Sebastian Vettel - GP Kanada 2019 Motorsport Images

Schmidts F1-Blog

Weniger Regeln als mehr

Nach der Vettel-Strafe in Montreal streitet sich die Formel-1-Gemeinde um die Grundsatzfrage, ob es zu viele oder nicht genug Regeln gibt. auto motor und sport F1-Experte Michael Schmidt sieht keine Vorteile in einem komplizierten Regelwerk.

Vielleicht musste es mal einen Sieger treffen, damit die Formel-1-Gemeinde aufwacht. Die Fünf-Sekunden-Strafe für Sebastian Vettel, die Lewis Hamilton den Sieg schenkte, hat im Formel-1-Zirkus eine alte Grundsatzfrage neu entfacht. Wie viele Regeln brauchen wir?

Wenn Max Verstappen wegen einer Strafe seinen zweiten Platz in Monte Carlo verliert, dann sorgt das kurz für Kritik oder Zustimmung, doch als wir in Montreal ankamen, war die Platzversetzung des Holländers am grünen Tisch schon wieder vergessen. Es war halt nur der zweite Platz.

Bei einem Sieg ist die Dimension eine andere. Immerhin ist es erst zum 13. Mal bei 1.004 Grands Prix passiert, dass der erste über der Ziellinie nicht der Erste im Ergebnis war. Wirklich vergleichbar ist nur der Fall, der Lewis Hamilton 2008 in Spa den Sieg kostete. Auch der Engländer wurde damals durch eine Zeitstrafe zurückgestuft, weil er die Strecke abgekürzt und davon profitiert hatte.

Auch damals durfte man geteilter Meinung sein. Hamilton hat Kimi Räikkönen nach Abkürzen der Busstop-Schikane kurz vorbeigelassen, dann aber gleich wieder Gas zu geben. Nach Ansicht der Sportkommissare zu früh. Er habe den Vorteil des Abkürzens nicht wirklich wieder hergeschenkt, meinten die Schiedsrichter in ihrer Begründung.

Wenn ich mir die Szene heute noch einmal anschaue, muss ich sagen: Da kann man auch anderer Meinung sein. Räikkönen liegt eine volle Wagenlänge vor dem McLaren, ehe Hamilton wieder zuschlägt. Der Brite kritisiert zudem, dass die Rennleitung das Manöver auf Nachfrage zunächst als okay eingestuft hatte. So gab es auf der Rennstrecke keine Chance zu Korrektur.

Hamilton vs. Räikkönen - GP Belgien 2008
Wilhelm
Lewis Hamilton verlor 2008 einen Sieg nachträglich, nachdem er Kimi Räikkönen nicht regelkonform überholt hatte.

Moderne Regelwut

In der Saison 2008 hatte das Eingreifen der Sportkommissare längst Methode. Es war kurz nach der Jahrtausendwende, als von der Obrigkeit immer stärker der Wunsch entstand, die Fahrer zu maßregeln und bei fehlerhaftem Verhalten in das Renngeschehen einzugreifen.

Ich kann mich noch gut an Imola 1990 erinnern, als Gerhard Berger den angreifenden Nigel Mansell im Anflug auf die Tosa-Kurve bei 300 km/h ins Gras abdrängte, der Ferrari eine 360-Grad-Pirouette drehte und weiterfuhr, als wäre nichts geschehen. Mansell hat die Aktion später zwar kritisiert, aber kein Mensch ist zu den Sportkommissaren gelaufen. Und damals war der Sport noch um einiges gefährlicher als heute.

Jetzt komme ich zu meinem Punkt. Daran, dass wir heute so viele Verhaltensregeln haben, sind auch die Fahrer schuld. Früher hat man sich die Meinung gesagt und gut. Heute verlangen die meisten nach ganz exakten Regeln für jedes mögliche Vergehen. Um auch da möglichst „perfekt“ ans Limit zu gehen.

Zu viele Regeln zur Auswahl

Daraus ist ein Strafenkatalog entstanden, an den sich die Sportkommissare halten müssen. Und auf den sie sich gerne berufen, wenn ihre Entscheidungen später in der Öffentlichkeit kritisiert werden. So wie jetzt bei Vettel. Wer zu viele Regeln zur Auswahl hat, der wählt eine davon aus. Da ist dann der Ermessensspielraum nicht mehr der, ob die Strafe überhaupt berechtigt ist, sondern wie hoch die Strafe ausfällt.

Dabei sollten sich die Sportkommissare gerade bei strittigen Zweikämpfen wenigstens die Frage stellen, ob es pure Absicht war oder die Konsequenz der Umstände. Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Fehler bestraft werden muss.

Ich hätte gerne gewusst, was passiert wäre, wenn es an der Stelle außen mehr Platz gegeben hätte und Hamilton mit seinem Geschwindigkeitsüberschuss neben der Strecke am Ferrari vorbeigefahren wäre. Hätten ihn die Sportkommissare dann verknackt, dass er sich durch Verlassen der Strecke einen Vorteil verschafft hat? Hätten beide Fahrer eine Strafe bekommen, der eine vielleicht 5, der andere 10 Sekunden? Sie sehen also, zu was für einem Unsinn es kommen könnte, wenn man stur nach den Statuten handelt.

FIA-Steward Emmanuele Pirro
Motorsport Images
Als Fahrer-Vertreter unter den FIA-Stewards steht Emmanuele Pirro besonders unter Beschuss der Ferrari-Fans.

Pirro-Urteile nicht konstant

Lewis Hamilton hat 2016 in Monte Carlo im Duell mit Daniel Ricciardo auch einen Fehler gemacht und ist mindestens so „unsicher“ auf die Strecke zurückgekehrt wie Vettel in Montreal. Auch da war wenig Platz. Trotzdem durfte er ungehindert weiterfahren. Was auch richtig war. Harte Zweikämpfe werden halt hin und wieder mal mit harten Bandagen geführt. Weder das eine noch das andere Manöver war unfair.

Der Fahrervertreter unter den Sportkommissaren war in Monte Carlo 2016 und in Montreal 2019 übrigens der gleiche. Emanuele Pirro ist also bei zwei vergleichbaren Fällen zu unterschiedlichen Urteilen gekommen. Um das zu vermeiden sollte man besser weniger Regeln haben als zu viele. Eine Ergebnisverfälschung am grünen Tisch rechtfertigt sich wirklich nur bei grober Fahrlässigkeit oder Absicht.

Aber wahrscheinlich ist es ein Zeichen unserer Zeit, dass die Leute nach immer mehr Gesetzen schreien oder sich diese einfach gefallen lassen. In der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, hat man sich nach der großen Freiheit gesehnt und so wenig Regeln wie möglich. Die Digital-Generation hat ihre große Freiheit in der virtuellen Welt, in der sie lebt. Vielleicht brauchen sie deshalb im richtigen Leben eine Struktur. Auch auf die Gefahr hin, zu Marionetten zu werden.

GP Kanada 2019: Alle Fahrer in der Einzelkritik

Sebastian Vettel - GP Kanada 2019
Sebastian Vettel - GP Kanada 2019 Start - GP Kanada 2019 Sebastian Vettel - GP Kanada 2019 Lewis Hamilton - GP Kanada 2019 22 Bilder
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