George Russell - Mercedes - GP Sakhir 2020 - Bahrain xpb

Russells verrückte 48 Stunden: Wolff-Anruf 2 Uhr nachts

Russells verrückte 48 Stunden Wolff-Anruf um 2 Uhr nachts

Es ist eine einmalige Gelegenheit für George Russell. Der Engländer vertritt Lewis Hamilton nach verrückten 48 Stunden in Bahrain. Teamkollege Valtteri Bottas steht unter großem Druck, auch wenn er es nicht zugeben will. Und auch Lewis Hamilton wird im Hotelzimmer Russells Auftritt mit großer Aufmerksamkeit verfolgen.

George Russell spricht von einem unglaublichen Jahr mit vielen Wendungen. "Es geht hoch und runter, links, rechts, geradeaus." Die letzte Wendung eröffnet ihm eine einmalige Gelegenheit. Der 22-jährige Engländer wird beim Grand Prix von Sakhir nicht wie üblich in einem Williams sitzen, sondern in einem Mercedes.

Russell hat damit erstmals in seiner Laufbahn konkurrenzfähiges Material in den Händen. Mehr sogar: Er klettert in das beste Auto im Feld und rückt damit automatisch in den Favoritenkreis für das zweite Wüstenrennen auf. Wie schnell man in der Formel 1 bei einem Cockpittausch zu einem Sieger aufsteigen kann, hat Max Verstappen 2016 unter Beweis gestellt. Der Niederländer gewann direkt sein erstes Rennen für Red Bull. "Er kann auf Pole fahren und das Rennen gewinnen", glaubt McLarens Lando Norris.

Auch Verstappen rechnet mit einem neuen Gegner. "Lewis ist zwar weg. Aber Valtteri und George sitzen im schnellsten Auto. Mercedes wird auf diesem Layout mit seinem Motor einen Vorteil haben. Und die Strecke ist nicht schwer zu lernen. Es gibt nur ein paar echte Kurven." Ferrari-Fahrer Charles Leclerc glaubt, dass Russell mindestens in der Lage sein wird, auf das Podest zu fahren. "Ich tippe sogar auf einen Sieg." Verstappen hat noch einen Tipp parat. "Genieß es. Es wird sich wie Tag und Nacht zum Williams anfühlen. Der Mercedes ist das beste Auto im Feld. Ich habe es 2016 selbst erlebt. Da war ich nach dem Umstieg vom Toro Rosso in den Red Bull erstmal baff."

George Russell - Mercedes W10 - Abu Dhabi 2019 - Test
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Russell fuhr zuletzt bei den Tests in Abu Dhabi im Dezember 2019 einen Mercedes. Damals den W10.

Der Anruf im Badezimmer

Mit Williams hat der GP3-Meister von 2017 und Formel-2-Champion 2018 in diesem Jahr zwar den Anschluss an Haas und Alfa Romeo geschafft, aber trotzdem noch nicht gepunktet. In Imola war Russell auf dem Weg dorthin und schmiss dann unter Safety Car sein Auto in die Mauer.

Dazwischen gab es Spekulationen über seine Zukunft. Eigentlich war der 22-Jährige bereits im Sommer vom Team für 2021 bestätigt worden. Doch nach dem Besitzerwechsel tauchten plötzlich Gerüchte auf, Russell könne durch Sergio Perez ersetzt werden. Die Teamführung befeuerte die Spekulationen mit unglücklichen Aussagen. Man verpasste es, ein klares Bekenntnis zu seinem Fahrer abzugeben. Das gab es dann erst vor dem GP der Emilia-Romagna Ende Oktober. Russell gab danach zu, selbst gezweifelt zu haben, 2021 in der Formel 1 zu sein.

Dem verrückten Jahr wird jetzt die Krone aufgesetzt. Zum Saisonende gibt es eine überraschende Wendung. Weil Lewis Hamilton mit einer Corona-Erkrankung ausfällt, wird ihn Russell bei Mercedes ersetzen. Dass sich Hamilton mit Corona infiziert hat, wurde am Dienstagmorgen öffentlich gemacht. Russells Achterbahnfahrt in den heißesten Sitz der Formel 1 begann schon Stunden früher. "Um 2 Uhr nachts hat mich Toto angerufen. Da war ich gerade im Badezimmer. Deshalb fühlte sich das für mich erst wie ein peinlicher Moment an. Nachdem er mir sagte, dass ich für Mercedes fahren soll, hatte ich eine schlaflose Nacht."

Russell zu groß für Hamilton-Cockpit

Am Dienstag verhandelten Mercedes und Williams tagsüber über die Modalitäten. Das Team aus dem englischen Grove legte Russell keine Steine in den Weg. "Ich war den ganzen Tag ganz aufgewühlt, weil ich herausfinden wollte, ob es zu einem Deal kommt", erzählt Russell. "Ich kann Williams nur danken, dass es klappt." Die Partner wurden sich schnell einig. Williams wird ja in gewisser Weise auch davon profitieren. Man bekommt einen besseren Russell zurück.

