Lewis Hamilton - GP Bahrain 2019 Wilhelm

Taktikcheck GP Bahrain 2019

Mercedes lockt Vettel in die Falle

In Bahrain bekamen die Fans endlich mal wieder ein Zweistopp-Rennen geboten. Mercedes lockte Sebastian Vettel mit einem zweimaligen Undercut in die Falle. Die schnappte aber erst im zweiten Versuch zu. Der Taktik-Check.

Wann hatten wir zuletzt 40 Boxenstopps? Beim GP Deutschland letztes Jahr. Und da zwangen Regenschauer viele Fahrer unfreiwillig an die Box. Der GP Bahrain war ein echtes Zweistopp-Rennen. Nur Daniel Ricciardo versuchte mit einem Reifenwechsel über die Runden zu kommen. Was zunächst wie ein guter Coup aussah, weil Ricciardo nach allen Boxenstopps auf Platz 6 lag, stellte sich als Mission Impossible heraus. „Die Reifen haben immer mehr abgebaut. Ich fuhr am Ende mit dem Rücken zur Wand.“ Teamkollege Nico Hülkenberg staunte: „Ich hätte mir das nicht zugetraut.“

Im letzten Jahr konnte man mit einem Stopp noch gewinnen. Und die Gummimischungen waren weicher. „Der Asphalt in Bahrain wird immer rauer. Das geht auf die Reifen“, bedauerte Pirelli-Sportchef Mario Isola. Ein böiger und starker Wind trug ebenfalls zur starken Reifenabnutzung bei. Er warf die Fahrer immer wieder aus der Bahn. Jeder Rutscher verkürzte das Leben der Reifen.

Wer hat den Finger als erster am Abzug?

Doch halten wir uns nicht mit grundsätzlichen Fragen auf. Für Mercedes, Ferrari und Red Bull stand eine Zweistopp-Strategie von vornherein fest. Kurz nachdem Charles Leclerc die Spitze übernommen hatte und Sebastian Vettel davonzog, war dem Kommandostand von Mercedes klar: Diesen Leclerc schlägt keine Taktik der Welt. „Ab da haben wir uns voll auf Vettel konzentriert.“

Genauer gesagt auf das Duell Vettel gegen Hamilton. Valtteri Bottas kämpfte mit Balanceproblemen, vor allem auf dem zweiten Stint mit Medium-Reifen. Da vergrößerte sich sein Rückstand auf Lewis Hamilton um 10,6 Sekunden. Und genau in dieser Phase beklagte sich Hamilton, dass er wie eine „lahme Ente“ fahre. „Das Auto war auf den Soft-Reifen unberechenbar.“

Mercedes splittete die Taktik mit Bedacht. Wer hinten liegt, kann riskieren. Hamilton sollte zwei Mal einen Undercut gegen Vettel versuchen. Beim ersten Mal mit kurzfristigem Erfolg. Hamilton stoppte in Runde 13, Vettel einen Umlauf später. Das reichte, um Hamilton am zweiten Ferrari vorbeizubringen. Vettel revanchierte sich neun Runden danach auf der Strecke.

Sebastian Vettel - GP Bahrain 2019
Motorsport Images
Mercedes konzentrierte sich ganz auf das Duell Hamilton vs. Vettel.

Beim zweiten Undercut-Versuch blieb Vettel vorn, obwohl Hamilton wieder eine Runde früher an die Box kam. Diesmal regelte Hamilton das Problem im direkten Zweikampf. Er brachte die Medium-Reifen schneller in den grünen Bereich. Vettel war mindestens drei Runden lang verwundbar. In denen konnte er Hamilton nicht aus dem DRS-Bereich abschütteln. „Ich hätte Lewis so oder so nicht halten können und wäre früher oder später fällig gewesen“, beteuerte Vettel.

Der erste Undercut zwang Mercedes dazu, Hamilton auch im zweiten Stint einen Satz Soft mitzugeben. „Wenn wir den Finger als erstes am Abzug haben und gleichzeitig mit zwei Stopps über die Distanz kommen wollten, mussten wir den weichsten Reifen nehmen. Der Medium hätte uns gezwungen den ersten Stint so weit raus zu zögern, dass wir am Ende dem Soft-Reifen nicht eine zu lange Distanz zumuten müssen. Und wir hätten hoffen müssen, dass uns der Soft bei den kühlen Bedingungen am Ende wirklich was bringt. In diesem Fall hätte Ferrari den Undercut vorweg genommen“, erklärten die Strategen.

Hätte Ferrari zweitem Undercut vorgreifen sollen?

Gegen alle Erwartungen erwiesen sich die Soft-Gummis für Hamilton im zweiten Stint mehr als heikel. Der Grip-Vorteil gegenüber den Medium-Reifen von Vettel war schon nach drei Runden aufgebraucht. In Runde 23 ging Vettel an dem Mercedes vorbei und baute seinen Vorsprung bis zur 34. Runde auf 4,7 Sekunden aus. Genug um bei einem früheren Stopp von Hamilton vorne zu bleiben, aber zu wenig, um den Gegner nicht wieder in eine aussichtsreiche Position zu bringen.

