchung der FIA ermitteln. Erfahrungsgemäß werden wir darauf mehrere Monate warten müssen.

Es lassen sich aber bereits anhand der TV-Bilder und der Fotos an der Unfallstelle einige Schlüsse ziehen. Und es müssen Fragen gestellt werden, auf die es möglichst bald eine Antwort geben sollte. Warum passierte der Unfall überhaupt auf diese fatale Weise? Warum zum Beispiel steht die innere Leitplanke in einem Winkel zur Strecke? Warum konnte das Auto nach dem Aufprall zwischen der unteren und der mittleren Leitplanke hindurchtauchen? Warum ist es in zwei Teile zerbrochen? Und warum entzündete sich ein Feuer, das groß genug war, dem Piloten ernsthaften Schaden zuzufügen, hätte er sich nicht selbst befreien können?

Ein Pfosten teilte das Auto

Bei der Analyse des Unfallhergangs ist relativ schnell klar, dass Grosjean den Crash selbst heraufbeschworen hat. Der Franzose sah, wie Kimi Räikkönen nach links in die Auslaufzone gedrückt wurde und auf dem Weg zurück auf die Strecke war. Mit drei Autos nebeneinander vor seiner Nase konnte sich der Haas-Pilot ausrechnen, dass vor ihm in der nächsten Sekunde alles dicht sein würde. Deshalb sah er in der Flucht nach rechts die beste Chance, dem Chaos zu entkommen. Um direkt in ein noch viel größeres Chaos hineinzufahren. Grosjean übersah beim seinem Ausweichen nach rechts, dass da schon der Alpha Tauri von Daniil Kvyat war. Rechtes Hinterrad und linkes Vorderrad berührten sich und gaben dem US-Ferrari einen weiteren Drall nach rechts.

Den weiteren Ablauf kann man nur lückenhaft rekonstruieren. An der Stelle sind die Autos 220 km/h schnell. Grosjean stieg nach der Landung zwar noch voll in die Eisen, doch die Verzögerung war auf dem Sandstreifen neben der Strecke nur unzureichend. Der Haas traf die Leitschienen in einem Winkel von ungefähr 45 Grad, hakte mit seiner spitzen Nase zwischen der untersten Stahlplanke und der zweiten ein und rutschte bis zum ersten Hindernis an ihr entlang. Das war ein massiver Befestigungspfosten.

Der teilte das Auto in drei Hälften. Motor, Getriebe und Hinterachse blieben vor der Absperrung liegen. Die geringe Entfernung zu dem Ort des Auseinanderbrechens zeigt, wie brutal die Verzögerung gewesen sein muss. Nase und Vorderachse wurden zu einem undefinierbaren Haufen aus Karbon und Metall zusammengestaucht, wobei sich beide Vorderräder selbständig machten. Eines flog quer über die Strecke, das andere landete in einen Graben hinter der Leitplanke. Das Chassis, das in der Falle zwischen den Stahlplanken steckte, drehte sich in Längsachse um 180 Grad und kippte dann zur Seite, vermutlich weil der Halo oder der Überrollbügel am oberen Teil der Leitplanke hängenblieben. Damit rutschte die Überlebenszelle mit dem Boden voran durch das aufgerissene Loch und blieb mit der Cockpitöffnung zur Rennstrecke hin liegen. So kam Grosjean relativ ungehindert ins Freie.

Allan McNish - GP Japan 2020 - Suzuka - Formel 1
Wilhelm
Das Wrack des Toyota von Allan McNish in Japan 2002.

Als Leitplanken ein Todesurteil waren

Der Unfall weckte böse Erinnerungen aus der Vergangenheit. Leitplanken wurden schon für viele Fahrer zum Todesurteil. Sie galten einmal als Lebensretter, waren es aber nicht immer. Francois Cevert teilte 1973 in Watkins-Glen bei einem Unfall in den S-Kurven die Absperrungen. Auto und Fahrer wurden aufgeschlitzt wie eine Sardinenbüchse. Helmut Koinigg wurde ein Jahr später auf der gleichen Strecke aber an anderer Stelle geköpft, weil sein Surtees die untere Stahlschiene wegschob, während die obere stehenblieb.

Der Testunfall von Peter Revson 1974 in Kyalami weist die meisten Ähnlichkeiten mit dem Crash von Grosjean auf. Sein Shadow geriet ebenfalls zwischen die Stahlplanken, und er fing Feuer. Der Amerikaner konnte in dem Aluminiumchassis nicht von den Sicherheitsvorkehrungen profitieren, die 46 Jahre später dem Fahrer das Leben retteten. Er starb beim Aufprall. Das Feuer erlebte er schon nicht mehr.