Über den Tag hinweg klingelte Russells Telefon in einer Tour. "Ich habe am Mittwoch nachgezählt. Es waren 64 Anrufe und Nachrichten." Eine kam von Lando Norris, noch bevor der Deal eingetütet war. "Ich habe ihm direkt eine Nachricht vor der Bekanntgabe geschickt. Und eine, nachdem es offiziell wurde", erzählt der McLaren-Pilot. Am Mittwochmorgen machte Mercedes die Neubesetzung offiziell. Zu diesem Zeitpunkt waren Russells Eltern schon aktiv. "Sie haben meinen alten Mercedes-Rennhelm, der über meinem Bett auf dem obersten Regal steht, in die Mercedes-Fabrik nach Brackley gebracht. Um dann dort zu erfahren, dass der Helm keine Zulassung mehr hat." Weil sich die Bestimmungen für die Homologation geändert haben.

In der Zwischenzeit ließ Mercedes Russells alten Rennsitz einfliegen. "Ein drei Jahre alter", sagt der Aushilfsfahrer, der seit 2017 zum Mercedes-Juniorenprogramm zählt. In der Zwischenzeit wurde noch ein Helm neu lackiert. Die Mechaniker und Ingenieure kennt Russell bereits von seiner Zeit als Test- und Simulatorfahrer bei Mercedes. Das Auto noch nicht. Bei der ersten Sitzprobe zwickte es. "Ich bin ziemlich groß. Im Cockpit von Lewis ist es ziemlich eng für mich. Aber wir können noch ein paar Modifikationen bei der Sitzposition vornehmen, damit ich mich wohler fühle. Ich muss kleinere Schuhe tragen, weil ich sonst mit den Pedalen in Konflikt komme . Aber das halte ich aus. Ich werde es genießen, dieses Auto zu fahren."

Valtteri Bottas - George Russell - Mercedes - GP Sakhir 2020 - Bahrain
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Interessantes Duell: Bottas und Russell duellieren sich indirekt um den Sitz bei Mercedes 2022.

Hamilton wird zuschauen

Zum letzten Mal ist Russell einen Mercedes bei den Testfahrten in Abu Dhabi 2019 im Dezember gefahren. Damals aber noch den W10. Im Mercedes-Simulator saß er seit zwei Jahren nicht mehr. Der Youngster übt sich deshalb in Zurückhaltung. "Ich fühle keinen Druck. Ich kenne zwar das Team, werde aber in den letzten Stunden mit Informationen und Eindrücken bombardiert. Das muss ich alles verdauen. Noch ist nicht alles verarbeitet. Ich habe keine Ziele, keine speziellen Erwartungen. Man wird mich nicht anhand eines Rennens beurteilen. Ich will meine Sache einfach gut machen. Als Dank für die Bemühungen." Da schiebt sich einer mit Worten in die Außenseiterrolle.

Egal, wie man es dreht und wendet. Für Russell ist es eine einmalige Gelegenheit, sich im direkten Vergleich mit Valtteri Bottas für größere Aufgaben zu empfehlen. Indirekt wird es ein Zweikampf um das Mercedes-Cockpit für 2022. Mehr Druck hat aber der Fahrer auf der anderen Garagenseite. Auch wenn Bottas die Situation herunterspielt. "Die Medien machen daraus mehr, als es ist. Ihr wollt das Drama, ihr wollt das Spektakel. Natürlich ist es für George eine Chance, sich zu zeigen. Aber ich will meinen Teamkollegen immer schlagen. Egal, ob es Lewis oder George ist. Ich habe eine Aufgabe zu erledigen. Darauf konzentriere ich mich", sagt der WM-Zweite.

Eine Niederlage im direkten Vergleich wird sich der Finne nicht erlauben können. Denn dann wird es für ihn schwer zu argumentieren sein, warum ihn nicht Russell 2022 bei Mercedes ersetzen sollte. "Ich habe einen Vertrag für nächstes Jahr: Ich fühle keinen zusätzlichen Druck", sagt Bottas. Im Prinzip haben den aber beide. Russell weniger, weil es schon reichen wird, am Teamkollegen dran zu sein. Bottas mehr, weil auf der Strecke und auf der Uhr schon ein Unterschied sichtbar sein sollte, dass er seit 2017 für Mercedes fährt.

Und es wird auch noch ein Fahrer auf dem Sofa unruhig sein. Auch wenn es der Weltmeister selbst nie zugeben wird. Hamilton wird mit Argusaugen verfolgen, wie sich das Teamduell bei Mercedes entwickelt. Sollte Russell tatsächlich als Sieger hervorgehen, wären das auch für den Seriensieger der Formel 1 schlechte Nachrichten. Weil dann die Kritiker aus den Ecken kriechen werden, die sagen, seine Siege und vielen WM-Titel seien doch mehr dem Auto geschuldet als dem Fahrer selbst. Und in einem Mercedes doch jeder gewinnen könne. So ist es leider manchmal: Es werden komplexe Sachverhalte auf das Ergebnis heruntergebrochen.

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