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Schmidts F1-Blog zum Saisonauftakt in Australien

Schafft den Halo ab

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Australien 2018 - Melbourne - Albert Park - Freitag - 23.3.2018 Foto: sutton-images.com 30 Bilder

Dass der Halo die DNA eines Formel-Auto zerstört, ist unbestritten. Der erste Trainingstag der neuen Saison hat nun gezeigt, dass der Halo die Stars im Cockpit und das was sie tun, unsichtbar macht. Die Sicht von außen ist so schlimm wie die von innen. Ein Grund mehr den Halo abzuschaffen, meint Michael Schmidt.

23.03.2018 Michael Schmidt

Ich gebe es gerne zu: Der Halo war für mich vom ersten Tag an ein No-go. Und er ist es immer noch. Ich bin deshalb vielleicht ein bisschen befangen, doch ich bin mit meiner Meinung nicht allein. Im Fahrerlager und außerhalb. Und der Club der Halo-Gegner wird immer größer. Inzwischen zählen auch die einstigen Halo-Befürworter Lewis Hamilton und Sebastian Vettel dazu. Und weil die Kritik nicht aufhören will, versucht sich FIA-Präsident Jean Todt immer lauter zu rechtfertigen. Es wären die Fahrer gewesen, die um diesen Halo gebettelt hätten. Und jetzt fallen sie ihm in den Rücken. Todt fühlt sich verraten.

Über den Nutzen des ungeliebten Cockpitschutzes ist viel diskutiert worden. Eine Tatsache lässt sich nicht von der Hand weisen. Von den 47 Sicherheits-Features, die der Weltverband seit 1975 zum Wohle des Sports eingeführt hat, ist der Heiligenschein der erste, der nicht in allen Unfallszenarien besseren Schutz bietet. Es gibt Konstellationen, bei denen der Schuss nach hinten losgehen kann. Zum Beispiel, wenn ein kleineres Geschoss von dem Titanbügel auf den Körper des Piloten abgelenkt wird. Oder wenn sich bei einer Kollision ein Teil des einen Fahrzeuges mit dem Halo des anderen verhakt. Und noch einmal: Wenn die FIA jedes Leben retten will, dann geht das nur mit einem drastischen Tempolimit. Allein das deckt alle Spielarten von Unfällen sicher ab.

Halo raubt den Formel-Autos die DNA

Angesichts dieser nicht eindeutigen Kosten/Nutzen-Rechnung müssen auch andere Dinge in Betracht gezogen werden. Zum Beispiel, welchen Schaden der Sport nimmt, wenn man stur auf dem Halo beharrt. Es ist unstrittig, dass der Titanbügel über dem Kopf des Fahrers den Formel-Autos ihre DNA raubt. Weil der Halo wie ein billiges Provisorium aus dem letzten Jahrhundert aussieht, das versehentlich auf eine Hightech-Maschine geschraubt wurde. Egal, aus welchem Blickwinkel man die Autos betrachtet: Sie sehen entstellt aus. Nicht mehr wie die ultimative Fahrmaschine, die wir einmal so verehrt haben.

Technik-Feature HaloJeder Bügel etwas anders

Ross Brawn ist auch kein Fan vom Halo. Er hat mir letztes Jahr gesagt, dass wir den Flipflop über dem Cockpit schweren Herzens akzeptieren und das Beste draus machen müssen. Nein, lieber Ross: Ich kann und will den Halo nicht akzeptieren. Und ich wette mal, Millionen von Fans auch nicht. Man muss schlechte Dinge nicht gut reden. Sie werden deshalb nicht besser. Ich bin mal auf die Reaktionen nach dem ersten Trainingstag der neuen Saison gespannt. Jetzt haben alle die Ausmaße des Heiligenscheins am Fernsehschirm erlebt. Der Halo wird der Königsklasse des Motorsports viele Zuschauer kosten. Und das in einer Zeit, in der das Vorzeige-Schiff des Motorsports ohnehin in schwerer See segelt.

Betrug am Zuschauer

Haben Sie die ersten Aufnahmen der Autos von außen und aus der Cockpit-Perspektive gesehen? Ich wette, Sie haben. Ging es Ihnen auch so, dass sie drei Mal hinschauen müssen, ob da überhaupt ein Fahrer drin sitzt? Und welchen Helm er aufhat? Die zwei Cockpitkameras machen auch nicht gerade mehr Lust auf Motorsport. Die auf der Airbox hat den Rettungsring aus Titan immer voll im Bild. Fehlt nur noch, dass er rot-weiß angemalt wird. Es sieht aus wie eine Reling zum Wegtragen. Noch schlimmer ist die tiefe Kameraposition aus dem Cockpit. Wir sehen, dass wir nichts sehen. „Die Kameraeinstellung können sie gleich weglassen. Weil sie die Hälfte dessen verdeckt, was eigentlich spannend wäre“, poltert Sky-Experte Martin Brundle.

RTL-Kommentator Christian Danner spricht von „Betrug am Zuschauer“. Weil der Halo ausgerechnet die Stars der Szene und ihr Tun verbirgt. „Alle Umfragen haben gezeigt, dass sich die Fans hauptsächlich für die Fahrer interessieren. Und die sind jetzt nicht mehr identifizierbar.“ Macht doch die Kameras an eine andere Stelle, werden einige fordern. Ich sage ihnen: Das bringt gar nichts. Jede Kamera, die einigermaßen den Blickwinkel des Piloten einfangen soll, wird diesen verdammten Bügel im Bild haben. Eine Kamera auf dem Halo-Holm würde langweilige Bilder liefern. Rückwärts gerichtet den Fahrerhelm ohne Bezug zur Strecke. Nach vorne die Nase des Autos ohne den Fahrerhelm.

Wenn man sich dann die Bilder der neuen IndyCar-Bordkamera anschaut, dann glaubt man, dass man wirklich mit dem Fahrer im Rennauto sitzt. Das nenne ich eine gute Show. Die IndyCars fahren noch ohne Cockpitschutz, und man kann nur beten, dass sie nie einen einführen. Auch mit der bereits getesteten Cockpitverglasung wäre die neue Bildperspektive wertlos. Die Formel 1 kann froh sein, dass die IndyCar-Serie nicht mehr den Stellenwert der 80er und frühen 90er Jahre hat. Sonst würde die US-Serie der Formel 1 schnell den Rang ablaufen. Nicht nur wegen des Halos. Also, noch einmal meine Bitte an die FIA und die Rechteinhaber: Zieht die Notbremse, solange es noch möglich ist.

Neuester Kommentar

Seine Zständigkeit nicht, aber Mittel und Wege in der Hinterhand schon.
Fernsteuerung ist sicher überspitzt, aber das wäre die Konsequenz, wenn man der Sicherheitsdebatte folgt. Kotflügel würden charakterverändernd dem Halo entsprechen.
Mittlerweile kann man die Helme in den LMPs besser erkennen als in der F1. Und ja, bis auf Force India war die Helmidentifikation letutes Jahr problemlos möglich. Aber ich denke in diesem Leben werden wir uns da nicht mehr einig ;-)

jpm 24. März 2018, 20:27 Uhr
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