Sebastian Vettel - GP England 2019 Motorsport Images

Analyse der Probleme von Sebastian Vettel

Ferrari SF90 ist nicht Vettels Auto

Sebastian Vettel durchlebt gerade schwere Zeiten. Zuletzt drei Mal vom Teamkollegen geschlagen, in Silverstone ein Crash mit Max Verstappen. Wir analysieren, warum der Ex-Champion mit seinem Ferrari SF90 auf Kriegsfuß steht.

Der Grand Prix von Deutschland in Hockenheim steht vor der Tür. Für Sebastian Vettel ist das Heimspiel mit einer schmerzlichen Erinnerung verbunden. Vor einem Jahr stellte er seinen Ferrari auf die Pole Position und führte überlegen das Rennen an. Ein Sieg wäre ein Big Point im WM-Duell gegen Lewis Hamilton gewesen. Vettel hätte seine WM-Führung ausgebaut. Doch der Ferrari-Pilot landete im Kiesbett der Sachskurve. Und Hamilton feierte von Startplatz 14 einen unerwarteten Sieg auf dem Terrain des Gegners. Es war der Anfang vom Ende der Titelträume.

Ein Jahr später kommt Vettel als WM-Vierter ins Motodrom. 100 Punkte hinter Titelverteidiger Lewis Hamilton. Der WM-Zug ist bei realistischer Betrachtung abgefahren. Vettel müsste vier Mal gewinnen und Hamilton vier Mal ausfallen, und dann wäre erst Gleichstand erreicht. Doch Hamilton ist zurzeit nicht das Ziel des 52-fachen GP-Siegers, der zuletzt vor elf Monaten ein Formel 1-Rennen gewonnen hat. Der Druck kommt aus dem eigenen Stall.

Teamkollege Charles Leclerc liegt nur noch drei Punkte hinter Vettel. In den letzten drei Rennen hatte der 21-jährige Monegasse jeweils die Nase vorn. Viele fragen sich jetzt: Zeichnet sich da ein Trend ab? Leclerc führt es darauf zurück, dass er bei der Fahrzeugabstimmung und im Trainingsablauf dazugelernt habe. „Ich passe mich besser der schneller werdenden Strecke an.“

Vettel kann sich heute schon auf eine Frage vorbereiten, die ihn im Verlauf des Wochenendes in Hockenheim ein paar Mal einholen wird. Man wird wissen wollen, ob der vierfache Weltmeister am Ende der Saison alles hinschmeißt.

Gründe dafür könnte man genug ausgraben, wenn man daraus eine Story stricken wollte. Vettels Abneigung gegen die Hybridtechnik, die der Formel 1 auch nach 2020 erhalten bleibt. Die Strafe von Montreal, die ihm den Sieg in Kanada gestohlen hat. Die Unfähigkeit von Ferrari, konstant auf Augenhöhe von Mercedes zu fahren. Und vielleicht auch erschüttertes Vertrauen, ob die Mission WM-Titel mit Ferrari überhaupt möglich ist.

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Zuletzt hatte Charles Leclerc klar die Oberhand im teaminternen Ferrari-Duell.

Der Vergleich zu 2014

Vettel wird sich darauf berufen, dass er noch einen Vertrag mit Ferrari bis Ende 2020 hat. Doch wie sieht der aus? Gibt es eine Ausstiegsklausel? Wäre der Rückzug die einzige Alternative, oder öffnet sich ein Platz bei Red Bull, wenn Max Verstappen in der Sommerpause bei Red Bull die Reißleine zieht, sofern er das dann überhaupt noch kann?

Und überhaupt: Würde sich Vettel so verabschieden wollen? Er ist angeschlagen, aber noch nicht geschlagen. 2014, als er bei Red Bull gegen Daniel Ricciardo verlor, kämpfte sich Vettel nach zehn Niederlagen in elf Rennen im letzten Saisondrittel zurück.

Die Situation von damals ähnelt der von heute. Vettel war bei Red Bull der Platzhirsch. Nach Jahren mit dem Veteran Mark Webber an der Seite bekam er einen der jungen Wilden vorgesetzt, der ohne großen Respekt unvoreingenommen das Hybrid-Zeitalter als Chance wahrnahm. Vettel verfluchte die Marketingübung der Hersteller, die nichts dem Sport mehr zu tun hat, in den er sich einst verliebt hatte.

