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Schmidts F1-Blog

Lehren aus der Corona-Krise

Seit dem zweiten März-Wochenende ruhen die Motoren. Und es wird wohl noch eine ganze Weile so bleiben. Doch die Krise bietet auch eine Chance, meint Michael Schmidt in seinem aktuellen Blog. Man muss sie nur nutzen.

Die Rallye Mexiko am zweiten März-Wochenende war das letzte große Motorsport-Event das noch stattfand. Seitdem ruhen die Motoren. Keine Rennen, keine Testfahrten, kein gar nichts. Von der Formel 1 bis zur Formel E, von Le Mans bis Indianapolis, von der MotoGP bis Motocross: Alles steht still. Und keiner weiß für wie lang.

Vielleicht sogar das ganze Jahr. In Formel-1-Kreisen spricht man von einer zehnprozentigen Gefahr, dass 2020 gar nichts mehr geht. Das Coronavirus führt jetzt die Regie. Weil keiner weiß, wann die Krise überstanden ist, lässt sich auch nicht planen oder konkrete Hoffnung verkaufen.

Man kann nur warten. Und die Zeit nutzen sich zu überlegen, was man beim Re-Start alles besser machen könnte. Manches wird man ändern müssen, damit der Sport überhaupt weitergeht. Der Motorsport ist schon deshalb so stark vom Stillstand betroffen, weil so viel Geld im Spiel ist. Welcher Sportverein hat schon 1500 Angestellte wie Ferrari oder Mercedes?

Selbst schuld, werden Sie sagen. Da sind wir beim Punkt. Die Krise ist auch eine Chance. Wir haben ja jetzt alle sehr viel Zeit. Die könnte man zum Beispiel investieren sich zu überlegen, was im Motorsport in den letzten Jahren alles falsch gelaufen ist und wie man das für einen Neustart korrigieren könnte.

Mercedes - F1-Test - Barcelona 2020
Wilhelm
Bleiben die Hersteller der Formel 1 trotz sinkender Umsätze treu?

Hersteller auf dem Absprung

Ich würde sagen, es ist eine historische Chance, die alle Beteiligten nutzen sollten. Die Krise wird Arbeitsplätze kosten, so oder so. Teams werden zusperren oder sich verkleinern müssen, wenn sie überleben wollen.

Automobilhersteller werden in der Talfahrt der Wirtschaft vielleicht die goldene Gelegenheit sehen, sich aus dem Motorsport durch die Hintertür zu verabschieden. Corona gibt ihnen eine willkommene Ausrede, gegen die man nicht einmal groß argumentieren könnte. In schlechten Zeiten müsse man sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, werden sie erklären. Und das ist nicht der Motorsport.

Ich möchte mich hier auf die Formel 1 beschränken. Sie ist die Spitze des Eisbergs. Alles was für sie gilt, ist auf andere Serien in einem kleineren Maßstab zu übertragen. Die Königsklasse muss abspecken, und zwar dramatisch. Und sie muss sich krisenfest aufstellen. Je länger nicht gefahren wird, desto mehr werden wir merken, wie verwundbar wir sind.

Das geht schon bei Liberty los. Das Formel 1-Geschäft ist börsennotiert und damit diesem völlig irrsinnigen Streben nach immer mehr Wachstum ausgeliefert. Und es muss das Geld erst einmal einspielen, das die Amerikaner für die Formel 1 bezahlt haben. Es wäre deshalb im Sinne der Rechteinhaber, dass ich in ihrem Laden etwas grundlegend ändert.

Formel 1 - Ampel
xpb
Ohne Kostenreduktion werden einige Teams nicht überleben.

Kosten in der Formel 1 runter!

Die Budgetdeckelung muss nach unten korrigiert werden, auf 100 Millionen Dollar oder noch weiter. Ohne Ausnahmen. Je niedriger der Kostendeckel, desto mehr Freiheiten könnte man bei der Technik zulassen. Weil dann alle auf Augenhöhe arbeiten. Es gäbe auch nicht mehr den Anreiz, das B-Team eines der großen Player zu spielen.

Ich wette: Die Formel 1 wird um keinen Deut schlechter sein. Keiner wird an einem Rennauto erkennen, ob es mit 100 oder 500 Millionen Dollar Budget gebaut wurde. Keiner wird sich beschweren, wenn nur noch ein Zehntel der Daten gesammelt werden. Keiner wird merken, wenn an der Strecke nur noch 40 statt 60 Mann pro Team arbeiten und wenn es die Strategen vor Ort alleine richten müssen ohne eine Mission Control daheim in der Fabrik.

