Taktikcheck GP Australien 2018

Wurde Räikkönen betrogen?

Räikkönen & Vettel - GP Australien 2018 Foto: xpb 25 Bilder

Ferrari taktierte in Australien goldrichtig. Nur mit einer Doppelstrategie bestand eine Chance, Mercedes zu schlagen. Kimi Räikkönen war der Köder für Lewis Hamilton. Sebastian Vettel profitierte.

Der GP Australien war strategisch ein einfaches Rennen. 13 der 15 Fahrer im Ziel kamen mit einem Boxenstopp über die Distanz. Auch Pirellis Politik auf weichere Reifen zu gehen, machte ein Zweistopprennen nicht attraktiv. Der einzige Unterschied in den einzelnen Taktiken lag in der Reifenfolge. Acht Piloten waren mit der Standardtaktik ultrasoft-soft unterwegs. Valtteri Bottas und Stoffel Vandoorne wählten für den zweiten Stint Supersoft-Reifen. Das hatten auch die beiden HaasF1-Piloten vor.

Das zeigt, wie gut die US-Renner sind. HaasF1 hatte das Vertrauen, die Restdistanz von 36 Runden auf Supersoft-Reifen zu schaffen. Kevin Magnussen und Romain Grosjean konnten es nicht mehr beweisen. Sie kamen nach ihren verunglückten Boxenstopps nur noch ein paar hundert Meter weit. Nur Red Bull schwamm mit Supersoft-Gummis am Start gegen den Strom. „Hat sich nicht ausgezahlt, weil wir ständig im Verkehr gesteckt sind. Da wurden auch die Supersofts zu heiß“, ärgerte sich Motorsportchef Helmut Marko.

Räikkönen als Köder für Hamilton

Romain Grosjean - GP Australien 2018 Foto: xpb
Erst der Boxenstopp-Patzer bei Romain Grosjean machte den GP Australien spannend.

Es wäre wahrscheinlich ein ziemlich einschläfernder Grand Prix geworden, hätte Romain Grosjean nicht eine VSC-Phase provoziert, die später in ein echtes Safety-Car umgewandelt wurde, weil sich der HaasF1 mit der Nummer 8 nicht so einfach wegschieben ließ. Doch das spielte für den Rennverlauf keine Rolle mehr. Schon die VSC-Phase führte die Entscheidung herbei.

Wäre das Rennen normal weitergelaufen, wäre Sebastian Vettel nach seinem Boxenstopp rund 10 Sekunden hinter Lewis Hamilton gelegen. Und er hätte auch noch Kimi Räikkönen vor der Nase gehabt, hätte man den Finnen danach nicht von der Box aus eingebremst. Doch Vettel blieb nach seinem Boxenstopp in Führung. Was allenthalben für Überraschung, kuriose Erklärungsversuche und Verschwörungstheorien sorgte.

Doch beginnen wir mit dem Start des Rennen. Hamilton trat allein gegen zwei Ferrari an. Valtteri Bottas war vom 15. Startplatz nach seinem Trainingscrash keine Absicherung mehr. Damit lag die Taktik von Ferrari auf der Hand. Man wusste, dass der Mercedes im Schnitt 3 bis 4 Zehntel schneller sein würde, das aber im ersten Stint nicht ausspielen konnte, weil bei allen Teilnehmern Spritsparen und Reifenschonen angesagt war.

Es gab nur zwei Strategien, Mercedes zu schlagen: Entweder Räikkönen gewinnt den Start oder Ferrari musste Hamilton mit dem besser platzierten Auto in einen frühen Boxenstopp treiben, dann das zweite Auto so lange wie möglich auf der Strecke lassen und auf ein Wunder, sprich VSC oder Safety-Car, hoffen.

