Charles Leclerc - Formel 1 - GP Aserbaidschan 2019 xpb

Taktik-Check GP Aserbaidschan 2019

Ferrari verliert Rennen am Samstag

In einem Rennen ohne Safety-Car gab es in Baku nur eine Erfolgs-Strategie. Auf Soft-Reifen starten, auf Medium-Gummis zu Ende fahren. Der Reifen-Poker von Charles Leclerc hätte nur mit einem späten Safety-Car funktioniert. Der Taktik-Check.

Neun von 16 Fahrern im Ziel waren mit der gleichen Taktik unterwegs. Soft beim Start, Medium am Ende. Wobei der erste Stint wesentlich kürzer ausfiel als der zweite. Alle Einstopper mit dieser Reifenfolge kamen zwischen den Runden 6 und 14 an die Box.

Pirellis weichste Mischung erwies sich am Sonntag als heikle Wahl. Die Fahrer klagten über Körnen vorne wie hinten. „Es hat sich bei den Longruns am Freitag bereits angedeutet und wurde durch Gaslys Rennsimulation am Samstag bestätigt“, erzählten die Mercedes-Ingenieure.

Der Medium-Reifen war so robust, dass er nach Aussage der Techniker das ganze Rennen überstanden hätte. Kimi Räikkönen hat es mit seinem Boxenstopp in der sechsten Runde bewiesen. Der Finne drehte in Runde 48 seine persönlich schnellste Rennrunde. Mit Medium-Sohlen, die bereits 42 Runden alt waren.

Charles Leclerc und Pierre Gasly, die mit Medium-Reifen gestartet waren, führten den Spitzenreitern vor, welche Rundenzeiten mit der härteren Mischung möglich waren. Sie kämpften sich mühelos durch das Feld. In der 10. Runde war Leclerc bereits Vierter und Gasly Achter.

Mercedes hatte die Soft-Reifen in Bezug auf ihre Haltbarkeit sogar etwas überschätzt: „Wir dachten, dass sie wegen der relativen hohen Temperaturen am Start etwas länger halten würden. Deshalb haben wir den Fahrern die Order gegeben, sofort Tempo zu machen, um eine Lücke zu Vettel aufzufahren. Die Reifen sind dann etwas schneller eingebrochen als erwartet, bei uns auch ein bisschen früher als bei Vettel.“

Keine Chance zum Undercut

Der Vorsprung des Mercedes-Express betrug nach 10 Runden bereits beruhigende 10,5 Sekunden. Deshalb mussten sich Valtteri Bottas und Lewis Hamilton auch keine Sorgen um einen Undercut von Vettel machen. Das befreite die Strategen aus dem Dilemma, unter Umständen den zweitplatzierten Fahrer vor dem Spitzenreiter an die Boxen zu rufen, um sich vor Vettel zu schützen. So kam Bottas streng nach Lehrbuch vor Hamilton zum Service.

Hamilton holte sich zwei Runden nach Vettel frische Medium-Reifen ab. Sein Vorsprung schrumpfte von 7,7 auf 0,9 Sekunden. „Wäre Vettel eine Sekunde näher dran gewesen, hätten wir Lewis vorziehen müssen“, geben die Mercedes-Strategen zu. Mit dem Resultat, dass dann Bottas um seine Führung von 3,1 Sekunden betrogen worden wäre. Das hätte auch im Silber-Camp für Gesprächsbedarf gesorgt.

Der Undercut selbst war in Baku nicht so wirksam wie auf anderen Strecken. Das Problem stellte sich erst in der Runde nach dem Boxenstopp. „Du hast ein Polster von zwei Sekunden gebraucht, weil sich die Medium-Reifen so langsam aufgewärmt haben.“

Bottas vs. Hamilton - Formel 1 - GP Aserbaidschan 2019
Motorsport Images
Im ersten Stint auf den Soft-Reifen fuhr sich Mercedes das notwendige Polster heraus.

