Taktik-Check GP Bahrain

Die langsamere Strategie gewann

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: Ferrari 69 Bilder

Dar GP Bahrain wurde zum Fest für Taktikfans. Das Duell zwischen Ferrari und Mercedes war mehr ein Schachspiel als ein Rennen. Mercedes zwang Ferrari Plan B auf. Wir erklären, warum der am Ende doch zum Erfolg führte.

Der GP Bahrain entschädigte mit 52 Überholmanövern für die Prozession in Melbourne. Das lag nicht nur am Streckenprofil und der verlängerten DRS-Zone auf der Zielgerade. Auch das Reifenangebot von Pirelli und der raue Asphalt spielten eine Rolle. Das lud zu insgesamt 10 verschiedenen Strategien ein. Und so trafen die Fahrer auf unterschiedlichen Reifentypen mit unterschiedlicher Laufzeit und unterschiedlichem Gripniveau auf der Rennstrecke zusammen. Das war schon immer Stoff für guten Rennsport.

Am Ende standen drei Fahrer auf dem Podium, die nur mit der zweitschnellsten Strategie unterwegs waren. Ein Einstopp-Rennen war auf dem Papier um acht Sekunden langsamer als zwei Stopps. Nur bei Lewis Hamilton war ein Reifenwechsel Plan A. Das machte vom 9. Startplatz aus auch Sinn. Sebastian Vettel und Valtteri Bottas zwang die Rennsituation den Verzicht auf einen zweiten Stopp auf.

Vettel gab nach dem Rennen zu: „Wir wollten eigentlich zwei Mal stoppen.“ In Runde 40 teilte ihm sein Renningenieur Ricardo Adami mit: „Seb, wir gehen auf Plan B.“ Und der hieß Durchhalten bis zum bitteren Ende. Nicht einmal Pirelli hätte gedacht, dass eine Garnitur Soft-Reifen 39 Runden lang überleben kann. „Der Verschleiß war kein Problem. Wir sahen eher den Gripverlust kritisch“, erklärte Sportchef Mario Isola.

Tatsächlich begann sich der Soft-Gummi an Vettels Ferrari 12 Runden vor Schluss abzumelden. Ab da holte Bottas dramatisch auf. „Die letzten fünf Runden waren ganz schlimm. Es kamen auch noch Vibrationen dazu“, gab Vettel zu. Man konnte sehen, wie er seinen Ferrari in den Kurven immer so positionierte, dass die Reifen möglichst wenig leiden und Querkräfte übertragen mussten. Und wie er sich den Batterievorrat so einteilte, dass er auf den beiden DRS-Sektionen immer volle Elektrokraft hatte.

Bottas-Reifen nur zwei Runden frischer

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: xpb
Vettel musste 39 Runden auf den Soft-Reifen durchhalten.

Valtteri Bottas fehlte am Ende eine Runde. Lewis Hamilton hätte fünf Umläufe mehr gebraucht. Bottas hatte den Ferrari zwar zwei Runden vor Schluss eingeholt, doch mehr als ein halbherziger Angriff am Ende der Zielgeraden sprang dabei nicht heraus. Kritik, ein Hamilton oder Verstappen hätte in der gleichen Situation mit Vettel kurzen Prozess gemacht, lassen die Mercedes-Ingenieure nicht gelten.

„Wenn Valtteri eine Runde mehr gehabt hätte, wäre er vorbei gegangen. Deshalb liegt der Fehler bei uns. Wir hätten ihn früher an Vettel heranlotsen müssen. Und vergesst nicht: Auch seine Medium-Reifen waren nicht mehr im Idealzustand. Sie hatten nur zwei Runden weniger auf der Lauffläche als Vettels Soft-Garnitur.“

