Valtteri Bottas - GP Russland 2020 xpb
Carlos Sainz - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
Formel 2 Crash - Russland - Sotschi 2020
Valtteri Bottas - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Taktik-Check GP Russland 2020

Mercedes entgeht Taktik-Drama

Die Strafe für Lewis Hamilton hat dem GP Russland die Spannung genommen. Mercedes machte sich ursprünglich auf eine heiße Nummer gefasst und spielte zwei Szenarien durch. Im Taktik-Check verraten wir, wie das Rennen ohne Strafe gelaufen wäre.

Das Rennen war gerade zwei Runden alt, da wusste Mercedes, dass man alle Simulationen aus dem Vorfeld in die Tonne klopfen konnte. Da erreichte den Mercedes-Kommandostand die Nachricht, dass Lewis Hamilton zwei Fünfsekunden-Strafen bekommen würde, die er in einem Stück beim Boxenstopp abzudienen hatte.

Damit war auch klar: Der Weltmeister konnte dieses Rennen nach menschlichem Ermessen nicht mehr gewinnen. Dadurch, dass er auf weichen Reifen starten musste, war ein früher Boxenstopp in Stein gemeißelt. Fünf Runden hinter dem Safety-Car hielten das Feld länger zusammen als üblich. Hamilton fiel beim Boxenstopp zwar auf Platz zehn hinter Sebastian Vettel zurück, hatte aber das Glück, dass nur Vettel und Kvyat seine Fahrt kurz bremsten.

Der Champion lamentierte am Funk, dass man ihn viel zu früh an die Box geholt hätte. Er glaubte, dass ihm fünf Runden Safety-Car auch fünf Rennrunden extra geschenkt hätten. In der Strategiebesprechung wurde von Runde 14 als Zielrunde für den Boxenstopp gesprochen. Doch Hamiltons Rechnung ging nicht auf. Fünf Runden im Safety Car-Tempo verschaffen den Reifen nicht fünf Extra-Runden im Renntempo, sondern bestenfalls zwei.

"Lewis wurde an die Box geholt, weil seine Reifen am Ende waren. Er hat in seiner letzten Runde schon deutlich Zeit verloren. Wir hätten ihn noch eine Runde länger draußen lassen können, aber dann hätte er noch mehr Zeit verloren", verraten die Strategen. Chefingenieur Andrew Shovlin präzisiert: "Der linke Hinterreifen hatte kaum noch Gummi auf der Lauffläche. Wäre er komplett eingebrochen, wäre Lewis noch weiter ins Feld gefallen."

Start - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Die Entscheidung in Sotschi fiel durch die Strafe schon vor dem Start.

Hamilton vergeigt schnellste Rennrunde

Damit war Hamiltons Rennen gelaufen. Auch mental. In seinem Frust, dass sich alle Dinge gegen ihn verschworen hatten, richtete er sich auf den dritten Platz ein. Zwischen seinem Stopp in Runde 16 und Verstappens Reifenwechsel neun Runden später verlor Hamilton mit frischen harten Reifen auf Valtteri Bottas auf gebrauchten Mediums 3,7 Sekunden.

Auf Max Verstappen machte er in der gleichen Zeit nur 0,9 Sekunden gut. Die Ingenieure erklärten das damit, dass Hamilton wegen der Aussichtslosigkeit die Reifen mehr schonte, als es nötig gewesen wäre. Am Ende des Rennens war noch genug Gummi auf dem Reifensatz.

Rückblickend muss man sagen, dass Lewis Hamilton zwar der schnellste Mann des Wochenendes war, dass er sich aber beim Versuch, den Rekord von 91 GP-Siegen zu egalisieren, selbst im Weg stand. Das war nicht nur Pech. Die Serie von Fehlern begann schon in der Qualifikation. Eine gestrichene Runde wegen des Rutschers neben die Strecke und eine rote Flagge zum falschen Moment führten dazu, dass er auf den Soft-Reifen starten musste, während seine direkten Konkurrenten mit dem Medium-Gummi durch das Q2 kamen.

Den Platz für seine Probestarts so weit ans Ende der Boxengasse zu legen war auch die Idee des Fahrers. Das Team hatte ihn in der Vorbesprechung zwar gebeten, den üblichen Platz mit der Gummiauflage zu meiden, ihm aber auch geraten "etwas weiter nach vorne" zu fahren. In Hamiltons Interpretation waren es gut 200 Meter weiter vorne.

Der Fehler des Teams bestand darin, dass man ihm auf Nachfrage am Funk nicht noch einmal dezidiert erklärt hat, dass "etwas weiter vorne" ein paar Meter bedeutet und nicht das Ende der Boxengasse.

Event Notes - GP Russland 2020
FIA
Hamilton verlegte den Platz für die Startübungen weit nach vorne.

