Stallregie bei Mercedes in GP Russland

Deshalb musste Bottas den Sieg herschenken

Valtteri Bottas - GP Russland 2018 - Sotschi - Rennen Foto: Wilhelm 67 Bilder

Mercedes hat mit einem Doppelsieg in Sotschi das perfekte Resultat erzielt und in beiden Weltmeisterschaften seine Führung ausgebaut. Trotzdem musste sich Teamchef Toto Wolff die Frage gefallen lassen. War es nötig, dafür Valtteri Bottas zu opfern?

Lewis Hamilton war ein Sieger mit gemischten Gefühlen. „Ich befinde mich in einem Gefühlschaos. Noch nie habe ich mich nach einem Sieg so schlecht gefühlt.“ Gleichzeitig lobte er seinen Teamkollegen Valtteri Bottas, der ihm in der 25.Runde am Ende der Gegengerade auf Befehl der Box Platz machen musste. „Valtteri ist ein Ehrenmann. Es war ein schwerer Tag für ihn. Er hätte es verdient gehabt zu gewinnen. Aber heute ging das Team vor. Wir wollen beide WM-Titel gewinnen und mussten so handeln. Die Zeit wird zeigen, ob Stallorder heute richtig war.“

Zwei Runden vor Schluss fragte Valtteri Bottas seinen Renningenieur Tony Ross, ob noch ein Platztausch zurück geplant sei. Der bedauerte: „Das besprechen wir nach dem Rennen.“ Nach der Zielflagge entschuldigte sich Teamchef Toto Wolff bei seinem Piloten: „Es war ein schwerer Tag und eine schwere Entscheidung für uns. Wir werden sie dir später erklären.“ Wie schwer es dem Titelverteidiger gefallen ist, Hamilton an dem schnelleren Bottas vorbeizuwinken, zeigte auch der Funkspruch von Chefstratege James Vowles, kurz nachdem Bottas seinen zweiten Platz für Hamilton geräumt hatte. Der erste Mann am Kommandostand setzte seinen Fahrer detailliert ins Bild. Hier bestand ganz offensichtlich Erklärungsbedarf.

Valtteri Bottas wirkte zwei Stunden nach dem Rennen relativ gefasst. Dabei hatte der Trainingsschnellste gerade seine bislang größte Chance auf den ersten Saisonsieg verschenkt. „Das einzige, was ich kritisiere, ist die Kommunikation bevor der Befehl kam. Ich wurde eigentlich angewiesen, Verstappen zu überholen, und ich hielt es auch für möglich. Dann kam plötzlich die Order, dass ich Platz machen soll für Lewis.“

Mercedes zieht die Reißleine

Mercedes diskutierte vor dem Rennen viele Szenarien durch, bei denen man in das Rennen eingreift oder nicht. Und es gab durchaus Konstellationen, unter denen Bottas seine Führung hätte behalten dürfen. Zum Beispiel wenn beide Mercedes in der Reihenfolge Bottas vor Hamilton dem Feld davongeblasen wären. Doch dann erwies sich Sebastian Vettel im Renntrim stärker als erwartet. Der Ferrari-Pilot hielt ständig Sichtkontakt zu den Silberpfeilen. Die Rennsituation, wie sie sich in der 25. Runde zuspitzte, stand auf keiner Gebrauchsanweisung der Strategen mit dem Stern auf dem Revers.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Russland 2018 - Sotschi - Rennen Nächste Niederlage für Ferrari Vettels WM-Aus ganz nah

Max Verstappen lag 1,8 Sekunden vor Bottas, Hamilton und Vettel. Der Holländer drohte die Partie aufzuhalten. Hamilton kämpfte seit seinem Überholmanöver an Vettel neun Runden zuvor mit Blasen auf den linken Hinterreifen. Der Weltmeister war damit verwundbar. Vettel drohte mit 1,3 Sekunden Rückstand in den DRS-Bereich seines Gegners zu kommen. Da musste Mercedes die Reißleine ziehen. „Der Platz von Lewis war in Gefahr. Es wäre für uns der schlimmste Fall gewesen, wenn Vettel an Lewis vorbeigekommen wäre. Wir mussten ihn schützen. Valtteris Reifen waren noch perfekt. Wir wussten, dass er sich gegen Vettel besser verteidigen würde können. Noch schlimmer. Wenn sich Lewis gegen Vettel hart verteidigen hätte müssen, wäre die Blase weiter aufgegangen und hätte ihn vielleicht noch zu einem zweiten Stopp gezwungen. Dann wäre er nur Sechster geworden“, erklärte Toto Wolff.

