Valtteri Bottas & Valtteri Bottas - GP Brasilien 2017 sutton-images.com
Sebastian Vettel - GP Brasilien 2017
Kimi Räikkönen & Sebastian Vettel - GP Brasilien 2017
Kimi Räikkönen & Sebastian Vettel - GP Brasilien 2017
Sebastian Vettel - GP Brasilien 2017 28 Bilder

Taktikcheck GP Brasilien 2017

Plante Mercedes mit Stallregie?

Valtteri Bottas verlor beim GP Brasilien den Start. Die Konter-Chance beim Boxenstopp konnte er nicht nutzen. Am Ende kam sogar Lewis Hamilton als Siegkandidat in Frage. Mercedes hätte Bottas aber nicht zurückgepfiffen. Der Taktik-Check.

Auf dem Papier drohte der GP Brasilien ein langweiliges Rennen zu werden. Die Strategie schien in Stein gemeißelt: Ein Stopp, zuerst Supersoft, dann Soft. Das Delta für Überholmanöver lag trotz der langen Zielgerade bei 1,5 Sekunden. Doch die Praxis widerlegte die Theorie. Was daran lag, dass Daniel Ricciardo von Platz 14 und Lewis Hamilton aus der Boxengasse ins Rennen ging. Und dass Sebastian Vettel, Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen das ganze Rennen über fast identische Rundenzeiten fuhren. So kreuzten Vettel, Bottas, Räikkönen und Hamilton die Ziellinie am Ende in einem Abstand von nur 5,468 Sekunden.

An der Spitze entschied sich das Rennen beim Start und beim Boxenstopp. Vettel kam nach dem 387-Meter Sprint als Erster in der ersten Kurve an. Er hatte beim Beschleunigen 3 Meter auf Bottas gutgemacht. Den Rest besorgte der spätere Bremspunkt und die bessere Linie ganz innen. „Das Losfahren war perfekt. Da dachte ich schon: Jetzt habe ich ihn. Doch dann wurde ich zu gierig. Ich bekam zu viel Schlupf. Als ich zu Valtteri rübergeschaut haben, konnte ich aber sehen, dass er in noch größeren Problemen steckt“, berichtete Vettel.

Bottas-Undercut funktionierte nicht

In der 27. Runde bekam Bottas seine zweite Chance. Mercedes probierte den Undercut, weil man jeden Moment damit rechnete, dass sonst Vettel am Abzug zieht. Zu diesem Zeitpunkt lagen die beiden Spitzenreiter außerhalb des Fensters von Felipe Massa und Fernando Alonso.

Die Mercedes-Strategen erklären die Entscheidung aus ihrer Sicht: „Alle haben den Reifenabbau gut gemanagt. Deshalb war es schwer vorherzusagen, wann der ideale Zeitpunkt zum Stopp sein würde. Der Undercut bringt auf dieser Strecke rund 1,4 Sekunden. Der Abstand zwischen Valtteri und Sebastian schwankte zwischen 1,4 und 1,9 Sekunden. Als er bei 1,6 Sekunden lag, haben wir zugeschlagen.“

Es hat trotzdem nicht funktioniert. Bottas hat auf seiner Runde in die Box im Bergaufstück vor der Boxeneinfahrt einen kleinen Fehler eingebaut, der ihn ein Zehntel gekostet hat. Und beim Boxenstopp blieben noch einmal 3 Zehntel im Vergleich zu Ferrari liegen. Was an einer gewissen Vorsicht der Mercedes-Truppe lag, die sich gerade an eine Neukonstruktion des vorderen Wagenhebers gewöhnen muss. „Sonst wäre es noch enger geworden“, glauben die Strategen.

Hier noch einmal die beiden Runden um den Boxenstopp herum und die zugehörige Zeit, die Vettel und Bottas in der Boxengasse verloren haben.

