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Start-Crash - GP Singapur 2017
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Start-Crash - GP Singapur 2017 43 Bilder

Schmidts F1-Blog

Vettels Singapur-Crash in der Analyse

Die Kritiker beim Startcrash von Singapur waren mit ihrem Urteil schnell bei der Hand. Sebastian Vettel hat Schuld. Auch unser auto motor und sport F1-Experte Michael Schmidt war zunächst dieser Meinung, muss sich nun aber korrigieren.

Den Startcrash von Singapur muss man sich ein paar Mal anschauen. Von vorne, der Seite, aus Sicht der 3 Bordkameras. Und am besten noch in Zeitlupe oder über Einzelbilder mit der Start/Stopp-Taste. Erst dann sieht man, was in den ersten 5 Sekunden nach dem Start wirklich passiert ist.

Viele waren mit ihrem Urteil schnell bei der Hand. Sebastian Vettel ist schuld. Weil er zu stark von rechts nach links rübergezogen hat, so dass Max Verstappen der Platz ausgehen musste. Ich treffe nach dem Rennen FIA-Rennleiter Charlie Whiting. Der sagt mir, dass er sich die Szene sechs Mal angeschaut hat und jedes Mal seine Meinung ändern musste.

Zuerst hatte er Kimi Räikkönen im Verdacht, dann Max Verstappen, dann Sebastian Vettel. Und nach reiflicher Überlegung kam er zu dem Schluss: Das war ein ganz normaler Startunfall. So haben auch die Sportkommissare entschieden.

Crash-Analyse aus allen Perspektiven

Ich war genauso hin- und hergerissen. In einem ersten Reflex wollte ich Verstappen die Schuld geben. Weil er so in Räikkönens Spur gefahren ist, dass der den Ferrari des Finnen in Vettels Auto bugsiert hat.

Nachdem alle ihren Senf dazu gegeben haben, war ich fast auf Niki Laudas Seite, der meinte, Vettel sei mit seinem Abwehrmanöver zu viel Risiko eingegangen, weil er damit rechnen musste, dass Verstappen nie nachgibt. Bei dem Holländer geht es um einen Rennsieg, bei Vettel um den Titel. In einem Rennen, das er aufgrund der Überlegenheit seines Ferrari in Singapur gewinnen muss.

Mit zwei Tagen Abstand habe ich mir noch einmal alle Videos und Fotos angeschaut (-> YouTube). Und da sieht man Dinge, auf die man im Live-Bericht oder bei den Wiederholung im Echtzeittempo gar nicht achtet, oder nicht achten kann, weil alles viel zu schnell geht. Ich zähle sie mal ohne Wertung auf:

1) Verstappen zieht seinen Red Bull zuerst Richtung Vettel, dann nach links auf Räikkönen zu. Und zwar noch bevor Vettel anfängt, extrem nach links zu lenken. Ganz offensichtlich aus den gleichen Motiven. Vettel will den besser gestarteten Verstappen abwehren, Verstappen den Blitzstarter Räikkönen.

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Räikkönen hat links noch Platz zur Boxenmauer, als es zur Berührung kam.

2) Räikkönen hat links einen halben Meter Platz bis zur weißen Linie und eineinhalb Meter bis zur Boxenmauer. Zwischen weißer Linie und Boxenmauer ist eine gelb lackierte Fläche. Die wollte Räikkönen logischerweise nicht berühren. Weil da der Grip schlechter ist. Auf der anderen Seite hat sich Alonso aber nicht gescheut, auf die gelbe Fläche zu fahren. Es hat seinem Vorwärtsdrang keinen Abbruch getan. Verstappen hat also nicht ganz Unrecht, wenn er Räikkönen vorwirft, er hätte ruhig etwas weiter nach links rücken können.

3) Verstappen holt nur kurz auf Vettel auf. Dann stabilisiert sich der Abstand zwischen dem Ferrari und dem Red Bull. Man könnte jetzt behaupten, dass der Holländer in weiser Voraussicht vom Gas ging, weil er merkte, dass der eine Ferrari nach links, der andere nach rechts zog und die Lücke für ihn immer enger wurde. Verstappen ging tatsächlich vom Gas, aber später.

