Lewis Hamilton - GP Belgien 2017 Wilhelm
Impressionen - GP Belgien 2017
Lewis Hamilton - GP Belgien 2017
Esteban Ocon - GP Belgien 2017
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Taktik-Check GP Belgien

Der Poker von Mercedes

Der GP Belgien war das erste Rennen seit Baku, in dem die Teams wieder mit unterschiedlichen Strategien operierten. Mercedes strickte seine Abwehrtaktik gegen Ferrari so auf der heißen Nadel, dass nichts schiefgehen durfte.

Spa war eine Gratwanderung. Vor dem Wochenende stellten sich die Ingenieure viele Fragen: Welcher Flügel? Welches Abtriebsniveau? Welche Reifenfolge? Zum ersten Mal seit dem GP Aserbaidschan war ein Zweistopp-Rennen wieder eine Option. Zwei Stopps waren auf dem Papier sogar um 3 Sekunden schneller als ein Mal Reifenwechsel. Und sicherer. So konnte man volle Attacke fahren, ohne sich um Blasenbildung sorgen zu müssen.

Einige Teams hatten sich schon durch ihre Reifenwahl zwei Monate vor dem Rennen auf eine Taktik festgelegt. Red Bull, Williams und McLaren mit Stoffel Vandoorne deckten sich nur mit einer Garnitur Soft ein. Als Rettungsanker im Notfall. Der Soft kam bis zum Rennen nie zum Einsatz. Was ein gewisses Risiko in sich barg, weil die härteste Mischung immer eine Änderung der Balance mit sich bringt. Wer das nie getestet hat, kann im Rennen böse überrascht werden.

Daniel Ricciardo und Stoffel Vandoorne ließen ganz die Finger vom Soft-Reifen. Williams streute ihn im Mittelstint ein. In der Hoffnung, vielleicht sogar ein Einstopp-Rennen fahren zu können. Das Safety-Car in Runde 29 nahm Felipe Massa und Lance Stroll die Frage ab, ob es möglich gewesen wäre. Es kam zur rechten Zeit. Massa machte eine, Stroll zwei Positionen gut.

Was wäre ohne Safety-Car passiert?

Die 17 Fahrer in Wertung fuhren mit 8 unterschiedlichen Strategien ins Ziel. Einstopper war keiner dabei. Wer es gewagt hätte, in der Safety-Car-Phase auf der Strecke zu bleiben, um so Positionen zu gewinnen, wäre nach dem Re-Start in den letzten 11 Runden von denen aufgefressen worden, die mit frischen Reifen ins Finale gingen.

Wie viele Fahrer es ohne Safety-Car mit einem Stopp probiert hätten, ist rückwirkend schwer zu beantworten. Vermutlich alle, die im zweiten Stint Soft-Reifen aufziehen ließen. Ricciardo hatte sich von Anfang an mit Ultrasoft-supersoft-ultrasoft auf zwei Stopps festgelegt. Red Bull traute sich nicht an den Soft-Reifen heran, weil sie ihn nie gefahren waren und der Grip-Vorteil der weichen Reifenmischungen andere Defizite überstrahlte. Deshalb war Ricciardo auf den Supersofts im Mittelabschnitt so schnell wie die Spitzenreiter, die auf Soft-Sohlen unterwegs waren.

Lewis Hamilton - GP Belgien 2017
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Lewis Hamilton hätte mit einem Stopp durchfahren sollen.

Doch was wäre an der Spitze passiert, wenn Bernd Mayländer keinen Einsatz gehabt hätte? „Mit Valtteri und seinem Reifenverschleiß hätten wir auf ein Zweistopp-Rennen umgeschwenkt. Bei Lewis war es nicht so klar. Er hätte ein Einstopp-Rennen durchbringen können. Wenn Ferrari uns mit einer Zweistopp-Strategie aus der Reserve hätte locken wollen, hätten sie das nicht 20 Runden vor Schluss machen können. Warten sie zu lange damit, geht Vettel die Zeit aus. Wir wären in dem Fall Ferrari nur gefolgt, wenn wir gefahrlos einen Undercut hätten abwehren können. Dafür waren 1,6 Sekunden Vorsprung von Lewis aber zu wenig. Ein Zweistopp-Rennen von unserer Seite wäre ein zu großes Risiko gewesen“, erklären die Strategen.