Fünf Jahre später ersetzen wir die Namen durch Kimi Räikkönen und Charles Leclerc. Damals wie heute nennt Vettel das gleiche Problem dafür, dass er gegen Teamkollegen Rundenzeit verliert. Das Heck gibt ihm zu wenig Rückmeldung. Es fehlt das Vertrauen, das Auto beim Einlenken auf der Bremse so in die Kurven zu werfen, wie es der Deutsche braucht um Speed bis zum Scheitelpunkt mitzunehmen.

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Ferrari versucht den mangelnden Abtrieb auf der Vorderachse zu kompensieren.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Damals waren es die Motorcharakteristik und ein Brake-by-wire in den Kinderschuhen. Heute ist es die Aerodynamik. Es brachte und es bringt Unruhe ins Heck. Vettel fehlt der Wohlfühlfaktor. Das zeigen die zuletzt teils eklatanten Abstande im Training.

Leclerc nahm Vettel in Paul Ricard 0,834 Sekunden (Q3) ab, in Spielberg 0,289 Sekunden (Q2) und in Silverstone 0,615 Sekunden (Q3). Die Quittung waren die Startplätze 7, 9 und 6. Diese Entwicklung ist insofern erstaunlich, da das Trainingsduell in den ersten sieben Grand Prix eher ausgeglichen war. Es gab zwei Ausreißer. In Bahrain mit 0,294 Sekunden zugunsten von Leclerc, in Kanada mit einem Vorteil von 0,680 Sekunden für Vettel.

Der Ferrari SF90 ist nicht sein Auto. Oder sagen wir besser, nicht mehr. Vettels Probleme haben sich in dem Moment verstärkt, als Ferrari begonnen hat, sein Auto aggressiv in eine Richtung zu entwickeln, die an der Vorderachse mehr Abtrieb bringen soll. Es ist aus Sicht von Ferrari ein notwendiges Programm, wenn man Mercedes einholen will. Doch es bringt auf dem Weg dorthin Schwierigkeiten mit sich.

Der Anpressdruck vorne ist wegen des Frontflügelkonzepts begrenzt. Alles, was man vorne verändert, hat auch eine Auswirkung aufs Heck. Vorne mehr heißt manchmal auch hinten weniger. Seit drei Rennen doktert Ferrari ohne großen Erfolg mit unterschiedlichen Unterböden herum, um eine vernünftige Balance hinzubekommen.

Auf Strecken, die den Vorderreifen mehr fordern, muss Ferrari mechanisch nachhelfen. Im Freitagstraining von Silverstone hielt der linke Vorderreifen gerade mal sieben Runden. Mit einer weicheren Vorderachse bekam man das Problem unter Kontrolle. Als Folge davon wurde das Heck instabil.

Das erklärt, warum Vettel von Freitag auf Samstag plötzlich so viel Zeit auf Leclerc verlor. „Ich habe die Hinterachse nicht mehr gespürt. Beim Einlenken hatte ich Übersteuern, beim Rausfahren Untersteuern.“ Dass Vettel in der Becketts-Passage bis zu 20 km/h auf Leclerc einbüßte, ist ein Beweis dafür, dass der eine Fahrer volles Vertrauen in sein Auto hatte, der andere gar keines.

Sebastian Vettel - GP England 2019
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Kann sich Vettel an sein zickiges Auto anpassen?

Zwei unterschiedliche Fahrstile

Das liegt auch am Fahrstil. Es wurde bereits ausreichend thematisiert, dass die beiden Ferrari-Piloten da komplett unterschiedlich gestrickt sind und deshalb auch nur selten die gleiche Abstimmung fahren. Leclerc kann mit einem nervösen Heck leben, Vettel nicht. Bei Sauber dauerte 2018 es vier Rennen, bis sich Leclerc auf das eher untersteuernde Auto eingeschossen hatte.

Vettel tut sich umgekehrt schwerer, was aber keine Überraschung ist bei einem, der schon 13 Jahre in der Formel 1 fährt und bei dem gewisse Routinen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Lewis Hamilton erlebte so eine Phase 2011 bei McLaren. Jenson Button kam mit dem Auto viel besser zurecht als der aktuelle Weltmeister. Auch die beiden Engländer waren vom Fahrstil wie Tag und Nacht.

