George Russell - Mercedes - GP Sakhir 2020 - Bahrain xpb
George Russell - Mercedes - Formel 1 - GP Sakhir - Bahrain - Samstag - 5.12.2020
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Russells erste Sternstunde: Bottas erfüllt Pflicht

Russells erste Sternstunde Bottas erfüllt seine Pflicht

Mercedes steht mit beiden Autos in der ersten Startreihe, obwohl Lewis Hamilton im Hotelzimmer flach liegt. Valtteri Bottas eroberte die fünfte Saisonpole mit einer Kraftanstrengung. George Russell verpasste seine Premieren-Pole nur um 26 Tausendstel.

Der Mann mit den großen Vorschusslorbeeren hat abgeliefert. Das merkte man allein schon deshalb, dass Mercedes-Teamchef Toto Wolff in seiner Presserunde nicht eine Frage zur Leistung von Valtteri Bottas gestellt wurde. Es ging ausschließlich um George Russell. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn sitzt der 22-Jährige in einem konkurrenzfähigen Auto. Prompt raste er in die erste Startreihe – nur 26 Tausendstel geschlagen von seinem Teamkollegen. Bottas musste sich schon strecken, um den neuen Shootingstar hinter sich zu halten.

Russell hat den Crashkurs bislang mit Bravour bestanden. Obwohl der Mercedes für ihn Neuland ist. Er kennt zwar das Team, Mechaniker und Ingenieure aus seinen zwei Jahren als Test- und Ersatzfahrer, nicht aber das Auto. Er musste die Geheimnisse des W11 im Schnelldurchlauf lernen. Die Knöpfe am Lenkrad, den DAS-Trick, das Fahrverhalten, die Abläufe bei Mercedes an einem Rennwochenende.

Vier Stunden Training reichten ihm, um aus der Routine auszubrechen. Um alte Gewohnheiten zu vergessen. Um sich im kalten Wasser warm zu schwimmen. "Es wäre besser gewesen, ich wäre letzte Woche nicht hier gefahren. Die Brems- und Einlenkpunkte sind ganz anders. Im Mercedes kommst du viel schneller an der Kurve an und gehst früher aufs Gas. Die Vorderachse beißt so viel stärker zu. Das Auto hat viel mehr Abtrieb und geht unglaublich über Bodenwellen", berichtete der Zweitplatzierte.

"Ich musste erst einmal vergessen, wie der Williams fährt und lernen, den Mercedes zu fahren. Klar bin ich angefressen, die Pole so knapp verpasst zu haben. Andererseits hatte keiner im Team große Erwartungen an mich. Toto und James haben mir gesagt, ich solle entspannt fahren. Es reicht, wenn ich in die zweite Reihe fahre oder Fünfter oder Sechster werde."

George Russell - Mercedes - GP Sakhir 2020 - Bahrain
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George Russell beeindruckte die Fachwelt bei seinem Debüt im Mercedes W11.

Mit 500 Kilometern auf Platz zwei

Lewis Hamilton musste sich keine Sorgen machen. Russell ließ das Weltmeisterauto in einem Stück. "Er hat mir noch eine SMS geschrieben mit dieser Bitte", scherzte Russell. Mercedes-Teamchef Toto Wolff lobte seinen Youngster. "George ist nicht nur im kalten Wasser geschwommen. Er ist in einem Auto, in dem er sich nicht wohl fühlt, sehr stark gefahren. Das war mehr als solide Arbeit. Er hat uns nicht überrascht, weil wir wissen, wozu er imstande ist, aber schon beeindruckt." James Vowles ist bei Mercedes nicht nur für die Strategie zuständig, sondern auch ein wichtiger Bestandteil in der Nachwuchsförderung von Mercedes, zu dessen Programm Russell gehört. Beide flüsterten ihrem Schützling in der Mittagspause Mut zu und beruhigten ihn.

Valtteri Bottas erfüllte zwar seine Pflicht, wirkte aber dennoch nicht wie ein glücklicher Pilot. 26 Tausendstel sind kein großer Abstand zu einem Fahrer, der erst 142 Runden oder 503 Kilometer im gleichen Auto abgespult hat. Der Finne hat in diesem Jahr vor dem Bahrain-Wochenende inklusive der Wintertestfahrten 13.323 Kilometer in seinem Mercedes zurückgelegt.

Für Bottas ist der Mercedes maßgeschneidert, für Russell nicht. Zur Ehrenrettung des WM-Zweiten muss gesagt werden, dass der Fahrer auf dem Outer Track von Bahrain weniger Unterschied machen kann als auf sonstigen Strecken. Weil die Runde kürzer ist als auf allen anderen Kursen in dieser Saison und nur wenige Kurven hat. Die Fahrer sprechen von vier bis fünf Kurven, auf denen man tatsächlich einen Unterschied herausfahren kann. Bottas brachte seine Runden trotz dreier Möglichkeiten in Q3 auch nicht optimal zusammen. Der 31-Jährige haderte vor allem mit dem letzten Versuch. "Ich bin von mir selbst enttäuscht, weil die letzte Runde nichts war. Ich hatte zwar keinen Windschatten, aber das soll keine Ausrede sein."

