Lewis Hamilton - GP Belgien 2019 Motorsport Images
Charles Leclerc - Ferrari - GP Belgien 2019 - Spa-Francorchamps
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Schweigeminute - GP Belgien 2019 - Spa-Francorchamps
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Taktik-Check GP Belgien 2019

War die Mercedes-Strategie richtig?

Gab es für Mercedes in Belgien eine Chance, Lewis Hamilton mit einer anderen Strategie an Sieger Charles Leclerc vorbeizubringen? Im Taktik-Check analysieren wir noch einmal die Optionen für den Weltmeister.

Ferrari steckte in diesem Jahr einige Male Kritik für Strategiefehler ein. Beim GP Belgien machten die Italiener alles richtig. Fast alles, um genau zu sein. In Spa zeigten Charles Leclerc und Sebastian Vettel perfektes Teamwork. Es war so nicht geplant, aber doch effektiv. Vettel wurde durch die Umstände in die Rolle des Wasserträgers für Leclerc gedrängt. Der Deutsche fuhr Lewis Hamilton im ersten Stint 14 und im zweiten fünf Runden lang vor der Nase herum.

Der Zeitverlust von Hamilton war der Matchwinner für Leclerc. In den ersten 14 Runden verlor der Mercedes-Pilot hinter Vettel 4,6 Sekunden auf den Spitzenreiter. Zwischen Runde 27 und 31 wuchs Hamiltons Rückstand von 3,9 auf 6,6 Sekunden an. Nach Berechnungen der Mercedes-Ingenieure ging ihrem Fahrer genau diese Zeit am Ende ab. „Ohne Vettel im Weg hätten wir gewonnen.“ Hamilton kam 0,9 Sekunden hinter Leclerc ins Ziel. Der Engländer zog Bilanz: „Für mich war der Grand Prix um zwei Runden zu kurz.“

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Das große Reifenrätsel

Der GP Belgien war ein Rennen mit zwei Gesichtern. Auf den Soft-Reifen war Ferrari den Silberpfeilen ebenbürtig. Nachdem Vettel in der 15. Runde zum ersten Boxenstopp abgebogen war, machte Hamilton in den folgenden sechs Runden nur 0,6 Sekunden auf Leclerc gut. Mit den Medium-Gummis änderte sich das Bild. Da waren die Mercedes im Schnitt eine halbe Sekunde schneller als die Ferrari. Die Silberpfeile holten ihre Zeit ausschließlich in Sektor 2. Von dem Delta von durchschnittlich neun Zehntelsekunden knabberte Ferrari auf den Geraden jeweils wieder vier Zehntel ab.

Das Bild am Sonntag war in zwei Punkten das Kontrastprogramm zum Freitag. Bei den Rennsimulationen hatte Ferrari keine Chance. Da war Pirellis weichste Mischung der starke Reifen für Mercedes. Auf den Medium-Sohlen konnte Ferrari noch einigermaßen mithalten. Das umgekehrte Bild am Sonntag erstaunte die Experten. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto: „Das zählt zu den vielen Rätseln, die uns diese Reifen aufgeben.“

Mercedes hat man auch nur Vermutungen parat. Entweder haben die um 10 Grad gesunkenen Temperaturen alles auf den Kopf gestellt. Oder Ferrari hat von Freitag auf Samstag die richtigen Eingriffe bei der Fahrzeugabstimmung vorgenommen.

Im zweiten Stint brachen die Hinterreifen bei Leclerc fünf Runden früher ein als bei Hamilton. So verdampfte der Vorsprung des Premierensiegers von 5,6 Sekunden im Finale rasend schnell. „In der letzten Runde bekam auch Lewis Probleme mit den Hinterreifen. Aber es war immer noch nicht so schlimm wie bei Leclerc. Deshalb gehen wir davon aus, dass er ihn innerhalb von zwei Runden überholt hätte, wäre das Rennen länger gegangen“, rechneten die Mercedes-Strategen vor.

Leclerc räumte ein, dass der Druck in den letzten Runden stieg, er aber alles unter Kontrolle gehabt hätte: „Ich habe mich voll darauf konzentriert, die Reifen über die Runden zu bringen.“ Die langen Vollgaspassagen retteten den Ferrari.

Lewis Hamilton - GP Belgien 2019
Motorsport Images
Im Ziel fehlten Lewis Hamilton weniger als eine Sekunde auf Sieger Charles Leclerc.