Der GP Bahrain war mehr als nur ein Autorennen. Er war ein Schachspiel ohne Bedenkzeit. Das Mercedes durchaus gewinnen hätte können. Die Strategen zählen eine ganze Reihe von Gründen auf, warum auch der zweite Sieg an Ferrari ging. „Wir haben zu viele Chancen liegen lassen. Die Getriebestrafe für Lewis. Mit zwei Autos weiter vorne hätten wir Ferrari mehr unter Druck setzen können. Wir hätten Valtteri auf Soft-Reifen qualifizieren lassen sollen. Das hätte uns bei einem Einstopp-Rennen mehr Flexibilität gegeben. Valtteri verlor im Verkehr insgesamt 2,5 Sekunden auf Vettel. Die haben ihm am Schluss gefehlt. Wir hätten auch Valtteris Speed besser managen können, bevor klar wurde, dass Ferrari Vettel durchfahren lässt.“

Das sind die Momente, in denen auch das beste Strategieprogramm der Welt keine Antworten weiß. Für Vettel ergaben sich nach der Serie der ersten Boxenstopps zwei Varianten. Die wahrscheinliche: Er stoppt ein zweites Mal und fällt hinter die beiden Mercedes. Dann hätte er mit einem frischen Satz Supersoft in der Hinterhand zur Attacke geblasen.

Dafür aber hätte er sich aber mindestens bis zu Runde 38 Zeit lassen müssen, damit ihm die extraweichen Reifen auch bis zum Ende Extragrip geben und nicht selbst einbrechen. Die riskante Wahl war, auf der Strecke zu bleiben, die Spitze zu halten und darauf hoffen, dass ihn die Mercedes nicht überrennen.

Die Zwickmühle von Mercedes

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Mercedes steckte in der Zwickmühle: „Wir mussten den besten Kompromiss finden, um Vettels zwei Taktik-Varianten abzudecken. Wenn er zwei Mal stoppt, hätten wir am Ende Reifen gebraucht, mit denen wir uns hätten verteidigen können. Deshalb durfte Bottas nicht zu früh zu aggressiv fahren. Andererseits mussten wir die Lücke zu Vettel rechtzeitig schließen, um noch genug Zeit zu einem Angriff zu haben.“

„Wir haben mehr in die Richtung tendiert, dass er noch einmal stoppen würde. Deshalb haben wir Valtteri etwas zurückgehalten, damit genug Leben in den Reifen bleibt. Im Rückblick hätten wir früher damit anfangen sollen, die Lücke zu Vettel zu schließen.“

In Runde 34 ergab sich folgender Stand. Vettel führte 4,2 Sekunden vor Bottas und 20,2 Sekunden vor Hamilton. Damit lag er mit einem zweiten Stopp bereits hinter den beiden Silberpfeilen. Ferrari war selbst unsicher und beschloss Kimi Räikkönen als Versuchskaninchen an die Box zu holen.

Der Finne sollte Antworten geben, wie viel Zeit man auf Supersoft-Reifen auf Mercedes gutmachen würde. Abhängig davon würde man mit Vettel reagieren. Doch die Antwort blieb aus. Der Boxenstopp endete in einem Unglück. Die Versorgung des verletzten Mechanikers blockierte für zwei Runden die Box.

Mercedes seinerseits verspürte wenig Lust, das Malheur zu seinen Gunsten auszunutzen. „Wir haben kurz überlegt, ob wir eines unserer Autos reinholen sollten, aber wir wollten nicht 10 Meter entfernt von einem verletzten Mechaniker am Boden einen Boxenstopp im Renntempo abwickeln. In dem Moment war nur wichtig, dass der Ferrari-Mann gut versorgt werden kann. Es hätte auch nicht viel gebracht. Bottas lag da schon wieder 6 Sekunden hinten. Vettel hätte auf einen zweiten Stopp von ihm reagieren können und wäre immer noch vorne geblieben. Auch wenn Lewis für Valtteri hätte Platz gemacht hätte, wäre immer noch das Problem gewesen, Vettel auf der Strecke zu überholen.“

