Start - GP Italien 2020 xpb
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Schmidts F1-Blog zu Quali-Rennen

Keine künstlichen Eingriffe!

Ross Brawn hat nach Pierre Gaslys Sieg in Monza das Thema Quali-Rennen mit umgekehrter Startaufstellung neu angeschoben. Gerade das Rennen in Monza zeigt, warum man es nicht tun soll, meint Michael Schmidt in seinem neuen Blog.

Dieses Thema ist wie ein Krebsgeschwür, das einfach nicht verschwinden will. Die neuen Formel-1-Bosse träumen immer noch von einem Qualifikationsrennen am Samstag, das in umgekehrter Reihenfolge zum WM-Stand gestartet werden soll. Das Ergebnis ist dann die Startaufstellung für das Rennen.

Eigentlich sollte dieses Format beim zweiten Saisonrennen in Österreich ausprobiert werden. Auch Monza war ein Kandidat dafür. Das ist am Veto von Mercedes gescheitert. Gut so. Echte Racer lehnen so einen Klamauk ab. Das hat einfach nichts mit Rennsport zu tun.

Formel-1-Chef Ross Brawn hat die Idee in seiner regelmäßigen Kolumne nach dem GP Italien wiederbelebt. Er kündigt an, dass die FIA und das F1-Management das Konzept noch einmal überarbeiten und den Teams dann zur Abstimmung vorlegen wollen.

Man kann nur hoffen, dass auch dieser Plan scheitert. Selbst wenn er mehr Action auf der Strecke bringen sollte. Doch der Preis dafür ist zu hoch. Er nimmt dem Sport die Ernsthaftigkeit. Das fällt dann auf das Niveau von Wrestling.

Gerade der Motorsport kann sich solche künstlichen Eingriffe nicht leisten. Wir stehen sowieso ständig unter dem Generalverdacht, dass getrickst und geschoben wird, nur damit die Meisterschaft spannend bleibt.

Formel 1 braucht einfache Regeln

Populäre Sportarten sind simpel. Je mehr Regeln, desto größer der Frust beim Publikum. Der Fan will genauso schlau sein wie die Akteure. Also lasst den Rennsport so, wie er sein sollte: 20 Autos fahren zum gleichen Moment los, und wer als Erster ins Ziel kommt, hat gewonnen. Auf dem Weg dorthin sollte es möglichst wenig Eingriffe von außen geben.

In einer perfekten Welt brauchen wir keine Pflicht-Boxenstopps oder eine Vorschrift, dass man mindestens zwei Reifenmischungen fahren muss. Oder nur einen Motormodus fahren darf. Das könnte man alles viel einfacher und besser haben. Doch dazu später.

Start - GP Italien 2020
Mercedes
Der schnellste Fahrer sollte auch auf der Pole Position stehen.

Die Startaufstellung sollte logischerweise durch die Rundenzeiten in der Qualifikation bestimmt werden. Warum soll man den Besten permanent bestrafen? Das ist wie ein Elfmeter-Geschenk für die schlechtere Mannschaft im Fußball.

Ross Brawn bezeichnet Monza als gutes Beispiel dafür, die Startaufstellung für das Quali-Rennen umzudrehen. Weil man gesehen hat, was passiert, wenn Lewis Hamilton von hinten nach vorne fahren muss.

Ich glaube eher, die Erfahrung von Monza hat gezeigt, warum man es nicht machen soll. Der zweite Teil des GP Italien hat ungefähr so lange gedauert wie die ins Auge gefassten Qualifikationsrennen. Hamilton wurde Siebter. Ist es gerecht, dass der schnellste Mann des Wochenendes auf Platz sieben starten soll?

Und wo würde Hamilton auf Rennstrecken wie in Budapest oder Mugello landen, wo Überholen noch schwerer ist? Auf den Strecken müsste dann also wahrscheinlich wieder das klassische Format gelten. Aber wie soll man das den Fans erklären? Genau das hat mit der DNA der Formel 1 nichts zu tun.

Fans wollen echte Sieger

Künstliche Spannung ist keine echte Spannung. Warum reden alle über den Sieg von Gasly? Weil er echt war. Er ist aus der Rennsituation heraus entstanden. Gasly hat den Sieg verdient. Er hat Glück gehabt, aber aus seinem Glück das Beste gemacht.

Würde er gewinnen, weil ihn das Quali-Rennen auf die Pole Position des Rennens bringt, wäre das viel weniger wert. Und wir würden vielleicht jedes zweite Wochenende einen Überraschungssieger haben, was dann am Ende gar keine Überraschung mehr wäre.

Klar ist die Dominanz von Mercedes schlecht fürs Geschäft. Auch mir wäre lieber, wenn es fünf Teams gäbe, die regelmäßig um den Sieg kämpfen könnten. Und wenn es dann ein Mal im Jahr einer außerhalb dieser Gruppe schaffen würde, haben wir unseren Überraschungssieger, der dann auch wirklich einer ist.

Pierre Gasly - GP Italien 2020
xpb
Überraschungen wie die von Pierre Gasly sind selten, aber möglich. Umso größer ist die Freude bei allen Beteiligten.

