Leclerc vs. Verstappen - GP Österreich 2019 Red Bull

Schmidts F1-Blog zum Verstappen-Duell

Wir brauchen klare Ansagen!

Die FIA-Kommissare haben beim GP Österreich für den Sport entschieden. Wir können nur hoffen, dass ihr Urteil ein Signal für die Zukunft ist. Drei Stunden Ungewissheit nach dem Rennen, das geht gar nicht, meint Michael Schmidt

Manche Dinge muss man erst einmal ruhen lassen. Der GP Österreich war das vierte Rennen in Folge, das in die Verlängerung ging oder bei dem die Sportkommissare Einfluss auf das Ergebnis nahmen. Doch zum ersten Mal ist nichts passiert. Max Verstappen hat nach Ansicht der Richter Charles Leclerc im Rahmen der Gesetze überholt.

Ich kann nur sagen: Gut so! Man stelle sich vor, wir hätten drei Stunden nach Rennende erfahren, dass Leclerc den GP Österreich gewonnen hat. Das hätte den spannendsten Grand Prix des Jahres entwertet und nur eine Woche nach dem langweiligsten Rennen noch mehr Fans vertrieben.

Trotzdem wirft der Zwischenfall in der 69. Runde einige Fragen auf. Ich halte es ja mit Max Verstappen, der sagt: „Wenn so ein Zweikampf nicht mehr möglich ist, können wir gleich zuhause bleiben.“ Doch dann müssen wir im Umkehrschluss auch sagen, dass die Strafen gegen Sebastian Vettel in Montreal und Daniel Ricciardo in Paul Ricard falsch waren. Ich meine damit Ricciardos erste Strafe im Duell mit Lando Norris. Es war in allen Fällen Rennsport mit harten Bandagen.

FIA-Rennleiter Michael Masi - Formel 1 - 2019
xpb
FIA-Rennleiter Michael Masi bestätigte nach dem Rennen, dass es zuvor keine Ansage gab, dass härteres Racing erlaubt sein.

Härte im Zweikampf muss erlaubt sein

Natürlich hat Verstappen mit voller Absicht seinen Red Bull so positioniert, dass Leclerc keine Chance zum Konter blieb. Sonst hätte der ja mit der Ferrari-Power wie in der Runde zuvor auf der folgenden Geraden wieder zugeschlagen. Doch das muss in dem Fall erlaubt sein, weil Verstappen mindestens auf gleicher Höhe war. Es ist heute so schwer zu überholen, dass man eine gewisse Härte braucht, um sich durchzusetzen.

Ich glaube, jeder hat gesehen, dass Verstappen zu dem Zeitpunkt der schnellere Fahrer war. Natürlich darf nicht alles erlaubt sein. Es hätte eine völlig andere Qualität gehabt, wenn er eine Dreiviertel Wagenläge zurückgelegen wäre und dem Ferrari in aussichtsloser Lage auf das Hinterrad fährt. Dann plädieren wahrscheinlich nicht mal Verstappen-Fans für Freispruch.

Wenn wir allerdings den gleichen Maßstab wie bei den Strafen davor anlegen, dann hätte man Verstappen gleich wegen zwei Vergehen verknacken können. Er hat seinen Gegner von der Strecke gerempelt, und er hat ihm nicht genug Platz gelassen, um sich zu verteidigen. Etwa so wie Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton beim GP Österreich 2016 an gleicher Stelle.

Hamilton, der hier Leclercs Rolle einnahm, hatte damals nur das Glück, dass sich Rosberg bei der Aktion den Flügel beschädigte. Deshalb kam er vor Kurve 4 wieder vorbei. Rosberg bekam damals übrigens eine Zeitstrafe. Zehn Sekunden, nicht fünf. Das zeigt wie sehr diese Straferei dem Sport schadet. Weil sie kein Mensch versteht. Warum geht der eine leer aus, der andere bekommt gleich das Doppelte des üblichen Strafmaßes? Für einen fast identischen Zwischenfall.

Charles Leclerc - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 30. Juni 2019
Motorsport Images
Hätte sich Leclerc im Duell gegen Verstappen kompromissloser verteigen können?

Leclerc gibt Innenbahn frei

Die Fairness-Wächter kommen im Fall Vettel immer wieder mit dem Argument, der Ferrari-Fahrer habe einen Fehler gemacht. Ja und? Verstappen hat auch einen gemacht. Er hat zu spät gebremst, wie man an dem stehenden Vorderrad sieht. Er verpasst ganz klar den Scheitelpunkt. Leclerc konnte nur keinen Vorteil daraus ziehen, weil er selbst auf der letzten Rille gebremst hat, anstatt früher in die Eisen zu steigen und dann am Kurvenausgang den Red Bull zu unterschneiden.

Lewis Hamilton hätte in Montreal das gleiche mit Vettel machen können. Er wusste ja, wo der Ferrari nach seiner Grasdurchfahrt wieder auf die Strecke kommt. Auch Lando Norris hätte in Paul Ricard antizipieren müssen, dass es für Ricciardo nie reicht, dass der Australier die Strecke verlassen und noch vor dem nächsten Eck wieder reinschneiden wird.

Wenn man Vettel vorwirft, er hätte sich absichtlich vor die Nase von Hamilton gesetzt, dann gilt das auch für Verstappen. Natürlich hat er nach dem Scheitelpunkt bewusst die Lenkung etwas aufgemacht. Man sieht es am unterschiedlichen Lenkeinschlag zu Leclerc, der maximal nach rechts lenkt. Aber wie gesagt: Leclerc hat sich selbst in diese Lage gebracht. Warum lässt er vor Kurve 3 auf der Innenseite auch die Tür sperrangelweit offen?

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Urteile müssen konstanter werden

Wir müssen diese Art Zweikampf zulassen, sonst graben wir uns eine immer größere Grube, aus der wir irgendwann nicht mehr rauskommen. Es ist löblich, dass die Sportkommissare in Spielberg endlich mal etwas weniger streng waren. Was wir jetzt brauchen, ist ein klarer Schnitt. Die Formel 1 muss sich entscheiden, wo sie hin will. Rennsport wie früher oder streng nach Buchstaben des Gesetzes.

Und das muss klar kommuniziert werden. Fahrer und Zuschauer sollen wissen, was sie erwartet. Es kann ja nicht so schwer sein, da eine klare Linie zu ziehen. Absicht, unsauberes Fahren und Fahrlässigkeit sind meistens mit freiem Auge zu erkennen. Da brauchen wir keine Telemetrie. Der Zuschauer im Heimkino sollte in der Lage sein, in 90 Prozent der Fälle das gleiche Urteil zu fällen wie die Sportkommissare.

Dass wir im auf dem Holzweg sind, zeigt ja auch die komplizierte Erklärung mancher Urteile. Wenn wir mit Geschwindigkeitsdeltas, Gaspedalstellungen und Lenkwinkeln argumentieren müssen, haben wir schon verloren. Dann dauert es nach dem Rennen auch drei Stunden, bis der Sieger feststeht.

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