Der Coup mit einem Stopp für Bottas

Kimi Räikkönen - GP Bahrain 2018 Boxen-Unfall bei Ferrari Mechaniker erleidet Beinbruch

Als Ferraris Boxencrew wieder bereit stand und immer noch nichts passierte, da wusste Mercedes, dass Vettel nun auf Plan B fuhr. Zu dem Zeitpunkt hielt man auch am Mercedes-Kommandostand einen 39-Runden-Stint mit Soft-Reifen für möglich: „Wir haben ursprünglich mit maximal 30 Runden gerechnet. Als wir die Soft-Reifen von Lewis nach dem ersten Stint gecheckt hatten, sahen wir, dass Verschleiß kein Problem war. Da war uns klar, dass Sebastian bis zum Ende fahren kann.“

„Vettel hat sehr guten Job gemacht, die Reifen am Leben zu halten. Trotzdem hätten wir bei dem Speed-Delta zwischen Valtteri und Vettel nicht geglaubt, dass Seb die Führung halten kann. Das DRS auf der Zielgeraden hat dem Hintermann 12 Meter geschenkt. Vettel ist gefahren wie ein echter Champion.“

Der interessanteste Schachzug aber war, als sich Mercedes auch bei Bottas für einen Stopp entschied. Und das hat seine Vorgeschichte im ersten Renndrittel. „Ferrari hatte ein anderes Speed-Profil als wir. Sie haben am Anfang des Stints ihre Zeit gemacht, wir am Ende. Deshalb haben wir Ende des ersten Stints auf die Ferrari aufgeholt. Zunächst haben wir auf einen Undercut gegen Vettel gesetzt. Aber die Lücke war gerade noch nicht groß genug, als Ferrari uns zuvorgekommen ist.“

„Sie haben Vettel zum frühestmöglichen Zeitpunkt reingeholt. Das hat uns mehr Freiheiten bei der Reifenwahl für Bottas gelassen. Ferrari hat dann richtigerweise auch Kimi abgefertigt, um Bottas ebenfalls zu einem Reifenwechsel zu zwingen. In dem Moment schien uns das Alternativprogramm mit einem Stopp und Medium-Reifen der richtige Weg.“

Hier gab es folgende Überlegung: „Die Reifenfolge Supersoft-Soft wurde als Möglichkeit in Betracht gezogen, doch man brauchte dafür einige günstige Umstände. Uns erschien der Medium die sicherere Variante für ein Einstopprennen. Wir kannten den harten Reifen von einem Longrun am Freitag. Und Alonso war schon einige Runden zuvor mit dem Medium-Reifen unterwegs und fuhr schnelle Runden damit.“

Lewis Hamilton hätte keine Taktik der Welt mehr auf Platz 1 gebracht. Das Rennen war schon nach acht Runden verloren. Da tauchte der Weltmeister erstmals auf Platz 4 auf. „Die Jungs vorne lagen 15 Sekunden vor mir. Das war nicht mehr aufzuholen.“

Auch wenn der Funkverkehr einwandfrei funktioniert hätte. Hamilton konnte seine Box hören, die aber nicht ihn. Die Strategen erklären, warum das mit den ferngesteuerten Rennen ein Handikap ist: „Für den Fahrer ist es schwer, das Rennen zu überblicken. Er hat in diesen Autos nur ein kleines Sichtfeld. Lewis fuhr die meiste Zeit alleine im Feld herum. Da braucht der Fahrer Führung, ob er Attacke machen soll oder nicht. Er muss informiert werden, auf welcher Taktik Vettel unterwegs ist, um ihm ein Gefühl für das Rennen zu geben. Leider konnten wir seine Fragen an uns nicht beantworten, weil wir ihn nicht verstanden.“

Sauber überrumpelt Konkurrenz mit Einstopp-Taktik

Marcus Ericsson - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: sutton-images.com
Ericsson wurde zum neunten Platz gelotst.

