Lewis Hamilton - GP Bahrain 2021 Motorsport Images
Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Bahrain 2021 - Rennen
Hamilton - Verstappen - Formel 1 - GP Bahrain 2021 - Rennen
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Taktik-Check GP Bahrain: Mercedes-Poker geht auf

Taktik-Check GP Bahrain 2021 Risiko schlägt schnelleres Auto

Eigentlich durfte Max Verstappen das Rennen in Bahrain nicht verlieren. Er saß im schnellsten Auto. Mercedes hatte nur eine hochriskante Taktik dagegenzusetzen. Die ging auf, weil Red Bull wie im Vorjahr den ersten Boxenstopp verschlief. Und weil man Lewis Hamilton im Auto hat.

Alle Vorzeichen sprachen für einen Red Bull-Sieg. Die souveräne Vorstellung bei den Testfahrten. Max Verstappens Pole Position mit 0,388 Sekunden Vorsprung. Die Führung gleich nach dem Start. Lewis Hamilton bedauerte: "Red Bull hat das schnellere Auto. Wir müssen in allen anderen Bereichen perfekt sein, wenn wir sie schlagen wollen."

Mercedes war nur fast perfekt. Der verpatzte Boxenstopp von Valtteri Bottas machte die Aufgabe noch schwerer als sie ohnehin schon war. Bottas sollte Verstappen zu einem früheren zweiten Boxenstopp zwingen. Nachdem der Finne aber 10,5 Sekunden still stand, hatte Red Bull wenigstens alle Freiheiten auf den taktischen Blackout in Runde 13 zu reagieren.

Das Rennen wurde in dieser Runde entschieden. Red Bull und Mercedes schielten gespannt darauf, wann das Boxenstopp-Fenster für sie aufgehen würde. Dazu musste aber erst eine Gruppe mit Lando Norris, Charles Leclerc, Daniel Ricciardo, Lance Stroll, Fernando Alonso und Carlos Sainz aus dem Weg. Alonso tat den Spitzenreitern den Gefallen. Er zog mit seinem frühen Reifenwechsel in Runde 11 alle mit Ausnahme von Sainz an die Box.

Red Bull lud Mercedes zum Undercut ein

Das hätte eigentlich das Zeichen für Red Bull sein müssen, Verstappen zum ersten Mal an die Boxen zu holen. Für den Spitzenreiter ging das Fenster früher auf als für den mit 1,7 Sekunden dahinter liegenden Hamilton. "Trotzdem hat uns Red Bull die Tür offengelassen. Wir mussten die Chance ergreifen, egal wie hoch das Risiko sein würde. Es war die einzige Chance, Max unter Druck zu setzen", freute man sich am Mercedes-Kommandostand.

Statt sich gegen den Undercut von Hamilton abzusichern, lud Red Bull den Gegner förmlich dazu ein. "Das brachte Lewis die Führung. Die letzten drei Jahre haben gezeigt, wie wichtig die Position auf der Strecke hier ist. Wir haben sie aufgegeben", maulte Verstappen. Die Red-Bull-Ingenieure entschuldigten sich mit dem Hinweis, dass es aus der Führungsposition immer schwieriger ist, den riskanten ersten Zug zu machen, als für den Verfolger.

Max Verstappen - GP Bahrain 2021
Wilhelm
Hamilton musste im ersten Stint nah genug dranbleiben, damit der Undercut gegen Verstappen gelingen konnte.

Der gleiche Fehler unterlief Red Bull schon einmal im Vorjahr ebenfalls beim GP Bahrain, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Da führte Hamilton vor Verstappen. Statt einen Undercut zu versuchen, ließ man Mercedes den Vortritt. Vor vier Monaten hatte sich Verstappen das Risiko gewünscht, das Mercedes diesmal bereit war einzugehen.

Wenn man die Leistung eines Fahrers würdigen will, dann sieht man oft nur Zweikämpfe und Rekordrunden. Hamilton hat bei seinem 96. GP-Sieg viele Dinge richtig gemacht, aber seine Großtat war nach Aussage der Ingenieure der erste Stint. Und das fiel kaum einem auf.

"Wir haben Lewis beim Briefing am Morgen gesagt, dass wir nur eine Chance haben. Dazu muss er sich im Undercut-Fenster von Max halten. Es war abgesprochen, den frühen Boxenstopp auf jeden Fall zu versuchen. Obwohl die Hinterreifen schon an der Grenze zum Überhitzen waren, hat Lewis die Lücke zu Verstappen in dem Bereich gehalten, den wir für unsere Strategie brauchten."