Und genau darauf war Mercedes aus. Die Strategen holten Hamilton zum frühestmöglichen Zeitpunkt an die Box. „Eine Runde länger, und wir verlieren noch mal drei Sekunden auf Vettel.“ Die Taktik war klar: „Wir haben gewürfelt in der Hoffnung, Vettel irgendwie unter Druck zu setzen. Das war unsere einzige Chance.“

Die beiden Undercuts werfen die Frage auf, ob Ferrari die nicht hätte vorwegnehmen können. „Beim zweiten hätte Sinn gemacht“, meinte Vettel. Auch beim ersten, sagt Mercedes. Die Strategen im Lager des Titelverteidigers nutzten gerade noch so eine Notlage von Ferrari aus. In Runde 12 führte Leclerc mit 3,3 Sekunden vor seinem Teamkollegen. Als Spitzenreiter verdiente er sich die bessere Taktik, sprich den früheren Stopp. 3,3 Sekunden sind bei einem Undercut kein Ruhekissen. Das wusste Mercedes und holte Hamilton zeitgleich mit Leclerc an die Box.

Sebastian Vettel - GP Bahrain 2019
Motorsport Images
Hätte Ferrari Vettel mit einem besseren Boxen-Timing helfen können?

Wäre Vettel zuerst abgefertigt worden, wäre er vor Hamilton geblieben und hätte im zweiten Stint einen viel größeren Vorsprung herausfahren können. Er wäre dann gar nicht mehr in Verlegenheit mit Hamilton gekommen. Doch die Nummer war Ferrari zu heiß. Man stelle sich vor, Leclerc wäre nach dem ersten Stopp hinter Vettel gefallen. Das hätte für Unfrieden im Team und böse Fragen nach Stallregie gesorgt.

Beim zweiten Stopp sind sich auch die Experten von Mercedes nicht sicher, was sie an Stelle von Ferrari getan hätten. „Das Fenster für den letzten Reifenwechsel ging in Runde 34 gerade so auf. Hätten sie Seb früher reingeholt, hätte die Gefahr bestanden, dass ihnen die Reifen hinten raus einbrechen. Die Entscheidung war für uns beide am Limit.“

Räikkönen eröffnete das Boxenstopp-Duell

Für Valtteri Bottas war schnell klar, dass er das Tempo an der Spitze nicht mitgehen konnte. Deshalb konzentrierte sich Mercedes bei ihm voll auf das Duell mit Max Verstappen. „Wir wollten Valtteri am Ende auf Soft-Reifen haben. Was wir nicht ahnen konnten war, dass er im mittleren Abschnitt so viele Probleme auf dem Medium-Reifen bekam. Unser Glück war, dass es Verstappen noch schlechter ging.“

Red Bull eröffnete das Rennen in der Boxengasse schon in Runde 11. Der Undercut gegen Bottas gelang, war aber bereits eine Runde später korrigiert. „Kein Grip auf der Hinterachse. Ich bin nur gerutscht“, klagte Verstappen. Bis zur 32. Runde wuchs der Vorsprung von Bottas auf seinen Gegner auf 9,2 Sekunden an. Mercedes musste nicht einmal mehr reagieren, als Red Bull erneut in Vorlage ging.

Im Mittelfeld bildeten sich schnell zwei Gruppen. Vorne die beiden Renault, Lando Norris und Kimi Räikkönen. Mit Abstand dahinter der Pulk mit Pierre Gasly, Alexander Albon und Sergio Perez. In der ersten Gruppe diktierte Räikkönen die Boxenstopps. Die Alfa-Strategen holte den Finnen zwei Mal früh an die Box. McLaren zog mit Norris beide Male eine Runde später nach.

Hülkenberg ließ sich zwei weitere Runden Zeit. Sein Timing war dominiert von der Sorge, die Hinterreifen könnten im letzten Stint schlappmachen, wenn der zu lange dauert. Der erste Stopp änderte nichts an der Reihenfolge. Räikkönen blieb vor Hülkenberg und Norris. Räikkönen verlor die Positionen auf der Strecke. In Runde 21 gegen Hülkenberg, fünf Runden später gegen Norris. „Mit den Medium-Reifen fühlte sich das Auto in den starken Wind nicht so gut an“, erklärte Räikkönen.

Mittlerweile stieß Ricciardo mit seiner Einstopp-Taktik bis auf Platz 2 vor, nur um dann nach seinem Boxenstopp in Runde 24 auf Platz 13 zurückzufallen. Virtuell lag der Australier aber weiter vor seinen direkten Konkurrenten. Die konnten bis zu ihren zweiten Reifenwechsel keine 23-Sekunden-Lücke auf den Renault-Piloten herausfahren.

Doch die Freude über Platz 6 währte nur kurz. Ab Runde 41 ging die Reise rückwärts. Ricciardo hätte Mühe gehabt, Platz 10 zu verteidigen. Die Beschädigung am Frontflügel durch die Kollision mit Hülkenberg spielte keine Rolle. „Die habe ich kaum gespürt.“ Renaults Träume von neun WM-Punkten platzten vier Runden vor Schluss. Ricciardo stoppte ein Defekt der MGU-K, Hülkenberg ein Motorschaden.

Grand Prix von Bahrain 2019: Das Ferrari-Drama in Bildern

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