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Ross Brawn im Interview

"Schauen uns den GP Deutschland speziell an"

Ross Brawn ist neben Chase Carey und Sean Bratches Teil des neuen Formel 1-Managements. Im Interview mit auto motor und sport spricht er unter anderem über die neue Führungsstruktur, neue F1-Regeln, den GP Deutschland und Bernie Ecclestone.

Bernie Ecclestones Job wird auf drei Schultern verteilt. Was macht Chase Carey, was Sean Bratches und was Sie?

Brawn: Wir teilen uns die Arbeit so auf, dass jeder das macht, für das er am besten geeignet ist. Chase hat die meiste Erfahrung auf der Unternehmensebene. Ich bin mehr der Praktiker und werde die Aktivitäten der FOM (Formula One Management) koordinieren. In allen sportlichen und technischen Fragen werde ich meine Expertise einbringen. Dann gibt es da noch die Welt der Medien, speziell der sozialen Netzwerke. Dafür ist Sean zuständig. Und das ist ein wichtiger Bereich, weil er bis jetzt nahezu unberührt ist. Er wird sich auch um die kommerziellen Aktivitäten der Formel 1 kümmern, Dinge wie Sponsoren, Paddock Club und so weiter. Wir drei versuchen die Show so gut wie möglich zu gestalten. Einige Aufgaben lassen sich einfach verteilen. Dann wird es aber auch Überschneidungen geben. Das müssen wir quasi am offenen Herzen lernen. Keiner von uns hat Erfahrung damit. Manchmal verlangt eine Lösung vielleicht den Input von all unseren Erfahrungen. Und Bernie ist ja nicht aus der Welt. Wir können ihn jederzeit um Rat fragen.

Verderben zu viele Köche nicht den Brei?

Brawn: Mit einem einzigen Ansprechpartner ist es sicher immer einfacher. Doch manchmal erreichen Firmen oder Organisationen eine Größe, in der das nicht mehr so einfach geht. Dann kann es zur Schwäche werden. Wir werden sicherstellen, dass unsere Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten klar strukturiert sind. Zu dritt können wir mehr machen als eine einzelne Person. So sind auch moderne Formel 1-Teams aufgebaut. Es ist nie eine einzelne Person, die alles in der Hand hat. Die Last ist auf drei, vier oder fünf Schultern verteilt. So war das schon in meinen Jahren bei Mercedes. Wir müssen die Schnittstellen und die weichen Übergänge hinkriegen. Das wird sich mit der Zeit einspielen.

Wer handelt die neuen Verträge mit den TV-Stationen und Veranstaltern aus?

Brawn: Das ist Sache von Chase und Sean. Ich werde sie mit meiner Rennerfahrung dabei beraten. Wir werden uns bemühen, auf die Veranstalter einzugehen, um ihnen das bestmögliche Paket zu verkaufen. Zum Beispiel in Fragen, wie wir den Sport auf der Strecke verbessern und dem Zuschauer mehr bieten können.

Wer wird die Rechteinhaber bei den Sitzungen der Strategiegruppe, Formel 1-Kommission und beim FIA-Weltrat vertreten?

Brawn: Das müssen wir noch besprechen. Ich kann mir vorstellen, dass ich bei den Sitzungen der Strategiegruppe anwesend sein werde, weil es hauptsächlich sportliche und technische Belange betrifft. Für die beiden anderen Gremien muss noch eine Regelung gefunden werden.

Können Sie vor Ablauf des Concorde Abkommens 2020 überhaupt etwas im großen Stil ändern?

Brawn: In Bezug auf die kommerziellen Verträge können wir sehr wenig unternehmen, das ist wahr. Die Geldverteilung und Entscheidungsprozesse sind festgeschrieben. Unser Ziel ist es zu agieren und nicht mehr auf jede vermeintliche Krise zu reagieren. Zuerst muss man einmal erkennen können, was eine Krise ist. Dann muss man in der Lage sein, zu reagieren. Aber es macht keinen Sinn immer nur auf Probleme zu antworten. Wir wollen die Probleme an der Wurzel packen, bevor sie welche werden. Deshalb schauen wir jetzt bereits, wo wir den Sport 2018 und 2019 haben wollen. Ich werde eine kleine Gruppe von Spezialisten zusammenstellen, die mir Vorschläge und Ideen erarbeitet, wie wir den Sport verbessern können. So etwas existiert im Moment nicht. Die Teams sind zu sehr mit ihren eigenen Aktivitäten beschäftigt.

Ein Feld, auf dem Sie agieren können, sind die Rennen: Welche Linie vertreten Sie: 20 Grand Prix wie jetzt, mehr oder weniger?

Brawn: In dieser Frage müssen wir alle Seiten beleuchten. Es gibt kommerzielle, politische und sportliche Faktoren. Und es gibt eine kritische Grenze für die Teams. Sie haben begrenzte Ressourcen. Das schränkt die Zahl der Rennen nach oben ein. Würde man drüber gehen, müssten sich die Teams anders aufstellen. Da hilft meine Erfahrung, weil ich selbst einmal in Teams gearbeitet habe. Es gibt aber auch noch die sportliche Seite. Wir müssen sicherstellen, dass die Qualität der Veranstaltungen im Kalender stimmt. Nicht die Zahl der Rennen ist entscheidend, sondern deren Qualität. Es sollten unterschiedliche Rennstrecken sein, die dem Zuschauer auch etwas bieten können.

Jetzt, wo Bernie Ecclestone weg ist, werden viele Veranstalter um einen Rabatt betteln?