Runden-Analyse GP Brasilien 2017

Vettel Bottas
IN-Runde 1.18,807 min 1.18,799 min
OUT-Runde 1.28,879 min 1.28,889 min
Zeit Boxengasse 22,736 s 23,064 s

Auf den Soft-Reifen ging die Schere zweitweise bis auf 2,8 Sekunden auf. Dort stabilisierte sie sich. Hätte Hamilton vielleicht Vettel zugunsten von Bottas einbremsen sollen, als er für 13 Runden in Führung lag? „Wir haben kurz daran gedacht, aber wir sahen eine gute Chance, Lewis auf das Podium zu bringen. Das wollten wir nicht aufgeben“, hieß es bei Mercedes.

Kimi Räikkönen rapportierte Balanceprobleme mit den Supersoft-Reifen. Kurz vor den Boxenstopps hatte er 6,1 Sekunden Rückstand auf Vettel und 4,5 Sekunden zu Bottas. „Auf den Soft-Reifen fühlte ich mich wohler.“ Im Finale machte der Finne wieder Boden gut. Im Ziel schrumpften die Abstände zu Vettel und Bottas auf 4,8 respektive 1,8 Sekunden. Da Räikkönen nicht im direkten Duell stand, konnte er seinen zweiten Reifensatz behutsamer einfahren. Und die Supersoft-Sohlen dankten es ihm im Finale.

Bei Hamilton gingen die Hinterreifen ein

Da wurde Lewis Hamilton auch für die Spitzenreiter zur Gefahr. In Runde 63 sah er noch wie ein möglicher Sieger aus. Er lag nur 6,3 Sekunden hinter Vettel und fuhr pro Runde zwischen 0,5 und 1,1 Sekunden schneller als die Spitze. Doch dann baute sich Räikkönen wie eine Wand vor Hamilton auf. Der erste Angriff auf den Ferrari missglückte. Und damit war der Traum vom Sieg ausgeträumt. Auch der vom Podium.

„Wenn Lewis sofort an Kimi vorbeigekommen wäre, hätte er vielleicht eine Siegchance gehabt. Am Ende hat die Aufholjagd den Supersoft-Reifen zu sehr zugesetzt. Die Hinterreifen waren zu stark abgenutzt“, erklärten die Ingenieure. Es hätte auch nicht viel genutzt, den Boxenstopp über Runde 43 hinauszuzögern, um dem zweiten Reifensatz einen kürzeren Stint zu geben. „Dann hätte Lewis weniger Runden gehabt, den Rückstand aufzuholen.“

Hätte man im Ernstfall Bottas gebeten Platz zu machen? Ein klares Nein als Antwort: „Weil die Siegchance für Lewis immer noch klein gewesen wäre. Bei einem größeren Abstand zu Vettel vielleicht. Aber wir haben Valtteri früh gesagt, dass Lewis aufholt. Wir wussten, dass es an der Rennfahrerehre kratzt, wenn man am Ende gegen ein Auto kämpft, das aus der Boxengasse gestartet ist. Das sollte ihn motivieren am Limit zu fahren.“

Hamilton bekam Lob von allen Seiten für seine Fahrt durch das Feld. Aus der Box bis auf Platz 4. Das Safety-Car war nicht unbedingt ein Vorteil. Es schenkte ihm zwar 2 Sekunden, die er durch die Neutralisation früher auf das Feld aufschloss. Aber es stahl ihm 4 Runden, in denen er nicht überholen konnte. „Das größere Geschenk war, dass 4 Autos gleich aus dem Weg waren.“

Lewis Hamilton - Max Verstappen - Formel 1 - GP Brasilien - 12. November 2017
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Max Verstappen war das letzte Opfer der Aufholjagd von Lewis Hamilton.