Die Strategen sehen es nüchterner: „Unser Ziel muss ein Doppelsieg, also maximale Punkte sein. Der war zu Mitte des Rennens in Gefahr.“ Doch warum gab Mercedes im Finale, als die Positionen klar bezogen waren, Bottas die Führung nicht wieder zurück? Dazu Wolff: „Weil es in der Fahrer-WM für Lewis um sieben Punkte hin oder her ging. Die können immer noch wichtig sein. Ja, der Vorsprung auf Vettel ist solide. Doch das kann in dem Augenblick ganz anders aussehen, wenn wir bei einem der letzten Rennen wie in Österreich mit beiden Autos ausfallen. Ich halte heute gerne meinen Kopf hin, wenn ich in Abu Dhabi der König bin.“

Vettels Undercut warf alles über den Haufen

Der Moment, der alle Pläne über den Haufen geworfen hat, war der gelungene Undercut von Vettel gegen Hamilton. Mercedes rechnete mit einem Gewinn von 0,9 Sekunden mit frischen Soft-Reifen gegen alte Ultrasofts. „Tatsächlich waren es 1,8 Sekunden“, klärten die Ingenieure auf. Der Teamchef nahm die Schuld auf sich: „Ich habe mich gerade mit James Vowles am Funk unterhalten. Dabei haben wir mit dem Boxenstopp von Lewis eine Runde zu lange gewartet.“

Vettel fuhr sowohl in der Runde vor wie auch nach dem Boxenstopp schneller als die beiden Mercedes-Piloten. Doch die OUT-Runde wurde auch zu seinem Problem. Damit den Undercut funktioniert, musste er in dieser Runde seine ganze Batterie-Kraft verballern. Das brachte ihn an Hamilton vorbei, doch damit war er gegen seinen Rivalen in der Runde darauf wehrlos. Den Angriff auf der Zielgerade wehrte Vettel noch mit Mühe ab, doch in der Omega-Kurve war er fällig. Jetzt zahlte Hamilton seinen Preis. Die aggressive erste Runde auf den Soft-Reifen resultierte mit Blasenbildung links hinten. Und genau das brachte Mercedes später in die Zwickmühle.

Vergleiche mit Ungarn 2017 und Österreich 2002

Trotzdem stand Mercedes nach dem Rennen in der Kritik. Die Puristen verdammten die Stallregie und verglichen sie mit dem GP Ungarn 2017, als Bottas die Position, die er zunächst Hamilton überlassen hatte, auf Teambefehl wieder zurückbekam. Wolff entkräftet das Argument: „Das war eine andere Situation. Da gab es eine klare Ansage an beide Fahrer. Lewis soll Valtteri überholen und Räikkönen angreifen. Wenn er es nicht schafft, bekommt Valtteri seinen Platz wieder zurück. Das war ein klares Versprechen an unsere Fahrer. Und daran haben wir uns gehalten, obwohl auch diese Entscheidung im Rückblick wahnsinnig schwierig war. Man stelle sich nur vor, wir hätten wegen dieser drei Punkte die WM damals verloren.“

Auch Ferraris Stallregie der Schande aus dem Jahr 2002 in Österreich hält keinem Vergleich stand, findet Wolff. Sie kam bereits nach sechs Rennen und Michael Schumacher hatte bereits vier der ersten fünf Rennen gewonnen und sollte schon im Juli den WM-Titel feiern, weil er so überlegen war. Trotzdem gibt Wolff dem damaligen Ferrari-Rennleiter Jean Todt im Rückblick Recht. „Jean ist der erfolgreichste Rennmanager der Geschichte und heute FIA-Präsident. Er muss in seinem Leben mehr richtige als falsche Entscheidungen getroffen haben. Auch die war richtig, wenn vielleicht auch nicht glücklich kommuniziert.“

Das gleiche lässt sich auch über die Teamorder von Mercedes sagen. Wolff nannte sie eine rationale Entscheidung: „Valtteri versteht sie, und er trägt sie mit. Unser aller Herz hat geblutet, dass wir ihm heute den Sieg wegnehmen mussten.“ Im Übrigen könne es man den Leuten nie Recht machen. „Ferrari wurde in Monza dafür gegeißelt, weil sie in das Duell Räikkönen gegen Vettel nicht eingegriffen haben. Wir müssen heute unsere Schläge einstecken. Was du auch machst, du machst es aus Sicht einiger Leute falsch.“

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