Vettel-Taktik spielt Bottas in die Karten

Das Fundament für den Sieg legten die Ferrari-Ingenieure in der Nacht zum Samstag. Da wurde die Abstimmung so umgebaut, dass man bei kühleren Bedingungen am Sonntag nicht in noch größere Probleme mit der Reifenabnutzung läuft. Mit Erfolg. „Die Ferrari haben die Reifen immer noch mehr beansprucht als wir, aber nicht mehr so krass wie am Freitag“, stellte man im Lager von Mercedes fest.

Der Schutz der Vorderreifen bedeutete für die Hinterreifen mehr Arbeit. Charles Leclerc kommt mit dieser Charakteristik besser zurecht als Sebastian Vettel. Er fährt schneller und schont trotzdem mehr die Reifen. Vettel bog schon nach 15 Runden zum ersten Reifenwechsel an die Boxen ab. „Das war so nicht geplant“, wehrte Binotto Spekulationen ab, Ferrari hätte seine Fahrer von vornherein mit zwei unterschiedlichen Strategien ins Rennen geschickt.

Auch Vettel sollte ein Einstopp-Rennen fahren. Es war auf dem Papier einfach schneller. Nach dem frühen Boxenstopp legte Vettel los wie die Feuerwehr. Schon in Runde 18 war er virtueller Spitzenreiter. Die Reifen haben ihm den aggressiven Spurt nicht verziehen. „Es sah ein bisschen nach Verzweiflungstat aus. So als wollte Vettel unbedingt vor Leclerc landen und dann darauf hoffen, dass ein Wunder passiert“, mutmaßte man bei Mercedes.

Vettel legte so ein Tempo vor, dass Leclerc nach seinem Boxenstopp sechs Runden später 4,5 Sekunden auf den Teamkollegen fehlten. Das veranlasste auch den zweiten Ferrari-Pilot früh mit dem frischen Reifensatz Gas zu geben. Was Mercedes in die Karten spielte. Wäre Leclerc den Stint gemächlicher angegangen, hätten seine Reifen vermutlich auch ein oder zwei Runden länger überlebt.

Charles Leclerc & Sebastian Vettel - GP Belgien 2019
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Sebastian Vettel musste für Charles Leclerc zur Seite fahren.

Ferrari-Kommandostand lässt Plätze tauschen

Doch offenbar fahren bei dem 21-jährigen Monegassen immer noch Zweifel mit, ob ihm da bei der Strategie nicht übel mitgespielt wird. So wie zu Beginn der Saison. Er wollte allen im Team mit schnellen Runden demonstrieren, dass der Sieg an diesem Tag nur über ihn führt. Und Ferrari dann quasi gezwungen ist, Vettel aufzufordern, dass er Platz machen muss.

„Das Delta war so groß, dass es uns nur Zeit gekostet hätte, wenn wir auf der Strecke gekämpft hätten“, stellte Leclerc sachlich fest. Binotto wies jede Stallregie von sich: „Unsere beiden Fahrer waren zu dem Zeitpunkt auf unterschiedlichen Strategien unterwegs. Der Platztausch war logisch.“

Eigentlich hätte es für Vettel auch mit dem Boxenstopp in Runde 15 zu einem Einstopp-Rennen reichen müssen, doch der Reifenverschleiß war an diesem Tag an seinem Auto so hoch, dass er schon in Runde 26 funkte: „Die Reifen halten nie durch.“

Hätte Ferrari jetzt nur auf Vettels Rennen isoliert geschaut, hätte man ihn spätestens in Runde 28 für einen zweiten Stopp an die Box holen müssen. Doch Vettel wurde noch gebraucht. Um Hamilton zu blocken. Valtteri Bottas spielte das in die Karten. Er reduzierte in der Phase, in der Vettels Reifen längst über den Berg waren, den Rückstand auf den Ferrari von 11,2 auf 1,1 Sekunden. Das resultierte nach Vettels zweitem Boxenstopp in einem Rückstand von 18,7 Sekunden auf den zweiten Mercedes-Piloten. Da konnte Vettel das Podium schon abhaken, zumal der zweite Satz Soft auch noch ein gebrauchter war.

Charles Leclerc - GP Belgien 2019
xpb
Der hohe Top-Speed auf der Geraden und die clevere Ferrari-Taktik ließ Mercedes keine Chance auf den Sieg.

