Lewis Hamilton - GP Australien 2017 Wilhelm
Sebastian Vettel - GP Australien 2017
Daniel Ricciardo - GP Australien 2017
Esteban Ocon - GP Australien 2017
Gruppenfoto - GP Australien 2017 65 Bilder

Taktik-Check GP Australien

Hamilton machte Strategen nervös

Der GP Australien entschied sich beim Boxenstopp. Sebastian Vettel konnte 6 Runden länger fahren als Lewis Hamilton. Der Mercedes-Pilot hatte die Strategen mit seinem Hilferuf zu dem frühen Reifenwechsel gedrängt.

Sebastian Vettel bedankte sich bei seiner Siegeransprache bei Max Verstappen. Der erste Saisonsieger hatte zwar das schnellste Auto im Feld, doch er brauchte die Mithilfe der Konkurrenz, um in Führung zu gehen. Zuerst musste Lewis Hamilton überraschend früh den ersten Boxenstopp einlegen. Dann musste Max Verstappen den Mercedes-Fahrer 6 Runden lang Zeit kosten.

Mercedes wurde in den frühen Boxenstopp getrieben. Weil Sebastian Vettel direkt hinter Hamilton lag und Hamilton nicht auf Teamkollege Valtteri Bottas als Puffer vertrauen konnte, durfte beim und nach dem Boxenstopp nichts schiefgehen. Es ging aber etwas schief. Nachdem Hamilton zunächst virtuell weiter in Führung lag und den Rückstand bis zur 19. Runde sogar auf beruhigende 21,1 Sekunden reduzieren konnte, stand plötzlich Max Verstappen im Weg. Und der kostete Hamilton in den folgenden 4 Runden 3,4 Sekunden.

Zu viel. Vettel kam nach seinem Boxenstopp vor Verstappen und Hamilton auf die Strecke zurück. Und baute dann seinen Vorsprung auf 5,8 Sekunden aus, weil Hamilton zwei weitere Runden hinter dem Red Bull festhing. Game over. Der Mercedes funktionierte zwar auf den Soft-Reifen besser, doch Hamilton kam schlechter durch den Verkehr und er hatte in den ersten Runden seine Reifen überfordert. Die haben ein Gedächtnis. Deshalb holte auch Bottas zum Schluss so stark auf.

Hamilton bettelte um einen Boxenstopp

Mercedes stellte sich nach dem Rennen viele Fragen. Warum baute an den Silberpfeilen der Ultrasoft-Gummi so stark ab? Warum nur bei Mercedes? Und warum trat dieses Problem nicht schon am Freitag bei den Rennsimulationen auf? „Die Antwort ist: Wir wissen es nicht“, sagten die Ingenieure. Sie waren aber zuversichtlich, dass ihnen Datenstudium die Antwort liefern würde. Wie immer.

Aus strategischer Sicht muss man fragen, ob es wirklich nötig war, Hamilton schon in Runde 17 an die Box zu holen. Hätten die Ingenieure nur die Daten sprechen lassen, hätten sie den Engländer wahrscheinlich auf der Strecke gelassen. Obwohl sie an Reifen zu hohe Oberflächentemperaturen erkennen konnten. Doch Hamilton wurde wie schon 2015 in Monte Carlo nervös und steckte die Strategen mit seinen Hilferufen an.

Lassen wir die Strategen sprechen. „Lewis hatte sich in den Runden zuvor mehrmals am Funk beklagt, dass seine Reifen am Ende sind. In der 17. Runde war er im ersten Sektor 3 Zehntel langsamer, im zweiten eineinhalb. Er hat uns dann gesagt, dass er an die Boxen kommen muss. Es sah für uns so aus, dass die Reifen bald komplett einbrechen würden, mit dem Risiko, dass Lewis von der Strecke fliegt.“

Die Reifeninspektion danach ergab: Der Satz war nur am Limit. „Wir hätten weiterfahren können. Wir haben auf der Basis der Informationen des Fahrers gehandelt, und es war möglicherweise falsch.“ Damit spielte es für den Kommandostand auch keine Rolle, dass Hamilton hinter Kimi Räikkönen und Max Verstappen fallen würde. „Das war immer klar. Wir haben aber gesehen, dass er nicht direkt auf sie treffen würde. Er hatte noch 4 Sekunden Abstand. Das sollte ihm für 4 Runden freie Fahrt erlauben. Wir rechneten damit, dass die Reifen von Ferrari und Red Bull auch bald einbrechen würden. Das hätte uns Max und Kimi aus dem Weg geschafft. Tatsächlich aber waren wir die einzigen, die Reifenprobleme hatten. Für alle anderen waren die Reifen sehr robust und konstant.“

Ferrari wartete auf seine Chance

Ferrari machte alles richtig. Nach Hamiltons Boxenstopp machte es keinen Sinn, sofort zu kontern. Vettel wäre automatisch wieder hinter den Mercedes gefallen. „Also sind wir draußen geblieben und haben auf einen Overcut gehofft. Sebs Rundenzeiten waren immer noch gut“, erklärte Einsatzleiter Jock Clear.