4) Schauen sie auf die Szenen der Bordkameras. Vettel ist drauf und dran in den 5. Gang zu schalten, als es kracht. Vom Geräusch her schaltet er früher hoch als seine Kollegen. Immer kurz bevor die allerletzte Leuchtdiode angeht. Das spricht für viel Schlupf, den er auf diese Weise killen will. Verstappen beschleunigt voll bis zum 4. Gang. Da liegt aber das rechte Vorderrad des Red Bull immer noch knapp hinter dem linken Hinterrad von Vettel. Erst dann sieht man auf Verstappens Dashboard nicht mehr die drei Leuchtbalken als Signal für den Drehzahlanstieg aufleuchten. Er kommt nicht mal bis zum ersten Balken. Das heißt, er hat jetzt erst die Beschleunigung unterbrochen, um zu retten was zu retten ist. Räikkönen ist zu dem Zeitpunkt bereits beim rechten Drehzahlbalken im 4. Gang, damit kurz davor, in den 5. Gang zu schalten. Er dreht die Gänge auch mehr aus als Vettel. Was ein deutlicher Beweis dafür ist, dass er mit Abstand den besten Start hatte.

5) Verstappen hat Vettel nie getroffen. Die Kettenreaktion lief so: Räikkönen bleibt mit dem rechten Hinterrad an Verstappens linkem Vorderrad hängen und wird von dort in den linken Seitenkasten des Vettel-Ferrari geworfen. Damit kann man Vettel auch schlecht vorwerfen, er hätte mit seinem Schlenker nach links zu viel riskiert, weil er damit rechnen musste, mit Verstappen kollidieren. Es kam nie zu dieser Kollision.

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Vettel berührt Verstappen nicht. Trotzdem trägt der Heppenheimer eine Teilschuld.

6) Eine Sekunde vor dem Crash ist die Lücke zwischen Verstappen und Räikkönen deutlich kleiner als die zwischen Verstappen und Vettel. Der Unfall wurde in Fahrtrichtung links ausgelöst, nicht rechts. Deshalb ist es nicht ganz stichhaltig zu sagen, Vettel hätte diese Karambolage provoziert. Räikkönen hätte auf seiner Spur bleiben können und Verstappen noch ein bisschen früher vom Gas gehen können. Doch das sind alles Hypothesen. Wer gibt schon in einem Moment nach, in dem er meint, die Strecke gehöre ihm.

Fazit: Man kann Vettel schlecht vorwerfen, dass er sich nicht so aggressiv verteidigen darf, weil weiter links noch weitere Autos sein könnten. Wenn das für jeden im Feld die Maßgabe ist, müssten alle bis zur ersten Kurve ihre Spur halten. Es kann immer einer noch weiter links oder noch weiter rechts sein.

Außerdem ist Vettel nicht der einzige, der seine Position so abblockt. Schauen Sie sich mal die Starts von Lewis Hamilton in diesem Jahr in Melbourne, Baku, Silverstone, Spa und Monza an. Oder der von Michael Schumacher 2001 am Nürburgring. Fällt Ihnen etwas auf? Auch Hamilton und Schumacher fahren ihren potenziellen Gegnern brutal vor die Nase. Das ist als Trainingsschnellster auch ihr gutes Recht. Dafür haben sie das Training auch gewonnen.

Verstappen ist im Sandwich der beiden Ferrari ein armer Hund. Er hat fast alles getan, den Unfall zu vermeiden. Bei Vettel hat es geklappt, bei Räikkönen nicht. Weil die Lücke zu Kimi viel kleiner war. Und weil Räikkönen im letzten Augenblick Richtung Mitte drängt. Hier könnte man sagen: Ohne Not. Doch der Finne dachte wahrscheinlich, er hätte Verstappen schon hinter sich. Bei diesen verdammt langen Formel 1-Kisten kann man sich schon mal verschätzen.

Räikkönen hatte in diesem Augenblick nur eines im Sinn. In der ersten Kurve bin ich in Führung. Da nimmt kein Rennfahrer Rücksicht auf Interessen anderer. Und schon gleich gar nicht bei einem Spurt, der nur 301 Meter lang dauert. In der kurzen Zeit wird jede Form von Berechnung ausgeschaltet. Da dominiert der Instinkt.

Nach Abwägung aller Fakten muss ich mich zwei Tage nach dem GP Singapur korrigieren. Vettel, Verstappen und Räikkönen hätten sicher etwas anders machen können, hätte man ihnen die Unfallvideos vor dem Start vorgespielt und wären danach alle drei noch einmal in die gleichen Situation geraten. Aber diese Chance gibt es nicht. Ich würde heute keinem mehr die Schuld für die Kollision in Singapur geben. Vettel, Verstappen und Räikkönen waren in Sekunde 5 des Rennens zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Sportkommissare haben richtig geurteilt.

In der Galerie zeigen wir Ihnen den Unfall und seine Folgen noch einmal in allen Details.

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Verstappen muss sich nicht beschweren. Wenn er vom Gas geht, kommt er aus dem Sandwich raus
Räikkönen hatte die beste Sicht. Er hätte auch noch ein wenig nach links lenken können
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