Hamiltons alternative Reifenfolge mit der härteren Mischung Soft zu Beginn erwies sich als Joker. Aber nur weil es am Renntag ungewöhnlich heiß war und sich der Asphalt bis auf 60 Grad aufheizte. „Normalerweise ist der Unterschied gleich null. Die Hitze hat der Reifenfolge Soft-Supersoft 3 Sekunden geschenkt. Die Hinterreifen haben schwer gelitten. Der Soft-Reifen ist mit vollem Tank etwas widerstandsfähiger. Dazu muss man sagen, dass Lewis kein einziges Mal außer bei Kimi länger als eine Runde angestanden ist. Er konnte also sein Tempo fahren.“

Dass Hamilton im Ziel nur 5,4 Sekunden zu Vettel fehlten, klingt wie ein Armutszeugnis für die 3 Herren auf dem Podium, ist es aber nicht unbedingt. Nach der ersten fliegende Runde nach dem Safety-Car lag Hamilton 8,3 Sekunden hinter dem späteren Sieger. Gut, der Weltmeister musste überholen, aber das ging dank der langen Zielgeraden, DRS und der Extra-Power, die ihm der frische Mercedes-Motor der Spezifikation 3.1 spendierte, erstaunlich reibungslos.

Die Rechnung der Strategen im Vergleich Vettel gegen Hamilton geht so: „Drei Sekunden verdankt Lewis der Strategie, den Rest seinem Renntempo.“ Während Mercedes-Teamchef Toto Wolff vom „besten vierten Platz, den ich je gesehen habe“, sprach, konterte sein Ferrari-Kollege Maurizio Arrivabene: „Vettel hat in Malaysia und Mexiko das gleiche gemacht.“

Red Bull musste Motorleistung zurückschrauben

Im Feld ging es vor allem zwischen Felipe Massa, Fernando Alonso und Sergio Perez hoch her. Auch dieser Dreikampf entschied sich beim Start. Perez verlor auf der Zielgeraden eine Position an Alonso und in Kurve 2 einen weiteren Platz an Massa. Der Force India war auf eine Runde schneller, doch das reichte nicht, seine Widersacher zu schlagen. Alonso erwies sich in Sektor 2 als zu schnell, Massa den Berg hinauf Richtung Start und Ziel. Da Alonso immer in Massas Windschatten blieb, hatte auch er DRS.

Force India versuchte es mit einer alternativen Boxenstopp-Strategie, kam aber auch damit nicht voran. Während Massa in Runde 27 Reifen wechselte und Alonso eine Runde später folgte, blieb Perez bis zur 35. Runde mit Supersoft-Reifen auf der Bahn. Danach war der Rückstand zu seinen Gegnern auf 10,7 Sekunden angewachsen. Dafür hatte der Force India-Pilot im Finale die frischeren Reifen.

In Runde 61 fand Perez wieder den Anschluss. Aber auch sein überragender Top-Speed von 350,3 km/h half ihm nichts. Dabei war Alonso auf dem Zielstrich um 20,6 km/h langsamer. Am Ende ließen auch Perez die Reifen im Stich: „Immer wenn ich Druck gemacht habe, haben sie protestiert. Es war ein einziger Fall von Reifenmanagement.“

Red Bull enttäuschte. Aus Angst vor Motorschäden musste die Leistung wieder um 3 Prozent reduziert werden. Da war auf einer Strecke mit 72 Prozent Volllastanteil kein Blumentopf zu gewinnen. Max Verstappen versuchte den Verlust auf den Geraden mit einer aggressiven Fahrweise zu kompensieren. Das ging auf die Reifen. Der zweite Stopp in Runde 62 war eine Sicherheitsmaßnahme.

„Wären wir weitergefahren, wären wir zu hundert Prozent an die Lebensdauer der Hinterreifen gegangen“, verriet Teamchef Christian Horner. Interessanterweise litten die Red Bull im Rennen auch unter Blasenbildung links vorne. Mehr als die meisten anderen Autos im Feld. Im Training hatten Max Verstappen und Daniel Ricciardo noch über zu kalte Vorderreifen geklagt. Die Hitze erwies sich diesmal nicht als Helfer. „Für das Chassis vielleicht, für den Motor eher nicht“, lächelte Motorsportdirektor Helmut Marko.

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