Räikkönens Pech war, dass er nach dem Start hinter Hamilton lag. Die Kritik, dass Ferrari den Finnen schon zu Saisonbeginn wieder zur Nummer 2 stempelt, ist falsch. Wäre Vettel Zweiter gewesen, hätte es ihn erwischt. Weil es aus Sicht von Ferrari nur diese eine kleine Chance gab, gegen einen schnelleren Mercedes zu gewinnen. Den schlechter platzierten Ferrari zuerst an die Box zu bringen, hätte keinerlei Sinn gemacht. Dann hätte Mercedes nicht mal gezuckt. Vettel lag in Runde 17 bereits 7,5 Sekunden hinter Hamilton. Da bestand keine Gefahr des Undercuts.

Auch mit Räikkönen musste sich Ferrari sputen. Der Rückstand der Startnummer 7 war bereits auf 3,3 Sekunden angewachsen. Er musste in Runde 18 an die Box, um Hamilton zu einer Reaktion zu zwingen. Das war der erste Moment, in dem Räikkönen sicher vor der Verfolgergruppe auf die Strecke kommen würde, die von Magnussen angeführt wurde. Da der Undercut in Melbourne nicht so stark ausfiel wie erwartet, hätte Mercedes seinen Fahrer nicht sofort an die Box bringen müssen. Aber auch wenn man etwas länger gewartet hätte, wäre das Rennen nicht viel anders verlaufen.

Warum gewinnt Hamilton nur 4 Sekunden auf Verstappen?

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Australien 2018 - Melbourne - Rennen Foto: xpb
Als Vettel das VSC-Zeichen sah, war ihm der Ernst der Lage sofort bewusst.

Der erste Fehler im Lager der Silberpfeile war, dass Hamilton nach seinem Boxenstopp nicht mehr zur Eile getrieben wurde. Er verkürzte den Rückstand auf Vettel zwischen den Runden 19 und 25 nur von 13,0 auf 11,3 Sekunden. „Wir haben uns zu wenig vor einer VSC-Phase geschützt“, konstatierte Chefingenieur Andrew Shovlin später.

Die Strategen machten es aus Angst um die Reifen. Hamilton musste auf der Garnitur Soft noch 40 Runden fahren, und man wusste nicht, wie lange Vettel seinen Boxenstopp rauszögern würde. Vermutlich ewig, denn er hatte nichts zu verlieren. Er wäre nicht weiter als auf Platz 3 zurückgefallen, da die Lücke zum Viertplatzierten Daniel Ricciardo bereits auf 27,5 Sekunden angewachsen war. Vettel wartete auf das Wunder. Sechs Runden nach Hamiltons Boxenstopp trat es ein.

Die Angst von Mercedes, dass sich Hamilton am Ende des Rennens womöglich mit abgefahrenen Soft-Gummis gegen einen Vettel auf relativ frischen Reifen, vielleicht sogar der Marke Supersoft, hätte verteidigen müssen, war unbegründet. Selbst dann wäre Vettel nie vorbeigekommen. Zum Überholen brauchte man in Melbourne in diesem Jahr ein Delta von 1,8 Sekunden. Die Position auf der Strecke wurde damit zum entscheidenden Faktor. Und die hat man aufs Spiel gesetzt, indem man Hamilton an der Grenze dessen fahren ließ, was bei einer VSC-Phase gerade noch für die Spitze gereicht hätte. Glaubte man am Mercedes-Kommandostand.

Jetzt kommt die Geschichte mit dem Rechenfehler ins Spiel. Laut Mercedes wurde das Fenster für Hamilton um 2,4 Sekunden falsch berechnet. Warum auch immer. Vermutlich hat die Software nur die Zeit kalkuliert, die Vettel bei einem Boxenstopp unter VSC gegenüber einem Boxenstopp unter normalem Renntempo gewinnt. Also rund 10 Sekunden.

Das liegt daran, dass die VSC-Regeln zwischen den SafetyCar-Linien SC1 und SC2 aufgehoben sind. Der Zeitverlust bei einem Boxenstopp ist also der gleiche, als wäre das Rennen frei gelaufen. Das Rennen draußen auf der Strecke ist unter VSC-Bedingungen aber langsamer. Wie groß das Geschenk ist, bestimmt die Länge der Passage zwischen den Safety-Car-Linien und die Zone, in der das Boxen-Speedlimit gilt.