Hamilton hakte zwar noch einmal nach, ob es auch "the end of the pitwall" sein könnte und bekam auch das Okay dafür, doch schon allein die Fragestellung war missverständlich. Das Team schöpfte offenbar keinen Verdacht. Sonst hätte man anhand der Bordkamera oder der GPS-Position vermutlich überprüft, wo der Fahrer tatsächlich für seinen Beschleunigungsversuch parkte. "Als wir gesehen haben, wo er wirklich stand, haben wir schon befürchtet, dass es Ärger gibt", verriet Shovlin.

Im letzten Umlauf wollte Hamilton wenigstens noch auf die schnellste Runde losgehen. Auch das misslang dem sonst so Unfehlbaren an diesem Tag. Nach einer klaren Bestzeit im ersten Sektor rutschte er in Kurve 5 neben die Strecke. So behielt Bottas den Extra-Punkt und verkürzte den Rückstand auf den Teamkollegen auf 44 Zähler.

Mercedes echauffierte sich weniger über die Strafe als über ihre Anwendung während des Rennens. Nach Meinung des Teams bedeutet ein Vergehen vor dem Rennen bestenfalls eine Zeitstrafe nach dem Rennen.

Hamilton hätte auch dann nicht gewonnen, wäre aber wahrscheinlich Zweiter geworden. Auch wenn er 15 Sekunden hinter Verstappen ins Ziel kam. Er wäre bei einem kürzeren Boxenstopp wahrscheinlich vor Daniil Kvyat und nicht hinter Vettel wieder auf die Strecke gekommen und hätte deutlich mehr Tempo gemacht, um sich aus Verstappens Boxenstopp-Fenster zu fahren.

Valtteri Bottas & Lewis Hamilton - Mercedes - GP Russland 2020
Motorsport Images
Die Mercedes-Ingenieure hatten zwei verschiedene Szenarien ausgemalt, je nachdem welcher Pilot nach dem Start vorne gelegen wäre.

Mit Strafe ein einfacheres Rennen für Mercedes

Die Strafe verschaffte Mercedes einen ruhigen Nachmittag. Man musste sich am Kommandostand keine Fragen mehr stellen, wie man seine beiden Fahrer frei fahren lässt, ohne einen der beiden strategisch zu benachteiligen. Das Problem entstand, weil Hamilton und Bottas auf unterschiedlichen Reifen ins Rennen gingen. Das bedeutete zwangsläufig unterschiedliche Strategien.

Mercedes unterschied in seinen Taktik-Simulationen zwischen zwei Szenarien. Hamilton bleibt am Start wie tatsächlich eingetreten, in Führung. Das wäre der einfachere Fall gewesen. Die Variante mit Bottas als Spitzenreiter in der ersten Kurve hätte den Fairplay-Verfechtern mehr Kopfzerbrechen bereitet.

Um es noch einmal klar zu machen. Wir reden jetzt von einem Szenario, bei dem Hamilton ganz ohne Strafe davongekommen wäre. Am ersten Teil des Rennens hätte sich dann nicht viel geändert. Hamilton wäre auch dann in Runde 16 zum Reifenwechsel gekommen und er hätte danach 25 statt 35 Sekunden Rückstand auf den Spitzenreiter gehabt.

Bottas hatte in der Anfangsphase hinter Hamilton klug seine Reifen geschont, um dann Attacke zu machen, als der Teamkollege zum Reifenwechsel abbiegt. Der Finne baute seinen Vorsprung bis zu seinem Boxenstopp sogar noch auf 40 Sekunden aus, was ohne Strafe 30 Sekunden gewesen wären. Doch so darf man nicht rechnen. Hamilton hätte natürlich in den ersten Runden auf den harten Sohlen viel mehr Attacke gemacht, wenn er noch eine Chance auf den Sieg gehabt hätte.

Max Verstappen - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
FIA / Pool
Bottas und Verstappen schonten in der Anfangsphase ihre Reifen hinter Hamilton.

Das hätte ihm die Führung eingebracht, allerdings zum Preis eines Reifen-Deltas von zehn Runden. Was nach Ansicht der Ingenieure für Bottas nicht gereicht hätte, den Teamkollegen trotz Reifenvorteil auf der Strecke zu überholen. "Es wäre so oder so eine enge Kiste geworden." Verstappen wäre aber auf jeden Fall aus dem Rennen gewesen.

Viel heikler wäre die Konstellation Bottas vor Hamilton nach dem Start gewesen. Dann wäre Mercedes gezwungen gewesen, dem zweitplatzierten Auto den ersten Boxenstopp zu geben. Hamilton wären die Soft-Reifen auf jeden Fall zehn Runden früher in die Knie gegangen als Bottas die Medium-Garnitur. Wäre daraus ein Führungswechsel entstanden, hätte Mercedes in einem Dilemma gesteckt.