Brawn: Das kann passieren. Wir dürfen auch nicht ignorieren, dass die Veranstalter Schwierigkeiten haben, sich zu refinanzieren. Das kann man aber von zwei Seiten sehen. Es gibt den Weg, weniger zu verlangen. Aber auch den, dem Veranstalter zu helfen, höhere Einnahmen zu erzielen, so dass er sich das Antrittsgeld leisten kann. Unsere Vision ist: Besser das Einkommen für die Veranstalter erhöhen als die Kosten der Rennen zu reduzieren.

Könnte sich am Kalender 2017 noch etwas ändern?

Brawn: Nicht, dass ich wüsste. Ich glaube nicht, dass es noch Änderungen gibt.

Die Frage kommt, weil der GP Deutschland eines der Rennen ist, das im Kalender fehlt und dessen Zukunft gefährdet ist.

Brawn: In diesem Fall muss ich sagen: Wir schauen uns den Fall Deutschland speziell an. Weil es ein Traditionsrennen ist. Wir wollen das Erbe der Formel 1 beschützen und erhalten. Weil es eine der Stärken dieses Sports ist. Wir können das Erbe nicht abbauen, ohne dass es der Formel 1 schadet. Und der Grand Prix von Deutschland zählt zu diesem Erbe.

Chase Carey brachte kürzlich eine Budgetdeckelung ins Spiel. Ist das machbar in naher Zukunft?

Brawn: Wir sollten das Thema ernsthaft mit den Teams und der FIA besprechen. Um es durchzusetzen brauchen wir die Unterstützung aller Teams. Die Lösungen müssen für sie akzeptabel sein. Eine Budgetdeckelung ist eine schöne Idee. Wir wollen uns die Zeit nehmen um zu untersuchen, ob so etwas durchführbar und rentabel ist. Bisher haben alle Leute immer gesagt: Das funktioniert nie. Doch haben wir es jemals ernsthaft versucht? Es gab ein freiwilliges Abkommen, doch das können sie in einer so konkurrierenden Welt vergessen. Da fehlt das Vertrauen, das sich jeder daran hält. Wenn es funktionieren soll, muss es verbindliche Regeln dafür geben. Wir sollten bald schon eine Untersuchung mit allen beteiligten Parteien starten, um herauszufinden, ob eine Budgetdeckelung der Weg in die Zukunft ist. Die Entscheidungsträger in den Teams haben sich seit unserer letzten Diskussion darüber geändert. Vielleicht auch ihre Meinungen dazu.

Werden Sie sich jetzt mit Jean Todt zusammensetzen und das Reglement nach Stärken und Schwächen abklopfen?

Brawn: Der Regelfindungsprozess ist für die nächsten Jahre festgeschrieben. Da wird es keine Alleingänge geben. Woran wir arbeiten müssen ist die Frage, ob dieser Prozess noch gut genug ist, und ob wir uns für das neue Abkommen etwas anderes überlegen. Ich erhoffe mir aber auch hier, dass wir als Rechteinhaber in Zukunft früher über Regeländerungen nachdenken und uns mehr in die Zusammenarbeit mit den Teams und der FIA einbringen. Jede Gruppe in der Formel 1 hat seine Prioritäten. Die Teams wollen Rennen gewinnen. Die FIA will eine gesunde Formel 1 haben und den Sport fair und ordentlich regieren. Unsere Priorität muss es sein, den Sport so unterhaltsam und attraktiv wie möglich für die Zuschauer gestalten. Das soll aber nicht so geschehen, dass wir abwarten, bis etwas nicht funktioniert. Oder etwas ändern, ohne zu eine Vorstellung zu haben, wie es sich auf der Rennstrecke auswirkt. Wir wollen früh genug Schwachpunkte und Verbesserungsbedarf aufspüren.

Es wird also nicht mehr aus der Hüfte geschossen?

Brawn: Möglich. Ich will sicherstellen, dass wir die richtigen Schritte machen, statt wild in der Gegend herumzuschießen. Eine gute Lösung, die Zeit braucht, ist immer noch besser als eine, die nicht funktioniert.

Werden Sie die Rennen besuchen?

Brawn: Auf jeden Fall die Rennen zu Beginn der Saison. Und ich werde zu den Testfahrten kommen, weil ich sehen will, wie die Autos aussehen. Wir haben eine radikale Regeländerung vor uns und sollten früh genug herausfinden, welche Auswirkungen das auf die Show haben könnte. Ich will vorbereitet auf das sein, was mich in Melbourne erwartet.

Zum Schluss ein Wort zu Bernie Ecclestone. Was hat er für die Formel 1 bedeutet?

Brawn: Er ist eine Ikone, ein einzigartiger Charakter. Absolut unersetzlich. Deshalb hat sich die Formel 1 auch neu organisiert. Ich kann mir keinen vorstellen, der den Sport so managen könnte, wie er es getan hat. So einen wie ihn hat die Formel 1 zu seiner Zeit gebraucht. Der Sport wäre ohne ihn heute nicht das, was er heute ist. Die Formel 1 steht tief in seiner Schuld. Ich hoffe, dass er zu ein paar Rennen kommt und uns weiter unterstützt.

Bernie war respektiert und gefürchtet. Das hat seine Macht definiert. Wird es schwer sein, ihn zu ersetzen?

Brawn: Den Respekt müssen wir uns erst verdienen. Wir werden an unseren Taten gemessen. Die Leute können nicht erwarten, dass wir Bernie kopieren. Das würde nicht funktionieren. Es wird ein anderer Arbeitsstil werden, aber ich hoffe, er wird genauso effizient sein.

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