Valtteri Bottas - Mercedes - Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 2020 xpb
BMW F1 Motor Prüfstand
Brabham BMW 1986
BMW F1 Motor 1986
Honda F1 2005 18 Bilder

Schmidts F1-Blog zu Formel 1-Motoren-Reglement

Schmidts F1-Blog zu Motoren-Reglement CO2-neutraler Kraftstoff ein Muss

Die Formel 1 will aus ihrer Motorenfalle, doch sie tut sich schwer damit. Jetzt wird diskutiert, das neue Motoren-Reglement um ein Jahr vorzuziehen, dafür die Einführung der alternativen Kraftstoffe um zwei Jahre hinauszuschieben. Ein Fehler, warnt Michael Schmidt.

Der Motor ist so etwas wie ein Heiligtum. Er ist neben dem Auto und dem Fahrer das dritte Element in einem Paket, das am Ende die Rundenzeit bestimmt. In grauer Vorzeit war der Motor wichtiger für das Image als das Auto. Da waren vier, acht oder Zwölfzylinder eine Glaubensfrage. Turbo oder nicht Turbo entschied über Sieg oder Niederlage. In den 2000er Jahren wurde die Antriebsquelle ihre Bedeutung geraubt. Zuerst waren zehn Zylinder Vorschrift, dann acht. Die Hersteller konnten sich immer weniger voneinander abheben. Um das Wettrüsten um Drehzahlrekorde einzudämmen, wurde sogar ein Entwicklungsstopp verfügt.

Dann setzte die Nachhaltigkeitsdebatte ein, und der Motor wurde ein politisches Werkzeug. Er musste in die Zeit passen, das Wort Hybrid in sich tragen und den Eindruck vermitteln, die Hersteller könnten auf dieser Plattform etwas für die Serie lernen. Daraus entstanden sowohl in der Formel 1 als auch in Le Mans die Technikmonster, die heute eine Systemleistung von 1.000 PS erreichen und dabei so effizient sind wie nie zuvor ein Verbrennungsmotor im Verbund mit Elektromaschinen.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Türkei - Istanbul - Freitag - 13.11.2020
xpb
Hondas Abschied aus der Formel 1 Ende 2021 setzt Red Bull und die Formel 1 unter Druck.

Abhängigkeit von Autokonzernen

Doch was hat es der Formel 1 und den Herstellern genutzt? Außer, dass es den Autokonzernen ein grünes Feigenblatt gab, nichts. Es hat nur Milliarden Entwicklungsgelder verschlungen, ohne eine Technologie auf Straßenautos zu übertragen. Bis heute fährt kein Straßenauto mit einer MGU-H . Bis heute nutzen weder Ferrari, noch Honda, Mercedes oder Renault den segensreichen Verbrauchsvorteil der reanimierten Vorkammerzündung. Mazda tut es, aber die sind nicht in der Formel 1.

Im siebten Jahr der Hybrid-Ära wissen alle Beteiligten, dass sich dieses Experiment nicht gelohnt hat. Weil man für viel Geld in Bezug auf die Außenwirkung zu wenig erreicht hat. Kein Mensch in der Welt draußen weiß, was wirklich hinter dieser Raketentechnik steckt. Auch viele in der Welt drinnen wissen es nicht. Wir haben uns lediglich das Kürzel "Hybrid" teuer erkauft, was immerhin dazu geführt hat, dass uns Umweltaktivisten bis jetzt in Ruhe lassen. Das hätten wir aber auch mit einem einfachen Kers geschafft.

Die Komplexität des aktuellen Motors macht uns dafür von Autokonzernen abhängig. Das ist aus Sicht der Sportbehörde und den Rechteinhabern ein höchst gefährlicher und instabiler Zustand. weil es keinen Plan B gibt. Das zeigte sich zum ersten Mal, als vor zwei Jahren Abrüstungspläne diskutiert wurden. Die Hersteller lehnten ab. Sie wollten unter sich bleiben mit dem Argument, dass die Kosten für die Konstruktion eines neuen Motors zu hoch seien. Nun, sie bauen ohnehin jedes Jahr einen neuen Motor. Zu höheren Kosten als ein einfacher Motor kosten würde. Der nächste Weckruf war der Ausstieg von Honda.