Aus Sicht des Kommandostands sieht das dann so aus. "Der Spitzenreiter hat immer Priorität. Wenn die Umstände uns zwingen, das zweite Auto früher zu stoppen, hätten wir danach geschaut, dass der Spitzenreiter keinen Nachteil hat, zumal sich Lewis den Startreifen durch eigene Fehler eingebrockt hatte."

"Lewis wäre an die Box gekommen, wenn seine Reifen am Ende gewesen wären. Wir hätten Valtteri dann so gestoppt, dass er vor Lewis wieder rausgekommen wäre. Vorausgesetzt dass uns nicht Verstappen dazwischengefunkt und uns das Positionen im Endresultat gekostet hätte. In so einem Fall hat die maximale Ausbeute für das Team Vorrang."

Esteban Ocon - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Ricciardo blieb auf seiner Position, Ocon verlor eine Position.

Perez und Leclerc gelingt der Overcut

Der GP Russland war ein klassisches Einstopp-Rennen. Daran konnte auch Pirellis Entscheidung, die drei weichsten Gummimischungen auszupacken, nicht viel ändern. Nur Pierre Gasly, Alexander Albon, Lando Norris und Romain Grosjean stoppten zwei Mal. Alle hatten Gründe dafür, die ihnen aufgezwungen wurden.

Mit Gasly und Albon kamen immerhin noch zwei Vertreter der Zweistopp-Liga in die Punkteränge. Gasly wäre auch ohne seinen zweiten Reifenwechsel in der VSC-Phase auf Platz neun gelandet. Albon hätte mit seinem zweiten Satz, den er schon Ende der ersten Runde bekam, nicht bis zum Ende durchgehalten.

Das Rennen in Sotschi konnte sich nicht so recht entscheiden, ob ein Overcut oder Undercut besser war. Es hing davon ab, welches Tempo die jeweiligen Fahrer gehen konnten und wo man ins Feld fiel. Die Reifenwechsel fanden in einem Fenster zwischen Runde 15 und 30 statt. Daniel Ricciardo hat der frühe Boxenstopp in Runde 15 nicht geschadet. Er blieb Fünfter. Teamkollege Esteban Ocon fiel mit einem Stopp in Runde 18 von Platz vier auf Rang sieben zurück.

Sergio Perez wartete bis zur 20. Runde und kam so am zweiten Renault vorbei. Ein klassischer Overcut. Der Mexikaner verbesserte sich um zwei Positionen. Charles Leclerc gelang das gleiche. Er sprang dank seinem extrem späten Stopp in Runde 28 von Rang acht auf sechs. Grundstein waren schnelle Runden auf ausgelutschten Medium-Reifen.

Charles Leclerc - GP Russland - Sotschi - Formel 1 - 2020
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Leclerc konnte sich nicht nah genug an Ricciardo halten, um von der Fünfsekunden-Strafe zu profitieren.

Auf den harten Gummis verlor der Ferrari dagegen an Boden. Ricciardo konnte ihm mühelos davonfahren. Als der Australier in der 28. Runde von seiner Fünfsekunden-Strafe erfuhr, weil er nach einem Ausrutscher nicht vorschriftsmäßig den Notausgang nahm, hatte er nur 2,2 Sekunden Vorsprung auf Leclerc, lag also in Addition hinter dem Ferrari-Piloten. Bis ins Ziel baute Ricciardo den Vorsprung noch auf beruhigende 15,1 Sekunden aus, was auch mit der Strafe locker reichte.

Alfa Romeo pokerte am längsten. Man ließ Kimi Räikkönen bis zur 35. Runde auf der Strecke, in der Hoffnung, ein Safety-Car möge dem neuen Rekordteilnehmer einen Gratis-Boxenstopp schenken und ihn so auf Platz zehn halten, auf dem er sich eingenistet hatte. Doch das ist auf einer Strecke wie dem Sochi Autodrom ein riskantes Unterfangen.

Deshalb holte Mercedes Bottas auch nur eine Runde nach Verstappen an die Box, obwohl er mit seinem Boxenstoppfenster rund neun Sekunden vor dem Red Bull lag. Erklärung der Strategen: "Der Medium-Satz hatte zwar noch Leben in sich, aber es gab keine Gründe den Stint noch zu verlängern. Von dem Zeitpunkt an war es kein Problem für den harten Reifen zu Ende zu fahren. Wir hätten Verstappen nur Renn-Zeit geschenkt."

"Der Hauptgrund aber war die Sorge vor einem Safety Car. Wann immer die Safety Car-Linien so weit auseinander liegen wie in Sotschi, ist die Chance groß, dass ein Safety Car zum falschen Zeitpunkt kommt und du nicht sofort an die Box kommen kannst. Dann verlierst du das Rennen und kommst als Vierter, Fünfter oder Sechster ins Ziel. Das war das Risiko nicht wert."

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