Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019 Motorsport Images

So drehte Mercedes den Spieß um

Vettel fehlte der Windschatten

Zwei Trainingssitzungen lang hatte Mercedes keine Chance gegen Ferrari. Doch in der Qualifikation robbten sich Valtteri Bottas und Lewis Hamilton Schritt für Schritt an die roten Autos heran. Und lagen plötzlich vorne. Vettel fehlte am Ende der Windschatten.

Nicht einmal Mercedes-Teamchef Toto Wolff glaubte an die Pole Position. Ferrari hatte Mercedes im zweiten Training am Freitag um sieben Zehntel abgehängt, im dritten am Samstagmittag um 1,4 Sekunden.

Wolff fand nur eine Erklärung: „Wenn der Unterschied so groß ist, hat das nichts mit dem Auto zu tun. Dann sind die Reifen beim einen nicht im Arbeitsfenster und beim anderen schon.“ Bei Mercedes richtete man sich schon einmal auf die Startplätze 3 und 4 ein. Doch dann kam alles anders als gedacht.

Wieder einmal stehen zwei Mercedes in der ersten Startreihe. Wieder in der Reihenfolge Valtteri Bottas vor Lewis Hamilton. Bottas erwischte ganz am Ende das bessere Timing. Er ließ sich die 1,8 Kilometer lange Zielgerade von Lando Norris ziehen. Hamilton lag im Windschatten seines Teamkollegen, doch der Engländer hatte im ersten Sektor zwei Fehler eingebaut.

„Die ersten zwei Kurven waren schockierend. Nach drei Kurven lag ich drei Zehntel zurück.“ Das konnten auch Bestzeiten in Sektor 2 und 3 nicht mehr wettmachen. Hamilton muss sich für die Reihenfolge an die eigene Nase fassen. „Lewis hatte diesmal die Wahl. Er wollte hinter Valtteri rausfahren, weil er auf dessen Windschatten gesetzt hat“, so Wolff. „Dadurch hatte er aber mehr Probleme mit dem Aufwärmen der Reifen.“

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019
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Mit einer Pole Position von Valtteri Bottas hatten vorher wohl nur wenige gerechnet.

Eine freie Runde war Vettel wichtiger

Die Mercedes-Piloten hatten im letzten Versuch im Q3 als erste ihre Garagen verlassen, reihten sich aber als letzte in den Konvoi aus neun Fahrzeugen ein. Bottas und Hamilton fuhren an der Boxenausfahrt in die Parkposition und stellten sich für einen Teststart auf. Zumindest taten sie so.

Selbst Vettel wunderte sich: „Was habt ihr da gemacht?“ Hamilton spottete: „Wir haben dich getäuscht.“ Wenn es eine bewusste Taktik war, ans Ende der Schlange zu geraten, war sie gut. Das hätte man allerdings auch einfacher haben können. Mercedes hätte sich nämlich fast selbst ausgetrickst.

„Als Valtteri und Lewis da standen, wurden sie von immer mehr Autos überholt. So weit nach hinten wollten wir eigentlich nicht gehen, weil du damit deine Aufwärmrunde immer schwieriger machst“, erklärte Wolff.

Vettel dagegen wollte so schnell wie möglich auf die Strecke. Er überholte in der Aufwärmrunde sogar noch Antonio Giovinazzi, um seine Reifen optimal für die fliegende Runde zu konditionieren. Zu viel war zuletzt passiert, um irgendein Risiko mit Windschatten-Spielchen einzugehen, die auch in die Hose gehen können. Vettel erinnerte sich an die hektische Aufwärmrunde in China, und er hatte bestimmt auch im Hinterkopf, dass nach dem Crash von Charles Leclerc alle Hoffnungen auf ihm ruhten.

Vettel verteidigte die Taktik, den Zug im Q3 anzuführen. „Für mich war eine saubere Aufwärmrunde und eine freie Fahrt wichtiger als ein möglicher Windschatten. Wir hatten ein ziemlich unrhythmisches Training mit vielen Unterbrechungen, und die Temperaturen gingen immer mehr in den Keller. Ich wollte sicherstellen, dass die Reifen in ihr Fenster kommen.“

Zwei Sektoren lang zahlte sich Vettels Taktik aus. Er war auf dem Weg auf die Pole Position, doch dann hätte er auf den letzten 25 Sekunden wie die Mercedes-Piloten einen Windschatten gebraucht. „Mit Windschatten hätte uns Vettel geschlagen. Der macht hier fünf Zehntel aus. Besonders wenn mehrere Autos in einem Zug fahren“, glauben die Mercedes-Ingenieure. Mercedes setzt wieder einmal aufs richtige Pferd. Im Rückblick wog der Windschatten schwerer als die perfekte Aufwärmrunde oder die Fahrt in sauberer Luft.

Bottas & Hamilton - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019
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Die tiefen Temperaturen in der Abenddämmerung kamen Mercedes entgegen.

Mercedes reagiert besser auf Kälte

Die große Überraschung war, dass Mercedes überhaupt in die Reichweite der Ferrari kam. Da hatten selbst die Herren Techniker Mühe mit der Erklärung. „Wir sind generell im dritten Training etwas langsamer als Ferrari und drehen dann mehr auf“, meinte Chefingenieur Andrew Shovlin. Soll heißen: Mercedes dreht in den entscheidenden Q3-Runden mehr an der Power-Schraube als Ferrari.

Die Fahrzeugabstimmung hatte man schon bis zum Gehtnichtmehr ausgereizt. „Wir haben den Abtrieb erhöht, wurden aber trotzdem im zweiten Sektor nicht schneller“, verzweifelte Toto Wolff und vermutete: „Das muss etwas mit den Reifentemperaturen zu tun haben. Diesmal hatten wir sie nicht getroffen.“

Das galt für das dritte Training. Dann die Überraschung. Das schnellste Auto in Sektor 2 waren nur zwei Stunden später beide Mercedes. Und das obwohl die Asphalttemperaturen wegen der langen Wartezeiten nach den Unfällen von Kubica und Leclerc immer weiter in den Keller fielen.

„Eigentlich hätte uns das noch mehr treffen müssen, aber irgendwie schien die Strecke uns entgegenzukommen, je kälter es wurde und je mehr Gummi auf die Bahn kam“, erklärte ein Ingenieur. Er schwor: „Wir haben nichts Dramatisches am Setup gedreht, nur Kleinigkeiten angepasst.“ Der Teamchef glaubt: „Unter den wärmeren Bedingungen vom dritten Training hätten wir gegen Ferrari keine Chance gehabt.“

Bottas und Hamilton stimmten in den Chor mit ein. „Diese Pole kam für mich überraschender als die von China“, meinte Bottas. „Bis zum dritten Training sahen wir nicht wie ein Gegner für Ferrari aus. Aber je kühler es wurde, umso besser haben für uns die Reifen gearbeitet.“

Vettel dagegen haderte mit Platz 3: „Es war keine ideale Qualifikation. Es war schwer, sich den fallenden Temperaturen anzupassen.“ Trotzdem glaubt der Ferrari-Pilot: „Für das Rennen haben wir ein besseres Auto.“

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Robert Kubica - Williams - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019 Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019 Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019 Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - 27. April 2019 44 Bilder
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