Die Überlegenheit der Mercedes auf den Soft-Reifen relativierte sich auf den Medium-Sohlen. Nach Abschluss aller Boxenstopps der Soft-Fraktion lag Bottas 5,5 Sekunden vor Vettel und 16,1 Sekunden vor Verstappen. In Runde 39 betrug der Vorsprung des Finnen auf Vettel 5,2 Sekunden, auf Verstappen 6,9 Sekunden. In dieser Phase war der Red Bull klar das schnellste Auto auf der Strecke.

Ohne die VSC-Phase ab Runde 40 wäre Vettel fällig gewesen. Doch nach dem Re-Start kamen Verstappens Reifen nie mehr richtig in ihr Arbeitsfenster. Und der Holländer musste sich von den Randsteinen fernhalten. An Gaslys Auto war eine Antriebswelle gebrochen. Die Red Bull-Ingenieure fürchteten bei Verstappen eine Wiederholung.

Auch Vettel musste am Ende vom Gas. Der Versuch der Aufholjagd hat den Ferrari zu viel Benzin gekostet. Mercedes betrieb zwischendrin immer mal wieder Lift and Coast. Als Spitzenreiter kann man sich das erlauben.

Damit waren die Mercedes-Piloten im Finale wieder unter sich. Sie bekamen freie Fahrt. Was nicht ganz unkritisch war, denn Vettel und Verstappen lagen immer noch so weit auf Schlagdistanz, dass sie von einem Fehler der Mercedes-Piloten hätten profitieren können.

Teamchef Toto Wolff beteuerte, dass es nicht einmal den Versuch von Stallregie gab: „Wir haben unseren Fahrern zu Beginn des zweiten Stints einmal gesagt, dass sie auf ihre Reifen aufpassen sollen, weil wir nicht wussten, ob sie halten. Dafür haben wir ihnen versprochen, dass sie in den letzten Runden frei fahren dürfen.“

Leclerc-Taktik auch von der Pole zu riskant

Aus Sicht von Mercedes hat Ferrari das Rennen bereits am Samstag verloren. Die Strategen führen drei Gründe an, die Mercedes die erste Startreihe schenkten. Erstens der Unfall von Charles Leclerc. Zweitens die fallenden Temperaturen, auf die Mercedes mit Frontflügel-Anpassungen besser reagierte als Ferrari. Drittens Vettels Quali-Runde ohne Windschatten.

„Mit Windschatten wäre er auf der Pole Position gestanden“, ist man sich im Silber-Lager sicher. Hätte er dann das Rennen gewonnen? Ferrari-Teamchef Mattia Binotto wollte es nicht ausschließen: „Wer vorne fährt, kann die Reifen viel besser managen. Das Rennresultat wurde bestimmt durch die Startposition.“

Leclerc vs. Vettel - Formel 1 - GP Aserbaidschan 2019
Motorsport Images
Vettel fuhr nicht nur vom besseren Startplatz los, er hatte auch die bessere Taktik als Charles Leclerc.

Leclerc war auch nach dem Rennen untröstlich: „Ich hätte auf die Pole Position fahren können. Es war meine Schuld, dass es nicht funktioniert hat. Deshalb geht auch das Resultat im Rennen auf meine Kappe.“ Der neue Star am Ferrari-Himmel räumte ein, dass sein Ferrari im Rennen nicht mehr so gut ausbalanciert war wie im Training. Er glaubte aber nach wie vor, dass der Versuch richtig war, auf Medium-Reifen in das Rennen zu starten.

Mercedes zweifelt, dass diese Taktik zum Erfolg geführt hätte, selbst wenn Leclerc damit von vorne losgefahren wäre. So wie das Rennen lief, war es besser den heiklen Soft-Reifen am Anfang zu fahren und nicht am Ende. „Wer mit Medium-Reifen anfängt, wird durch Undercuts aufgefressen.“

Leclerc musste 34 Runden auf der Strecke bleiben, obwohl er ab Runde 22 massiv Zeit auf seine Verfolger verlor. Man konnte den Soft-Reifen nicht mehr als 17 Runden zumuten. Und sie waren nur sechs Runden lang schneller. Dann hatte der Medium-Reifen wieder die Oberhand.