Auch im Verfolgerfeld lieferte der GP Bahrain ein unterhaltsames Rennen ab. Dass sich am Ende Pierre Gasly durchgesetzt hat, hatte mehr mit dem Speed des Toro Rosso-Honda zu tun als mit der Taktik und der Reifenwahl. „Gasly war einfach schneller als wir“, gab HaasF1-Teamchef Guenther Steiner zu. „Wir hätten nur eine Chance gegen ihn gehabt, wenn Kevin das Duell in der ersten Runde gegen ihn gewonnen hätte.“ Auch der zweimalige Undercut, einmal mit den weicheren, dann mit den härteren Reifen, brachte Magnussen keinen Erfolg. Gasly war einfach zu schnell.

Die Gruppe um Nico Hülkenberg, Fernando Alonso und Esteban Ocon fuhr in einer separaten Klasse hinter Toro Rosso und HaasF1. Die drei stoppten fast synchron, allerdings mit unterschiedlichen Reifenfolgen. Hülkenberg wechselte von Supersoft auf Soft und wieder Supersoft. Alonso von Soft auf Medium und Supersoft. Ocon ließ Supersoft zuerst Medium, dann Soft folgen. Der Franzose hatte den längsten letzten Stint. Er verlor aber zu viel Zeit auf der harten Gummimischung. Der Force India brachte sie nicht richtig zum Arbeiten. Die Reihenfolge der drei blieb das ganze Rennen über praktisch gleich.

Ab Hälfte des Rennens mischten sich zwei Störenfriede in diesen Pulk. Sauber hielt Marcus Ericsson konsequent auf einer Einstopp-Strategie. Mit den Reifen Soft und Medium gewann der Schwede bis zum zweiten Stopp der Konkurrenz sieben Plätze im Vergleich zu seiner Position in der ersten Runde.

Dann wurde das Rennen zur Verteidigungsschlacht für den Sauber-Piloten. Ericsson machte seine Sache gut. Die zwei McLaren waren nicht zu halten. Doch Ericsson fuhr trotz der Zweikämpfe mit Fernando Alonso und Stoffel Vandoorne so schnelle Rundenzeiten, dass ihn Esteban Ocon und Carlos Sainz nicht mehr einholen konnten. Sein erster Punktgewinn seit Monza 2015 war eine Meisterleistung der Strategie und des Fahrers. Ericsson ließ immerhin fünf Fahrer in schnelleren Autos hinter sich.

Für Vandoorne gab es nach einem Katastrophenstart nur eine Strategie: Maximale Attacke. Der Belgier lag nach der ersten Kurve am Schluss des Feldes. Am Ende wurde er Achter. McLaren zählte elf Überholmanöver. Auch hier half die Strategie mit. Die Boxenstopps in den Runden 10 und 28 waren so getimt, dass Vandoorne mit frischen Reifen auf Fahrer traf, die schon mit starkem Gripverlust kämpften. So konnte McLaren trotz der Trainingspleite 10 weitere WM-Punkte verbuchen und steht jetzt wenigstens für sieben Tage auf Platz 3 der Konstrukteurs-WM.

Neuester Kommentar

"Die wahrscheinliche: Er stoppt ein zweites Mal und fällt hinter die beiden Mercedes. Dann hätte er mit einem frischen Satz Supersoft in der Hinterhand zur Attacke geblasen."

Da verstehe ich Mercedes nicht ganz, denn Attacke blasen kann man, wenn man nicht Benzin sparen muss.
Und da ist Ferrari nicht der Klassenprimus. Okay die VSC hat etwas gebracht, aber ich glaube nicht, dass Vettel nach dem 2.Stopp alle Runden auf Attacke fahren hätte können.

Mercedes hätte den Einstopp-Plan von Ferrari zu dem Zeitpunkt und den Abständen im Feld antizipieren können.

Butter_my_Butt 11. April 2018, 11:03 Uhr
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