Im Rennen gleichen sich die Geschwindigkeiten der Ferrari-Piloten an. Auch in Paul Ricard, Spielberg und Silverstone. Vettel fuhr gleich schnell wie sein Stallrivale. Er büßte nur für seine schlechten Startplätze. In allen drei Fällen brauchte er einen Boxenstopp mehr. In Frankreich und Österreich aus taktischen Gründen, In England wegen Schäden am Auto. Vettel wunderte sich in Silverstone nach dem Rennen: „Plötzlich war das Vertrauen in das Auto und in die Reifen da. Ich muss selbst noch Antworten finden, warum das so ist.“

Vielleicht liegt es daran, dass sich das Auto mit mehr Benzin an Bord in seinen Reaktionen beruhigt. Wenn man die ersten zehn Grand Prix des Jahres noch einmal analysiert, dann fällt auf, dass Vettel in der ersten Rennhälfte auf Leclerc gewinnt, während er in der zweiten Halbzeit Zeit liegenlässt. Exakt dann, wenn das Auto leichter wird und sich Qualifikationsbedingungen wieder annähert.

Dann rutscht das Heck mehr, und die Hinterreifen werden zu heiß. Es ist ein Teufelskreis, aus dem es für Vettel erst ein Entrinnen gibt, wenn Ferrari aerodynamisch mehr Last auf die Vorderreifen bringt und das hinten auch entsprechend ausbalancieren kann.

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Dank virtuellen Rennen am Computer haben die Youngster im Zweikampf so viel Erfahrung wie die alten Hasen.

Erfahrung heute weniger wertvoll

In Silverstone geriet Vettel auch wegen der Kollision mit Verstappen in die Kritik. Zuvor hatten sich Verstappen und Leclerc 18 Runden lang bekriegt, waren aber trotz Radkontakt und Abdrängen immer auf der Strecke geblieben.

Umso unglücklicher sah dann der Zusammenstoß zwischen dem zweiten Ferrari und dem Red Bull aus. Vettel nahm die Schuld zwar auf sich, doch so ganz unbeteiligt war Verstappen dann doch nicht. Die Szene erinnerte stark an den Auffahrunfall von Daniel Ricciardo gegen Verstappen letztes Jahr in Baku.

Verstappen behauptete, dass sich die beiden Vorfälle nicht miteinander vergleichen ließen, weil der Geschwindigkeitsunterschied 2018 größer war. Der Unterschied lag jedoch darin, dass der Holländer in Baku zwei Mal die Spur gewechselt hat und in Silverstone nur ein Mal. Somit war er von den Regeln her auf der sicheren Seite.

Verstappen wirft die Türe allerdings immer so spät zu, dass der Hintermann kaum noch Chancen hat, aus der Nummer rauszukommen. So wie Max in den Rückspiegel schaut, hatte er Vettel rechts erwartet, und dann im letzten Augenblick links dichtgemacht, als er merkte, dass sein Gegner es innen probierte.

Der Crash war gewissermaßen hausgemacht. Beim Kreuzen der Spur geriet Vettel voll in den Windschatten des Red Bull, verlor Abtrieb und damit Bremsmoment. Vettel wurde bestraft, doch auch Verstappen zahlte einen Preis.

In Zweikampfsituationen ist Erfahrung kein Vorteil mehr. Im Gegenteil. Die jungen Fahrer bewegen sich auf der Rennstrecke wie auf der Playstation. Sie hocken auch in ihrer Freizeit im Simulator und fahren dort Rennen gegeneinander. Früher konnte einer wie Vettel aus dem Datensatz von 229 GP-Starts schöpfen und diese Erfahrung bei Bedarf auch gegen weniger erfahrene Piloten gewinnbringend einsetzen.

Heute hat ein Leclerc mit 41 Rennen genauso viele Rad-an-Radduelle erlebt wie sein routinierter Teamkollege. Vor dem GP England fuhr Ferraris neuer Star am Computer ein zweites Mal den GP Australien. Dabei gewann übrigens der virtuelle Leclerc gegen den echten. Es wäre interessant zu sehen, wie sich Hamilton schlägt, wenn die Digital-Generation einmal mit gleichen Waffen gegen ihn fährt.

Sebastian Vettel: Vierfach-Champion im Porträt

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