FIA-Plan auf der Kippe

Jetzt aber naht Hoffnung am Horizont. Mit CO2-neutralen Kraftstoffen kann sich der gesamte Motorsport von einer zunehmend hysterisch geführten Umweltdebatte quasi freikaufen. Und er hätte die Möglichkeit, eine politische Diskussion anzustoßen, die ohne eine entsprechende Plattform in der Versenkung zu verschwinden droht, weil es für die Politik einfacher ist, sich auf Teufel komm raus der Elektromobilität zu verschreiben. Ein grüner Kraftstoff löst praktisch all unsere Probleme auf einmal. Er macht frei von der Architektur des Motors, dem Format der Rennen und dem Spektrum der Anbieter. Eine Formel E gibt es schon. Wir brauchen keine zweite. Mit Elektromotoren wird man keine GP-Distanz, kein Indy 500 und keine 24 Stunden von Le Mans fahren können.

Motorsport mit herkömmlichen Kraftstoffen wird in ein paar Jahren gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert werden. Also müssen wir den Schritt machen, bevor wir dazu gezwungen werden. Die FIA wollte emissionsfreien Sprit eigentlich 2023 einführen. Ein guter Plan. Das Problem ist nur, dass man gleichzeitig an ein neues Motorenformat ab 2026 denkt. Das soll sich an den Bedürfnissen der Hersteller für die Zukunft richten.

Der Ausstieg von Honda hat allen gezeigt, in welche Sackgasse man sich mit den aktuellen Antriebseinheiten hat treiben lassen. Es gibt nur unbefriedigende Ersatzlösungen. Und was, wenn das nur der Anfang war? Jetzt wird ein Entwicklungsstopp diskutiert und ein Vorziehen der Regelreform auf 2025. Verbunden mit einem Aufschub des synthetischen Kraftstoffs auf 2025. Die Ingenieuren wollen nicht zwei Mal neu entwickeln. Das wäre ein schlechter Plan.

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Türkei - Istanbul - Freitag - 13.11.2020
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Die Formel 1 braucht einen Ausweg aus der Motorenfalle: CO2-neutrales Benzin wäre die Lösung.

Wozu 60 Prozent Elektroanteil?

Die Formel 1 hat sich selbst versprochen, den gleichen Fehler nicht noch einmal zu machen. Doch sie ist gerade dabei, genau das zu tun. Weil sie partout wieder ein komplexes Motorkonzept haben will. Einen Antrieb, bei dem 60 Prozent der Leistung elektrisch erzeugt wird. Das heißt, dass die Autokonzerne wieder unter sich bleiben werden. Dass die Autos noch schwerer werden. Dass das Marketingziel ein zweites Mal verfehlt werden wird.

Für das grüne Gewissen reicht alternativer Kraftstoff und ein simpler Hybridantrieb völlig. Was soll das mit dem Elektroanteil von 60 Prozent? Diese Zahl wird genauso untergehen wie die 100 Kilogramm Kraftstoffmenge pro Stunde. Wichtig ist nur das Wort Hybrid. Wenn die Formel 1 das promoten will, dann stellt sie das Laden und Einspeisen der elektrischen Leistung vor vorgegebener Batteriegröße frei und überlässt es allein dem Fahrer. Dann könnten Rennen gewonnen oder verloren werden, weil der Fahrer die Elektroleistung klug oder weniger klug einsetzt. So entstehen Geschichten. Nicht mit abstrakten technischen Daten.

Wenn sich die Formel 1 auf ein einfacheres Antriebskonzept einlassen würde, dann könnte so ein Motor locker bis 2023 gebaut und gemeinsam mit dem grünen Sprit an den Start gebracht werden. Ein V6-Turbo mit einem starken Kers wäre auch für private Hersteller darstellbar. Und wir könnten den Sprit als Alternative zum reinen Elektromotor im Gespräch halten, bevor er aus politischen Gründen abgewürgt wird.