Das Delta, das man braucht um vorne zu bleiben, beträgt unter Normalbedingungen 22,5 Sekunden. Unter VSC demnach 12,5 Sekunden. Vettel hatte in Runde 25 einen Vorsprung von 11,3 Sekunden auf seinen Verfolger. Hamilton schien auf der sicheren Seite zu sein. Wo also liegt der Fehler? Warum betrug der Vorsprung des Ferrari bei der Zielpassage in der 26. Runde 3,9 Sekunden?

Die Antwort klingt verblüffend: Weil Vettel als Führender noch ein zweites Geschenk bekam. Er konnte in dieser 26. Runde 700 Meter länger Vollgas geben als Hamilton. Und das sind von dem Punkt, an dem beide auf VSC-Speed abbremsen müssen bis zur SC1-Linie diese ominösen 2,4 Sekunden, die in der Mercedes-Rechnung fehlten.

Vettel kennt Reglement ganz genau

Sebastian Vettel - Ferrari - GP Australien 2018 - Melbourne - Rennen Foto: xpb
Als das Safety-Car auf die Bahn kam, war die Messe für Hamilton schon gelesen.

Nach der gleichen Rechnung hätte Hamilton dann aber auch mehr Zeit gegen Max Verstappen gewinnen müssen, als es das Protokoll ausweist. Verstappen musste die komplette Runde 26 im VSC-Speed zurücklegen, während Hamilton noch bis zur Sektor 1-Grenze voll fahren konnte. Die Differenz der beiden betrug aber nur 4 Sekunden zugunsten Hamiltons. Rein rechnerisch zu wenig. Hat der Weltmeister da vielleicht zu viel den Fuß vom Gas genommen? Die Strategen widersprechen: „Selbst wenn er da ein bisschen verliert, kann er das später in der Runde wieder aufholen. Er muss in den Sektoren im Durchschnitt innerhalb des VSC-Speeds bleiben.“

Rückblickend ist es wohl eine Kombination aus mehreren Faktoren, die Hamilton den Sieg gekostet hat. Die falschen Angaben der Software, der Verzicht Hamilton zur Eile zu treiben um auf der sicheren Seite zu sein, Hamiltons nicht ganz ideale 26. Runde mit rund einer Minute unter VSC-Signal und ein Vettel, der sich im Regelbuch exzellent auskennt. Der vierfache Weltmeister gab zwischen der Safety-Car-Linie und der Boxeneinfahrt so viel Gas, dass er alle Hochrechnungen der Strategieprogramme um eine halbe Sekunde unterbot.

Man muss als Fahrer natürlich auch wissen, dass man da Zeit gutmachen darf. Vettel sagte nach dem Rennen: „Als die VSC-Lichter angingen, wusste ich: Das ist meine Chance. In der Runde zurück an die Box hat das Adrenalin gepumpt. Alles war am Limit, um so viel rauszuholen wie möglich. Die Box hat mir gesagt, dass es eng mit Lewis werden würde.“ Das kann nur heißen: Ferraris Computer haben richtig gerechnet.

Fernando Alonso, Valtteri Bottas und Daniel Ricciardo hatten die Gunst der Stunde ebenfalls auf den Schirm. Ihre Boxendurchfahrtzeiten lagen in Vettels Bereich. Es lohnte sich. Alonso machte zwei Positionen gut, Bottas eine. Dazu noch zwei Plätze, die man von HaasF1 geschenkt bekam.

Im Rest des Rennens passierte nicht mehr viel. Nur Bottas schaffte noch ein Überholmanöver. Der Platztausch mit Stoffel Vandoorne war sein drittes Überholmanöver. Zu Beginn des Rennens war der Mercedes-Pilot schon an Lance Stroll und Esteban Ocon vorbeigegangen. Ein kleiner Rekord, aber kein Trost.

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