Stallorder in Malaysia

Endlich Klartext in der Formel 1

Sebastian Vettel GP Malaysia 2013 Foto: Wolfgang Wilhelm 66 Bilder

Bernie Ecclestone wird sich gefreut haben. Endlich kommt Leben in seine Bude. Jetzt wird endlich mal wieder Klartext gesprochen. Das Rennen in Malaysia wäre nur noch durch eine Kollision der Red Bull-Piloten zu toppen gewesen.

Was waren das für Zeiten. Als Ayrton Senna, Alain Prost, Nelson Piquet und Nigel Mansell gegeneinander fuhren, hatten wir nach jedem GP-Wochenende Diskussionen wie jetzt nach dem GP Malayasia. Da wurde noch mit harten Bandagen gekämpft. Auf und neben der Strecke. Die vier Herren tauschten regelmäßig Unfreundlichkeiten aus. Und die Teams waren sich untereinander auch nicht grün. Alles andere ist ja auch eine große Lüge. In einem Sport, in dem es um Milliarden geht, kann es keine heile Welt geben.

Genau die versuchen die PR-Strategen der Teams uns aber zu verkaufen. Woche für Woche. Die Beteiligten reden wie Politiker. Zum Einschlafen langweilig, weil keiner eine eigene Meinung hat. In der Ära Senna, Prost, Piquet und Mansell wurde aus einer Randsportart ein Premiumsport. Und das hatte nicht nur mit dem Sport auf der Strecke zu tun. Die Formel 1 war damals auch die Formel Hollywood.

Vettel hält sich nicht an Drehbuch

Australiens größte Tageszeitung "The Australian" berichtete am Dienstag nach dem Saisonauftakt in Melbourne exakt null Zeilen über den ersten Grand Prix des Jahres. Weil es nichts zu berichten gab. Dabei war der GP Australien ein unterhaltsames Rennen. Doch die Geschichten von der Rennstrecke füllten gerade mal die Montagsblätter. Über die schöngefärbten Kommentare der Teams und Fahrer wollte am Dienstag keiner mehr schreiben.

Nur eine Woche später lebt der zweite Grand Prix des Jahres bis mitten in die Woche nach. Bei Red Bull und Mercedes sind Dinge passiert, die nicht im Skript der Heile-Welt-Verkäufer standen. Dafür gab es keine PR-Strategie.

Regeln sind an Stallregie schuld

Wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen. Thema Stallregie: Ein absolutes Unding. Es sind die Regeln, die die Teams dazu zwingen. Die Fahrer müssen mit acht Motoren pro Jahr auskommen. Ein Getriebe muss fünf Rennen halten. KERS ist immer ein Risikofaktor. Von den Reifen wusste in Malayasia keiner ob sie zehn oder 15 Runden halten, wenn man über so eine Distanz ans Limit geht. "Deshalb sind wir die meiste Zeit nur mit 80 bis 85 Prozent unterwegs", beschrieb Mark Webber modernes Rennfahren.

Unter den Umständen wird klar, warum die Kommandostände ihre Fahrer nach der Serie der letzten Boxenstopps zum Halten der Positionen auffordern. Jede heiße Runde fehlt dem betreffenden Motor später in seinem Lebenszyklus. Jetzt bekommen die Strategen die Quittung von den Fans. Die wollen Zweikämpfe sehen, auch unter Teamkollegen.

Red Bull hätte nur durch einen Umstand an der Stallregie gehindert werden können. Wenn die Mercedes auf zwei oder drei Sekunden dran gewesen wären. Dann hätte Sebastian Vettel die Flucht nach vorne antreten müssen und Mark Webber wäre seinerseits auch von der Leine gelassen worden. Aber Mercedes hatte ja auch der Mut verlassen. Anstatt Nico Rosberg auf die Red Bull zu hetzen, entschied man sich für Platzsicherung.

Vettel schenkt sich vier Sekunden

Die Mercedes-Fahrer hielten sich brav an die Befehle vom Kommandostand. Bei Red Bull zeigte sich, dass Rennfahrer am Ende doch am liebsten für sich selbst fahren. Vettel bekommt in Fanforen überraschend viele Pluspunkte. Gerade die Ungehorsamkeit, sich über die allseits verhasste Stallregie hinwegzusetzen, gefiel vielen Zuschauern, darunter auch Vettel-Kritiker. Sie bekamen dafür ja auch ein Duell präsentiert, das sich über fünf Kurven zog.

Das Problem bei der gebrochenen Teamorder war nicht so sehr das Überholmanöver selbst. Der Betrug an Webber passierte schon vorher. Vettel kam ja nur so schnell in die Nähe seines Teamkollegen, weil der Australier in der Meinung, alles sei gelaufen, auf Schongang fuhr. So machte Vettel in zwei Runden einen Rückstand von vier Sekunden wett. Und zwar auf der Rennstrecke.

Die Boxenzeiten waren mit 20,757 Sekunden (Vettel) und 20,767 Sekunden (Webber) praktisch identisch. Hätte Red Bull seine Piloten frei fahren lassen, hätte der Weltmeister viel mehr Runden gebraucht, um Webber einzuholen. Und wenn er es geschafft hätte, wären seine Reifen unter Umständen nicht mehr in dem Zustand gewesen, um am Stallrivalen dranzubleiben.

Vettel wäre bei Kollision Schuld

Vettel wusste das natürlich und hat das zu seinem Vorteil genutzt. Dafür ist er dreifacher Weltmeister. Man könnte sagen: eiskalt exekutiert. Wäre Webber in der Beziehung aus dem gleichen Holz geschnitzt, hätte er in der langsamen Passage am Ende der Zielgeraden dem Stallrivalen ein Rad in den Weg gestellt. So hätten es Senna, Prost, Piquet oder Mansell gemacht.

Webber wusste, dass der andere den Nichtangriffspakt gebrochen hatte. Bei einer Kollision hätte das Team die Schuld beim Angreifer suchen müssen und nicht bei ihm. Vielleicht fehlt dem Australier da die letzte Härte. Manche würden sagen: Es gibt Weltmeister, und es gibt Rennfahrer.

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