Schmidts Formel 1-Blog

Pleitegeier kreist über dem Fahrerlager

Giedo van der Garde - Caterham - Formel 1 - GP Australien - 15. März 2013 Foto: xpb

Der Wahnsinn Formel 1 treibt die Teams in den finanziellen Ruin. Fast das halbe Feld droht noch in diesem Jahr die Pleite. Formel 1-Experte Michael Schmidt fordert in seinem aktuellen Blog die FIA zum Handeln auf, bevor es zu spät ist.

Der Schein trügt. 22 Autos strahlen in Melbourne um die Wette. Alles scheint zum Saisonbeginn in bester Ordnung. Doch die Situation ist dramatisch, wie auto motor und sport erfahren hat. Fünf der elf Teams wissen nicht, ob sie diese Saison überleben. Für zwei weitere Rennställe, die man bislang auf der sicheren Seite wähnte, werden die Zeiten härter.

McLaren verliert Hauptsponsor Vodafone. Auch wenn Ersatz angeblich schon bereitsteht, ist es fraglich, ob der ein 50 Millionen Euro-Loch füllen kann. Williams zittert um seine Ölmillionen aus Venezuela, seit Präsident Hugo Chavez gestorben ist. Da kann man lange von wasserdichten Verträgen sprechen, die bis 2015 laufen. Der Deal ist in dem südamerikanischen Land ein Politikum und damit kein Garantieschein.

V6-Motor treibt Teams in den Ruin

Die neuen Turbomotoren könnten dem Zirkus den Todesstoß versetzen. Mercedes, Ferrari und Renault beteuern, dass ihre Technik-Wunderwerke zwischen 20 und 25 Millionen Euro pro Jahr kosten müssen, um die gewaltigen Investitionen wenigstens halbwegs einzuspielen. Doch was wollen sie machen, wenn Marussia, Caterham, Force India, Sauber und Lotus sie vor die Wahl stellen: Entweder wir kriegen die Motoren billiger, oder wir sind tot.

Im Zirkus ist von dem drohenden Ausverkauf wenig zu spüren. Man wirtschaftet so weiter, als gäbe es kein Morgen. Die Teams streiten sich doch tatsächlich darum, ob die Physiotherapeuten zur Mannschaft gezählt werden, wenn sie für ihren Fahrer die Boxentafel bedienen. Die Zahl der Mitarbeiter, die mit dem Einsatz der Autos beschäftigt sind, wurde in diesem Jahr auf 60 beschränkt. 60 ohne Ausnahmen.

Nach Ansicht der FIA zählen Physiotherapeuten mit Zweitjob dazu. Die großen Teams wollen sie herausnehmen, weil sie dann zwei zusätzliche Leute an die Strecke mitbringen können. Was wird hier eigentlich gespielt? Die ganze Nummer ginge auch mit 40 Mitarbeitern vor Ort. Das hieße 20 weniger Flugtickets, 20 weniger Hotelzimmer. Einfach weniger Kosten.

Finanzieller Wahnsinn ohne zusätzlichen Nutzen

Die Teams argumentieren, sie brauchen jeden Mann an der Strecke. Unter 60 würde sich kein Rad drehen. Wussten Sie, dass jedes Team einen Menschen braucht, der nur dazu da ist, die Bremsen zu kühlen, wenn das Auto an die Box kommt. Die Bremsen sind so am Limit gebaut, dass sie im Stand Feuer fangen, würde nicht sofort ein Ventilator angeschlossen.

Wer braucht so etwas? Die Fans kriegen noch nicht einmal etwas davon mit. Es gibt noch andere überflüssige Jobs. Überflüssig im Sinne der Show. Die IndyCar-Teams schicken 20 Mann an die Front, und es geht auch.

Jeden Tag trafen im Fahrerlager von Melbourne Transportkisten mit neuen Teilen ein. Entweder als normale Fracht deklariert oder als Handgepäck. Bei Force India brachte ein Ingenieur am Samstag Auspuffteile aus England mit. Eine Neuentwicklung, die erst spät fertig wurde. Jedes Kilogramm extra kostet 240 Dollar.

Würde man ab Mittwoch vor dem Rennen jegliche Materialzufuhr ins Fahrerlager verbieten, wäre viel Geld gespart. Es würde alle Teams gleich hart treffen. Der Datentransfer von der Rennstrecke zur Fabrik und zurück schlägt mit 30.000 Dollar zu Buche. Hat der Zuschauer auf der Tribüne oder am Fernsehschirm etwas davon? Die Autos würden auch ohne die Datenflut fahren, die rund um die Welt geschickt wird.

Lücke zwischen den Teams wird größer

Bei den Top-Teams arbeiten weiterhin zwischen 500 und 600 Leute daran, zwei Autos auf die Räder zu stellen. Das ist völlig krank. Sauber oder Force India tun mit 300 Mitarbeitern das gleiche. Man könnte sagen, dass die 300 Mann Differenz zwei Sekunden kosten. Na und? Rückt das Feld eben enger zusammen. Damit ist allen gedient.

Die Formel 1 muss aufpassen. Wenn der Eindruck des ersten Trainingstages von Melbourne stimmt, dann sind die Abstände zwischen den Teams eher größer als kleiner geworden. Das letzte, was der Sport in dieser kritischen Phase jetzt gebrauchen kann, ist eine langweilige Saison. Dann schnappt vor allem bei den bedrohten Teams die Falle schneller zu als erwartet. Kein Erfolg, keine Sponsoren. Hoffnungslosigkeit hat sich noch nie gut verkauft.

Immerhin, es gibt einen neuen Anlauf für eine Budgetobergrenze. Diesmal sogar aus den Reihen der Top-Teams. Zum ersten Mal zeigt sich auch Red Bull kooperationsbereit. Doch der ganze schöne Plan könnte an der Einstiegshöhe der Deckelung scheitern. Wenn man die erste Grenze auf 200 Millionen Euro setzt, ändert sich gar nichts. Dann kann man es gleich bleiben lassen.

Dem Rettungsplan läuft die Zeit davon. Jetzt wäre eigentlich FIA-Präsident Jean Todt gefragt. Solange es kein Concorde Abkommen gibt, kann er vor dem 30. Juni eine Budgetdeckelung für 2014 ohne Zustimmung der Teams durchdrücken. Der Antrag müsste nur den FIA-Weltrat passieren. Da kann man nur sagen: Herr Todt, handeln Sie! Der Sport wird es Ihnen danken.

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