Valtteri Bottas - GP Australien 2019 xpb

Schmidts F1-Blog zu Punkt für schnellste Rennrunde

Besser als gedacht

Der Extra-Punkt für die schnellste Runde bog erst in letzter Minute um die Ecke. Im ersten Reflex dachte ich, dass die Amerikaner da wieder ein Show-Element ohne große Wirkung ausgepackt haben. Nach dem ersten Rennen muss ich meine Meinung revidieren.

Ein Extra-Punkt für die schnellste Rennrunde. Was haben Sie gedacht, als die FIA und das F1-Management fünf Minuten vor Zwölf die alte Regel aus den 50er Jahren neu aufleben ließen? Wenn ich ehrlich bin, hatte ich zuerst keine große Meinung dazu. Bringt nichts, aber richtet wenigstens keinen Schaden an, war mein erster Reflex.

Das ist doch nur etwas für die Fahrer, die am Ende des Rennens viel Luft nach hinten haben, dachte ich. Also das dritte der drei Topteams. Die könnten sich einen extra Boxenstopp leisten und dann auf die schnellste Runde losgehen. Mit der Zeit würde das langweilig und keiner würde mehr über den zusätzlichen Punkt sprechen. Okay, hätte es diese Regel immer gegeben, wäre fünf Mal ein anderer Weltmeister geworden, sagt die Statistik. Doch das ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. Hätte Jody Scheckter 1979 gewusst, dass die schnellste Runde einen Punkt bringt, hätte er Teamkollege Gilles Villeneuve nicht sechs Mal diesen Preis überlassen.

Eine neue Disziplin

Doch je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr Szenarien kamen mir in den Sinn, die tatsächlich ein neues Spannungsmoment am Ende des Rennens schaffen könnten. Zum Beispiel, dass A-Teams ihren B-Teams den Auftrag geben, dem Gegner in die Suppe zu spucken und die schnellste Rennrunde wegzunehmen, weil man es selbst nicht mehr kann. Das Feld ist so eng zusammengerückt, dass mit Ausnahme der Williams jeder dazu in der Lage ist, auf frischen weichen Reifen und im Qualifikationsmodus die schnellste Runde zu fahren.

Kimi Räikkönen - GP Australien 2019
Aktuell

So weit ist es zwar in Melbourne noch nicht gekommen, doch die Generalprobe war unterhaltsamer als gedacht. Die Fahrer haben die schnellste Runde als eine neue Disziplin entdeckt. Und die Ingenieure hassen sie. Weil es ein Element ist, das gegen ihre Strategiepläne geht. In den letzten Runden will man eigentlich sein Auto schonen. Die Lebenszeit der Antriebseinheiten und des Getriebes ist genau berechnet. Da sind nur eine bestimmte Zahl an „heißen Runden“ im Plan.

Eine Quali-Runde am Ende des Rennens kostet Motorleben und bedeutet Risiko. Der Fahrer muss abwägen, ob er seine Reifen für die schnellste Runde verheizt oder lieber brav ins Ziel fährt. Wer im Zweikampf steckt, muss im Verteidigungsmodus fahren und kann seine Batterien nicht für die große Attacke voll laden. Wer alleine unterwegs ist, kann sein Auto zwar auf Attacke konditionieren, riskiert aber einen Abflug.

In die Taktik einbauen

Es war in Melbourne schön zu sehen, wie die Fahrer wissen wollten, wer gerade den Extra-Punkt hat. Und wie wichtig es für den Sieger Valtteri Bottas war, ihn Max Verstappen wieder abzujagen. Charles Leclerc ließ sich 4,5 Sekunden hinter Sebastian Vettel zurückfallen, um noch einmal Anlauf für die schnellste Runde zu nehmen. Das alles bietet Gesprächsstoff in einer Phase des Rennens, in der meistens schon alles gelaufen ist.

Dabei haben wir die wildesten Auswüchse noch gar nicht erlebt. Ferrari hätte sich einen extra Boxenstopp mit beiden Autos leisten können, sah aber davon ab. Zu viel Risiko, befand Teamchef Mattia Binotto. Das wird sich ändern. Die Regel war einfach noch zu neu. Nach der Erfahrung von Melbourne werden sich die Strategen mehr Gedanken darüber machen, wie sie die schnellste Runde in ihre Taktik mit einbauen. Und wenn es wirklich mal dazu kommt, dass B-Teams dazu angesetzt werden, einem Konkurrenten den Extra-Punkt abzujagen, dann ist das eigentlich auch kein Argument dagegen. Die Diskussionen, ob das fair ist oder nicht, bringen den Sport ins Gespräch. Und genau darum geht es am Ende.

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