Eine Lehre aus dem Unfall wird sein, dass Leitplanken am Streckenrand nur dann Sinn machen, wenn sie parallel zur Strecke stehen. An der Stelle in Bahrain ist das nicht der Fall, weil sie eine Service-Straße und einen Graben dahinter absichern. Trifft ein Auto mit einer so hohen Geschwindigkeit und einem Startgewicht von rund 850 Kilogramm auf ein elastisches Hindernis, wie es Leitplanken nun mal sind, dann ist es fast unausweichlich, dass es durch die Streckenbegrenzung hindurchfliegt, statt von ihr abzuprallen. Mit den hohen Nasen von heute wird die zweite oder dritte Leitschiene weggedrückt, mit den tiefen ab 2022 die untere. Das ist auch bei dem Unfall von Allan McNish 2002 in Suzuka passiert. Der Toyota fuhr durch die Leitplanken durch, als wären sie gar nicht da. Zum Glück mit dem Heck voran.

Ein Ingenieur stellte die Frage, ob sich die Nase nicht hätte so kontrolliert zusammenstauchen müssen, wie es der Crashtest vorschreibt. Das hätte auch Energie von der Leitplanke genommen. Vermutlich hat die Nase das getan, den von ihr war in dem ganzen Haufen Schrott nicht mehr viel zu sehen. Doch jetzt kommen die Räder und das vordere Chassis-Schott ins Spiel. Sie waren die nächste Instanz, die das Hindernis trafen und haben den Planken dann den Rest gegeben.

Der Ausbruch des Feuers ist bei den Kräften, die da im Spiel waren, keine Überraschung. Dass sich die Heckpartie an ihrer Sollbruchstelle abtrennt, wenn das Auto seitlich abrupt gestoppt wird, ist sogar gewollt. Das baut Energie ab. Damit lag der Tank im vorderen Teil des Chassis frei, so wie 1990 bei dem Unfall von Martin Donnelly in Jerez. Der Lotus-Pilot war im Gegensatz zu Grosjean gegen eine Mauer geprallt und von ihr zurückgeworfen worden. Der Tank, der damals im hinteren Teil des Autos verblieb, kam zum Glück mit nichts in Berührung, was ihn hätte aufschlitzen können. Im Fall von Grosjean gab es tausend scharfe Ecken und Kanten, die die Tankblase verletzten konnten. Experten gehen aber nicht davon aus, dass die kompletten 110 Kilogramm Benzin an Bord in Flammen aufgingen. Dann wäre das Feuer noch größer gewesen.

Romain Grosjean - Haas - GP Bahrain 2020 - Sakhir - Rennen
Wilhelm
Grosjean retteten bei seinem Unfall mehrere Schutzengel.

Zum Glück war Leitplanke nicht im Weg

Haas-Teamchef Guenther Steiner sprach aus, was viele dachten: "Heute hatten wir Glück. Ein Schutzengel war mit uns." Einer hat nicht gereicht. Es waren mindestens sechs. Der erste, dass die modernen Überlebenszellen einem Aufprall mit hoher Geschwindigkeit in einem ungünstigen Winkel standhalten. Der zweite, dass die Dynamik der Ereignisse das Chassis während seiner Irrfahrt zwischen den Stahlschienen auf die richtige Seite gedreht haben. Der dritte, dass die hohen Cockpitseitenwände dem Fahrer links und rechts guten Schutz geben, und dass der Halo verhindert hat, dass Teile der Leitplanke in Kontakt mit Grosjeans Kopf kamen.

Der vierte Glücksfall war, dass Grosjean relativ ungehindert aussteigen konnte. Nicht auszudenken, wenn der obere Teil der Leitplanke dem Ausstieg durch das Loch im Halo im Weg gestanden wäre. Dann hätte sich der Unglückspilot darauf verlassen müssen, dass die Streckenposten den Brand schnell genug löschen. Der Overall und Helm hätten ihn zwar noch eine Zeit vor schlimmen Verbrennungen geschützt, aber irgendwann hätte er wie seinerseits Niki Lauda zu viele heiße Luft und giftige Dämpfe eingeatmet.

Dazu gehört auch, dass Grosjean zu jeder Phase des Unfall bei Bewusstsein war. So konnte er sich am Ende selbst befreien. So beschränkte sich seine Verweildauer im Feuer auf 27 Sekunden und nicht länger. Bei dem Flammenmeer hätten ihn die Rettungskräfte sonst erst bergen können, wenn das Feuer komplett gelöscht worden war.

Die schnelle Präsenz der Streckenposten und des FIA-Arztes war Grosjeans sechster Schutzengel. Da der Unfall kurz nach dem Start erfolgte, war das Arztauto nach wenigen Sekunden zur Stelle. Auch die Streckenposten verdienen ein Lob. Sie waren selbst durch herumfliegende Trümmerteile in Gefahr, ließen sich dadurch aber wenig beeindrucken. Innerhalb von 15 Sekunden wurde die erste Löschkanone auf das brennende Wrack gerichtet. FIA-Arzt Roberts fasste die Horrorshow zusammen: "Heute haben alle Sicherheits-Features, die wir in den letzten 30 Jahren eingeführt haben, ineinandergegriffen. Hätten wir nur eines davon nicht gehabt, hätte dieser Unfall anders ausgehen können."

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