Doch vielleicht hätte der Reifenzustand Hamilton zu einem extra Stopp gezwungen. Teamchef Toto Wolff verriet, dass Blasen hinten rechts die Lebensdauer in Frage stellten. „So gesehen war das Safety-Car unser Glück, auch wenn es Lewis aus Sicht des Cockpits zuerst anders wahrgenommen hat.“

Hamilton fuhr 44 Runden in der Defensive

Mercedes setzte von Anfang an auf wenig Abtrieb und damit die harten Reifen. Damit opferte man 2 Zehntel in der Rundenzeit. Gewann aber 7 km/h im Top-Speed. Im Training reichte es mit 0,242 Sekunden Vorsprung scheinbar komfortabel zur Pole Position. Doch Kimi Räikkönen fuhr seine letzte Runde nicht zu Ende, und Sebastian Vettel musste sich im Windschatten seines Teamkollegen zu seiner Trainingszeit ziehen lassen.

Die Mercedes-Taktik konnte nur aufgehen mit einem Start aus der ersten Reihe und der Führungsposition im Rennen. Lewis Hamilton hielt sich an den Plan, Valtteri Bottas nicht. Was auch die Strategen noch nicht erklären können. „Wir müssen erst noch verstehen, warum es mit der ersten Startreihe bei Valtteri nicht geklappt hat. Er hat über Gripverlust geklagt.“

Mercedes fuhr wegen der Fahrzeugabstimmung und Ferraris atemberaubenden Renntempo 44 Runden lang in der Defensive. „Wir mussten nur sicherstellen, dass uns Vettel nicht mit einem Undercut austrickst.“ Deshalb kam Hamilton schon in Runde 12 zum ersten Reifenwechsel an die Box. Die Strategen erklären, warum es gerade die 12. Runde war: „Das war die erste Runde, die ein Einstopprennen für uns möglich machte. Da wir aber als erster aus dem Fenster von Ricciardo fielen, konnten wir einem Undercut von Vettel zuvorkommen.“

Die Sorge, dass Ferrari Kimi Räikkönen dazu nutzt, Hamilton aufzuhalten, war nicht allzu groß. „Der Speed-Unterschied zu Kimi war so groß. Lewis ist easy an ihm vorbeigefahren.“ Die Leistung von Hamilton bestand darin, unter dem Druck von Vettel die Reifen zu managen. „Lewis war am oberen Ende mit den Temperaturen, selbst auf dem Soft-Reifen. Er hat sie trotzdem immer gut im Fenster gehalten.“

Mercedes gingen die Ultrasoft-Reifen aus

Um sicherzustellen, dass die Mercedes-Piloten Teil 1 der Aufgabe erfüllen und in die erste Startreihe fahren, schenkte ihnen das Team je einen Satz Ultrasoft, der dann im Rennen fehlte. „Wir brauchten die Pole Position um jeden Preis. Deshalb haben wir es vorgezogen, diesen Ultrasoft unseren Fahrern für einen zweiten Versuch im Q2 zu spendieren. Um ihnen Vertrauen und Erfahrung fürs Q3 zu geben.“

Vettel vs. Hamilton - GP Belgien 2017
Wilhelm
Das Safety-Car brachte Hamilton in die Defensive, weil Ferrari noch einen frischen Satz Supersofts hatte.

Die Rechnung schien nicht mehr aufzugehen, als die Ferrari-Piloten für den letzten Elfrunden-Sprint bis zur Zielflagge auf einen frischen Satz Ultrasoft zurückgreifen konnten, Mercedes jedoch nur noch frische Soft-Gummis in der Hinterhand hatte. „Wir waren mit dem Soft schneller. Hätten wir da mit unseren gebrauchten Ultrasoft-Reifen Druck gemacht, hätten wir die Reifen überhitzt. Für uns war ein frischer Soft-Reifen allemal besser als ein gebrauchter Ultrasoft. Wäre ein frischer Ultrasoft für die letzten 11 Runden besser gewesen? Definitiv ja. Aber es hat auch so gereicht.“ Aber nur mit einem Fahrer. Bottas kam beim Re-Start nicht in Schwung.