Mercedes zwingt Red Bull die Taktik auf

Der frühe Boxenstopp von Hamilton bestimmte den Rest des Rennens. Red Bull war noch nicht ganz chancenlos, hatte sich aber in seinen taktischen Möglichkeiten stark eingeschränkt. Man hätte zum Beispiel einen Undercut beim zweiten Stopp versuchen können, doch Mercedes beugte dem vor.

"Als Max in unserem Fenster lag, mussten wir Lewis reinholen." In Runde 28 war der Abstand auf zwei Sekunden geschrumpft. Nach den Berechnungen der Mercedes-Ingenieure war das die früheste Runde, in der man den zweiten Boxenstopp mit Rücksicht auf die Restlaufzeit wagen durfte.

Damit war für Verstappen die Reaktion in Stein gemeißelt. Er musste das Gegenteil tun und so lange wie möglich weiterfahren. Und er hielt so lange wie möglich durch. Als er in Runde 39 von Medium auf Hart wechselte, hatte er Reifen am Auto, die um elf Runden frischer waren als die seines Konkurrenten. Und ihm blieben 17 Runden Zeit einen Rückstand von 7,6 Sekunden aufzuholen.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Bahrain 2021 - Rennen
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Verstappen konnte den letzten Stopp herauszögern, um im Duell mit Hamilton die deutlich frischeren Reifen zu haben.

Keine Hilfe von Bottas

Die Simulationen ergaben einen Zusammenschluss spätestens in Runde 50. Selbst Hamilton dachte: "Das kann ich nie halten. Meine Hinterreifen bauten schon ab." Renningenieur Pete Bonnington ermahnte ihn vergeblich eine Sekunde pro Runde schneller zu fahren. Hamilton erwiderte, dass seine Reifen dieses Tempo nie überleben würden.

"Wir haben nicht mit ihm diskutiert. Lewis spürt das Auto besser als wir. Da entscheidet der Fahrer. Unsere Idee war: Je mehr Lewis Druck macht, desto mehr muss Verstappen seine Reifen zu Beginn des dritten Stints rannehmen. Damit hätte er viel Leben aus seinen Reifen nehmen müssen, bis er Lewis mal erreicht. Außerdem wollten wir Max in unser Safety-Car-Fenster ziehen", erklärten die Strategen.

Da war das Rennen längst ein Duell der beiden Superstars. Die Trumpfkarte Bottas stach nicht mehr. "Wir wollten Max mit Valtteri in einen früheren zweiten Stopp hetzen, um das Reifen-Delta zu Lewis so gering wie möglich zu halten. Wir mussten aber etwas warten, weil Valtteri noch den McLaren von Norris in seinem Fenster hatte. Max hätte dann spätestens zwei Runden nach Bottas Reifen wechseln müssen, um den Undercut abzuwehren. Das wäre nur ein Delta von vier Runden zu Lewis gewesen. Wenn er trotzdem draußen geblieben wäre, hätte er zwei unserer Autos überholen müssen." Nach dem Pleitenstopp des Autos mit der Startnummer 77 waren alle schönen Pläne für den Papierkorb.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Bahrain 2021 - Rennen
Wilhelm
Verstappen bekam nur eine echte Chance zum Angriff, bei der ihn Hamilton geschickt neben die Strecke abdrängen konnte.

Rutscher in Kurve 13 entscheidet alles

Im direkten Duell auf der Strecke zeigte Hamilton ein weiteres Mal seine Klasse. Er wusste, dass dem Verfolger wahrscheinlich nur ein Angriff bleibt. Wenn Verstappen länger im Windschatten des Mercedes hängen würde, wären seine Reifen im Eimer gewesen.

Hamilton sorgte dafür, dass der Gegner ihn in Kurve 4 angreift, und da auf der Außenspur. Wenn er ihn dann in ein spätes Bremsmanöver zwingen würde, musste Verstappen fast automatisch den Weg außerhalb der Streckenbegrenzungen nehmen.

Genauso kam es. Red Bull hatte sofort FIA-Rennleiter Michael Masi am Funk. Nur vier Kurven später wurde Verstappen angewiesen, den Platz wieder herzugeben. Der Holländer klemmte sich zwar sofort wieder hinter den Mercedes, doch Hamilton lockte ihn in die Turbulenzen seines Silberpfeils. Ein massiver Quersteher von Verstappen in Kurve 13 besiegelte sein Schicksal. Davon erholten sich die Hinterreifen nie wieder.