Leclerc hätte zwar bei einem Start von der Pole Position ein größeres Polster gehabt, doch es wäre nie groß genug gewesen, bis Runde 34 im Boxenstopp-Fenster von 18 Sekunden zu bleiben. Somit wäre der Ferrari-Pilot auch bei einem optimalen Rennen beim Reifenwechsel von Bottas, Hamilton, Vettel und Verstappen geschluckt worden.

„Ferrari hatte mit seinen Medium-Reifen am Start nur eine Trumpfkarte, und das war ein spätes Safety-Car. Das hätte ihnen den Boxenstopp geschenkt“, analysiert man im Lager der Sieger. Das Risiko, im Q2 mit Medium-Reifen zu fahren, war nach Ansicht von Mercedes auch mit dem schnellsten Auto im Feld zu groß.

„In Baku hast du so viele gelbe und rote Flaggen im Training, dass die Nummer leicht schiefgehen kann. Wir trauten uns das nicht zu, und wenn überhaupt, hätten wir es nur mit einem Auto probiert. Mit zwei grenzt es an Selbstmord. Ferrari hat sich da ohne Not auf ein Risiko eingelassen.“

Lando Norris - Formel 1 - GP Aserbaidschan 2019
Wilhelm
Lando Norris schenkte seinem Teamkollegen Carlos Sainz eine Position.

Überflüssiger Stopp von Norris

Auch im Mittelfeld war ein Stopp mit Soft am Start und Medium im langen Finale die populärste Strategie. Unter den Top Ten wichen nur Charles Leclerc und Lando Norris von diesem Schema ab. Leclerc genehmigte sich am Ende sogar zwei Soft-Garnituren, um wenigstens noch den Extra-Punkt für die schnellste Runde zu holen. Seine Zeit von 1.43,009 Minuten war eine Sekunde schneller als jede andere Runde.

Bei McLaren erinnerte sich der Renningenieur von Lando Norris an das Chaosrennen von 2018, als es sich lohnte in einer späten Safety-Car-Phase noch einmal frische Reifen abzuholen. Stoffel Vandoorne überholte mit dem Reifenvorteil in einer Runde vier Autos.

Norris gab durch den zusätzlichen Reifenwechsel nur eine Position an Teamkollege Carlos Sainz ab. Obwohl ihm die VSC-Phase 10 Sekuden der üblichen Boxenstopp-Zeit schenkte, lag er 9 Runden vor Schluss 10,3 Sekunden hinter Sainz. Das war auch mit einem frischen Satz Soft nicht mehr aufzuholen.

Im Rückblick hatte Norris Pech, dass Lance Stroll beim ersten Boxenstopp drei Sekunden verlor. Der Kanadier verlor damit viele Positionen und musste sich erst mühsam wieder in die Punkteränge vorkämpfen. Der dadurch eingehandelte Rückstand von 22 Sekunden auf die beiden McLaren ermutigte die Truppe von Norris erst zu dem vermeintlichen Matchwinner.

Bei Licht betrachtet war es ziemlich aussichtslos. Wen hätte Norris noch überholen wollen, außer seinem Teamkollegen Sainz, vor dem er ohnehin bereits lag? Sergio Perez hatte sich bereits ein Sieben-Sekunden-Polster auf die McLaren herausgefahren. Den Mexikaner hätte Norris nie mehr eingeholt.

Kimi Räikkönen fuhr trotz seines Starts aus der Boxengasse noch auf den letzten Punkterang. Der Schlüssel war der frühe Boxenstopp in Runde 6. Der aggressive Undercut spülte den Finnen am Ende der ersten Boxenstopp-Serie auf Platz 13 vor. Dann hatte er noch das Glück, dass mit Gasly, Ricciardo und Kvyat drei Fahrer vor ihm ausfielen.

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