Doch jetzt krampfhaft sich Regeländerungen auszudenken, die das festgefahrene Kräfteverhältnis der Formel 1 aufbrechen, ist grundfalsch. Man sollte sich lieber mal überlegen, warum es zu dieser Überlegenheit gekommen ist und die Gründe dafür abstellen, statt mit immer neuen Notlösungen weitere Notlösungen zu provozieren.

Im Großen und Ganzen sind wir ja auf einem guten Weg. Mit der gerechteren Geldverteilung und der Budgetdeckelung sind zwei wichtige Schritte bereits getan. Und die neuen Autos ab 2022 sollten die Uhren technisch wieder auf Null stellen. Wenn man bis dahin noch etwas an der unglücklichen Konstellation reparieren will, dann sollte man dieses Ziel über Vereinfachung und nicht Verkomplizierung der Regeln erreichen.

Neue Ideen für mehr Action

Allein die aktuelle Diskussion, dass alle Fahrer gezwungen werden sollen, mindestens ein Mal im Rennen jede der drei Gummimischungen zu fahren, regt mich auf. Was soll dieser Humbug? Damit erreichen wir gar nichts, außer, dass die Strategieprogramme alle das gleiche Zweistopp-Rennen vorschlagen werden.

Viel besser wäre es, bei den Reifen gar nichts vorzuschreiben. Pirelli bietet seine fünf Gummimischungen C1 bis C5 für jedes Rennen an, jeder kann sich aus diesem Portfolio individuell seine 13 Reifensätze wählen und diese einsetzen, wie er will. Ob ein, zwei, drei Stopps oder gar keiner sollte egal sein.

Gestartet wird einfach auf dem Reifensatz, mit dem sich der Fahrer für seinen Startplatz qualifiziert hat. Wetten, dass dabei mehr Strategievarianten herauskommen als jetzt? Und jeder würde das System kapieren, weil man sich nämlich gar nichts merken muss.

Beim Motor ist das Kind von Anfang an in den Brunnen gefallen. Sieben Jahre nach Einführung dieser komplizierten Herz/Lungen-Maschinen ist der FIA jetzt aufgefallen, dass man nur schwer überprüfen kann, ob die Motorenhersteller regelkonform unterwegs sind. Der Schuss sich auf einen Modus zu beschränken, ging in Monza schon mal nach hinten los. Er hat am Kräfteverhältnis gar nichts geändert. Viele Fahrer berichteten, dass Überholen sogar schwieriger geworden ist.

Man hätte das mit den Hybrid-Antriebseinheiten alles viel einfacher haben können. Ein Spritlimit für das Rennen, eine nach Gewicht und Größe genormte Batterie, vier Motoren pro Saison mit Startplatzstrafen bei Überschreitung, Verbot der Telemetrie, einen Budgetdeckel für Motorenhersteller. Das reicht.

HaasF1 - Halo - Cockpit - GP Italien 2018
Wilhelm
Der Fahrer sollte mehr Freiheiten bekommen und wieder mehr einen Unterschied machen.

Mehr Verantwortung für Fahrer

Ich brauche weder eine Kontrolle der Durchflussmenge, noch der Energie, die abgerufen wird. Der Fahrer sieht am Display wie viel Benzin, Energie und Motorleben er noch übrig hat. Es sollte alleine an ihm liegen, sich alles über die Renndistanz einzuteilen.

Mit der Limitierung der Benzinmenge für einen Grand Prix ist dem Ruf nach Effizienz Genüge getan. Ob der Fahrer zum Überholen zwischendrin mal die Leistung auf 1.500 PS hochjubelt und dabei mehr als die 100 Kilogramm pro Stunde einspritzt, tut dem doch keinen Abbruch. Er muss unter dem Strich trotzdem mit dem Sprit auskommen, den er zur Verfügung hat.

Die Teams würden ihre Motoren deshalb weiter auf Effizienz trimmen, für alle Fälle aber einen Power-Modus in der Reserve haben. Wenn die Einschränkung der Durchflussmenge fällt, wäre es technisch einfacher, für kurze Momente Power-Spitzen zu erreichen.

So hätten alle in der Qualifikation und im Zweikampf ein vergleichbar starkes Werkzeug. Qualifikation und Rennen wären aber trotzdem zwei total unterschiedliche Disziplinen mit einem Unterschied von wahrscheinlich 500 PS. Das stellt die Ingenieure vor die schwere Aufgabe, eine Kompromissabstimmung für beide Disziplinen auszuarbeiten.

Der Fahrer müsste am Sonntag ein völlig anderes Auto fahren als am Samstag. Da ist dann nicht mehr garantiert, dass der Schnellste auf eine Runde auch der Schnellste auf die Renndistanz ist. Es würde den Überraschungsfaktor im Rennen deutlich erhöhen, weil es dann allein am Fahrer liegt, so möglichst schnell ins Ziel kommt. Da gibt es nämlich tausend Möglichkeiten für Fehler und nur eine geringe Chance, alles richtig zu machen.

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