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Schmidts F1-Blog

Pirelli muss mehr Mut zeigen

Kevin Magnussen - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: sutton-images.com 62 Bilder

Der GP Spanien war wieder eine Prozession. In der Überholdebatte wird gerne auf die Aerodynamik eingeprügelt. Doch die ist nicht alleine schuld. In Barcelona waren es auch die Reifen. Es war aus Sicht des Rennens keine gute Idee, die Lauffläche zu reduzieren. Pirelli sollte bei der Reifenverteilung mehr Mut zeigen. Das würde bessere Rennen garantieren, meint Michael Schmidt.

15.05.2018 Michael Schmidt

Es gibt Rennstrecken, die sich nur bedingt für Autorennen eignen. Zumindest mit den aktuellen Formel 1-Autos mit ihrer zerklüfteten Aerodynamik und ihren begrenzten Möglichkeiten, sich durch einen begrenzt abrufbaren Power-Überschuss zu differenzieren. Melbourne gehört zu diesen Strecken, auch Barcelona. Obwohl es dort mit 950 Meter Länge eine der längsten DRS-Zonen überhaupt gibt, wurden am Ende nur 13 Überholmanöver gezählt. Die meisten im Mittelfeld. Prinzipiell wäre das gar nicht so schlimm, wenn man das Gefühl hätte, da könnte sich ein Zweikampf anbahnen. Doch dazu war die Perlenkette der Autos viel zu weit aufgefächert. Der Abstand zwischen den Autos war zu groß, um überhaupt an einen Angriff zu denken.

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Dass die filigrane Aerodynamik, die immer eine optimale Anströmung braucht, die Hauptrolle spielt, ist bekannt. Dass manche Strecken von ihrem Layout nicht ideale Voraussetzungen bieten auch. Doch man kann nicht immer nur die Aerodynamik und die Strecken ändern. Am Überholproblem sind auch andere Faktoren schuld. Zum Beispiel der Motor. Wenn ein Mercedes-Motor 30 PS mehr leistet als der von Renault, dann ist das nicht das Delta, das man braucht, um zu überholen. Das müssten schon 100 PS sein. Früher, in den alten Turbo-Tagen gab es das. Weil die Fahrer am Handrad den Boost hochdrehen konnten, das aber nur begrenzt über eine Renndistanz, weil ihnen sonst der Sprit ausgegangen wäre. Das zum Beispiel wäre ein Verbrauchsreglement, das im Hinblick guter Rennen Sinn machen würde. Das, was wir heute haben, ist eher das Gegenteil.

Mehr Mischungen, mehr Probleme

Ein noch viel größeres Problem sind die Reifen. Es beginnt damit, dass sie viel zu schnell in die Knie gehen, wenn man attackiert oder im Windschatten eines anderen Autos zu rutschen beginnt. Pirelli hat sich mit der Auffächerung seines Angebots auf sieben Mischungen keinen Gefallen getan. Weil die Zeitdifferenzen zwischen den einzelnen Reifensorten geringer geworden sind und die Arbeitsbereiche kleiner. Wenn annähernd gleich schnelle Autos gleich gute Reifen haben, selbst bei unterschiedlichen Mischungen, kann auch keiner überholen. In Barcelona kam erschwerend hinzu, dass die dünnere Lauffläche die Zeitabstände zwischen dem Supersoft, Soft und Medium-Reifen noch einmal reduziert hat. Wir haben Sprünge von nur zwei Zehntelsekunden erlebt. Pirelli verteidigte seine „Sicherheitsmaßnahme gegen Blasenbildung“ damit, dass der GP Spanien sonst eine Lotterie geworden wäre. Wäre es nur so gewesen, antworten da die Fans.

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: xpb
Boxenstopp als Spannungsmacher: Auf der Rennstrecke gab es nur wenig Action beim GP Spanien 2018.

Pirelli hat seit Silverstone 2013 eine panische Angst vor Reifenschäden. Die hatten damals aber nichts mit den Gummimischungen oder der Gummiauflage zu tun, sondern mit der Konstruktion. Ein Stahlring im Mantel hat die Reifen unter bestimmten Bedingungen zu stark aufgeheizt. Das Problem ist längst aus der Welt geschafft. Blasen auf den Reifen sind mit der aktuellen Reifengeneration nur noch ein geringes Risiko. Pirelli hat oft genug gezeigt, dass man noch erstaunlich lange damit fahren kann, ohne dass der Reifen platzt. Die Angst, die Teams könnten es übertreiben, ist völlig unbegründet. Wer dramatisch Grip verliert, kommt von ganz allein an die Box. Da ist die Gefahr größer, dass die Teams an die Verschleißgrenze gehen und dann der Reifen nachgibt, weil sie schon auf der Leinwand fahren.

FIA und F1-Management sollten Reifenregel ändern

Was ich damit sagen will. Pirelli muss mehr Mut zeigen. Warum lassen sie die Teams nicht aus dem gesamten Angebot ihre Reifen aussuchen? Es ist ihre Sache, wie sie ihre 13 Reifensätze zusammenstellen. Weg mit diesem ganzen komplizierten Quatsch von drei Mischungen, von denen eine auf jeden Fall im Rennen gefahren werden muss. Das würde die Teams belohnen, deren Autos schonender mit den Reifen umgehen. Und die bei der Zusammenstellung der 13 Garnituren ein besseres Händchen haben. Da kann auch mal ein Mittelfeld-Team zumindest zweitweise im Revier der Großen mitmischen. Wenn einer in Barcelona mit einem Satz Hypersoft-Reifen fahren will, soll er es tun. Das haben bei den Testfahrten einige gemacht, und nichts ist passiert. Es fällt doch nicht auf Pirelli zurück, wenn der Fahrer nach drei Runden an der Box steht, um sich neue Reifen abzuholen. Das Team wird sich die Ohrfeigen dafür abholen.

Genauso unsinnig ist es, dass die Top Ten-Teams das Rennen auf den Reifen starten dürfen, auf denen sie sich im Q2 qualifizieren. Sie sollen auf den Reifen losfahren, mit denen sie ihre absolut schnellste Runde in der Qualifikation gefahren sind. Mit der aktuellen Regel spielt man ihnen den Vorteil zu, dass sie auf den gleichen Reifen starten wie das Mittelfeld. Je geringer die Unterschiede der einzelnen Mischungen, umso größer die Chance auf dem härteren Reifen durchs Q2 zu kommen. Deshalb war der GP England 2015 auch das letzte Rennen, bei dem ein anderes Team als Mercedes, Ferrari oder Red Bull Führungskilometer abgespult hat. Das ist jetzt fast drei Jahre her. Leute, was für ein Armutszeugnis ist das denn? Wenn FIA und das F1-Management den Überraschungsfaktor zurückholen wollen, dann ändern sie so schnell wie möglich die Reifenregeln. Ob es den Teams passt oder nicht.

Neuester Kommentar

1. Pirelli entscheidet nicht allein.
2. PR-mäßig kann sich Pirelli eine „falsche“ Reifenwahl durch ein Team nicht leisten. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass viele Reifenprobleme unberechtigterweise Pirelli in die Schuhe geschoben wurde. So etwas wirkt nach.
3. Nachtanken wäre eine zusätzliche taktische Komponente und daher willkommen, gerade im Zusammenspiel mit mehreren zur Verfügung stehenden Compounds. Aber: Safety First in der Todt F1 und damit leider nicht durchsetzbar.

Tamburello 16. Mai 2018, 23:03 Uhr
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