Die Gelegenheit ergab sich, als Verstappen dem Gegner genügend Zeit gekostet hatte. Danach war der Sieg für Vettel nur noch Formsache. Der Ferrari-Pilot wusste auf jede schnelle Runde seines Verfolgers eine Antwort. 20 Runden vor Schluss stellte Hamilton seine Angriffe ein. „Ich hatte Angst, dass ich mit dem Satz nicht über die Distanz komme, wenn ich weiter so attackiere.“ Mercedes dachte kurz über Plan B mit 2 Stopps nach, ordnete dann aber Spritsparen und Motorschonen an. Der erste Motor soll 6 Rennen bis inklusive Monte Carlo halten.

Nach den Freitag-Longruns hatte Mercedes ausgerechnet, dass man im Rennen deutlich schneller als die Ferrari sein würde und eigentlich nur den Start gewinnen müsse, um das Rennen zu gewinnen. Weit gefehlt. „Unser Auto hat am Sonntag nicht mehr so funktioniert wie am Freitag. Es hat mit den Reifen anders gearbeitet, hatte weniger Grip, die Balance stimmte nicht mehr. Das Komische ist, dass die Bedingungen nicht so dramatisch anders waren. Der Temperaturanstieg war gering. Da müssen andere Gründe eine Rolle gespielt haben. Vettel hatte anfangs keine Mühe uns zu folgen, und er ist auch später das gleiche Tempo gefahren. Unter dem Strich war Ferrari schneller.“

Hat Pirelli zu gute Arbeit geleistet?

Die langlebigen neuen Pirelli-Reifen machen die Rennen einfach zu lesen. Man musste kein Strategie-Handbuch mehr konsultieren, um den GP Australien nachzuerzählen. Die 13 Fahrer im Ziel fuhren mit 5 unterschiedlichen Taktiken. Nur 2 Piloten waren mit 2 Stopps unterwegs. Daniil Kvyat gezwungenermaßen, weil die Ventilpneumatik des Renault-Sechszylinder nach Luft verlangte.

Nico Hülkenberg stoppte in den Runden 16 und 30 und wechselte von Ultrasoft auf Soft und zurück auf Ultrasoft. Er verlor gegenüber seinem direkten Gegner Esteban Ocon 23 Sekunden, kam aber nur eine Sekunde hinter dem Franzosen ins Ziel. Für die Toro Rosso hätte es nicht mehr gereicht. Die waren 37 Sekunden weit weg.

Die beste Taktik hatten die Sieger. Acht Piloten fingen mit dem Ultrasoft-Reifen an und hörten mit dem Soft-Reifen auf. Darunter die Top 4. Nur Max Verstappen und Antonio Giovinazzi fielen aus dem Raster. Verstappen ging mit Supersoft-Gummis in den zweiten Stint und konnte attackieren, bis ihn 3 Runden vor Schluss die Bremsen im Stich ließen. Giovinazzi begann mit Soft und hörte mit Supersoft auf.

Die Reifenwechsel der Einstopper waren weit gestreut. Stoffel Vandoorne machte in Runde 9 den Auftakt. Daniil Kvyat schloss sie in der 34. Runde ab. Diese 34 Runden auf dem Ultrasoft-Gummi zeigen, dass Pirelli über den Winter gute Arbeit geleistet hat. Manche meinen schon wieder “zu gute“. Die Kritiker fordern weichere Mischungen. Dabei hatte Pirelli in Melbourne schon die weichsten Reifentypen im Angebot.

Vielleicht hat die Reduzierung der Boxenstopps ja auch etwas Gutes. Der Undercut ist nicht mehr ganz so wirkungsvoll. Man muss nach dem Boxenstopp schon freie Fahrt haben, um vom früheren Reifenwechsel zu profitieren. Wer danach noch Plätze gewinnen will, muss auf der Rennstrecke zuschlagen. Für Sergio Perez und Esteban Ocon hat es sich gelohnt.

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