Russell verliert in Kurve eins

Der Finne entschied sich selbst dagegen. "Valtteri hatte die Wahl, ob Windschatten oder nicht. Er wollte lieber eine freie Strecke", berichtete der Teamchef. Der Pole-Setter sah vor allem in den Kurven sieben und acht – das ist die enge Schikane im Mittelsektor – sowie in der Zielkurve Verbesserungsbedarf. Russell machte andere Stellen aus. Es zwickte vor allem in den ersten beiden Ecken. "Dort war ich letzte Woche noch am stärksten. Ich schaffe es nicht, den Mercedes schnell genug zu drehen. Ich habe Untersteuern am Eingang und ein plötzliches Übersteuern, sobald ich ans Gas gehe." Dann passt der Kurvenausgang und folglich auch die zweite Ecke nicht. Im Vergleich zu Bottas fehlte ihm im ersten Abschnitt etwa eine Zehntelsekunde.

Im neuen Streckenteil, der ab Kurve vier beginnt und in Kurve neun endet, fühlte sich Russell hingegen pudelwohl. Genauso wie im Schlussabschnitt. "Ab Kurve vier fühlte es sich so an, als ob das Auto auf Schienen fährt." Russells letzte Runde war auch seine beste. Im Prinzip packte er seine schnellsten Sektoren zusammen. Seine Idealzeit wäre nur um eine Tausendstel schneller gewesen (53,402 Sekunden). Für Bottas hingegen wäre bei einem perfekten Mix der drei Sektoren eine Rundenzeit von 53,310 Sekunden auf dem Papier gestanden.

Ein bisschen ärgerte sich Russell über einen verpassten Windschatten auf der letzten Runde. "Da habe ich zu viel Abstand zu Valtteri gelassen. Ich schaute zu sehr in den Rückspiegel, um auf Max zu achten. Ich hätte zwei Sekunden näher an Valtteri dran sein sollen. So lag ich auf der Zielgeraden 40 Millisekunden über meiner Referenz." Die blauen Flecken, die sich der eigentliche Williams-Fahrer im Mercedes einhandelt, sind bei dieser Leistung schnell vergessen. "Ich musste letzte Nacht Eisbeutel auf meine Schultern, Knie und Zehen legen." Der 1,85 Meter lange Schlacks mit der Schuhgröße 45 ist elf Zentimeter größer als Hamilton. Russell hat weniger Platz im Cockpit und schlägt sich den Körper wund. Sitz, Schuhwerk, Pedale, Wippen am Lenkrad: Da ist noch viel Luft nach oben, um dem Piloten das Leben zu leichter zu machen.

Valtteri Bottas - Mercedes - GP Sakhir 2020 - Bahrain
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Valtteri Bottas stellte seinen Mercedes zum fünften Mal in dieser Saison auf Pole Position.

Hamilton im Bett

Russell tastete sich an die große Aufgabe am Trainingsfreitag mit zwei Bestzeiten heran. Doch schon da war klar, dass er sich steigern müsste, um auf Augenhöhe mit dem Teamkollegen zu kommen. Ohne seine gestrichene Zeit wegen Überschreitens der Track Limits in Kurve acht hätte Bottas am Freitag die schnellste Rundenzeit erzielt.

Im dritten Training übertrieb es Russell. Er versuchte zu viel und machte zu viele Fehler. In der Qualifikation saß dann wieder der alte Russell im Cockpit. Im Rennen will der Youngster seinem routinierteren Teamkollegen einheizen. Am Freitag tat sich Russell auf den Longruns mit vollen Tanks noch schwer. Der Qualifying-Spezialist, der überhaupt erst seine erste Niederlage in einem Teamvergleich einsteckte (Bilanz 36:1) muss seine Qualitäten auch im Rennen unterstreichen. Nie schmeckte ihm eine Niederlage besser.

Der Druck liegt wieder auf den Schultern von Bottas. Der Finne muss auch im Rennen den aufmüpfigen Teamkollegen in Schach halten. Ansonsten droht eine ungemütliche Woche bis Abu Dhabi. Eigentlich muss Bottas hoffen, dass Hamilton selbst beim Saisonfinale nicht fit ist und es zum zweiten Vergleich mit Russell kommt. Weil Abu Dhabi eine wesentlich kompliziertere Rennstrecke ist. Dort sollte der Unterschied zu Russell größer ausfallen.

Der junge Engländer will wie Mercedes-Teamchef Toto Wolff keine Diskussion darüber aufkommen lassen, ob Hamilton sein Geld wert ist. Und ob nicht jeder im Mercedes gewinnen kann. "Lewis ist in Schlüsselmomenten immer zur Stelle. Er ist ein Superstar." Max Verstappen pflichtet bei. "Lewis ist der siebenmalige Weltmeister, weil er im entscheidenden Moment den Unterschied macht." McLaren-Pilot Carlos Sainz bringt es auf den Punkt. "Lewis ist der Beste von uns. Es ist nur schade, dass das beste und schlechteste Auto zwei Sekunden auseinander liegen. Das sieht man jetzt an George. Normal kämpft er um Platz 15. Heute um die Pole, weil er das Auto dazu hat. Die Show wäre viel besser, wenn alle Autos nah zusammen sind. Dann kann der Fahrer mehr den Unterschied machen. Diese ein, zwei Extrazehntel: Da ist Lewis so gut drin."

Noch ein Wort zum Weltmeister, den der Coronavirus offenbar stärker beutelt. So ist es zwischen den Zeilen herauszulesen. "Er ist in guten Händen. Ich habe mit ihm zuletzt am Donnerstag gesprochen. Wir tauschen zwar Nachrichten aus, aber ich will ihn so weit wie möglich in Frieden lassen. Covid-19 ist kein Spaß. Ihm geht es wie jedem, der im Hotelzimmer in einem fremden Land feststeckt", sagt Wolff.

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