Rechnung mit zu viel Wenn und Aber

Bei Mercedes rätselte man nach dem Rennen, ob man strategisch etwas hätte besser machen können, um Hamilton doch noch an Leclerc vorbei zu bringen. „Vielleicht hätten wir mit Lewis eine Runde früher stoppen sollen, und vielleicht hätte es auch geholfen, wenn der Reifenwechsel etwas schneller gewesen wäre. Aber mir sind da zu viele ‚wenn und aber‘ in der Rechnung. Das Hauptproblem war, dass unser Paket auf diesem Typ Strecke dem Ferrari mit seiner unglaublichen Motorleistung unterlegen ist. Die nehmen uns in den Qualifikationsrunden und in der ersten Runde ohne DRS auf den Geraden 15 km/h ab“, resümierte Teamchef Toto Wolff.

Die Strategen gaben ihrem Chef Recht. Sie mussten für zwei Rennen parallel den bestmöglichen Kompromiss finden. Erste Frage: Wie kommen wir an Vettel vorbei? „Dazu brauchten wir das größtmögliche Delta an Reifenlaufzeit. Er war auf der Gerade so schnell, dass wir ihn im Duell auf der Strecke nur mit deutlich besseren Reifen in die Knie zwingen konnten.“

Dann war da aber auch noch das Rennen um den Sieg. „Gegen Leclerc brauchten wir eine gute Balance: Wie viel Rennzeit können wir dafür opfern, mit frischeren Reifen in den zweiten Stint zu gehen? Wir haben uns dazu entschieden, eine Runde später als Leclerc zu stoppen. Rückblickend hätten wir besser in der gleichen Runde wie er Reifen gewechselt.“

Ein Undercut war nicht möglich: „Wir hatten Norris und Grosjean in unserem Boxenstopp-Fenster. Einen von den beiden überholst du vielleicht ohne Zeitverlust, aber nicht zwei. Deshalb konnten wir Valtteri auch nicht als Blocker einsetzen.“ Bei Bottas bestand der Fokus darin, ihn möglichst spät nach Vettel stoppen zu lassen, um seinen Reifen eine kürzere Laufzeit zu schenken. Zu dem Zeitpunkt ging Mercedes noch davon aus, dass Vettel nur ein Mal stoppen würde und somit auf der Strecke überholt werden muss.

Alexander Albon - GP Belgien 2019
Motorsport Images
Alexander Albon drehte in den Schlussrunden richig auf.

Perez bezahlt für frühen Boxenstopp

Im Mittelfeld ging es drunter und drüber. In den letzten zwei Runden wurden fleißig Geschenke verteilt. Die Motorprobleme von Lando Norris und der Unfall von Antonio Giovinazzi ließen noch Pierre Gasly und Lance Stroll in die Punkteränge rücken. Norris war auf Platz fünf unantastbar. Der McLaren-Pilot hatte ihn bereits nach dem Start ausgangs La Source erobert. Keiner aus dem Mittelfeld konnte seinem Tempo folgen. Ein bisschen überraschend, da McLaren im Training keine gute Figur abgab. Die Fahrer glauben, dass die ihnen die kühlen Temperaturen in die Karten gespielt haben.

Alexander Albon und Daniil Kvyat auf den Plätzen 5 und 7 profitierten von der alternativen Taktik mit den Medium-Reifen zuerst und den Soft-Gummis am Ende. Sie fuhren einen langen ersten Stint, fielen dann zwar weit ins Feld zurück, hatten aber den besseren Reifen für die Schlussattacke. Ihre direkten Gegner lagen nach 24 Runden nur 11 Sekunden vor ihnen, allerdings mit härteren und älteren Reifen.

Red Bull-Neuzugang Alexander Albon wachte erst nach dem Boxenstopp auf. Sein Red Bull war auf den Soft-Reifen viel besser ausbalanciert. Acht Runde vor Schluss knackte er Kvyat, im letzten Umlauf Sergio Perez.

Der Mexikaner bezahlte für einen frühen Boxenstopp. Ihm gingen am Ende die Reifen aus. Albon fuhr zwei Sekunden pro Runde schneller. Racing Point holte Perez schon in Runde 15 an die Box. Man wollte Romain Grosjean mit einem Undercut in die Knie zwingen. Was nicht gelang. Doch nachdem Grosjean ab Runde 22 wieder einmal die Reifen einbrachen, war er eine leichte Beute für Perez.

Bei Renault traf der Fahrer selbst die Entscheidung. Nico Hülkenberg hatte das Gefühl, dass er mit einem Einstopp-Rennen nicht in den Punkterängen landen würde. Er holte sich nach 31 Runden weiche Reifen ab. Ein kluger Schachzug. Hülkenberg verlor zwei Positionen und 23 Sekunden, doch er fuhr um zwei Sekunden pro Runde schneller als zuvor. So ging er noch an Romain Grosjean, Daniel Ricciardo und Pierre Gasly vorbei. Der Lohn waren vier WM-Punkte.

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