Um ehrlich zu sein: Ich als Rennfan brauche auch keinen Simulator. Den sehe ich sowieso nie. Es kann der Spannung nur gut tun, wenn die Teams etwas unvorbereiteter an die Strecke kommen. Lasst den ganzen Firlefanz weg, der unsichtbar ist und nichts zu einer besseren Show beiträgt! Es wäre so einfach, man muss es nur wollen. Jetzt wird man hoffentlich dazu gezwungen.

Die Teams müssen sich verkleinern. 400 Mitarbeiter, das reicht völlig. Weniger wäre noch besser. Sie sagen, das kostet Arbeitsplätze? Nicht weniger als wenn wir gar nichts machen. Dann verlieren die Leute ihren Job, weil ihre Arbeitgeber irgendwann vor die Hunde gehen.

Lewis Hamilton - Mercedes - F1-Test - Barcelona 2020
Wilhelm
Die Formel 1 sollte gestärkt aus der Krise gehen, wenn die Corona-Gefahr vorbei ist.

Formel 1 benötigt neue Teams

Es muss eine Basis geschaffen werden, die es neuen Teams erleichtert in das Geschäft einzusteigen. Wir werden sie noch händeringend brauchen, weil der ein oder andere F1-Rennstall die Krise nicht überleben wird. Zehn Teams sind sowieso zu wenig. Es sollten mindestens zwölf sein, um ein Polster für schlechte Zeiten zu haben.

Es ist ein völliger Schwachsinn des F1-Managements mit Einzug des neuen Reglements eine Summe von 200 Millionen Dollar für jedes neue Team zu fordern. Dann bekommt er nie mehr Zuwachs. Noch nicht einmal einen Hersteller.

Man kann sich auch anders gegen Kandidaten schützen, die einfach nur den schnellen Dollar verdienen wollen. Geld sollte es einfach nur geben, wenn sich die Autos über die Saison genügend oft innerhalb einer bestimmten Minimumzeit qualifizieren.

Es ist auch keine Lösung, wenn sich Milliardäre marode Teams kaufen und alle zwei Jahre die Namen ändern. Ein Sport lebt von Marken mit Geschichte. Nicht von Alibi-Namen wie Alfa Romeo oder Aston Martin, die mit dem Team und der eigenen Historie überhaupt nichts zu tun haben.

Mercedes - F1-Test - Barcelona 2020
Wilhelm
Der Druck auf Liberty Media wächst, neue Einnahmequellen anzuzapfen. Auch wenn die Deals nicht zum Wohle des Sports sind.

Weniger Kosten, weniger Einnahmen-Druck

Der Motorsport braucht auch dringend zu hundert Prozent CO2-neutrale Kraftstoffe. Dann können wir das Hybrid-Feigenblatt über Bord werfen, wieder mit bezahlbaren und weniger komplizierten Motoren fahren, die auch ein Ilmor oder Cosworth bauen kann. Für den Fall, dass sich die Hersteller alle verabschieden.

Was macht die Formel 1, wenn Mercedes, Renault und Honda Ende 2021 den Stecker ziehen? Sollen dann alle mit einem Ferrari-Motor fahren? Diese Abhängigkeit, die durch die Komplexität des Antriebs geboren wurde, ist eine der größten Baustellen der Formel 1. Es gibt keinen Plan B für dieses Szenario. Die WEC ist genau aus diesem Grund grandios auf die Nase gefallen.

Weniger Kosten für die Teams nimmt auch den Druck der Rechteinhaber, immer mehr Geld generieren zu müssen, um die gefräßigen Kinder satt zu kriegen. Es müsste zum Beispiel nicht zwanghaft versucht werden, den Sport im Pay-TV zu isolieren, um die Rechte-Einnahmen zu steigern.

Und der Kalender müsste auch nicht immer weiter aufgebläht werden. Wir brauchen keine Grands Prix in Ländern, die in der Formel 1 nur die Chance sehen, ihr Image aufzupolieren. Man kann ihnen eine Chance geben. Meinetwegen fünf Jahre lang. Wenn dann die Tribünen immer noch halb leer sind, ist der Versuch gescheitert. Da ist es besser, man fährt dort, wo der Motorsport noch populär ist.

Das wird sowieso ein Thema, wenn der Motor nach der Corona-Krise wieder anspringt. Wir werden den Fans ein gutes Produkt bieten müssen, um sie für die Zeit des Verzichts zu entschädigen. Gerade in unseren Kernländern.

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