Der Re-Start in Runde 34 wurde zur Szene des Rennens. Hamilton verteidigte gegen jede Papierform seine Führung, während Bottas zwei Positionen einbüßte. Die Ingenieure verstanden gleich nach dem Rennen noch nicht alle Hintergründe für diese Diskrepanz. „Hamilton kam gut aus La Source raus, Bottas nicht. Wenn Bottas besser aus La Source beschleunigt, profitiert er voll von Vettels Windschatten. Er hat es nicht geschafft und wurde von hinten aufgeschnupft, weil jetzt Kimi und Ricciardo sich von seinem Windschatten ziehen lassen. Dass er gleich zwei Positionen verliert, zeigt uns, dass ihm nicht klar war, dass es da zwei Autos gab. Gegen das eine Auto hätte er sich leicht auf der Innenseite verteidigen können.“

Vettel fehlte am Ende der Geraden die Ers-Power

Hamilton dagegen positionierte sich exakt dort, wo er musste. Hätte ihn Vettel überholt, hätte er aus dem Windschatten heraus wieder angreifen können. Mit 95 Prozent Gas in Eau Rouge stellte er sicher, dass Vettel zu dicht dran war und früh aus dem Windschatten raus musste. Damit war es ohne DRS-Vorteil ein Sprintduell Maschine gegen Maschine. Und da zahlte sich der geringere Luftwiderstand des Mercedes-Setup gegen den Abtrieb des Ferraris aus, der bessere Power-Modus und die schlaueren Ers-Programme.

Lewis Hamilton - GP Belgien 2017
Aktuell

Bei einem Re-Start sind alle Energiespeicher natürlich absolut voll. Keiner muss Sorge haben, zu viel Elektro-Power zu verballern, wenn er die gesamten 1.835 Meter Vollgas Elektrokraft einspeist. Wenn der Antrieb wie bei Vettels Ferrari dann trotzdem ins De-Rating geht, dann laufen im Hintergrund andere Programme, die das so steuern. Die Software ist in der Regel so programmiert, dass sie auch nach dem Re-Start die schnellstmögliche Rundenzeit garantiert. Und das geht nur, wenn die MGU-K an den richtigen Stellen ihre Power abgibt. Also zu Beginn der Geraden.

Ein Mercedes-Techniker verrät: „Wenn du eine 1,2 Kilometer lange Gerade hast, wäre es extrem ineffizient, die ganzen 1,2 Kilometer lang zu boosten. 90 Prozent reichen völlig. Die letzten 10 Prozent geben dir praktisch keine Rundenzeit. Die setzt du lieber am Ausgang von Kurve 10 ein. Bei uns gibt es aber für besondere Fälle einen Modus, der sicherstellt, dass die MGU-K im entscheidenden Moment nicht abschaltet.“

Im Mittelfeld schlug Abtrieb die Top-Speed-Jäger

Das Setup und die Reifenzuteilung drückte den Teams die Taktik aufs Auge. Mercedes, Williams und Force India gaben Top-Speed den Vorrang. Ferrari, Red Bull, HaasF1 und Renault lieber mehr Abtrieb. Red Bull gezwungenermaßen. Der Versuch, den Monza-Flügel mit etwas mehr Anpressdruck zu fahren, schlug fehl. Ebenso das Experiment, den Baku-Flügel auf weniger Luftwiderstand zu trimmen. Am Ende lief alles auf den Baku-Flügel hinaus. Und wegen der Wahl von 9 Ultrasoft-Sätzen, 3 Supersoft-Garnituren und nur einem Soft-Reifenquartett in der Reserve war ein Zweistopp-Rennen in Stein gemeißelt.

Force India setzt auf den Monza-Flügel, was gegenüber der Baku-Variante 6 km/h in der Endgeschwindigkeit brachte. Der Versuch, Nico Hülkenberg beim Start zu überholen scheiterte am schlechten Start von Sergio Perez und Esteban Ocon und deren Meinungsverschiedenheiten über das Vorfahrtsrecht. „Wir haben acht Punkte verschenkt“, fluchte Sportdirektor Otmar Szafnauer.

Hülkenberg wäre auch bei einem optimalen Rennen für Force India außer Reichweite gewesen. Der Renault-Pilot hatte im kurvenreichen Sektor 2 den Speed, Perez und Ocon so weit davon zu laufen, um sich nicht angreifbar zu machen. Genauso setzte sich HaasF1 gegen die auf der Geraden schnelleren Williams durch. Im Mittelfeld war Abtrieb die bessere Waffe. McLaren-Honda halfen auch gute Sektor 2-Bestzeiten nichts. 70 PS weniger sind in Spa ein Killer. „Die Force India sind an uns vorbeigeflogen, als würden wir parken. Es war einfach nur peinlich“, schimpfte Teamchef Eric Boullier.

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