Mattia Binotto - Sebastian Vettel - Ferrari Motorsport Images
Sebastian Vettel - GP USA 2007
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F1-Blog zur Vettel-Ferrari-Posse

Mit Ehrlichkeit fährt man am besten

Das hätte sich Ferrari sparen können. Man dachte die Trennung von Sebastian Verttel sei längst vom Tisch, doch dann stellte sich heraus, dass die Aussagen in der Pressemitteilung nicht der Wahrheit entsprachen. Manchmal ist Ehrlichkeit in solchen Fällen besser als zu viel Diplomatie, meint Michael Schmidt.

Haben Sie schon mal von einer Trennung gehört, die nicht in beiderseitigem Einvernehmen vollzogen wurde? Egal welche Branche, da lügen sie alle. Offiziell ist immer eitel Sonnenschein. Der eine heuchelt Verständnis für die Position des anderen. Man fragt sich nach der Lektüre der Pressetexte jedes Mal, warum in aller Welt die beiden Parteien dann überhaupt auseinandergegangen sind.

So war es auch bei Ferrari. Da wurde Teamchef Mattia Binotto mit dem bedeutungsschweren Satz zitiert: "Es gab keinen speziellen Grund für diese Entscheidung, außer der gemeinsamen und freundschaftlichen Erkenntnis, dass die Zeit gekommen ist, in Zukunft getrennte Wege zu gehen." Die Entscheidung sei gemeinsam getroffen worden und für beide Parteien das Beste. Von wegen.

Vettel ohne echte Chance

Sebastian Vettel wurden in der offiziellen Verlautbarung ähnliche Worte in den Mund gelegt. "Um die bestmöglichen Ergebnisse in diesem Sport zu erzielen, ist es unerlässlich, dass alle Parteien in perfekter Harmonie zusammenarbeiten. Das Team und ich haben erkannt, dass es keinen gemeinsamen Wunsch mehr gibt, über das Ende dieser Saison hinaus zusammenzubleiben." Wie wir heute wissen, war das nur die politisch korrekte Version einer Scheidung, die offensichtlich ziemlich einseitig verlaufen ist. Immerhin stimmt der Kern seiner Aussage. Es gab offenbar die perfekte Harmonie nicht mehr, die in diesem Geschäft essentiell für Erfolg ist.

Charles Leclerc - Ferrari-Showrun - Maranello - 2020
Ferrari
Für Michael Schmidt ist der Fall klar: Charles Leclerc ist Ferraris Nummer 1, Carlos Sainz dann die Nummer 2.

Vettel ließ beim Re-Start der Formel 1 in Österreich aber auch durchblicken, dass es gar keine echten Verhandlungen über seine Zukunft im Team gab. Teamchef Binotto hätte ihn vor vollendete Tatsachen gestellt. Einen Tag später wurde der Ferrari-Chef mit der Aussage konfrontiert, die im krassen Gegensatz zu dem steht, was Ferrari am 12. Mai offiziell verlauten ließ.

Binotto sah darin allerdings keinen großen Widerspruch. "Ich kann unsere Aussage vom Winter bestätigen. Sebastian war unsere erste Option." Als Begründung, warum sein Wunschkandidat dann ohne große Vorwarnung ins Abseits gestellt wurde, gab der erste Mann im Staate Ferrari preis: "Mit der Corona-Krise änderte sich die Situation. Es gab keine Rennen, dafür jedoch neue Regeln mit reduziertem Kostendeckel, eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten und der Verschiebung der neuen Autos um ein Jahr. Das sprach gegen Sebastian. Leider hatte er nicht mehr die Gelegenheit, uns zu zeigen, wie motiviert er noch ist, für uns zu fahren."

Ferrari mit neuer Politik

Scusi, lieber Mattia: Für den Nachweis von Vettels Motivation hättet ihr keinen Renneinsatz gebraucht. Was der vierfache Weltmeister macht, tut er zu 100 Prozent. Das hätte Ferrari in den vergangenen fünf Jahren eigentlich herausfinden müssen. Mit seiner Version der Geschichte hat er sich höchstens eine neue Grube geschaufelt.

Ich bin der Meinung, dass die Entscheidung gegen Vettel schon viel früher fiel. Als man den Vertrag mit Charles Leclerc bis Ende 2024 verlängerte. Und als man im Januar Gespräche mit Carlos Sainz aufnahm und die Alternative Daniel Ricciardo aus den gleichen Gründen fallen ließ wie die Personalie Vettel. Ferrari will sich nach dem Vorbild Red Bull auf einen Superstar konzentrieren und nicht weiter Punkte herschenken, weil sich die beiden Fahrer auf der Strecke zerfleischen. Dafür brauchte man eine pflegeleichte Nummer zwei.

Das ist aus Sicht von Ferrari durchaus legitim und irgendwie auch plausibel. Doch warum sagt man das nicht gleich ganz hochoffiziell in der Presseerklärung? Es wäre weder Ferrari noch Vettel ein Zacken aus der Krone gebrochen. Jetzt dürfen sie die Scherben aufklauben, die sie sich mit wachsweichen und politisch korrekten Aussagen selbst eingehandelt haben. Was lehrt uns die Episode? Mit Ehrlichkeit fährt man am besten. Besonders, wenn die Wahrheit so einfach ist.

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