Aus Sicht der Strategen im Lager der Sieger sah das so aus: "Auf einer Strecke, die so die Hinterreifen frisst wie Bahrain, hat das führende Auto immer einen Vorteil. Der Verfolger strapaziert seine Reifen beim Aufholen und dann beim Hinterherfahren. Das Reifendelta von elf Runden ist dann schnell keine elf Runden mehr wert. Nach dem fehlgeschlagenen Versuch in Kurve 4 ist Max in Kurve 13 stark gerutscht. Das hat ihm die Hinterreifen ruiniert. Danach hatte er den Grip nicht mehr. Lewis dagegen hat in der Phase jeden Slide vermieden."

Hätte es etwas genutzt, wenn Verstappen den Platz nicht mehr hergeschenkt und stattdessen versucht hätte, den Vorsprung einer Strafe herauszufahren. Teamchef Christian Horner winkt ab: "Wir hätten nicht gewusst, wie die Strafe ausfällt." Sie liegt im Ermessen der Sportkommissare. Die hätten sicher so viele Sekunden draufgelegt, dass Verstappen nicht mit einem illegalen Überholmanöver gewinnt.

Lewis Hamilton - GP Bahrain 2021
Motorsport Images
Mit sieben Zehnteln Vorsprung kreuzte Hamilton am Ende den Zielstrich.

Das Geheimnis der Reifenwahl

Rennsiege werden manchmal schon im Vorfeld geboren. Mercedes hatte beim GP Bahrain 2020 genau aufgepasst und adaptierte nun die damalige Reifenwahl von Red Bull. Man reservierte sich zwei frische Sätze harte Reifen und eine Garnitur Medium für das Rennen.

Red Bull selbst taktierte diesmal jedoch anders. Zwei Mal Medium, ein Mal Hart. Verstappen übte Kritik: "Wir hatten nicht die Reifen, die Mercedes hatte. Das schränkte uns in unserer Flexibilität ein. Ich will aber nicht klagen: Letztes Jahr hätten wir uns über so ein enges Rennen mit Mercedes gefreut."

Der Mercedes-Plan war nicht frei von Fallstricken, wie Valtteri Bottas in der Qualifikation zu spüren bekam. "Wenn du so taktierst, hast du in der Qualifikation nur drei Sätze Soft-Reifen", geben die Ingenieure zu. "Nur eine gelbe Flagge im Q1 killt dich, weil du dann einen Reifensatz verlierst. Das war das Problem von Valtteri. Er war dadurch raus aus dem Kampf um die Pole Position. Er musste einen zweiten Satz Soft im Q1 fahren, dann die Mediums im Q2. Auch hier sind wir maximales Risiko gegangen. Aber zwei Garnituren harte Reifen garantieren dir das schnellstmögliche Rennen. Der harte Reifen war der beste Rennreifen, besonders bei den tiefen Temperaturen."

Sergio Perez - Red Bull - Formel 1 - GP Bahrain 2021 - Rennen
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Sergio Perez zeigte seine gute Rennpace. Es reichte am Ende aber nicht, um auch noch den zweiten McLaren von Lando Norris einzufangen.

Perez überholte 13 Autos

Das Mittelfeld ist zwar näher an die Spitze herangerückt, doch nicht nahe genug, um Mercedes und Red Bull in die Suppe zu spucken. Valtteri Bottas landete trotz drei Boxenstopps auf dem dritten Platz. Er verbrachte 31 Sekunden mehr als Lando Norris in den Boxen und kam trotzdem neun Sekunden vor dem McLaren ins Ziel.

Sergio Perez fuhr aus der Boxengasse los und wurde nur mit 5,5 Sekunden Rückstand auf Norris abgewinkt. Red Bulls Neuzugang überholte dabei 13 Autos. Die Technik verhinderte, dass er Verstappen im Kampf gegen die Mercedes helfen konnte. Perez könnte im Laufe der Saison noch ein wichtiger Faktor im Taktik-Schach werden.

Auf den Plätzen vier bis zehn spielte die Taktik keine entscheidende Rolle. Den ersten Boxenstopp wickelten die Punktekandidaten innerhalb von vier Runden ab. Lando Norris und Charles Leclerc als erste, Carlos Sainz und Yuki Tsunoda als letzte. Keinem gelang ein nachhaltiger Undercut.

Der zweite Stopp war breiter gespreizt. Zwischen Runde 28 (Stroll) und 33 (Norris, Tsunoda). Stroll bezahlte für den frühen Wechsel. Der Kanadier legte auf seinem letzten Reifensatz die gleiche Distanz zurück wie Hamilton, war aber gegen Ende des Rennens im Schnitt um 2,2 Sekunden langsamer. Strolls direkte Gegner Yuki Tsunoda und Kimi Räikkönen holten im Finale bis zu eine Sekunde pro Runde auf. Kein Gütesiegel für den Aston Martin.

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